Montag, 8. Januar 2018

Peter Altenberg: Aus der Sammlung "See-Ufer" / Ich liebe dich

Portrait Peter Altenberg von Gustav Jagerspacher (1879 - 1929)



Fleiss

 

Sie sass auf der Esplanade, stickte an einer gelben Arbeit in haariger Perser-Wolle.
Der Himmel war blau, der Schönberg war wie leuchtende Durchsichtigkeit.
Sie stickte.
Kleine rundliche weisse Wolken schwammen daher, der Schönberg wurde wie weisse Kreide.
Sie stickte.
Ein junger Dichter ging vorüber, grüsste – – –.
Alles war grau wie Blei, der Schönberg war verschwunden.
Sie nahm ihre gelbe Arbeit zusammen und ging.
Der Himmel war wieder blau, der Schönberg war wie leuchtende Durchsichtigkeit.
Sie sass auf der Esplanade und stickte an einer gelben Arbeit in haariger Perser-Wolle.
Ein junger Dichter ging vorüber, grüsste – – –.
Der Himmel war schwarz, mit einer Million weisser Sterne.
Sie sass in ihrem Zimmer und stickte an ihrer gelben Arbeit in haariger Perser-Wolle.
Der junge Dichter blickte in den schwarzen Himmel und in die Million weisser Sterne!




Flirt

 

Sie trug ein Kleid von der mattgrünen Farbe der Diamant-Käfer und gab einem Cavalier Rosenblätter zu essen, welche sie abzupfte.
»Ambrosia – – –« sagte der Cavalier.
Später sass sie immer allein. Ihr mattgrünes Kleid schimmerte wie Phosphor. Sie zupfte langsam Rosenblätter ab, gab sie Niemandem zu essen.
Eine Thräne fiel auf ihr Kleid.
Aber Niemand sagte: »Nektar!«



Friede

 

Hell war sie, hell, die kleine Königin! Wie die gelbe Sonne waren ihre Haare und ihr Antlitz wie ein Rosenblatt!
»Ich fürchte, ich werde mich in Niemanden verlieben – – –« sagte sie einmal auf der Esplanade.
»Warum?!« sagte ein Herr sanft zu ihr.
»Ich bin zu ruhig, ich geniesse den Sommer wie eine Grille und wie die See-Schwäne. Aber es giebt Störer, in der Ferne, am Horizonte. Was werden sie machen aus uns?! Wir werden wahrscheinlich den Sommer nicht mehr geniessen können wie die Grille und wie die See-Schwäne.«
»Gute, Süsse – –« murmelte der Herr.
»Was haben Sie gesagt?!«
»Nichts – –«.
Und sie genoss den Sommer wie die Grille und wie die See-Schwäne – – –!


Aus der Sammlung See-Ufer



Ich liebe dich

 

Ich liebe dich.
Ich liebe den Duft deines Zimmers,
deines Kleiderschrankes, deines Bettes.
So duften die Rinden der Bäume
im Vorfrühling, wenn noch kein Laub ist
und alle Kraft im Baume drinnen liegt.
Ich liebe dich ... Noch lehnst du lächelnd an dem Tor des Lebens.
Ich liebe dich.



Peter Altenberg, geboren am 9. März 1859 in Wien; gestorben am 8. Januar 1919 ebenda, ist das Pseudonym von Richard Engländer. Er war ein österreichischer Schriftsteller.

Sein Werk besteht ausschließlich aus diesen kurzen Prosatexten und Prosagedichten, die sich nur schwer einer literarischen Kategorie zuordnen lassen.



Er selbst beschrieb den Prozess der Entstehung dieser Texte in einem Brief an Arthur Schnitzler folgendermaßen:

„Wie schreibe ich denn?!
Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe. Sogar den Titel schreibe ich so hin und hoffe, es wird sich schon etwas machen, was mit dem Titel im Zusammenhang steht. Man muss sich auf sich verlassen, sich nicht Gewalt antun, sich entsetzlich frei ausleben lassen, hinfliegen –. Was dabei herauskommt, ist sicher das, was wirklich und tief in mir war. Kommt nichts heraus, so war eben nichts wirklich und tief darin und das macht dann auch nichts.“



Peter Altenberg

Wer lebte unter diesem Pseudonyme?
Ein Mensch, den ich vor einem Dichter rühme.

Man las ihn früh und man erkannt' ihn später,
den hohen Altenberg, den höhern Peter.

Ein größrer Mann stand hinter großem Werk,
und niemals hielt er hinterm Altenberg

mit seinem Herzen; trug es auf der Hand
und brachte es durch Leben, Liebe, Land.

Und wie er zu uns rief und zu uns schwieg,
vor uns versank und in Ekstase stieg,

mit seiner Wahrheit unsre Lüge trog,
und wie er uns voranlief, uns entflog,

wie er sich überschlug und wie er litt:
er nahm uns alle allerwegen mit!

Er gab sich weg und war sich selbst nur treu.
Die alte Welt, von ihm ersehn, war neu.

Wie er es sah, von fern und in der Nähe,
so schien, so war es, als ob Gott es sähe.

Und zwischen Einerseits und Anderseits
war aller Wunder wechselvoller Reiz,

und welchen Lebens Fülle, Geist und Art
so zwischen Kinderblick und Greisenbart!

Wie er es sah und wie er es drum glaubte,
und über sich zu lachen uns erlaubte:

sein Paradoxon war nur unsre Welt,
just zwischen ihrem Wert und ihrem Geld;

und was er uns zu seinem Tod vermachte,
sind Tränen, die er übers Leben lachte.

Er schaut uns an. Noch auf dem Katafalk
ist es der Blick von dem gerührten Schalk.

Dies Auge sah den Herzen auf den Grund
und fühlte Schmerz und Liebe mit dem Hund.

Es sah empor zum Tier, zur Magd, zum Kind.
Ihm waren alle Sterne wohlgesinnt.

Vergebens bot er euch das Leben an.
Er gab das Wort. Ihr glaubt nur den Roman.

Ihr seid Papier; er war ein Element,
dess Zorn und Güte keine Grenzen kennt.

Er konnte toben; ihr jedoch seid stumm.
Ein Narr verließ die Welt, und sie bleibt dumm.

Wie wurde mir in seiner Nähe warm.
Ein Bettler ging von uns. Wie sind wir arm!

Karl Kraus


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