Sonntag, 18. November 2018

Ilse Weber: Ich wandre durch Theresienstadt





Ich wandre durch Theresienstadt

Ich wandre durch Theresienstadt,
das Herz so schwer wie Blei,
bis jäh mein Weg ein Ende hat,
dort knapp an der Bastei.

Dort bleib ich auf der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus:
Ich möcht so gerne weitergehn,
ich möcht so gern – nach Haus!

»Nach Haus!« – du wunderschönes Wort,
du machst das Herz mir schwer,
man nahm mir mein Zuhause fort,
nun hab ich keines mehr.

Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei,
Theresienstadt, Theresienstadt
– wann wohl das Leid ein Ende hat –

wann sind wir wieder frei?




Ilse Weber, geborene Herlinger (geboren am 11. Januar 1903 in Witkowitz, Österreich-Ungarn; gestorben am 6. Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau)

Donnerstag, 15. November 2018

John Höxter: Pro Domo



Das "Café des Westens" in Berlin, auch "Café Größenwahn" genannt, eine der Wirkungsstätten von John Höxter



                  Pro Domo

Wenn ich wollte, was ich könnte,
Könnt´ ich eher, was ich wollte;
Doch wie will ich wollen können,
Und wie kann ich können wollen,
Ohne Muß zum Können wollen,
Da man wollen kann, wer muß!
Müßt´ ich wirklich, was ich müssen wollte,
Könnt´ ich sicher, was ich können muß.
Seht! Ein Mann, der manches können könnte,
Wenn der gute Mann nur wollen wollte.
Er verstummt und macht vorzeitig Schluß,
Weil (nach Nathan) kein Mensch müssen muß!


John Höxter, am 2. Januar 1884 in Hannover geboren, Dichter und Maler, und der genialste Schnorrer der Berliner Bohéme nahm sich am 15. November 1938 in Berlin das Leben.


Friedrich Hollaender textete über ihn dieses Couplet:

Ich pendle langsam zwischen allen Tischen.
Ab zwanzig Uhr beherrsch ich dieses Reich.
Ich will mir einen edlen Gönner fischen.
Vor mir sind Rassen und Parteien gleich.
Irrenärzte, Komödianten,
Junge Boxer, alte Tanten,
Jeder kommt mal an die Reihe
Jeder kriegt von mir die Weihe:
Könnse mir fünfzig Pfennige borgen?
Nur bis morgen?
Ehrenwort!

"Ich bin noch ein ungeübter Selbstmörder" schrieb er in seinem Abschiedsbrief an Leo von König, aber auch: "Möge das edle, naive deutsche Volk eines Tages jene furchtbare Schande von sich abwaschen, die es auf sich lud als es all zu willig sich der Herrschaft der unheiligen Dreieinigkeit des Wahnteufels, des Hetzteufels und des Gierteufels unterwarf."

Montag, 12. November 2018

Carl Busse: Nächte




Nächte

I.

Das ferne Rauschen selbst der Quellen
Verwehte längst und ging zur Ruh,
Den silberroten Mondeswellen
Neigt sich die nächtige Blüte zu.

Der weiße Flieder atmet leise,
Süß über schwüle Rosenpracht
Klingt eine wundersame Weise,
Und blau verdämmernd liegt die Nacht.


II.

Der Vögel Sonnenlieder starben,
Nachzitternd seiner Königin
Dehnt blaß sich und orangefarben
Der weite Abendhimmel hin.

Und stiller wird die Luft und wärmer,
Kaum daß es sacht herüberdringt,
Wenn surrend ein Ligusterschwärmer
Im Flug aus vollen Kelchen trinkt.


III

Ein müder Falter, tief im Traume,
Vergißt berauscht das Weiterziehn,
Und wiegt sich auf dem Kronensaume
Des schwülen, schwankenden Jasmin.

Sternrosen spiegeln wirr sich wider
Im sammetdunklen Wasserrand,
Und winkend schimmert weißer Flieder
Wie eine weiche Totenhand.




Carl Hermann Busse, geboren am 12. November 1872 vermutlich in Lindenstadt bei Birnbaum in Posen; gestorben am 3. Dezember 1918 in Berlin, Lyriker und Literaturkritiker.




Samstag, 3. November 2018

Walter Calé: Wir tauchen aus dem Strom / Und abermals wirst du. . .




Wir tauchten aus dem Strom. . .

Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fließt,
Und wo wir eines waren willenlos,
Und wandeln nun für eine kurze Weile
In argen Fesseln unter Raum und Stunden,
Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind,
Und nur mit Blicken, welche trösten sollen,
Von fern uns winkend – eine kurze Weile,
Bis daß wir wieder zu dem Strome tauchen
Und wieder eines sind und willenlos.


Und abermals wirst du. . .

Und abermals wirst du geboren werden
Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,
Und wirst die Wege gehen allen Lebens,
In Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln.
Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht
Gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind,
Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,
So wisse du: Der Bruder ruft nach dir,
Der abermals dem Tode sich entrang
Gleich dir und abermals das Leben wandelt
Auf andern Sternen fern und trauervoll.





Walter Calé geboren am 8. Dezember 1881 in Berlin; Freitod am 3. November 1904 in Freiburg im Breisgau.

Donnerstag, 1. November 2018

Simon Kronberg: Tiefe Nacht




                  Tiefe Nacht

Du tiefe Nacht, nach der ich müde bin,
so müde Nacht für Nacht
verschlafen und verwacht  -
ich will nicht mehr den Tag, noch den Gewinn
von Stunden, die nur schlagen.
Dies geh ich, Gott zu sagen.
Und auch dies: bin ich sein Kind so sehr,
warum kommt keines seiner Märchen mehr
zu mir und blüht den Frieden?
Seinen Duft hernieden
In „es war einmal“ und „schlaf mein Kind“.
Ich fehlte ihn. Daß ich ihn jemals find,
das müßte Gott schon sagen.
Mehr werde ich nicht klagen.





Simon Kronberg, Schriftsteller und Dichter, geboren am 26. Juni 1891 in Wien; gestorben am 1. November 1947 in Haifa.

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch. 


Donnerstag, 25. Oktober 2018

Otto Pick: Wie lange noch . . . / Noch immer. . .





           Wie lange noch ...

Die Zeit entstirbt so dir wie mir,
Wie lange noch bestehn wir hier?
Was gibt uns Mut zu Wort und Tat?
Ist, dass wir sind, nicht schon Verrat
Am Gang der Zeit, die uns nicht braucht,
Die ohne uns ins Leere taucht,
Wie sie uns jetzt herunterreißt,
Den Frommen wie den Feuergeist.
Die Zeit entstirbt. Wir sind noch hier ...
Rafft’s mich nicht fort, so gilt es dir.
Was unser war, Leid, Schmerz und Glück:
Vorbei, vorbei ... Ins Nichts zurück.





                     Noch immer ...

Noch immer dies nicht zu uns selber kommen!
Tag bröckelt ab. Was denken? Lose Dinge,
Verächtliche und ferne, zu geringe,
Inhalt zu sein, da alles fortgenommen?

Wenn, was wir ohne Augenleuchten sagen,
Nicht Ausflucht ist, dann besser: zu beenden.
Schwärt aus den Aussatz an den müden Händen,
Dass wir einander ihren Druck versagen?

Von Mensch zu Mensch ... Wann redeten wir so?!
Wir kränken uns in jeglicher Sekunde,
Der Geist, das reine Kind, irrt frierend irgendwo,
Uns stirbt das Wort ab im erstarrten Munde,

Und nannte jeder eine Mutter sein,
Und strahlte jedem Heil aus guten Augen.
In welche Hölle stürzten wir hinein,
Die Hirn und Herz zerfrisst mit bösen Laugen?

Wir möchten Liebe denken. Da verschwimmt
Das reine Bild vor unseren Tränenblicken,
O dunkle Hand, die alles trübt und nimmt
Und einsam wacht, bis wir uns selbst zerstücken.




Am 25. Oktober 1940 starb der deutsch-böhmische Dichter und Übersetzer Otto Pick im Exil in London. 

Das Bild ist von der im Februar 2016 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch. 



Dienstag, 23. Oktober 2018

Camill Hoffmann: Schwermut






               Schwermut

Hinter langen Liliensäumen,
Die um schlanke Beete liefen,
Schliefen, schliefen
Rote Rosen schwer in Träumen.

Manchmal weckten sie Fontainen,
Die am Abend lauter sangen,
Und befangen
Fasste sie ein fernes Sehnen.

Und es seufzten auf die zarten
Rosen in den bleichen Zweigen.
Tiefes Schweigen -.
Doch voll Düfte stand der Garten.





Aus: Adagio stiller Abende
Gedichte von Camill Hoffmann
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902



Camill Hoffmann wurde am 31. Oktober 1878 in Kolín, Böhmen geboren; im Oktober 1944 starb er im KZ Auschwitz