Freitag, 5. Juli 2019

Frieda Mehler: Wenn aller Welten Not. . . / Kleiner Friedhof im Osten


Wenn aller Welten Not

und Elend
Sich in mir aufbäumt,
Aufschreit in mir,
Und doch den Schall auffängt und nicht zum
Worte werden läßt.
Denn Worte sind begrenzt,
Und unbegrenzt ist, was sie künden sollen.
Wenn alle Last der Welt mich wuchtend niederdrückt,
Daß ich erliege und mich doch nicht beuge,
Denn meines Lebens Willen
Ist stärker als der Druck.
Und ich erkenne, daß ich trotz alledem
Unsterblich, ewig meines Weges gehe,
Weil ich nicht bin, was heut‘ und gestern war
Und morgen nicht mehr sein wird,
Dann fühle ich die Gottheit, die mich trägt,
Denn Sinn des Seins im Nichtsein selbst noch mächtig,
Und ich ertrage diese Welt, weil ich sie trage.

Aus: Wir. Gedichte. Berlin, Levy, 1937


Kleiner Friedhof im Osten

Ein Grab verfällt in fremden Land,
Der Hügel eingesunken, schief das Gitter.
Wo sind sie, die die Toten einst gekannt?
Vergessen und verschollen sein ist bitter.
Die Enkel leben hier und dort verstreut,
Sie haben für sich selbst so viel zu denken,
Wer hat wohl jetzt für ein Erinnern Zeit
Und Muße, eine Träne ihr zu schenken?
Ein Grab verfällt in einem fremden Land,
Die Letzten, die es kannten, sind begraben,
Und wer die Tafel liest in späten Tagen,
Dem sagt sie nichts. Er hat sie nicht gekannt,
Die einst ihr Leben und ihr Blut ihm gaben,
Und niemand wird nach ihrem Schicksal fragen.

Aus: Posener Heimatblätter, Jg. 10, Nr 7 (März 1936), S. 39

Frieda Mehler, geboren am 20. Mai 1871 in Halberstadt; ermordet am  5. Juli 1943 in Sobibor.

 „Zu herzlichen Glückwünschen und Geburtstagsgrüßen scharen sich daher am 20. Mai viele große und kleine Kinder, die Märchengestalten ihrer Chanukahsagen, echt deutsche Feen und magische aus Phantasieländern, Luftgeister in wundersamer Schwebe zwischen Orient und Occident, Rehe aus den Heimatwäldern der Dichterin und die biblischen Herden, deren Urenkel noch heute am Kamelhang weiden, sowie unter zahlreichen Freunden aus Vergangenheit und Gegenwart auch als alter Märchenfreund.“

Auszug aus der Würdigung zu Mehlers 65. Geburtstag von Arthur Silbergleit

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.


Freitag, 14. Juni 2019

Heinrich Vogeler: Auf blankem Strom. . .

Heinrich Vogeler: Liebe  -  Radierung 1896



Auf blankem Strom
Zwischen Schilf und Ried
Mein gleitender Kahn zur Heimat zieht
Die Sonne vergoldet zum letzten Mal
Die Gräserspitzen im schweigenden Thal.
Es athmen die Wiesen Blumenduft
Die Schwalbe badet in goldener Luft.
Die Reiher ziehn in die Ferne -
Ach wenn ich mein Mädel im Arme hätt'
Das Eiland dort würd' unser Hochzeitsbett
Bleichrote Schilfblumen hielten Wacht
Vor unsrer einsamen Märchenpracht
Bis tief in die Nacht!
Dann könnte die Welt in Trümmer gehn
Im Himmel würden die Sterne wir sehn
In Seligkeit mit ihnen untergehn
Und auferstehn!




Aus: DIR, Gedichte von Heinrich Vogeler, Worpswede


Erschienen im Verlage der „Insel“ bei Schuster und  Löffler, Berlin 1899 

Heinrich Vogeler, geboren am 12. Dezember 1872 in Bremen; gestorben am 14. Juni 1942 im Kolchos Budjonny bei Kornejewka, Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge, Schriftsteller und Sozialist. Der vielseitig begabte Künstler ist besonders durch seine Werke aus der Jugendstilzeit bekannt geworden. Er gehört zur ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede, sein Wohnhaus, der Barkenhoff, wurde Anfang der 1900er Jahre zum Mittelpunkt der künstlerischen Bewegung.






Freitag, 24. Mai 2019

Wolfgang Hellmert: Herr, für mein armes Ende. . .





Herr, für mein armes Ende
Gib diese Wünsche her:
Den Segen zweier Hände,
Die Ausfahrt an das Meer,
Die großen Berge und Bäume,
Ein Leuchten deines Gesichts,
Den Frieden mancher Träume
Und etwas Schlaf, sonst nichts.




(Aus dem lyrischen Nachlass)

Wolfgang Hellmert, geboren als Adolf Kohn am 15. August 1906 in Berlin; gestorben am 24. Mai 1934 in Paris im Exil.

Samstag, 11. Mai 2019

Bess Brenck-Kalischer: Die Tänzerin

Isadora Duncan, gezeichnet von Auguste Rodin (1840 - 1917)



Die Tänzerin

Denn tanzen muss sie.
Dem tollen Rad verflochten
Gliedert sie Chaos,
Schwendet Quellen,
Stampft zuckende Krater.
Im Drang
Des großen Taktes
Tanzt sie Gestirne.




Bess Brenck-Kalischer (1878 - 1933)


Sonntag, 5. Mai 2019

"Verbrannte Dichterinnen und Dichter" Lesung mit Musik am 10. 5. 2019 Klosterkirche Fredelsloh


Am 10. 5. 2019 um 19:30 im Westteil der Klosterkirche Fredelsloh:
"Verbrannte Dichterinnen und Dichter"
Lesung mit Musik zum Gedenken an die Bücherverbrennung 1933
Vortragender: Jörg Krüger, Fredelsloh

Eine Veranstaltung der Reihe "Texte und Töne in Fredelsloh" des Bildungswerkes Leben und Umwelt e. V., Alte Schule Fredelsloh und der Klosterkirche Fredelsloh.

Vorgetragen werden Werke unter anderem von Max Herrmann Neiße, Ite Liebenthal, Adam Kuckhoff, Erich Mühsam, Jakob Haringer, Klabund, Frieda Mehler, Selma Meerbaum, Jura Soyfer. Einige Werke wurden neu vertont. 

Eintritt frei, Spende wäre nett. 





Der Letzte

Der Letzte einer blühenden Gemeinde  -
Man trägt ihn fort und bettet ihn zur Ruh´,
Von allen, die das Leben ihn vereinte,
Schloß Tod als Letzten ihm die Augen zu.
Sie ließen ihn, die Alten und die Jungen,
Die einen starben, And´re zogen fort
Er blieb an seinem Platz, den er errungen  -
Nun trägt man ihn zum letzten Schlummer fort.
Zum letzten Male wird man Kaddisch sagen,
Dann schließt das Gitter sich, der Ton versiegt,
Und niemand wird mehr nach dem Orte fragen,
Wo dieser Letzte bei den Vätern liegt.

 Frieda Mehler, geboren am 20. Mai 1871 in Halberstadt, ermordet Juli 1943 in Sobibor.




Montag, 29. April 2019

Maria Janitschek: Der Gast / Mädchenfrage





Der Gast



In meiner Kammer,
wo die Sonne es sieht,
Sitzt im weißen Kleide
mein jüngstes Lied.

Sitzt da und lächelt:
nun diene mir,
bin deshalb kommen
so schön zu dir.

Ich aber knie
ganz stumm mich hin,
mir ist, als ob ich
im Himmel bin.





Mädchenfrage



Als Kind hab ich oft geweint,
wußt nicht, warum,
nun muß ich oft heimlich lachen,
weiß nicht warum.

Es greift in meine Saiten
eine rätselhafte Hand,
ein Fremdes will mich leiten
in ein unbekanntes Land.

Seltsam wunderliche Gedanken,
die mein Wort nicht nennen kann,
baun um mich purpurne Schranken
und halten mich in Zauber und Bann.

Ich fasse dich nicht o Leben,
weiß nicht, wer wir beide sind,
weiß nicht, wohin wir streben,
wo ich mein Ziel wohl find.

Als Kind hab ich oft geweint
wußt nicht, warum ...
nun muß ich oft heimlich lachen,
weiß nicht, warum.


Maria Janitschek (1859 - 1927)

Die Farbstiftzeichnung ist von der 2017 verstorbenen Fredellsoher Künstlerin Andrea Rausch

Sonntag, 28. April 2019

Maria Janitschek: Ein modernes Weib




Ein modernes Weib

 

Ein Mann beleidigte ein Weib. Es war
Von jenen schnöden Thaten eine, die
Kein Weib vergessen und vergeben kann.

Geraume Zeit verstrich. Da eines Abends
Ward an die Thür des Frevlers laut gepocht.
Er rief: "Herein", und sah voll tiefen Staunens,
In Trauerkleidern eine Frau vor sich.

Sie schlug den Schleier bald zurück. Er blickte
In ihre großen stolzerstarrten Augen,
In diese großen schmerzversengten Augen ...
Er lächelte verlegen, denn ein Schauer
Erfaßte ihn ... Er bot ihr höflich Platz,
Sie aber dankte, und mit ruhiger Stimme
Sprach sie zu ihm: "Du hast mich schwer beleidigt,
Es war nur Gott dabei ... vor diesem Gott,
Vor dir, und mir allein, will ich den Flecken
Den Makel meiner Ehre, zugefügt
Von deiner Hand, verlöschen.
Höre nun!
Um dies zu thun, bleibt mir ein Mittel nur:
Ich kann nicht gehn, um einem fremden Menschen
Das was ich selbst mir kaum zu sagen wage,
Zu offenbaren. Für mich herrscht kein Richter,
Er wär' denn blind und taub und stumm, deshalb
(Ein Schildern des Vergangenen glich' aufs Haar
Der neuen That, hieß' selber mich entehren),
Deshalb gibt's eins nur: hier sind Waffen, wähle!"
Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin
Und öffnete den Deckel. - -
Lange standen
Die beiden Menschen stumm. Er sah sie an,
Sie hielt das glänzend große Aug' gerichtet
Fest auf die Waffen.
Plötzlich brach er aus
In lautes Lachen. Da durchglühte feurig
Ein tiefes Rot die farbenlosen Wangen
Der jungen Frau. Wie, wenn die ganze Antwort
Dies Lachen wär'? Sie hätte schreien mögen

Vor Wut und Elend. Aber sie bezwang sich,
Und sagte mild: "Wenn dir ein Unvorsichtiger
Zufällig auf den Fuß getreten wäre,
Du würdest ohne lange Ueberlegung
Ihm deine Karte in das Antlitz schleudern,
Nichts Lächerliches fändest du dabei.
Nun denk': nicht auf den Fuß trat mir ein Mensch,
Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre!
Verlang' ich mehr, als du verlangen würdest
Für einen unvorsichtigen Schritt, sag' selbst,
Ist das nicht billig?"

Lächelnd sah er ihr
Ins zornerglühte Antlitz. "Liebes Kind,
Du scheinst es zu vergessen, daß ein Weib
Sich nimmer schlagen kann mit einem Manne.
Entweder geh zum Richter, liebes Kind,
Gesteh ihm alles, gerne unterwerfe
Ich seinem Urteil mich. Nicht? Nun dann bleibt
Dir nur das eine noch: vergesse, was du
Beleidigung und Schmach nennst. Siehst du, Liebe,
Das Weib ist da zum Dulden und Vergeben ..."
Jetzt lachte sie.
"Entweder Selbstentehrung
Wenn nicht, ein ruhiges Tragen seiner Schmach,
Und das, das ist die Antwort, die ein Mann
In unserer hellen Zeit zu geben wagt
Der Frau, die er beleidigt."
"Eine andere
Wär' gegen den Brauch."
"So wisse, daß das Weib
Gewachsen ist im neunzehnten Jahrhundert,"
Sprach sie mit großem Aug', und schoß ihn nieder.


Am 28. April 1927 starb im München die 1859 geborene Dichterin Maria Janitschek,
In ihrem ersten Gedichtband 1889 „Irdische und unirdische Träume“ befand sich auch das Gedicht „Ein modernes Weib“, welches seinerzeit als skandalös empfunden wurde und heftige Kritik auslöste.