Donnerstag, 16. März 2017

Paul Boldt: Sinnlichkeit / Junge Pferde / Vorfrühlingshimmel




Am 16. März 1921 starb der 1885 geborene Dichter Paul Boldt in Freiburg im Breisgau an einer Embolie nach einer Operation. Er hinterließ nur einen Geichtband, schon 1918 hatte er aufgehört zu schreiben. Doch durch sein Gedicht „Junge Pferde“ wurde er 1914 in Künstlerkreisen berühmt. 


Aus: In der Natur

Über die Erde wehen Farbenböen,
Ein Schwarm von Feldern, der sich niederläßt.
Die Morgen gehen über: Ost bis West
Sausen die Farben. Erde blüht sich schön.




Sinnlichkeit

Unter dem Monde liegt des Parks Skelett.
Der Wind schweigt weit. Doch wenn wir Schritte tun,
Beschwatzt der Schnee an deinen Stöckelschuhn
Der winterlichen Sterne Menuett.

Und wir entkleiden uns, seufzend vor Lust,
Und leuchten auf; du stehst mit hübschen Hüften
Und hellen Knien im Schnee, dem sehr verblüfften,
Wie eine schöne Bäuerin robust.

Wir wittern und die Tiere imitierend
Fliehn wir in den Alleen mit frischen Schrein.
Um deine Flanken steigt der Schnee moussierend.

Mein Blut ist fröhlicher als Feuerschein!
So rennen wir exzentrisches Ballett
Zum Pavillon hin durch die Türe ins Bett.





              Junge Pferde

Wer die blühenden Wiesen kennt
Und die hingetragene Herde,
Die, das Maul am Winde, rennt:
Junge Pferde! Junge Pferde!

Über Gräben, Gräserstoppel
Und entlang den Rotdornhecken
Weht der Trab der scheuen Koppel,
Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!

Junge Sommermorgen zogen
Weiß davon, sie wieherten.
Wolke warf den Blitz, sie flogen
Voll von Angst hin, galoppierten.

Selten graue Nüstern wittern,
Und dann nähern sie und nicken,
Ihre Augensterne zittern
In den engen Menschenblicken.




Vorfrühlingshimmel

Blätter wollen im Winde fliegen,
Winde die Chaussee begleiten,
Wolken sich auf Winden wiegen,
Taumelnde Beschwerlichkeiten. -

Und ich komme, seltsam kühn,
Und als ob ich nicht Ich wäre,
Aus den Winden, Avenuen,
Mehr in das Imaginäre.



Dienstag, 7. März 2017

Clara Müller-Jahnke: Eine Dichterin / Frieden / Mutter Erde




Eine Dichterin


An Meeresstrand bist du geboren,
umrauscht von seinem frischen Wind,
erblühtest du, der Welt verloren,
der Freiheit unentwegtes Kind!
Dein Wiegenlied schon sang der Wogen
geheimnisvolle Melodie -
so ward, in ihrem Hauch erzogen,
dein Traum und Sinnen Poesie.

Nun wogt die See durch deine Lieder,
ein unergründlich tiefes Meer:
Die Welle flieht und kehret wieder
und glitzernd sprüht der Schaum umher,
erbrausend schlägt sie auf am Strande,
doch nur des Kenners Blick allein
erspäht im feuchten Ufersande
der Perle Glanz im Muschelschrein.



Frieden

Ich möchte still durch einen Tannenwald
mit dir im roten Abendfrieden schreiten,
wenn ganz von fern das Aveläuten hallt
und lichtgesättigt sich die Zweige breiten.

Dann legtest du die Hand auf meine Brust
und fühltest, wie die heißen roten Wellen
beruhigt gleiten und in sanfter Lust
nur unterm Drucke deiner Finger schwellen.



Mutter Erde

Mitternächtges Dunkel spinnt
um die Welt ein heimlich Träumen;
leise singt der Frühlingswind
in den knospenschweren Bäumen.

Fern noch einer Lampe Schein,
und der Himmel schwarz verhangen - -
in den dunklen Birkenhain
bin ich einsam ausgegangen.

Schmeichelnd um die Stirne streicht
mir der Lenznacht weicher Odem,
aus den feuchten Beeten steigt
Erdgeruch und Nebelbrodem.

Aus dem Schoß der Wolken fällt
groß und warm der erste Tropfen -
und mir ist, das Herz der Welt
hör ich in der Stille klopfen.

Durch die Nacht, so kirchenstill,
geht ein Raunen und ein Regen,
jedes kleinste Pflänzchen will
Zwiesprach mit dem Schöpfer pflegen.

Was in dunklen Tiefen schlief,
ruft ans Licht ein neues Werde -
und die Kniee beug ich tief
zur gebenedeiten Erde. –




Clara Müller-Jahnke, geboren am 5. Februar 1860 in Lenzen, Kreis Belgard als Clara Müller; gestorben am 4. November 1905 in Wilhelmshagen bei Berlin, war Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin. Sie galt in ihrer Zeit als führende sozialistische Dichterin und machte insbesondere mit ihren agitatorischen Arbeitergedichten auf die Lage der Arbeiter und der Frauen aufmerksam. Doch sie hatte auch eine andere poetische Seite.



Montag, 6. März 2017

Heinrich Kämpchen: Am goldenen Sonntag / Waldpoesie




Am goldenen Sonntag


Herrlichkeiten sondergleichen,
Schmuck und Pelze, Seidenstoffe,
Seh’n wir wieder aufgestapelt
Ueberall im reichsten Maße. –

Leck’res auch zum Essen, Trinken,
Wildpret, Weine und Geflügel –
Was das Herz erfreut, begehret,
Lockt durch blanke Spiegelscheiben. –

Und der Arme, der die Straßen
Notgedrungen muß passieren,
Wird magnetisch angezogen
Von dem Prunk und von der Fülle. –

Dicht, ganz dicht vor seinen Augen
Liegt der Ueberfluß gebreitet –
Nur ein dünnes Glas ist Schranke
Zwischen ihm und all’ den Schätzen. –

Einmal essen, einmal trinken
Von dem Schönen, o wie gerne!
Einmal auch sich besser kleiden,
Aber Geld – er ist Prolete. –

Kaufen, kaufen! Wie zum Hohne
Tönt der Ruf ihm in die Ohren –
Kaufen soll der arme Teufel,
Und ganz leer sind seine Taschen. –

Hungern kann er nur und lungern
Vor den ausgestellten Waren –
Und er geht, mit einem Fluche
Auf die Satten, auf die Reichen. –




Heinrich Kämpchen, geboren am 23. Mai 1847 in Altendorf an der Ruhr; gestorben 6. März 1912 in Linden, das heute zu Bochum gehört,  war ein deutscher Bergmann und Arbeiterdichter.

Heinrich Kämpchen war Sohn eines Bergmannes und wurde ebenfalls Bergmann. Über sein Leben ist wenig bekannt. Lange Zeit hat er in seinem Beruf auf Zeche Hasenwinkel gearbeitet. Während des Streiks der Ruhrbergarbeiter 1889 wird er der Sprecher der Belegschaft seiner Zeche. Das, und dass er Gedichte wie „Am goldenen Sonntag“ oder das Werk über Streikbrecher „Lumpenparade“ schrieb, führte dann zu seiner Entlassung nach einer Betriebszugehörigkeit von 24 Jahren. Das Schreiben von Gedichten hat er sich autodidaktisch beigebracht.




Aus: Lumpenparade

Kameraden, seht euch die Lumpen an,
die da kommen des Wegs heran –
eskortiert von der Polizei –
Kameraden, herbei, herbei!

Da ganz vorne (ihr kennt ihn ja)
stelzt der „Lange“ von dingesda.
Ihm zur Seite, das „Huhn“ genannt,
trippelt der lahme Ferdinand.

Gleich dahinter, dicht an dicht,
„Wisper-Wilm“ und das „Affengesicht“.
Litten an Arbeitswut sonst nie –
jetzt auch mit den „braven“ schuften sie!

Ihnen folgen, im schönen Kranz,
„Pulver-Fritze“ und „Hagel-Franz“.
Taugten noch nimmer zu Kampf und Not,
letzten sich immer nach Lohn und Brot

[…]

Und so reihen sich, Mann für Mann,
alles „Defekte“ im Zug heran.
Keiner, der nicht schon von uns „geeicht“ –
Muckser und Ducker, soweit das Auge reicht.

Drum, Kameraden, gebt gut acht ...
dass ihr sie wiedererkennt im Schacht!


Doch auch solche Gedichte zu schreiben, war er befähigt:

 

Waldpoesie

 

Willst du wirklich gute Verse reimen,
Geh hinaus zu luft’gen Waldesräumen,
Wo mit Eichen Buchen sich vermählen.
Und wenn ihre schwanken Gipfel rauschen,
Werde nimmer müde dann zu lauschen,
Was dem jungen Dichter sie erzählen. –

Waldnacht ist die heil’ge Zauberbinde,
Die dem jungen Genius gelinde
Von der Stirn die letzten Schatten streifet. –
Waldnacht leiht der Dichterseele Flügel
Und verschiebt der Phantasie den Riegel,
Daß sie in Unendlichkeiten schweifet. –

Aus der Sammlung Reisebilder

Sonntag, 5. März 2017

Otto Ernst: Stiller Besuch




Stiller Besuch
An einem Tag, da Haus und Halde schwieg,
Lag ich auf meinem Ruhebett und schaute
Verhalt’nen Atems meinem Söhnlein zu,
Das fromm aus Hölzern einen Tempel baute.

Am Fenster lag im Abendlicht ein Buch,
Versonnen beugte sich mein Weib darüber;
Im Käfig saß der Vogel auf dem Stock
Und lugte dunklen Aug’s zu ihr hinüber.

Da war’s, daß ich gewußt: das Glück ist da …
Ein Atem ist mir übers Herz gegangen …
Die Luft ist hell von einem gold’nen Blick …
Ein duftend Haar liegt weich auf meinen Wangen …

Und flüstern wollt ich: seht, das Glück ist da!
Doch hielt gebunden mich ein ahnend Bangen –
Das Vöglein sprang von seinem Stock herab –
Da war der lichte, leise Gast gegangen.




Otto Ernst, eigentlich Otto Ernst Schmidt, geboren am 7. Oktober 1862 in Ottensen bei Hamburg; gestorben 5. März 1926 in Groß Flottbek bei Hamburg, war ein deutscher Dichter und Schriftsteller. In einer Autobiographie beschrieb sich Ernst selbst als „hoffnungslos unmodern“ 

Montag, 27. Februar 2017

Ludwig Rubiner: Botschaft





Botschaft

Vielleicht kam sie zur Zeit, eine Botschaft vom Lächeln der Menschen, Sonnengang, und, ganz einfach, von Blumen.

Abstieg in die dunklen Buchstaben der fremden Worte, wie in abendliche Gänge hinaus zwischen südlichen Mauern, die zu einer runden Bucht führen mitten in hohen verlöschenden Wasserwolken.

Schauen wie durch den nächtlichen Traumweg eines Fernrohrs, hinein in den riesigen südleuchtend gewölbten Strahlenball unserer Erinnerungen.

Eine Sonne und ein Mond schweben umeinander, licht rötlicher Schaum in weißer Silberhitze über der neu aufscheinenden Erde.

Lächeln, das vor den brüllenden Schwungrädern der Fabrik nicht zittert, Freundinnen in den fliegenden Kleidern! Die sanften, so gestreichelten Locken inmitten blonder Getreidefelder, über die nur stiller Wind zuckt.

Die helle Haut der Freunde, ruhige Körper, die steil auf der schrägen Wiese stehen, während fern ein Wasserfall wölbend am sonnigen Ufer Perlenbögen über sie klirrt.

Die dichten Wiesen so sanft wie große Tieraugen, weit drüben vorm Wald staunt wie Hornton das rote Kleid einer Golfspielerin im Abendglück.

O Botschaft von Menschen! Ja, vielleicht gibt es Lächeln und schöne Körper, und Augen, die ruhig zarte tiefe Horizonte wie große Blumenkelche um sich austeilen.

Vielleicht, trotzdem ich aufblicke, ich sitze an meinem Tisch, und ich weiß von dem ungeheuren Zug der Menschen um mein Haus,

ich weiß die alten angstvollen Schädel und die kleinen schweigenden Kinder, die an einem schmerzenden Arm schnell mitgezerrt werden,

ich weiß den rasenden Zug, vorbei unter meinem Fenster, vor Furcht Schweigsamer, und nur ein Heulen zieht in die Nacht von den tausend eilenden Tritten auf dem harten Granit;

ich weiß die aus schwarzer Nacht einsam Grinsenden, mit Höllenfalten der Generäle im versteckten Gesicht, die aus vier Weltecken ihre Maschinengewehre auf mein Haus richten.

Aber ich weiß, ich weiß von den verstohlenen Händedrücken meiner Brüder im Dunkel des Menschengedränges,

von der Freundschaft, die wie Scheinwerfer aus nie greifbarem Dunkel in die Nacht hinauf blitzt und ein magisches Bild von Hoffnung und Seligkeit in die Wolken wirft,

ich weiß von der unsichtbaren, schwebenden Riesenstimme, unser Gesang, der wie eine Stahlkette meine Freunde umschlingt.

Ich weiß, wie ich hinunterspringe und wie es im roten Licht der Nacht gegen eine rohe Überzahl von Teufeln geht.
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O es ist gewiß, diese alle, die in der Straßenschlacht stehen, werden sterben. Aber das sinnlose heiße Auszischen unseres Lebens fliegt hinaus in die Welt, die Sterne tragen unsere Gesichte verschüttend durch die Nächte, wie Bienen, die vom Blütenstaub beschwert um den Erdball auf und nieder steigen.

Dichte Wiesen schwellen auf aus unseren Keimen, sanfter Hornton im Grün aus dem roten Kleid einer glücklichen Frau, Locken flattern um helle Glieder hoch, die straffe Haut ausgeruhter Leiber springt rosig über die Lichtung hin, wie auf sanften Stengeln blüht Lächeln uns an, das gelernt hat, nicht zu beben unterm fernen Maschinengestampf.

Unser Blut fliegt um die Welt wie die Mittagswolke, die die Keime der heißen Gärten trägt. In allen gewölbten Ländern der runden Erde wird ein schöner Mensch geboren. Einer nur, aber wie viel ist das schon!

Eine Botschaft kam, und der Weltball unserer Erinnerungen wie ein Mond aus dem Meer stieg auf.

Wir verströmen unser Leben, wir sprengen unsern Leib hinaus in die Katastrophen des dunklen Raums, aber unser Tod über Jahrtausende hin streut hie und da auf die Erde ein Lächeln der Menschen, einen Blick auf den Sonnengang, und, ganz einfach, Blumen.


Aus der Sammlung „Zurufe an die Freude“



Ludwig Rubiner 

In der Nacht zwischen dem 27. und 28. Februar 1920 starb der Dichter Ludwig Rubiner infolge einer sechswöchigen Lungenkrankheit in Berlin. Er war einer derjenigen, welche die Kriegsbegeisterung 1914 so vieler deutscher Dichter nicht teilte und der in diesem Jahr freiwillig mit seiner Frau ins Exil in die Schweiz ging.

Sonntag, 26. Februar 2017

Hans Schiebelhuth: Hexenhochzeit





Hexenhochzeit


Ganz tief im Brummbär-Brombeer-Wald
Da hauste eine Hex;
Alt war sie tausend Jahre bald
Und kannte jed Gewächs
Und jeden Vogel, jeden Stein
Und selbst das kleinste Tier;
Herrin im Hag war sie allein,
Die Wesen dienten ihr.
In ihrer Felsenküche gor
Manch giftig-zäher Saft,
Gebräu, Arznei und Schmer und Schmor
Von großer Zauberkraft.
Zur Maizeit in der Neumondnacht
Nahm sie den tollsten Trank,
Dazu ein Bad, da wars vollbracht,
Und jung stand sie und schlank:
Schneehell das Antlitz, zart und rund,
Das Auge frisch und klar,
Und rot und voll und weich der Mund,
Und Goldgelock das Haar.
Sie zeigt dem Spiegel ihr Gesicht,
Der sprach: »Schön seid ihr, Frau,
Drei Tage währts, doch länger nicht,
Drum richtet euch genau.«
Früh trat sie aus dem Baum hervor,
Bog das Gebüsch beiseit;
Dachs aus dem Bau und Has, ganz Ohr,
Erschienen dienstbereit.
Sie winkte, ging durchs Dickicht grad
Und blieb zuweilen stehn,
Sich umzusehn, sie nahm den Pfad,
Den Menschen manchmal gehn.
Bald kam ein Köhlerknecht des Wegs.
Er sah und – wie sichs gibt –
War ohne ein Erstüberlegs
Vergafft, verguckt, verliebt.
Er sprach: »Du blickst so wunderlich,
Daß du mich all entflammst.«
Sie sprach: »Du riechst so zunderlich,
Weil du vom Meiler stammst.«
Er sprach: »Was tuts? Schau besser her!
Bin ich nicht fest und frisch?«
Sie lacht'. Es war die Wahl nicht schwer.
Sie lud ihn ein zu Tisch.
Im prasergrünen Talpalast
Saß er beim Mahl mit ihr.
Zwölf Wildschweinrücken aß der Gast
Und trank drei Hechter Bier.
Bucheckerngrütz und Erpelklein
Gabs dann und Dommelzung
Und Bizzelspritzelwitzelwein,
Den Jahrgang jach und jung.
Zum Schluß gabs würzgen Wurzelgeist;
Er kippt' ihn mit Genuß
Und war beschwippst und wurde dreist
Und gab ihr einen Kuß.
Und sprach: »Mir fliegt die Liebeshitz
Wie Gnitzen ins Gesicht,
Wie Wut ins Blut und nimmt Besitz
Und – merkst du es denn nicht? –
Das Herz pocht an die Rippen mein,
Als hämmerte ein Specht;
Ich wollt, du wollst mein Bräutchen sein;
Sag, Schatz, dir ist's doch recht?«
Sie schwieg. Er spürt', sie willigt ein,
Trug sie zum Lager, toll;
Das Lein war sommerfädenfein,
Die Deck aus Distelwoll.
Sie sanken hin, genossen sich;
Sie fanden sich gewandt,
Erschlossen sich, ergossen sich,
Verströmten ineinand',
Vergnügten, fügten, habten sich,
Und wurden laß und leis,
Ergetzten, letzten, labten sich
Aufs Neue, hell und heiß.
Dann lagen sie und schwiegen lang,
Zart, schmiegsam, ausgetost,
Befangen noch vom Überschwang
Und wohlig nachliebkost.
Doch bald wars Mitternacht vorbei,
Da bat sie ihn aus Lieb
Zu gehn, weil es nicht schicklich sei,
Daß er noch länger blieb.
Er ging, lag unterm Hollerstrauch,
Schlief tief und traumerglüht;
Dort fand sie ihn im Morgenrauch
Laut schnarchend, taubesprüht.
Sie saß im Busch, bestaunte baß,
Wie dieser Schlafratz schnob,
Im Atemschlurf und Atemlaß
Die Brust sich senkt' und hob.
Sie kitzelt' ihn, er nieste darauf;
Mit einem lauten »Tzisch«
Erwacht er lachend und sprang auf,
Und war unendlich frisch.
Es war wie dieser Maitag toll
Noch nie ein Tag im Mai;
Sie herzten, scherzten, übervoll
Von Lust und Neckerei.
Er fragt': »Wie heißt du eigentlich?«,
Als drauf die Rede kam;
Sie blieb ein Weilchen schweigentlich,
Dann nannt sie ihren Nam':
»Gib acht! Ich bin die Hagidis!«
Er brummte: »Höh! Wie dumm!
Das sticht ja wie ein Natterbiß.
Weißt du, ich tauf dich um
Und nenn dich Weißchen-Meisenspeck
Und Wes'chen Küß-nicht-faul
Und Schnickelschnackelschnuckelschneck
Und Hummelhonigmaul.«
Sie nannt' ihn Schwarzwatz-Kohlenfratz
Und Rußrab-Riesegroß.
Zu Wonnen fand sich manch ein Platz
Im Gras und weichen Moos.
Bei Kuß und Kosen aber blieb
Nicht dieser Tag im Wald.
Er sprach: »Hast du mich wirklich lieb,
Dann heiratst du mich bald.«
Drauf sprach sie: »Schön und gut und fein!
Wenn es dir so gefällt,
Soll heute noch die Hochzeit sein;
Der Saal ist schnell bestellt.«
Zur Feier kamen, schön zu schaun,
Zwei Bärlein: Betz und Urs,
Zwei Quellenfraun, zwei Wellenfraun,
Vier Gnome und ein Thurs.
Aus Algenseide war ihr Kleid,
Der Umhang Hermelin,
Der Halsschmuck Bernstein-Goldgeschmeid,
Im Haar ein Krönchen schien.
Sie sprach zur Schar: »Nach altem Recht
Nehm ich und gutem Brauch
Zum Mann den Hartmut Köhlerknecht
Und wißt: Ich lieb ihn auch.«
Sie sprach zu ihm: »Mein holder Schatz,
Nun nehm in Nutz und Schutz
Ich Mondenkind dich Sonnenfratz,
Und dies hier sei dein Putz.«
Sie schenkt' ihm Schuh aus Binsenwand,
Ein Muschelkettchen gar
Und setzt' ihm auf mit linker Hand
Die Haub aus Hasenhaar.
Die Gäste johlten: »So ists echt!
Hei! So was sieht man gern!
Heil Hagidis! Heil Köhlerknecht!
Zur Heirat Glück und Stern!«
Man feierte, man aß, man trank,
Spielt' Haschmichrasch und Blindekuh,
Und wackeltanzte schwank und wank
Und gahlerte dazu.
Der Tag erschien, es losch der Kien,
Da war der Trubel um,
Sie taumelten zum Lager hin
Und stürzten selig-stumm
Eins in des Andern Arme, heiß
Verzehrt von der Begehr,
Vermählten sich und wurden leis,
Entschlummerten dann schwer,
Die glühen Glieder zartverschränkt,
Und nackend Brust an Brust,
Wachten zuweilen auf, beschenkt
Vom Ungestüm der Lust.
Schon trat die Drittnacht in den Hag;
Sie schliefen wunderbar,
Ihr Haupt an seiner Schulter lag,
Sein Atem blies ihr Haar.
Es kam die Mitternacht. Da spürt'
Ers kalt; auch wars, als hätt
Er Rindig-Rauhes angerührt...
Jäh fuhr er auf vom Bett...
Und sah schlaftrunken, wie da rasch
Ein runzlig Weib sich wandt,
Ins Leere langte, und im Hasch,
Ein Rauch, ein Hauch, entschwand.
Er sank zurück, begriff nur halb
Vom Schlaf zu sehr gesträngt,
Ihm deuchte wohl, ihm hätt ein Alb
Quälend die Brust geengt.
Ins Schlafgarn fiel er, wo nun traut
Ihn traf ein Traumgesicht,
Verschlief die Nacht, den Morgenlaut,
Und erst im Mittagslicht
Riß er die Augen auf: Da lag
Im Hollerstrauch er, ja,
Doch war der Wald wie alle Tag,
Vom Schloß kein Stein stand da.
Klang nicht ein Hüsteln, heiser-tief?
Er rannt' ihm nach, verwitzt:
Ein Kuckuck rief, ein Hase lief,
Ein Bär brummte verschmitzt.
Da gellte er: »Ich will dich!« schrill,
Da schrie er: »Hex herbei!«
Der Hag ward plötzlich sterbestill,
Sein Herz ein Klumpen Blei.
Ein Schauer scharf, ein Hexenschuß,
Fuhr ihm durch Mark und Bein;
Bang ward er und trug den Verdruß
Mit seiner Seel allein. –
Der Köhler fand zum Meiler heim,
Der raucht' noch, als er kam;
Es schien der Wald ihm ungereim,
Den Menschen ward er gram.
Er sagte nie ein Sterbensworte
Von dem, was er erfuhr;
Oft triebs ihn ruhlos suchend fort,
Nie fand er eine Spur.
So lebte er noch hundert Jahr ...
Sein Meiler, der verdarb,
Als, krumm vor Gicht, er, blind vom Star,
Die Hex verfluchend, starb.
Doch tief im Brummbär-Brombeer-Wald,
Sehr sicher des Verstecks,
Alt schon zweitausend Jahre bald,
Da haust sie noch, die Hex.
Unsichtbar! Und da spent und spukt
Ihr Wesen, und da zischts,
Da wuschelts, tuschelts, huschgeduckt,
Da schimmerts, schummerts, wischts;
Da sitzts und raschelts, wisperts, flitzts
Im Busch, am Wurzelknorren,
Am Bach, da glitzts, im Laub, da blitzts,
Den Zauber raunt es verworren.






Aus: Schalmei vom Schelmenried von Hans Schiebelhuth.
(* 11. Oktober 1895 in Darmstadt; † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA) war ein expressionistischer deutscher Schriftsteller und Dichter.)

Freitag, 24. Februar 2017

Hugo Ball: Waldgreis





Waldgreis

Geh hundert Meilen die Buchen lang
Den grauviolettenen Stämmegang
Wo das Jahrtausend die Kronen treibt
Und mit den Nägeln sich Runen schreibt –

Geh hundert Meilen im teppichten Schoß
Durchs schwer überkuppelte, blührote Moos,
Wo nur als wunderlich Lied noch tönt,
Was deinem glänzenden Auge fröhnt. –

Da kommst du an einen gelichteten Raum,
Es steht eine Hütte da, sichtbar kaum,
So herzen sie Geißblatt und Winden weiß, –
An ihrem Pförtchen lehnt zwergig ein Greis.

Der schaut so gar traumhaft und schaut nur und schweigt,
Sein Blick dir bis tief in die Seele reicht,
Und müde wirst du, unendlich müd’,
Und das Wunderlied schwellt und webt und verzieht.

Und der Alte, er winkt. Gern folgst du ihm nach,
Draußen die Nacht überringt schon den Tag.
Blau irrt am Fensterchen flimmernder Schein,
Und du hörst Märchen vom Menschelein.


Hugo Ball (*22. 2. 1886 ; † 14. 9. 1927), als Dada zum Dadaismus wurde, wandte er sich mit Emmy Hennings anderen Gefilden zu. . .