Montag, 4. Februar 2019

Hugo Salus: Abendlied / Ahnenlied / Altes Gettholiedchen





Abendlied

Nun schweigt das laute Treiben,
Und still wird Dorf und Rain,
In allen Fensterscheiben
Verglüht der Sonnenschein.

Die Abendglocken freuen
Sich hoch im Gotteshaus,
Wie Weihrauchfässer streuen
Sie ihren Segen aus.

Die Wellen rauschen leise,
Schlaftrunken träumt der Fluß;
Die Blätter tauschen leise
Den letzten Schlummerkuß.

Die Abendenglein zünden
Schon Stern und Sternlein an,
Auf lauen Abendwinden
Schwebt mild die Nacht heran ..



Ahnenlied

Meinen Großvater hab' ich noch gekannt,
Er trug sein Bündel durch das Land
Und konnte nicht schreiben und konnte nicht lesen
Und ist ein armer Hausierer gewesen.

Doch, wenn ich meinen Vater frag':
"Wer war deines Vaters Vater? sag!" -
Er lächelt traurig: "Wie soll ich das sagen,
Er hat sein Bündel durchs Land getragen.

Und vor ihm, all die tausend Jahr',
Wer unser Ahn und Urahn war?
Was könnte uns an sie gemahnen?
Arme haben keine Ahnen!"

Elend, Verfolgung, Jammer und Not,
Dunkel ihr Leben, dunkel ihr Tod!
Und ich schäme mich fast, durch den Abend zu gehen
Und seinen Zauber und Glanz zu verstehen!

Denn vor mir und neben mir keucht es schwer,
Da zieht meiner Ahnen dunkles Heer
Mit wunden Rücken und Füßen, die brennen,
Und mit ernsten Augen, die mich nicht kennen...


Altes Gettholiedchen

Estherl, mein Schwesterl, was ist mir gescheh'n!
Ein Judenkind soll unter Christen nicht geh'n!
Die Mutter hat recht; aber jetzt ist's zu spät,
Sie hab'n mich erkannt und gehöhnt und geschmäht
Und gezerrt am Haar und das Kleid zerrissen
Und Unflat und Steine nach mir geschmissen,
Estherl!

Estherl, mein Schwesterl, da ist es gescheh'n,
Da hab' ich den Ritter kommen geseh'n,
Mit dem Schwert an der Seite, mit dem Kreuz auf der Brust,
Und ich hab' nur immer ihn anschau'n gemußt,
Und sein Blick hat die Christen von dannen getrieben,
Und er ist bis ans Tor bei mir geblieben,
Estherl!

Estherl, mein Schwesterl, was ist mir gescheh'n?
Ich werd' wieder, ich weiß, in die Christenstadt geh'n,
Und wenn sie mich stoßen, was liegt mir daran,
Wenn ich ihn nur noch einmal anschau'n kann,
Nur einmal! Dann sollen sie mich erschlagen.
Nur der Mutter, hörst du, darfst du nichts sagen,
Estherl!





Hugo Salus, geboren am 3. August 1866 in Böhmisch-Leipa; gestorben am 4. Februar 1929 in Prag.
  
„Salus ist den meisten Lesern besser aus Beiträgen für die `Jugend` und andre Zeitschriften bekannt als aus seinen Gedichtsammlungen. Das ist schade, denn gerade seine schönsten Gedichte eignen sich nicht für Zeitschriften, und die sich dafür eignen, verzerren sein dichterisches Bild. Er  ist ein Sänger und ein Bildner, und die Beimischung des goldigen Humors gibt keinen schlechten Dreiklang. . .“

Karl Kraus

Samstag, 2. Februar 2019

Friedrich Adler: Der deutsche Jude / Dämmerstunde / Mozart / Ekloge




Der deutsche Jude

Zu sehr an Dir mit allen Ranken
Hängt meine Seele, deutsches Heim.
In deutscher Rede lernt ich träumen,
Die Brust erzittert ihrem Wort,
Und zu den fernsten Himmelsräumen
Trug mich das deutsche Denken fort.
So fühl ich mir ernste Weihe  - 
Trag meines Volkes Leid und Lust
Kehrt sich von mir der Brüder Reihe
Ich schreite fort, des Ziels bewußt.
Und während lautestes Getriebe
Mit Schlag- und Losungswort mich kargt,
Berg´ ich im Herzen stumm die Liebe,
Zu hoch und heilig für den Markt.





Dämmerstunde

Sprich nur, sprich!
Ich höre die Rede rinnen,
ich höre dich.

Durch das Ohr nach innen
gleitet die Welle;
Frieden trägt sie und Helle
tönend mit sich.

Ich höre die Worte rinnen  -
Ich will mich auf keines besinnen:
Ich höre dich.




Mozart

Glöckchenklang und süße Flöte
Öffnen dir der Weisheit Pforte,
Neuen Lebens Morgenröte
Grüßt dich mit geweihtem Worte.

Rosen decken und verklären
Dir den strengen Weg zum Ziele:
Lächelnd Glück wird das Entbehren,
Und die Prüfung wird zum Spiele.

Was nicht düstre Stirnen lösen,
Löst das Herz, das sonnehelle,
Gießt selbst um den Trotz des Bösen
Seine heitre Liederwelle.

Gib dich hin den holden Stunden,
Die den Mantel um dich schlagen,
Dich als Sieger ohne Wunden
In den Märchenhimmel tragen.




Mit 81 Jahren starb Friedrich Adler am 2. Februar 1938 in Prag. Seine Familie wurde Opfer der Nationalsozialisten: Seine Frau Regine Adler wurde 1943 im KZ Theresienstadt ermordet, die Spur der Töchter verliert sich 1943 in Zamość im besetzten Polen. Sein Gedicht Ekloge wurde von Arnold Schönberg vertont



          

Freitag, 1. Februar 2019

Hans Bethge: Aus "Lieder einer Kunstreiterin"





Es weht um dich
Wie der Atem der Blumen der Nacht.

In deinen Augen schlafen die Träume
Der Wolken und Winde.

Du bist wie das unbegreifliche Lied
Über den Birken der Maiennacht.

Du funkelst.

Könnt ich den Glanz, der dein Wesen umspielt,
Einfangen wie einen Vogel!

Aber du entfliehst . . .


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Von deinen Armen
Geht ein feiner Duft aus,
Der mich verwirrt bei Nacht.
Auf deinen schlafenden Augen
Ruhen die Wimpern wie schwarze Tauben.
An deine atmende Schulter
Sorglos das Haupt zu betten
Ist mehr wert
Als alle Schätze des Orients.


 ¨˜“ª¤.¸* *¸.¤ª“˜¨




Wo du wanderst,
Blühen die Rosen träumerischer,

Wo deine Stimme tönt,
Ist ein Echo aus himmlischen Sphären.

Wo deine Hände Gaben reichen,
Lacht der Frühling aus allen Beeten.

Wo du liebst,
Geht die Welt in Flammen auf!





Aus: Hans Bethge Lieder einer Kunstreiterin
1922 Gyldendalscher Verlag Berlin

 

Hans Bethge, geboren am 9. Januar 1876 in Dessau; gestorben am 1. Februar 1946 in Göppingen, Dichter, machte sich einen Namen durch seine Nachdichtungen orientalischer Lyrik.

Dienstag, 29. Januar 2019

Kurt Finkenstein: Nie aber. . .





Nie aber ...

Wie leergesengt sind unsere armen Augen,
Feuergarben fielen in ihre Pupillen.
Jetzt wollen sie nicht mehr zum Leuchten taugen,
Nichts kann ihren Hunger stillen.
Sie fressen gierig alle Glut des Taggestirns,
Krampfen in alle Strahlen sich fest,
Wühlen in Schlünden offenen Hirns,
Wo Werdendes sich ahnen lässt,
Steigen in dunkele Tiefen,
Wo Erde unter Äxten ächzt,
Tasten in vergilbten Briefen,
Suchen, was nach Freiheit lechzt.

Nie aber werden unsere Augen satt ...



Kurt Finkenstein wurde als Sohn eines deutschen Offiziers und einer polnischen Jüdin am 27.3.1893 in Straßburg geboren. Seine pazifistische Gesinnung und literarische Interessen führten ihn zur Mitarbeit an der Zeitschrift. "Die Aktion" (Hg. Franz Pfemfert). 1935 wurde er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Käte Westhoff verhaftet. Mehr als 27 Monate war er in Kasseler Gefängnissen in Untersuchungshaft; im November 1937 wurde er zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt. Käte Westhoff wurde nach ihrem Freispruch 1937 in das (Frauen-)KZ Moringen, von dort in das KZ Lichtenburg gebracht. In der Gefangenschaft erfuhr Finkenstein vom Tod seiner früheren Frau und seiner beiden Söhne, die als Soldaten in Russland ihr Leben ließen. Am letzten Tage der Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde er von der Gestapo in Schutzhaft genommen und erneut nach Breitenau, später von dort nach Auschwitz deportiert, wo er am 29. Januar 1944 ums Leben kam.


Samstag, 19. Januar 2019

Maria Waser: Warum? / Auferstehung





Warum?

 

Warum bist du so weit
Von mir gegangen?
Meine Tage sind tot,
Alle Sterne verhangen.
Auf den Straßen liegen Steine,
Hart und grau,
Die dürren Wiesen schreien
Umsonst nach Tau.
Fuß und Hände und meine Stirne
So schwer —
Doch die Stunden, die da gehn,
Jede leer.

Einst war ein Tag, da alle Blumen sangen.
Weit, sehr weit bist du von mir gegangen.


Auferstehung

 

Die grünen Schleier sanken,
Der Wald ist Orgelklang.
Ich folge heimlichen Pfaden,
Geheimem Zwang.

Muß suchen jene Wege,
Die einst wir gingen zu zwein —
Wie werd ich sie ertragen,
Da ich allein?

Das Tälchen, grün verhangen,
Am Bach unser Weidenbaum,
Der steht noch in goldenem Bluste,
Und ist kein Traum?

Und atmet nicht jede Blüte
Deiner Augen Wimperhauch?
Und sprießt nicht dein goldenes Lachen
Aus jedem Strauch?

Wie kann ich nun das Wunder,
Das heilige Wunder verstehn?
Ich spür' deine reine Seele
Durch meine wehn.

So bist du nicht vergangen
Und lebtest weiter im Licht?
Ich aber ging im Dunkeln
Und wüßt' es nicht.

Die wundergroße Gnade
Soll meiner Seele geschehn:
Sie darf in deiner hellen
Auferstehn.

Und will die dunkle Welle
Sich schließen über dir,
Sie kann dich mir nicht rauben:
Du lebst in mir.

Und türmten Tod und Schicksal
Sich zwischen dich und mich,
Sie konnten uns nicht trennen,
Ich sank in dich.

Und ob auch Erd‘ und Himmel
Sich wider uns gestellt,
Sie werden uns nicht zwingen:
Wir sind die Welt!

Die grünen Schleier sanken,
Alle Bäume stehn im Licht,
Licht und Liebe sind eines:
Sie sterben nicht.



Maria Waser, aus der Sammlung „Vom Traum ins Licht“


Maria Waser, geboren am 15. Oktober 1878 in Herzogenbuchsee/Kanton Bern, gestorben 19. Januar 1939 in Zollikon/Kanton Zürich.







Donnerstag, 17. Januar 2019

Emmy Hennings: Kindheit / Die kleine Gasse am Abend; Hugo Ball: An Emmy

Hanns Bolz (1885 - 1918): Portrait Emmy Hennings, 1911



Kindheit

Mein Jugendhimmel  -  eine Glocke aus Glas.
Wir trugen Florentinerhüte.
Auf Kinderhände fiel Kirschenblühte,
Schneeflocken fielen weich und naß.

Die Berge Jütlands und blaue Heide,
und in Vaters Hof fielen manchmal die Sterne.
Da erzählte der Seemann von einer Taverne
Und bunten Mädchen in leuchtender Seide.

„Na Mädel, willst du mit? Sag ja!“
Matrose gab mir einen Kuß,
„Weil heute ich noch reisen muß.“
Schön sind die Mädchen von Batravia. . .




Die kleine Gasse am Abend

Bunte Mädchen lugen aus schmalen Fenstern.
Der Mond wirft geisterhaftes Licht;
Aus blauem Schatten ragt grelles Gesicht,
In der Halle wimmelt es von Gespenstern.

Ein Droschkenkutscher hält sein Pferd umschlungen,
Und himmelhohe Liebe rauscht im Blut
Und die Rosen verkauft die kleine Rut
 -  In Montana in Banden wird gesungen. . .

O, das Klavier tut, was es kann.
Gewiß, man spielt nicht schön, doch laut.
Ein Schlafbursche umarmt eine fremde Braut,
Schwört ewige Treue so dann und wann.






Hugo Ball: An Emmy

 

Sag mir …
Sag mir, daß Du Dich im Föhnwind sehnst
Und daß Du trauern würdest,
Wenn ich ginge.
Sag mir, daß diese Tage schön sind
Und daß Du weinen wirst,
Wenn ich nicht singe …

Sag mir, daß Du dem Leben gut bist.
Sag meiner Stimme, daß sie nie verwehe …
Und daß Du heiter und voll frohen Mut bist
Auch wenn ich lange Zeit Dich nicht mehr sehe.

Sag mir, daß ich ein töricht Kind bin
Und streichle mich wie eine junge Meise.
Sag mir, daß ich zu Dir zurückfind',
Auch wenn die Nächte dunkel sind,
Durch die ich reise …





Emmy Hennings , geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano.

Hugo Ball, geboren am 22. Februar 1886 in Pirmasens; gestorben am 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz)


Dienstag, 15. Januar 2019

Isaac Schreyer: Häuser vor dem Regen / Klage

Edvard Munch (1863 - 1944): Herbstregen



Häuser vor dem Regen


Sie lassen keine Helle herein:
Nebel fasert mit feuchten Händen
silbrige Fäden aus Dämmerschein
und spannt sie kühl über die lauschenden Wände.

Ducken die Häuser sich tief nach innen,
bücken sich, lauschen, ob nicht in den Rinnen
tönende Kunde von draußen erwacht; -
ob nicht wohl irgend auf dämmrigen Stufen
Schritte flehen und flüsternde Rufe: -
ob nicht vielleicht auf den Giebeln und Dächern,
ob nicht wo in den Luken und Löchern
sickernde Tropfen sich breit gemacht ...

Nun wagt kein Fenster hinauszublicken,
alle sind blind. -
Angst flügelt über ihnen wie Wind,
will sie packen, will sie umstricken:
Erst locken sie leise
mit Tropfen am Rand,
mit rinnenden Weisen
und glitzerndem Tand. -

Es schließen sich drin in den Zimmern die Klinken,
an Türen und Toren knarren die Riegel;
Schwermut preßt ihr dunkles Siegel
in jedes Auge, auf jeden Mund
und läßt es fernher flatternd blinken. -
Da werden die Stimmen verschwiegen und leise,
Regen rauscht schwermütige Weise ...






Klage

Schwermut hieß unsere Amme;
Frühe schon säugt sie uns
Mit der bittern Milch unserer Kindheit.

Wir sind die Eulen
Auf den Ruinen des Lebens. –

Tags der vermoderte Glanz der Städte,
Erblindet im Schein des Nichts,
Also wachen wir auf zur Nacht
Und heben die Klage an.
Die hehre Klage herben Verzichts
Und greisen Abschieds. –

Wer sargt unsere Hoffnung ein
Und wer die lieblichen Auen der Träume,
Wenn fromm unser Auge grast
Auf den grünen Triften des Glücks
Und fern dem drohenden Ruf
Des härtesten Hirten.

Eisig umflügelt uns wehe Erkenntnis.
Mit fiebernden Händen
Retten wir taumelnd
Die Scherben unserer zerfallenen Welt. –




Isaac Schreyer, Lyriker und Übersetzer, geboren am 20. Oktober 1890 in Wiżnitz (Bukowina); starb am 14. Januar 1948 in New York an einer Herzattacke. 


Schmal ist sein Werk an Umfang, doch seelische Reinheit und innerer Ernst gehen ihm nicht ab. Schwermütig tönen seine Melodien, und durch den Fall der freien Strophen kann man fast die Melismen und Kadenzen von alten Ritualgesängen mitschwingen hören. Expressives und Hymnisches waltet vor. Hölderlin und Trakl heißen Schreyers Götter, doch münden ihre elegischen Stimmen immer in den gewaltigen Orgelschwall der biblischen Psalmen, so daß aus allen drei Elementen schließlich doch ein Neues, unzweifelhaft Eigenartiges entsteht.“



Ernst Waldinger über Isaac Schreyer