Montag, 27. Februar 2017

Ludwig Rubiner: Botschaft





Botschaft

Vielleicht kam sie zur Zeit, eine Botschaft vom Lächeln der Menschen, Sonnengang, und, ganz einfach, von Blumen.

Abstieg in die dunklen Buchstaben der fremden Worte, wie in abendliche Gänge hinaus zwischen südlichen Mauern, die zu einer runden Bucht führen mitten in hohen verlöschenden Wasserwolken.

Schauen wie durch den nächtlichen Traumweg eines Fernrohrs, hinein in den riesigen südleuchtend gewölbten Strahlenball unserer Erinnerungen.

Eine Sonne und ein Mond schweben umeinander, licht rötlicher Schaum in weißer Silberhitze über der neu aufscheinenden Erde.

Lächeln, das vor den brüllenden Schwungrädern der Fabrik nicht zittert, Freundinnen in den fliegenden Kleidern! Die sanften, so gestreichelten Locken inmitten blonder Getreidefelder, über die nur stiller Wind zuckt.

Die helle Haut der Freunde, ruhige Körper, die steil auf der schrägen Wiese stehen, während fern ein Wasserfall wölbend am sonnigen Ufer Perlenbögen über sie klirrt.

Die dichten Wiesen so sanft wie große Tieraugen, weit drüben vorm Wald staunt wie Hornton das rote Kleid einer Golfspielerin im Abendglück.

O Botschaft von Menschen! Ja, vielleicht gibt es Lächeln und schöne Körper, und Augen, die ruhig zarte tiefe Horizonte wie große Blumenkelche um sich austeilen.

Vielleicht, trotzdem ich aufblicke, ich sitze an meinem Tisch, und ich weiß von dem ungeheuren Zug der Menschen um mein Haus,

ich weiß die alten angstvollen Schädel und die kleinen schweigenden Kinder, die an einem schmerzenden Arm schnell mitgezerrt werden,

ich weiß den rasenden Zug, vorbei unter meinem Fenster, vor Furcht Schweigsamer, und nur ein Heulen zieht in die Nacht von den tausend eilenden Tritten auf dem harten Granit;

ich weiß die aus schwarzer Nacht einsam Grinsenden, mit Höllenfalten der Generäle im versteckten Gesicht, die aus vier Weltecken ihre Maschinengewehre auf mein Haus richten.

Aber ich weiß, ich weiß von den verstohlenen Händedrücken meiner Brüder im Dunkel des Menschengedränges,

von der Freundschaft, die wie Scheinwerfer aus nie greifbarem Dunkel in die Nacht hinauf blitzt und ein magisches Bild von Hoffnung und Seligkeit in die Wolken wirft,

ich weiß von der unsichtbaren, schwebenden Riesenstimme, unser Gesang, der wie eine Stahlkette meine Freunde umschlingt.

Ich weiß, wie ich hinunterspringe und wie es im roten Licht der Nacht gegen eine rohe Überzahl von Teufeln geht.
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O es ist gewiß, diese alle, die in der Straßenschlacht stehen, werden sterben. Aber das sinnlose heiße Auszischen unseres Lebens fliegt hinaus in die Welt, die Sterne tragen unsere Gesichte verschüttend durch die Nächte, wie Bienen, die vom Blütenstaub beschwert um den Erdball auf und nieder steigen.

Dichte Wiesen schwellen auf aus unseren Keimen, sanfter Hornton im Grün aus dem roten Kleid einer glücklichen Frau, Locken flattern um helle Glieder hoch, die straffe Haut ausgeruhter Leiber springt rosig über die Lichtung hin, wie auf sanften Stengeln blüht Lächeln uns an, das gelernt hat, nicht zu beben unterm fernen Maschinengestampf.

Unser Blut fliegt um die Welt wie die Mittagswolke, die die Keime der heißen Gärten trägt. In allen gewölbten Ländern der runden Erde wird ein schöner Mensch geboren. Einer nur, aber wie viel ist das schon!

Eine Botschaft kam, und der Weltball unserer Erinnerungen wie ein Mond aus dem Meer stieg auf.

Wir verströmen unser Leben, wir sprengen unsern Leib hinaus in die Katastrophen des dunklen Raums, aber unser Tod über Jahrtausende hin streut hie und da auf die Erde ein Lächeln der Menschen, einen Blick auf den Sonnengang, und, ganz einfach, Blumen.


Aus der Sammlung „Zurufe an die Freude“



Ludwig Rubiner 

In der Nacht zwischen dem 27. und 28. Februar 1920 starb der Dichter Ludwig Rubiner infolge einer sechswöchigen Lungenkrankheit in Berlin. Er war einer derjenigen, welche die Kriegsbegeisterung 1914 so vieler deutscher Dichter nicht teilte und der in diesem Jahr freiwillig mit seiner Frau ins Exil in die Schweiz ging.

Sonntag, 26. Februar 2017

Hans Schiebelhuth: Hexenhochzeit





Hexenhochzeit


Ganz tief im Brummbär-Brombeer-Wald
Da hauste eine Hex;
Alt war sie tausend Jahre bald
Und kannte jed Gewächs

Und jeden Vogel, jeden Stein
Und selbst das kleinste Tier;
Herrin im Hag war sie allein,
Die Wesen dienten ihr.

In ihrer Felsenküche gor
Manch giftig-zäher Saft,
Gebräu, Arznei und Schmer und Schmor
Von großer Zauberkraft.

Zur Maizeit in der Neumondnacht
Nahm sie den tollsten Trank,
Dazu ein Bad, da wars vollbracht,
Und jung stand sie und schlank:

Schneehell das Antlitz, zart und rund,
Das Auge frisch und klar,
Und rot und voll und weich der Mund,
Und Goldgelock das Haar.

Sie zeigt dem Spiegel ihr Gesicht,
Der sprach: »Schön seid ihr, Frau,
Drei Tage währts, doch länger nicht,
Drum richtet euch genau.«

Früh trat sie aus dem Baum hervor,
Bog das Gebüsch beiseit;
Dachs aus dem Bau und Has, ganz Ohr,
Erschienen dienstbereit.

Sie winkte, ging durchs Dickicht grad
Und blieb zuweilen stehn,
Sich umzusehn, sie nahm den Pfad,
Den Menschen manchmal gehn.

Bald kam ein Köhlerknecht des Wegs.
Er sah und – wie sichs gibt –
War ohne ein Erstüberlegs
Vergafft, verguckt, verliebt.

Er sprach: »Du blickst so wunderlich,
Daß du mich all entflammst.«
Sie sprach: »Du riechst so zunderlich,
Weil du vom Meiler stammst.«

Er sprach: »Was tuts? Schau besser her!
Bin ich nicht fest und frisch?«
Sie lacht'. Es war die Wahl nicht schwer.
Sie lud ihn ein zu Tisch.

Im prasergrünen Talpalast
Saß er beim Mahl mit ihr.
Zwölf Wildschweinrücken aß der Gast
Und trank drei Hechter Bier.

Bucheckerngrütz und Erpelklein
Gabs dann und Dommelzung
Und Bizzelspritzelwitzelwein,
Den Jahrgang jach und jung.

Zum Schluß gabs würzgen Wurzelgeist;
Er kippt' ihn mit Genuß
Und war beschwippst und wurde dreist
Und gab ihr einen Kuß.

Und sprach: »Mir fliegt die Liebeshitz
Wie Gnitzen ins Gesicht,
Wie Wut ins Blut und nimmt Besitz
Und – merkst du es denn nicht? –

Das Herz pocht an die Rippen mein,
Als hämmerte ein Specht;
Ich wollt, du wollst mein Bräutchen sein;
Sag, Schatz, dir ist's doch recht?«

Sie schwieg. Er spürt', sie willigt ein,
Trug sie zum Lager, toll;
Das Lein war sommerfädenfein,
Die Deck aus Distelwoll.

Sie sanken hin, genossen sich;
Sie fanden sich gewandt,
Erschlossen sich, ergossen sich,
Verströmten ineinand',

Vergnügten, fügten, habten sich,
Und wurden laß und leis,
Ergetzten, letzten, labten sich
Aufs Neue, hell und heiß.

Dann lagen sie und schwiegen lang,
Zart, schmiegsam, ausgetost,
Befangen noch vom Überschwang
Und wohlig nachliebkost.

Doch bald wars Mitternacht vorbei,
Da bat sie ihn aus Lieb
Zu gehn, weil es nicht schicklich sei,
Daß er noch länger blieb.

Er ging, lag unterm Hollerstrauch,
Schlief tief und traumerglüht;
Dort fand sie ihn im Morgenrauch
Laut schnarchend, taubesprüht.

Sie saß im Busch, bestaunte baß,
Wie dieser Schlafratz schnob,
Im Atemschlurf und Atemlaß
Die Brust sich senkt' und hob.

Sie kitzelt' ihn, er nieste darauf;
Mit einem lauten »Tzisch«
Erwacht er lachend und sprang auf,
Und war unendlich frisch.

Es war wie dieser Maitag toll
Noch nie ein Tag im Mai;
Sie herzten, scherzten, übervoll
Von Lust und Neckerei.

Er fragt': »Wie heißt du eigentlich?«,
Als drauf die Rede kam;
Sie blieb ein Weilchen schweigentlich,
Dann nannt sie ihren Nam':

»Gib acht! Ich bin die Hagidis!«
Er brummte: »Höh! Wie dumm!
Das sticht ja wie ein Natterbiß.
Weißt du, ich tauf dich um

Und nenn dich Weißchen-Meisenspeck
Und Wes'chen Küß-nicht-faul
Und Schnickelschnackelschnuckelschneck
Und Hummelhonigmaul.«

Sie nannt' ihn Schwarzwatz-Kohlenfratz
Und Rußrab-Riesegroß.
Zu Wonnen fand sich manch ein Platz
Im Gras und weichen Moos.

Bei Kuß und Kosen aber blieb
Nicht dieser Tag im Wald.
Er sprach: »Hast du mich wirklich lieb,
Dann heiratst du mich bald.«

Drauf sprach sie: »Schön und gut und fein!
Wenn es dir so gefällt,
Soll heute noch die Hochzeit sein;
Der Saal ist schnell bestellt.«

Zur Feier kamen, schön zu schaun,
Zwei Bärlein: Betz und Urs,
Zwei Quellenfraun, zwei Wellenfraun,
Vier Gnome und ein Thurs.

Aus Algenseide war ihr Kleid,
Der Umhang Hermelin,
Der Halsschmuck Bernstein-Goldgeschmeid,
Im Haar ein Krönchen schien.

Sie sprach zur Schar: »Nach altem Recht
Nehm ich und gutem Brauch
Zum Mann den Hartmut Köhlerknecht
Und wißt: Ich lieb ihn auch.«

Sie sprach zu ihm: »Mein holder Schatz,
Nun nehm in Nutz und Schutz
Ich Mondenkind dich Sonnenfratz,
Und dies hier sei dein Putz.«

Sie schenkt' ihm Schuh aus Binsenwand,
Ein Muschelkettchen gar
Und setzt' ihm auf mit linker Hand
Die Haub aus Hasenhaar.

Die Gäste johlten: »So ists echt!
Hei! So was sieht man gern!
Heil Hagidis! Heil Köhlerknecht!
Zur Heirat Glück und Stern!«

Man feierte, man aß, man trank,
Spielt' Haschmichrasch und Blindekuh,
Und wackeltanzte schwank und wank
Und gahlerte dazu.

Der Tag erschien, es losch der Kien,
Da war der Trubel um,
Sie taumelten zum Lager hin
Und stürzten selig-stumm

Eins in des Andern Arme, heiß
Verzehrt von der Begehr,
Vermählten sich und wurden leis,
Entschlummerten dann schwer,

Die glühen Glieder zartverschränkt,
Und nackend Brust an Brust,
Wachten zuweilen auf, beschenkt
Vom Ungestüm der Lust.

Schon trat die Drittnacht in den Hag;
Sie schliefen wunderbar,
Ihr Haupt an seiner Schulter lag,
Sein Atem blies ihr Haar.

Es kam die Mitternacht. Da spürt'
Ers kalt; auch wars, als hätt
Er Rindig-Rauhes angerührt...
Jäh fuhr er auf vom Bett...

Und sah schlaftrunken, wie da rasch
Ein runzlig Weib sich wandt,
Ins Leere langte, und im Hasch,
Ein Rauch, ein Hauch, entschwand.

Er sank zurück, begriff nur halb
Vom Schlaf zu sehr gesträngt,
Ihm deuchte wohl, ihm hätt ein Alb
Quälend die Brust geengt.

Ins Schlafgarn fiel er, wo nun traut
Ihn traf ein Traumgesicht,
Verschlief die Nacht, den Morgenlaut,
Und erst im Mittagslicht

Riß er die Augen auf: Da lag
Im Hollerstrauch er, ja,
Doch war der Wald wie alle Tag,
Vom Schloß kein Stein stand da.

Klang nicht ein Hüsteln, heiser-tief?
Er rannt' ihm nach, verwitzt:
Ein Kuckuck rief, ein Hase lief,
Ein Bär brummte verschmitzt.

Da gellte er: »Ich will dich!« schrill,
Da schrie er: »Hex herbei!«
Der Hag ward plötzlich sterbestill,
Sein Herz ein Klumpen Blei.

Ein Schauer scharf, ein Hexenschuß,
Fuhr ihm durch Mark und Bein;
Bang ward er und trug den Verdruß
Mit seiner Seel allein. –

Der Köhler fand zum Meiler heim,
Der raucht' noch, als er kam;
Es schien der Wald ihm ungereim,
Den Menschen ward er gram.

Er sagte nie ein Sterbensworte
Von dem, was er erfuhr;
Oft triebs ihn ruhlos suchend fort,
Nie fand er eine Spur.

So lebte er noch hundert Jahr ...
Sein Meiler, der verdarb,
Als, krumm vor Gicht, er, blind vom Star,
Die Hex verfluchend, starb.

Doch tief im Brummbär-Brombeer-Wald,
Sehr sicher des Verstecks,
Alt schon zweitausend Jahre bald,
Da haust sie noch, die Hex.

Unsichtbar! Und da spent und spukt
Ihr Wesen, und da zischts,
Da wuschelts, tuschelts, huschgeduckt,
Da schimmerts, schummerts, wischts;

Da sitzts und raschelts, wisperts, flitzts
Im Busch, am Wurzelknorren,
Am Bach, da glitzts, im Laub, da blitzts,
Den Zauber raunt es verworren.



Aus: Schalmei vom Schelmenried von Hans Schiebelhuth.
(* 11. Oktober 1895 in Darmstadt; † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA) war ein expressionistischer deutscher Schriftsteller und Dichter.)

Freitag, 24. Februar 2017

Hugo Ball: Waldgreis





Waldgreis

Geh hundert Meilen die Buchen lang
Den grauviolettenen Stämmegang
Wo das Jahrtausend die Kronen treibt
Und mit den Nägeln sich Runen schreibt –

Geh hundert Meilen im teppichten Schoß
Durchs schwer überkuppelte, blührote Moos,
Wo nur als wunderlich Lied noch tönt,
Was deinem glänzenden Auge fröhnt. –

Da kommst du an einen gelichteten Raum,
Es steht eine Hütte da, sichtbar kaum,
So herzen sie Geißblatt und Winden weiß, –
An ihrem Pförtchen lehnt zwergig ein Greis.

Der schaut so gar traumhaft und schaut nur und schweigt,
Sein Blick dir bis tief in die Seele reicht,
Und müde wirst du, unendlich müd’,
Und das Wunderlied schwellt und webt und verzieht.

Und der Alte, er winkt. Gern folgst du ihm nach,
Draußen die Nacht überringt schon den Tag.
Blau irrt am Fensterchen flimmernder Schein,
Und du hörst Märchen vom Menschelein.


Hugo Ball (*22. 2. 1886 ; † 14. 9. 1927), als Dada zum Dadaismus wurde, wandte er sich mit Emmy Hennings anderen Gefilden zu. . .

Dienstag, 21. Februar 2017

Hedwig Lachmann: Am Abend / Spaziergang

"Waldlandschaft im Schrank", ein Bild der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch



Am Abend

 

Weisst du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weisst du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?





Spaziergang

 

Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt. –

Zwei helle Birken an der Waldeswand.
Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh!
Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt!
Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen's nie. –

Fühlst du den Hauch? Ein Zittern auf dem Grund
Des Sees. Die glatte Oberfläche bebt.
Wie Schatten weht es auch um unsern Mund –
Wir haben wahrhaft nur im Traum gelebt. –





Hedwig Lachmann, (geboren 29. August 1865 in Stolp, Provinz Pommern; gestorben 21. Februar 1918 in Krumbach)

Edlef Köppen: Frieden und andere Gedichte

Dieses Bild der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch trägt den Titel "Kontrapunkte"



Edlef Köppen, geboren am 1. März 1893 in Genthin, war ein deutscher Schriftsteller und Rundfunkredakteur. Auch er trat, wie so viele seiner Generation, 1914 als Kriegsfreiwilliger in die Armee ein. Er diente als Artillerist und kam im Oktober 1918, von den Kriegserlebnisssen traumatisiert und desillusioniert, nach Hause. Die Erlebnisse verarbeitete er später in seinem großen Roman Heeresbericht. Köppen vertrat seitdem pazifistische Positionen.


Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten, wurde Köppen als Leiter der Funk-Stunde Berlin abgesetzt. Sein Weltkriegsroman fiel der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland zum Opfer. 1935 wurde der Roman verboten.



Edlef Köppen starb am 21. 2. 1939 in einem Lungensanatorium in Gießen an den Spätfolgen seiner Kriegsverletzung.



Frieden

Sitzen still im Zimmer  -
Ich und Du
Unsre Liebe redet. . .
Sonst herrscht tiefe Ruh.
Und wenn beide müde  -
Ich und Du,
Küssen Deine Lippen
Meine Augen zu.


Krieg!

Stummes Händedrücken.  -  Und im Morgenwehn
Heiße Abschiedstränen............................................
                                      ... Nimmerwiedersehn........
                                      ...
                                      ...
                                      ...
                                      ...
Bleigeschwärzte Wunden,  -  Und im Abendrot
Frischgekarrte Gräber.........................................
                                     ... Schweigen herrscht und Tod...


Diese beiden Gedichte wurden als eine Einheit zusammen geschrieben, noch während des Krieges. 



Träumen

Träumen:
Mein Gewehr ist versteint  -  wie deines, mein Bruder,
Wir zielen nicht mehr aufeinander.
Blumen wachsen auf Schaft und Lauf,
rote Blumen.
(oh, daß sie an Morden noch erinnern!)
Die Gräber, die uns in Bangen fraßen
heben sich. Und werden sanft und Ebene.
Wir sehen Licht  -  Land  -  Uns.
Wir fühlen: Mensch.
Und küssen uns.
Oh!!
Traum!!

Als Köppen das schrieb, hatte er sich längst vom bereitwilligen Kriegsfreiwilligen zum Pazifisten gewandelt.


An eins der sinnlosen Gemetzel des ersten Weltkrieges mit mehr als hunderttausend Toten in Nordfrankreich erinnert der Titel des folgenden Gedichtes.


Loretto (I)

Für Hermann Kasack

Einen Tag lang in Stille untergehen!
Einen Tag lang den Kopf in Blumen kühlen
und die Hände fallen lassen
und träumen: diesen schwarzsamtnen, singenden Traum:
Einen Tag lang nicht töten.





Das ist Glück

Das ist Glück:
Hand in Hand durch Dämmern schreiten
wenn die letzten Sonnenstrahlen durch die Blätter gleiten,
wenn die Nebel langsam sich erheben,
zarte, geisterhafte Schleier weben,
wenn die Nacht weich um die Erde wirbt  -
und der Lärm des Lebens ringsum stirbt.
. . . und dann hinein in diesen Zauber gehen
Hand in Hand  -  in seligem Verstehen. . .
Das ist Glück!




Das Leid

Über die Erde flog das Leid
mit schweren, schwarzen Schwingen,
in einem schweren, schwarzen Kleid,
das Tränen rings umhingen.

Über die Erde flog das Leid
mit grabeskaltem Hauchen.
  -  Und wo es hinflog, weit und breit,
mußt´ Glück in Nebel tauchen. . .

Und wo es hinflog: Trauerflor,
als ob kein Hoffen bliebe.
Und dennoch wuchs ein Trost empor,
und wuchs und wuchs:
Die Liebe!




„Und dann ringt ein Erkennen sich empor. . .
Ich war schon einmal geboren
Das ist lange her!
Damals  -  Als ich noch Seele war.“

Aus: Ich war schon einmal geboren




Seelilien

Einmal war ich eine Blume
  -  nur einmal war ich ein Traum
der in Mädchenherzen wohnte.
Da war ich glücklich!
Und nun bin ich ein Mensch,
lebe wie Menschen, leide, liebe,
sehe die Sonne in ihrem Gold
und den Tag,
und sehe das Silber der Sterne
und den Glanz des Mondes
und den Sammet der Nacht
. . .  und muß doch immer weinen. . .
was ich wohl später werde?




Montag, 20. Februar 2017

Walter Lindenbaum: Abgesang




Abgesang

So fließt der Strom der Zeit und nimmt die Bäche auf,
Die Tage, Wochen, Jahre, die alle in das große Wasser münden,
Die alle irgendwo im All entspringen und spurlos in der Flut verschwinden.
Das ist der Dinge und der Menschen Lauf.

So kreisen Zeiger auf den Uhren, der Räder monotoner Sang
Gräbt sich in unsre Herzen und mahnt an die Vergänglichkeit.
Drum hasten wir und haben keine Zeit.
Was nützt uns das? Die Zeit hat Zeit und geht gemächlich ihren Gang.

So folgt die Ebbe auf die Flut und junger Wein quillt aus den Reben,
Der Mensch verfolgt der Schwalbe Flug, er sieht das Feld mit reifen Ähren,
Betrachtet rätselhaftes Sterben und Gebären,
Daran zu ändern ist ihm nicht gegeben. So ist das Leben. . .




Walter Lindenbaum, geboren am 11. Dezember 1907 in Wien, war ein österreichischer Journalist und Autor jüdischen Glaubens. Als Sozialdemokrat und als schreibender Widerständler gegen den Nationalsozialismus wurden er und seine Familie verhaftet und  1943 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Im September 1944 wurde er nach Auschwitz überstellt und kam von dort mit einem Evakuierungstransport in das KZ Buchenwald, wo er am 20. Februar 1945 umkam. Seine Frau Rahel und seine Tochter Ruth wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Sein Gedicht „Das Lied von Theresienstadt“ endet so:

Du Stadt der Kinder und der Greise
Die einen unser Hoffnungskeim
Die anderen, sie entschlafen leise
und kehren zu den Vätern heim.

Samstag, 18. Februar 2017

Hans Schiebelhuth: Berceuse und andere Träume

Das Bild ist von der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch



Berceuse


Meine seidne Schwester, Südwind will dich umminnen,
Schwester von Gold, schlummre, singende Seele,
Schwester von Bernstein, Sommernacht süß über Himmeln,
Sterne knospen
Im Blau schwebt Mond, der löwenhafte Hüter deines Schlafs.

Träume! Wenn böse Nachtboten kommen,
Vögel der Finsternis,
Will durchs Dunkel denkend ich dir Leuchter schenken,
Sternlicht tragende, und die unsichtbare
Kette, dran die gute Mondampel hängt.

Inmitten des Weltdoms sitzt strahlend im Gnadenstuhl
Aufrecht Gottvater mit gütigen Greisenhänden,
Sankt Lucas, der eine Brille trägt, liest ihm die Schrift.
Auf weißem Eselchen zieht die Madonn
Weithin durchs Ölfeld.

Aber wenn des Morgens Lichtruf hürnen erschallt,
Wollen bronzne Wälder wie Gong tiefer ertönen,
Lenz blutet Mohn um die Raine, Wind wiegt weißes Gewölk,
Goldne Schwalben spielen,
– Dann bist du vom Schlummer blaß, kleine Jilája.





Für Lefherte


Ich habe für dich gedämpfte Hymnen erdacht, Worte
Wirr, nie noch gesagt, nie noch gewagt; nun wachend
Warte ich, bis du aus meinen Augen die Anklage,
Bis du von meinen Lippen das entzückende Lied nimmst.

Seit du gingst, kam vieler Herbst überheid. Blumen
Schickten sich an zu sterben. Bald wird der Bach
Still sein. Aber wer stark ist wie ich,
Den tötet kein Tod. Sehnsucht erhält ihn ewig.

Bleiblütig bin ich über der Welt. Einsam
Über verwaister Stadt, Grambart und bekümmerter Hände.
Dennoch in Hoffnung, daß ein Marienwind
Kommt, die verstörte Stirn der Straße zu glätten.

Du aber wohnst im Grün verschütteter Sommertage. Deinen
Fenstern lacht Lenz. Sorglose Springbrunnen
Silbern Kronen auf über bunten Beeten.
Möwen, Möwen kommen, Grüße vom Meer.

Und wenn die Nachtfrau naht mit der Sternschleppe, ruhst du
Mondgestreichelt bei den seltnen Zeichen opaliger Himmel.
In deinen Traum reden Riedvögel, redet das zärtliche Reh.
Süßer, singender Regen rauscht auf dein Dach.

Nachbluht zerfallner Zeit fiebert um dich. Wesen
Leichtfertiger Menschen rühr wie Handharfe dein kindlich Herz.
Vor deiner Tür beginnt der ewige Weinberg der Freude.
Goldner Wind weht stets in deiner Stadt.

Aber einmal wirst du auch in den heiligen Säulenwäldern
Weinen, daß Gott herabkomme und die Steine erlöst,
Dankbar sein, wenn seine Hand dir immer unsichtbar
Beßre Sternbilder aufbaut über dem Horizont.





Verschenkt Herz


Du bist nicht Gast. Du wohnst in mir.
Hast nicht nur Rast. Hast Bleibe hier.
Hier steht deine Wiege. Hier zäunt dein Geheg.
Hier steilt dir Stiege. Hier mündet dein Weg.

Hier hält dich Helle. Hier hüllt dich Nacht.
Im Brunn quickt Quelle. Speicher füllt Fracht.
Geh aus. Geh ein. Sei unverhofft.
Dein Haus dir offen. Komm gern. Komm oft.





Notturne


Du hörst das Herz der Stadt ganz leise pochen
Durch der Paläste Marmorbrust. Der Wind,
Ein Atemzug, streift die Alleen. Ganz leise.
Der tausend Brunnen Schlummerrede rauscht.

Die Flüsse rinnen silbern in das Dunkel,
Die Zeit. Und aus Zypressen trägt der Traum
Verworrnes Wort der eingeschlafnen Sänger.
Der Grillen Laut vermischt sich ganz der Nacht.

Du hast ins Astwerk einer großen Pinie
Dein Saitenspiel gehängt. Du möchtest ruhn.
Stark duftet Lorbeer aus den schwarzen Gärten.
Die schweren Lider hat die Sphinx gesenkt.





Traum


Mit goldnen Bienen war dein Kleid bestickt. Ich sann,
Wieviele Süße sie an deine Glieder trügen,
Wieviel Musik ihr sickerndes Gesumm.
Du schwiegst. Es war ein Singen in den Simsen,
Als klängen alle Gläser noch einmal
So hell, wie wir sie einst in Lust geleert.
Ich war bei dir und in erregtem Stammeln
Ein Mund voll Gott, und dieses würgte mich:
Ich war bei dir und hatte nach dir Heimweh,
Dies Heimweh, das der ausgeweinte Himmel
Ins Fenster hing, das aus dem Duft der blassen,
Der überblühten Blust die Flucht befiehlt.

Der Mond ward feindlich. Blank vor Eifersucht.
Wie einer Frau, die abends Staat abtut, entglitt
Gewölk, das ihn zuvor verbarg. Er drohte,
Da lösten sich die vielverflochtnen Finger fremd.
Ich neigte tief mich, letzten Kuß und Träne trinken.
Ich schmückte deine Stirn mit einem Stern. Entlassen
Dann, ja entlastet, gingst du in die Nacht.

Ich blieb. O, daß ich blieb. Nun stumpft sich meine Stunde,
Wenn ich im Dunkelraum den Hänfling pfeifen lehre...
Ich send ihn früh dir nach als einen Gruß.





Für eine Freundin


Du bist der dunkle Wind, der über meine Stirn geht,
Der Sturm kündet, streifend am Strand,
Der das Meer bleiern macht, wenn nur noch weiße
Möwen kreischend flattern um zischender Wogen Brandung.

Du bist der dunkle Wind, der über meine Stirn geht,
Gewaltigen Seesturms Bote, der aufbricht am Strand,
Der, zorniger Kamm, das rauhe Dünengras furcht,
Du stille schmeichelnde Hand...





Hans Schiebelhuth (* 11. Oktober 1895 in Darmstadt; † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA) war ein expressionistischer deutscher Schriftsteller und Dichter. Die Gedichte sind aus seinem Band "Wegstern" von 1921