Samstag, 20. Mai 2017

Kurt Tucholsky: Paasche





Paasche


Wieder einer, das ist nun im Reich
Gewohnheit schon. Es gilt ihnen gleich.
So geht das alle, alle Tage.
Hierzulande löst die soziale Frage
ein Leutnant, zehn Mann, Pazifist ist der Hund?
Schießt ihm nicht erst die Knochen wund!
Die Kugel ins Herz! Und die Dienststellen logen:
Er hat sich seiner Verhaftung entzogen.
Leitartikel, Dementi. Geschrei.
Und in vierzehn Tagen ist alles vorbei.
Wieder einer. Ein müder Mann,
der müde über die Deutschen sann.
Den preußischen Geist – er kannte ihn
aus dem Heer und aus den Kolonien,
aus der großen Zeit – er mochte nicht mehr.
Er haßte dieses höllische Heer.
Er liebte die Menschen. Er haßte Sergeanten
(das taten alle, die beide kannten).
Saß still auf dem Lande und angelte Fische,
Las ein paar harmlose Zeitungswische…

Spitzelmeldung. Da rücken heran
zwei Offiziere und sechzig Mann.
(Tapfer sind sie immer gewesen,
das kann man schon bei Herrn Schäfer lesen.)
Das Opfer im Badeanzug… Schuß. In den Dreck.
Wieder son Bolschewiste weg –!
Verbeugung, Kommandos, hart und knapp.
Dann rückt die Heldengarde ab.
Ein toter Mann. Ein Stiller, ein Reiner.
Wieder einer. Wieder einer.

Kurt Tucholsky




Hans Paasche, geboren 1881, wandelte sich vom hochdekorierten Kolonialoffizier zum überzeugten Pazifisten. Am 21. Mai 1920 wurde er von Soldaten eines Reichswehr-Schützenregimentes auf seinem Gut erschossen.




"Das Leid der geschändeten Natur war niemals, seit die Erde besteht, so groß wie jetzt, unter der nichtsschonenden Macht des Welthandels, des Verkehrs, der Industrie. Maßlos sind die im Nehmen, im Verschleppen und im Füttern ihrer Maschinen. Was irgend die Erde an lebender Schönheit und Pracht hervorbrachte, muß ihnen dienen. Solange noch eine Gazelle lebt, deren Fell auf dem Weltmarkt Wert hat, ein Wal im Eismeer, ein Paadiesvogel im Urbusch entlegener Inseln, solange ruht die geschäftige Betriebsamkeit nicht, gepaart mit menschenunwürdiger Gedankenlosigkeit und Kurzsicht. Nicht vor den letzten Trägern von Keimzellen irgendwelcher Art machen die Vernichter halt, die sich rühmen, Organ der Volks- und Weltwirtschaft zu sein. Die es nur sind, solange unter Wirtschaft das Ausbeuten ohne Rücksicht auf die Zukunft verstanden wird.

 Wo immer eine schützende Hand sich über lebende Naturschätze ausbreiten kann, da muß sie es jetzt tun. Alle wirtschaftlichen, alle künstlerischen Aufgaben können von den Menschen immer noch gelöst werden, und nichts ist verloren, wenn aber durch unsere Schuld Geschöpfe der Natur ganz vom Erdboden vertilgt werden, das ist nie wieder gut zu machen. Mit jeder Tierart, die uns von Urzeit bis hierher begleitet hat, die unserer Phantasie oft Nahrung war und uns in trüber Zeit wohl selbst zu Nahrung werden mußte, verschwindet ein Stück unserer selbst. Da helfe heute, wer helfen kann, und schütze im Tiere den Menschen."

Geschrieben von Hans Paasche in der Zeitschrift Der Vortrupp, 1912 (!)

Samstag, 6. Mai 2017

Else Lasker-Schüler: Das Peter Hille - Buch (Auszug)



Am 7. 5. 1904 verstarb in Berlin der noch nicht einmal 50 Jahre alte Dichter Peter Hille. Else Lasker-Schüler setzte ihm mit dem 1906 erstmals erschienen „Peter-Hille-Buch“ ein Denkmal.

 

Petrus der Felsen

 

Ich war aus der Stadt geflohen und sank erschöpft vor einem Felsen nieder und rastete einen Tropfen Leben lang, der war tiefer als tausend Jahre. Und eine Stimme riß sich vom Gipfel des Felsens los und rief: »Was geizst Du mit Dir!« Und ich schlug mein Auge empor und blühte auf, und mich herzte ein Glück, das mich auserlas. Und vom Gestein zur Erde stieg ein Mann mit hartem Bart- und Haupthaar, aber seine Augen waren samtne Hügel. Und kleine Kobolde kletterten über seinen Rücken und beklopften ihn mit ihren Hämmerchen und nannten ihn Petrus. Und wir stiegen ins Tal hinab, und der Mann mit dem harten Bart- und Haupthaar fragte mich, von wo ich käme – aber ich schwieg; die Nacht hatte meine Wege ausgelöscht, auch konnte ich mich nicht auf meinen Namen besinnen, heulende hungrige Norde hatten ihn zerrissen. Und der mit dem Felsennamen nannte mich Tino. Und ich küßte den Glanz seiner gemeißelten Hand und ging ihm zur Seite.

Petrus und ich auf der Wanderung

 

Als wir auf die Landstraße kamen, begegnete uns ein Mann mit einem kurzen schwarzen Bart, der trug ein großes Buch auf dem Rücken und er sagte, seine Seele trüge er also bei sich. Und als er das große Buch aufschlug, war es voll von eitlen Buchstaben, die sich reimten. Und da Petrus wieder stehen blieb und mit den jungen Bäumen sprach, die an beiden Seiten der Chaussee standen, geschah es, daß der Mann mit der eitlen Seele mich verleiten wollte, Petrus nicht zu folgen. »Er kennt die Wege dieser Erde nicht, und haltloser ist er noch tausendmal mehr, wie Du es bist, und zwei Herumtreiber wird man Euch aufhalten an der nächsten Ecke.« Aber ich hielt meine Blicke fest auf den Gefundenen gerichtet, wie auf ein leuchtendes Land, wie auf ein Himmelreich mit blauen Gärten. Und als der Mann sah, daß er nichts ausrichten konnte, begann er mich zu schmähen, bis er von einem Graben verschlungen wurde.

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 Petrus erinnert mich

 

»Nun sind wir ein Sternenleben zusammen gewandert,« – erinnerte mich Petrus – »und Du hast mir nie meinen Namen genannt.« Und ich sagte: »Jeder Nachtwolke, jedem Tag habe ich Deinen Namen genannt, und die Sonne hat ihm einen Altar gestickt ... und einmal wird mich ein Leben Menschen wie Mauern umschließen, die Deinen Namen hören wollen. Und meine Stimme wird ein Ozean sein. Du heißt wie die Welt heißt!« Petrus nickte, und als ich zu ihm aufsah, strahlten unzählige Firmamente aus seinem Angesicht und es war grenzenlos, und ich mußte mich abwenden, um nicht blind zu werden. Aber ich fühlte meine Kraft, die sich losstieß, und ich bäumte mich und streckte mich, und meine Augen blieben weit vor all der Majestät.

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Wir feiern eichenmetgolden den Sonnenwendtag

 

Über dem Waldboden liegt ein wolliger Moosteppich, mit blauen und roten Beeren bestickt, und die Sommerkrone hat sich der letzte nordische Frühlingssprößling aufgesetzt. Männer, halb entblößt, schleppen auf ihren breiten Nacken Fässer voll Met herbei und an den Stangen junge Eberböcke aus Onit von Wetterwehes Jagden und bepflanzen mit Spießen und Gerätschaften unsern grünen Saal. Und Raba und Najade sitzen, eine schwarze Fee und eine blonde Fee, am Rand des Waldes und weben aus Farnen und seidenen Gräsern Gewänder und binden aus Eichenlaub und wilden Rosen Girlanden und einen mächtigen Kranz für Petrus-Wotans Haupt; wie Sonnengehege hängt sein Bart über seine kantige Brust. Und auf meiner Schulter sitzt Klein-Pull und ruft den Jünglingen lauter bunte Einfälle entgegen. Über Bäche und Hecken setzend, nahen sie, mit Bärenhäuten bekleidet. Antinous sieht aus: ein verzauberter Sagenkönig, gelb strotzen die Locken seines Bruders, und Onits Augen eilen voraus, wie schlanke Jagdhunde. Und vor der Schar der Hornbläser schreitet Goldwarth, und zu beiden Seiten über die Waldwege zerstreut, springen Waldschrats, lachende Elfen im Arm tragend, und auch Tabak ist unter ihnen; aber die kleinen Waldfräuleins sträuben sich vor seiner Umarmung; er ist unrein, und sie tragen alle zauberweiße Morgenseide. Aber teilnahmslos blickt Gorgonos der Starre – sein Tänzer in Zitronenfalteratlas umtänzelt ihn, in seinen Ohren glitzern kostbare Ringe. Und ihm folgen die Adalinge, Ritter und Ritterinnen auf herrlichen Rossen und das rubinenäugige Zwillingspaar singend nebeneinander im Silbersattel. Weißgertens Lider sind geheimnisgroß geöffnet. Doch Bugdahans ungeschickte Füße stolpern über die buckligen Baumwurzeln, und neben ihm auf dem Stier reitet sein Vater, der greise Häuptling. Sein linker Arm hängt schlaff über dem Nacken des markigen Tieres. Feindliche Stämme hielten den gefürchteten Krieger als Geisel zurück, an einem Kokusbaum gebunden. Und als er Petrus-Wotan sah, weinte er vor Wonne. Und Petrus-Wotan bat ihn, mich zu segnen. Und Goldwarth hatte seine Mutter mitgebracht, die war von mädchenhafter Anmut, und Petrus sagte zu ihr: »Frouwe Emmelei, du bist so vil jung, ich wähn du seist mit deim son in der wiegen gelegen.« Und immer, wenn Petrus-Wotan die Arme zum Sturm anhob, schmetterten die Fanfaren. Und die Jünglinge bauten Altäre aus gefällten Stämmen und Ästen und ließen Opferrauch aufsteigen. Und die Elfen spielten um Petrus-Wotan Ringelkranz und die Waldschrats trieben ihre Neckereien. Und ich mußte mit dem Tänzer in Schmetterlingsgelb tanzen – wir waren nur Atem. Und in den mächtigen Humpen schäumte der goldträufelnde Honigtrank, und wir aßen das am Spieß gebratene Wild. Aber Petrus-Wotan vermißte Ben Ali Brom, den Jerusalemiter, und Raba, die Häuptlingsschwester, fing bitterlich an zu weinen: Bugdahan habe ihm die bleichen Wangen zerschlagen und ihm den Bart ausgerissen, weil seine Väter damals in Jerusalem die Schmach dem Tode vorzogen. Und der ganze Wald schüttelte sich mit uns vor Heiterkeit, und Gorgonos der Starre lachte, wie es an ihm die Schelmereien seines Tänzers nie vermocht hatten.

Und als der Tag vorübergerauscht war, erzählte uns Petrus-Wotan die Sagen des Nordens und weissagte, und es geschah: indessen eines seiner Augen vom Dunkel ausgelöscht wurde, sich das andere füllte und zwiefach strahlte – eine Mitternachtssonne. Und wir legten uns alle um ihn auf den weichen Waldboden und schliefen.

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Petrus und ich auf den Bergen

 

In der Stadt ging die Kunde, Petrus sei mit dem Knaben (sie nannten mich also) in der Nacht oben auf den Bergen vom Blitz erschlagen worden. Und es versammelten sich alle, die um ihn wußten, und noch viele, die ihn zu sehen begierig waren. Und als sie ihn lebend auf der Höhe erblickten, stießen sie in große Hörner und ließen Raketen zum Himmel steigen, die aufklangen unter dem Blau in bunten Sternen. Aber Petrus' Antlitz wurde immer verfaltigter und abgewandter, und es war, als wüchse es in den Himmel hinein und sein Bart hob sich über die Welt. Und ich lag wie ein Ring um seinen Fuß, der war wie Stein. Und Petrus redete zu den Lärmenden, aber ich hörte seine Worte nicht vor dem Dröhnen seiner Stimme; aber das Volk da unten an den Wassern horchte gebannt, und die Wälder ringsum rauschten noch lange und finster:

Der Abend ruht auf meiner Stirne,
Ich habe dich nicht murmeln gehört, Mensch,
Dein Herz nicht rauschen gehört –
Und ist dein Herz nicht die tiefste Muschel der Erde!
O, wie ich träumte nach diesem Erdton.
Ich lauschte dem Klingen deiner Freude,
An deinem Zagen lehnte ich und horchte,
Aber tot ist dein Herz und erdvergessen.
O, wie ich sann nach diesem Erdton ...
Der Abend drückt ihn kühl auf meine Stirne.


Petrus und ich auf den Bergen

 

Schon drei Tage und drei Nächte saßen wir da oben, und manchmal flogen Scharen von wilden Gänsen an uns vorbei und Stürme vertauschten sich über uns; wohin sie wohl rauschen mögen? Und wir spürten keine Sehnsucht nach dem Tal, aber braunverbrannt war unsere Haut, und dörr hing unser Haar über die Schultern herab, und nach Regen sehnten wir uns mit dem Boden, auf dem wir saßen. Und Petrus legte zum erstenmal seinen grauen Mantel ab, und ich sah, wie schmal seine Schultern waren, aber wie gewaltig sein Haupt stieg, wie ein Ruf aus der Höhe über die Erde. »Mit wem redest Du, Petrus?« Seine Lippen bewegten sich leise gegen Westen. »Ich rede mit dem Fernsten, der mich geleiten wird.« Und dann fragte er mich: »Was wirst Du tun, wenn ich auf einem andern Stern wandle?« Und als Petrus sah, wie traurig ich wurde, senkte er den Kopf und erzählte mir Träume und Märchen aus den Städten der Goldmutter.

Am liebsten hörte ich von der Lagunenstadt, der Lieblingsstadt meiner Mutter; dann stiegen Wohlgerüche auf, die mich einwiegten. Schon ihre Vorfahren mit dem Zeichen Davids waren die Gäste der Dogen gewesen. »Manchmal dünkt es mich,« sagte Petrus, »Du hast dieselben Augen meines tiefsten Traumes.« Auf seinem Herzen stand er geschrieben mit den Sternenlettern meiner Mutter, und die Gondolieri erzählen ihn heute noch den fremden Fahrgästen, wenn sie am St. Markusplatz vorbeigondeln. Vor seinem Dome steht St. Marco. Die golddurchäderte Marmorpalme zu seinen Füßen entfiel seiner Hand, als er aus seiner Nische trat und die fremde Signora segnete. Wie ein blauer Samtbaldachin hing der Himmel über dem Schalkwillen der Stadt. »Und die Sterne haben es sich am Abend erzählt,« sagte Petrus, »per omnia saecula saeculorum«. Und sein Blick versank in Tausendtiefen. Harte Falten umhüllten seinen Leib, und er war nur Gestalt und kein Körper mehr. Ich hatte ihn schon einmal so gesehen in meiner ersten Blüte Blut, ihn nur gefühlt unter lauschendem Herzschlag zwischen zärtlicher Nacht von seidiger Haut umwebt. Und ich fürchtete mich; er war ein Zauberer, und ich stürzte die Berge herab, mir voraus mein Herz, über die Wiesen und Hecken, und ein Turm war mein Kopf; ich konnte mich nicht wiederfinden – – – –

Es war im Spätfrühmonat 1903, als mich die Furcht vom Erdältesten vertrieb.

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Am Mittag

 

Und mein Herz war wie ein großer Sarg, aber ein Sturm erhob sich und zerriß das junge Laub der Wälder und schüttelte an die Felsen, und ihre Gipfel schwankten furchtbar. Und meine Haare flogen wie Trauerschleier über den See, immer weiter, bis über die Dächer der Stadt. Da legten sich zwei Arme tröstend um mich; sie trugen zerrissene Ketten – Sennulf der Kämpfer war es. Er hatte vom Kerkerfenster aus die Männer mit den ernsten, schwebenden Augen vorüber schreiten sehen und durch das dichte Linnen das schlafende Antlitz des Herrlichsten erkannt. Und in der Ferne sah ich die Jünglinge heraneilen, sie hatten mich nicht am Fuß der Berge vermutet. Und wir küßten uns alle auf den Mund und weinten.

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Er heißt wie die Welt heißt

 

Und als die letzten den kühlen Garten verlassen hatten und durch das lächelnde Petruswetter heimwärts wandelten, nahm ich von den Jünglingen Abschied: »Soll Dich nicht einer von uns begleiten?« Sie wußten, mich zog es nach dem Thron der Berge zurück. Und ich blieb drei Tage und drei Nächte. In den Nächten blickte ich in den größten Stern, in den seligen, goldenen Tempel, und am Tage wartete ich auf die Nacht. Und nur einmal näherte sich einer den Bergen (ich kannte ihn nicht); aber als er mich fand, bat er, meine Stirne küssen zu dürfen, da sie sein Bild trug. Aber ich zeigte auf den moosigen Stein der Höhe, auf dem Petrus so oft geruht hatte. Vor dem fiel der Fremdling nieder und betete in der Sprache seiner Heimat. Und am Morgen des vierten Tages schritt ich die Berge herab und mir nach viel schwer Geröll, und ich bog noch einmal den Pfad zu seinem Grabe ein. Unter dem weißen Traumkleide der Frühe umkreiste eine Schar tanzender Teufel sein Grab, und sie versuchten, sich zu verbergen, als sie mich gewahrten. Aber ich winkte ihnen, ihre Totenfeier zu beenden; es waren die treuen Negerknaben Onits von Wetterwehe. Auf dem Grabe blühten noch die Kränze der Trauernden, und die Blumen Rabas und Najadens standen voll von Tränen, und wie ein Beet duftete der Kranz seiner Lieblinge – er trug eine weiße Seidenschleife – darauf in Goldbuchstaben: Dem jubelnden Propheten. Und ich schrieb in die Erde:

Er heißt wie die Welt heißt.