Ich möchte in diesem Blog Werke von Dichterinnen und Dichtern einstellen, welche mir bei meinen Streifzügen durch die Welt der Poesie begegnet sind, und die mir gefielen. So wird dies ein ganz persönliches Kompendium, von dem ich mir dennoch erhoffe, dass es auch anderen Menschen Freude macht. Also, viel Spaß beim Stöbern wünscht Dingefinder Jörg Krüger.
Durch Disteln war der Gang zu dir, Verschlossen du im glühenden Kosmos Wie ein Patriarch inmitten Gottes.
Prunkend schienst du staubigem Wanderer, Verklärt und befriedigt, Ein heiliger Knecht der Erde; Und der Fremde fühlte sich fremder noch.
Goldene Leuchter troffen vom süßen Abend, Um die Leiter letzten Sonnenstrahls Wirbelten geschäftig die rosa Engel, Und die Nymphen, deine Töchter, Hingen ihre silbernen Leiber um deine Lade.
II
Ein Veilchen fiel Mir plötzlich wie ein blauer Stern zu Füßen: Ich trug es in den goldnen Abend hin.
Wir beide mit unsern Augen Leuchteten uns an und loderten gewaltig: Wir beide hätten so gern geschrieen und geküsst:
Aber unsre Sprache war so schwach: Und die Liebe so unsagbar traurig! Wir welkten und starben auseinander.
III
In deinen Tiefen aber, Aus feuchten Augen gleichen Geistes dunkelnd, Warst du mir ebenbürtig, Wald!
O, dein Geschöpf zu sein, Nichts als ein Ton der Erde, Der Schmetterling ein bunter Tropfen Sonne, Und schlanke Füchse Mit starkem Blut aus nahen Büschen fühlen: Hingabe sein und brüderlicher Friede!
In deinen tiefen Tieren warst du mir geheiligt. Und ich ergab mich dir, Ging groß in Trieb und Düften auf.
Iwan Goll, aus: Menschheitsdämmerung, Symphonie jüngster Dichtung, Herausgegeben von Kurt Pinthus, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1920
Iwan Goll, auch Yvan Goll, geboren am 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich, gestorben am 27. Februar 1950 in Paris, „hat keine Heimat: durch Schicksal Jude, durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier als Deutscher bezeichnet.
„Iwan Goll hat kein Alter: seine Kindheit wurde von entbluteten Greisen aufgesogen. Den Jüngling meuchelte der Kriegsgott. Aber um ein Mensch zu werden, wie vieler Leben bedarf es. Einsam und gut nach der Weise der schweigenden Bäume und des stummen Gesteins: da wäre er dem irdischen am fernsten und der Kunst am nächsten“. (Iwan Goll über sich selbst)
„Das Besondere in Leben und Werk dieses Schriftstellers wird in seinen Gedichten, Dramen, Romanen und publizistischen Arbeiten deutlich: aus ihnen spricht die Tragik eines Daseins, das sich nicht erfüllt hat und nicht erfüllen konnte. Zwar gelang es Goll immer wieder, den Anschluss an die bewegenden künstlerischen Strömungen seiner Zeit zu finden, doch wurde er nie zu den ganz „Großen“ gezählt.“
aus: Ausgewählte Gedichte, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, Klappentext, 1982
Verheiratet war Iwan Goll mit der Dichterin Claire Goll, geboren als Klara Aischmann (1890 - 1977)
Sei mir freundlich, liebe Zeit! Bleibe bunt, wie du gewesen. Mach mich keines Wehs genesen, Eh du es zum Bild geweiht. Abendgold und seliges Blau Lass mich nicht allein behalten. Sollst ein gutes Wort gestalten Einer lieben süßen Frau. Was da ringt und was da zwingt, Schauer und beglücktes Lachen - Alles sollst du bleibend machen, Bis mein Blut es trunken singt. Der Minuten Angesicht, Die verzerrten und verklärten, Die verstoßenen und begehrten, Mache dauernd im Gedicht. Schreibe alles auf in mir. Lass mich Grund sein deiner Flüsse. Wolken, Klänge, Düfte, Küsse Im Gebild´ bewahr´ ich dir.
Frühlingsmittag im Park
. . . Und die Menschen gehen wie im Kreise, So, als endete dies Gehen nie. Sind nur Landschaft noch; die liebe, leise Sonne bringt ein Bleibendes in sie. Nie mehr schweigt die Amselmelodie. Alles ist für immer schon gegeben. Herzen, die sich jetzt zur Sonne heben, Wachsen ganz und sinken nie. Goldlack und Levkojen um die Teiche, Wo das ewig junge Wasser grünt, Grüßen lächelnd aus dem Liebesreiche Mit Erinnerungen, lang gesühnt. Alles Kommende ist längst vergangen. Still geht das Gewesene im Blut. Ewiger Frühlinge lichte Zweige langen In die Himmel - und der Weltraum ruht.
Endlich langt die dunkle Erde. . .
Endlich langt die dunkle Erde, Schwarze Wipfel, schwarze Gipfel, Eine stille Traumgebärde In das milde tiefe Blau. Schläfernd spricht der Bach am Hange. Windhauch seufzend ist erwacht. Liebe Schönheit, noch wie lange? Aber eh ich ganz erbange, Segnet goldnes Licht die Nacht.
Wanderlied
Mir liegt ein Schatten im Mute, Indes mein Fuß schon weiterzieht. Und doch hab´ ich im Blute Ein kleines, leises Wanderlied. O Frauen ihr, o Wege, O Stimme, die so lang schon rief! Du Stimme, die doch träge So manchen Wandertag verschlief! Von allen Straßen greifen Die Fernen in die Seele mir. O Wald, o Wolkenstreifen! In meinem Herzen reifen Die weiten Straßen für und für.
Aus: Emil Alphons Rheinhardt: Stunden und Schicksale, Hugo Heller Leipzig und Wien 1913
Emil Alphons Rheinhardt, geboren 4. April 1889 in Wien, gestorben 25. Februar 1945 im KZ Dachau an Fleckfieber, war Lyriker des Wiener Expressionismus, Lektor und Schriftsteller.
Die einzige Lust in jenem armen Weibe, Die Blumen ihres Gärtleins anzusehn; Da kommt die Bürgersfrau – zum Zeitvertreibe Bleibt an der Gartenwand sie sinnend stehn.
"Was sollst du nutzlos diese Blumen hüten? Gib mir die Blumen, kauf dafür dir Brot!" – Wie schwer es ihr auch wird, sie gibt die Blüten Der Frau dahin, denn bitter drängt die Not.
Und ich gedachte manch verlornen Strebens – Wie mancher gab schon mit enttäuschtem Sinn Die Ideale für die Not des Lebens, Das höchste Gut für niedrigsten Gewinn.
Joseph Kitir, Lyriker und Schriftsteller, Pseudonym Edwin Flug, geboren am 11. 2. 1867 in Aspang (Niederösterreich), gestorben am 23. 7. 1923 in Wien. Er war einige Zeit als Journalist in München tätig und lebte ab 1889 als freier Schriftsteller.
Zum Andenken an den Dichter und Kleinbauern Christian Friedrich Wagner, geboren am 5. August 1835 in Warmbronn; gestorben am 15. Februar 1918 ebenda
Kannst du wissen?
Kannst du wissen, ob von deinem Hauche Nicht Atome sind am Rosenstrauche? Ob die Wonnen, die dahingezogen, Nicht als Röslein wieder angeflogen? Ob dein einstig Kindesatemholen Dich nicht grüßt im Duft der Nachtviolen?
„... er fühlte die tiefe Zusammengehörigkeit zwischen Tier, Mensch und Pflanze, Stein und Stern. Und er liebte das alles. ... Er war dogmenlos fromm. ... Er war allerdings ein Landmann; er hat die Natur gekannt, aber das Hälmchen war ihm kein Anlaß, 'Duliöh!' zu schreien oder ein knallig angestrichenes Gemüt leuchten zu lassen. Er war ein in sich gekehrter Künstler und wohl wert, daß wir ihn alle läsen und verehrten.“ (1919)
Kurt Tucholsky
Seine Stellung zur Kriegslyrik war eindeutig, wie aus einem Brief an Hermann Hesse hervorgeht: Nachdem er schon mehrfach „um Kriegslieder angegangen worden“ sei, schreibt er weiter: „das Heldentum des Nitroglyzerins erkennen wir [Dichter] nicht an!“ Als der befreundete Dichter und Kriegsdienstverweigerer Gusto Gräser aus Deutschland ausgewiesen werden sollte, setzte er sich für ihn ein. Der spätere Dadaist Johannes Baader besuchte ihn 1916 in Warmbronn und hielt daraufhin begeisterte Vorträge über Wagner.
Er leidet sehr unter dem fortgesetzten Kämpfen und Töten und wünscht sich, Eremit zu werden. „Ich beklage, dass es in Deutschland keine Wälder mehr gibt, wie im Mittelalter, zur Zeit der Eremiten, in die hinein ich mich verkriechen könnte, um dort nur noch mit frommen Tieren zu leben.“
„Lieber ein barmherziger Heide als ein unbarmherziger Christ“
Christian Wagner
(Zum 75. Geburtstag des Dichters)
Die Erde gab ihm ihre reinen Früchte Aus freier Hand. Auf offner Flur Gedieh er wetterhart und bot die Stirne Den Stürmen und dem Frieden der Natur.
Bei Pflug und Sense blichen seine Haare, Und unter ein bescheidnes Hüttendach Trat er am Abend, Wo er das Brot auf blankem Tische brach.
Wie ein Eremit im Walde, seine Krumen Mit Tieren teilend, die ihn stets umgeben, Und mit Verstorbenen im Bunde, Verkündet er das seelenhafte Weben, Das lichtvoll, über einem dunklen Grunde, Verkettet Menschenlose, Tiere, Blumen.
Hedwig Lachmann, geboren am 29. August 1865 in Stolp, Pommern; gestorben 21. Februar 1918 in Krumbach), Dichterin und Übersetzerin von unter anderem Edgar Allan Poe und Oscar Wilde. Ihrem zukünftigen Ehemann, dem Anarchisten Gustav Landauer begegnete Lachmann zum ersten Mal 1899 bei einer Lesung im Haus von Richard Dehmel. Richard Dehmels Kriegsbegeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 führte jedoch dazu, dass Lachmann ihm die Freundschaft aufkündigte.
Im März 1903 ließ sich Gustav Landauer von seiner ersten Ehefrau scheiden, um Hedwig Lachmann im Mai 1903 zu heiraten. Am 21. Februar des Jahres 1918 starb Hedwig Lachmann an einer Lungenentzündung.
Die Illustration Christian Wagner nach einer Zeichnung von H. Schroedter ist aus der Zeitschrift Die Gartenlaube von 1895
Aus dem Antiquariat - Akzente 5. Jahrgang 1958 bis 1961
Akzente ist eine Literaturzeitschrift, die 1953 von Walter Höllerer und Hans Bender gegründet wurde. Sie erscheint seit dem Februar 1954 im Carl Hanser Verlag, München, bis 2014 alle zwei Monate, seither vierteljährlich, mit dem Untertitel Zeitschrift für Dichtung, später Zeitschrift für Literatur. Schwerpunkte sind Lyrik und kurze Prosa.
1974 wurde Akzente 1. Jahrgang 1954 bis 20. Jahrgang 1973 in einer siebenbändigen Dünndruckausgabe (mit einem Gesamtinhaltsverzeichnis von Karl Rudolf Pigge) bei Zweitausendeins neu aufgelegt. Ich erinnere mich daran, dass diese Ausgabe in aller Vollständigkeit im Bücherregal einer Wohngemeinschaft, in der ich lebte, zu finden war. Ich blätterte gerne darin, besonders in den frühen Jahrgängen, und ich weiß noch, dass ich in einem diese etwas unhandlichen und durch den kleinen Druck schwer leslichen Bände, nur als ein Beispiel, das erste Mal auf Übersetzungen von japanischen Haiku gestoßen bin.
Doch auch sonst luden diese Bände zum Querlesen ein, und es war immer wieder etwas zu finden für mich dabei. Wie auch jetzt wieder, wo ich den fünften Jahrgang in den Händen halte. Ich blättere darin und werde immer wieder fündig, mir begegnen Namen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die mir ohne dieses Kompendium ziemlich sicher kaum begegnet wären. Als ein Beispiel blieb ich bei diesem Werk hängen:
Pro Domo
Beuge dich, setz auf die Hand locker den Regen des Herzens. Tanze, ein Spektrum von Sonne und Laub kühlt dir die trunkene Stirn.
Löse die Wünsche von Fron, verpflichte die Kargheit des Leinens, einzuhüllen den Zorn, einzubehalten den Hauch.
Es fängt sich der Stern in den Knoten eines einzigen farblosen Haars jenseits von Goldgrund und Schlamm, den Trutzgebärden des Blutes.
Folge nur diesem Duft. Singbar wölbt sich dein Schritt über den Herd in das Dunkel einer geweissagten Brunst.
Dort ist die Mitte des Haders, die Feier, die wahllos versehrt, wie deine Hände entbanden ein locker regnendes Herz.
Lothar Klünner
Geboren 1922 in Berlin, lebt dort als Schriftsteller, lautet die knappe Angabe zu diesem Autor. Wiki weiß wieder einmal mehr:
Lothar Klünner (* 3. April 1922 in Berlin; † 19. Oktober 2012 ebenda, alias Leo Kettler, Schriftsteller und Übersetzer literarischer Texte aus dem Französischen.
Lothar Klünner studierte Theologie, später Kunstgeschichte in Tübingen und Berlin. Schon in frühster Jugend schrieb er Gedichte. Seit 1946 übersetzte er v. a. René Char, Paul Éluard, Guillaume Apollinaire, Iwan Goll. Viele Übersetzungen entstehen in Zusammenarbeit mit dem Dichter Johannes Hübner.
Von 1948 bis 1949 war er Mitarbeiter an der Kulturzeitschrift Athena. Seine ersten Gedichten und Prosastücke wurden in der von K.O. Goetz herausgegebenen Kunst- und Literaturzeitschrift Meta veröffentlicht. Seit 1949 war er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin tätig. Lothar Klünner arbeitete 1949 bis 1950 an den ersten Berliner Nachkriegskabaretts der Badewanne in der Femina Bar mit (Badewanne, Rationsstrich und Quallenpeitsche). Bei einem Aufenthalt in Frankreich begegnete er 1951 René Char, mit dem er über Jahrzehnte freundschaftlich verbunden blieb. Seit 1955 verdiente er seinen Lebensunterhalt vor allem als Autor für den Rundfunk, vor allem für RIAS Berlin und SFB, für die er etwa 1000 kleine und große Rundfunksendungen produzierte. Nach einem ersten eigenen Gedichtband (Gläserne Ufer, 1957) folgte die Mitherausgeberschaft des Jahrbuchs Speichen (1968–1971), das in der Öffentlichkeit allerdings kaum wahrgenommen wurde. Nach dem Tod seines Freundes Johannes Hübner gab Klünner den Johannes Hübner-Gedenkband Im Spiegel und mehrere postume Ausgaben der Gedichte Hübners heraus. Die von Johannes Hübner begründete Jeanne-Mammen-Gesellschaft verdankt ihren Erfolg auch der Mitarbeit von Lothar Klünner.
Lothar Klünner gehörte zu den wenigen deutschsprachigen Autoren, die sich bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs an der Literatur der internationalen Moderne, insbesondere der französischsprachigen Literatur orientierten und die Erfahrungen des Surrealismus verarbeitet haben. Als Nachdichter und Übersetzer hatte er großen Anteil an der Verbreitung der Texte des Surrealismus im deutschsprachigen Raum. Zum "literarischen Establishment" bewahrte Klünner Distanz.
Nach der Publikation der Sammlung Stumme Muse submarin (1997), die eine Auswahl von Liebesgedichten aus fünf Jahrzehnten Dichtung enthält, veröffentlichte er weitere Lyrikbände, so den Band Geerdet mit Gedichten aus den Jahren 2000 bis 2005.
Das alles klingt für mich interessant genug, um mich näher mit diesem Autor zu beschäftigen. So hat sich schon jetzt das Stöbern gelohnt, und dabei habe ich doch gerade erst damit begonnen, in diesem Band zu lesen. . .