Dienstag, 15. Januar 2019

Isaac Schreyer: Häuser vor dem Regen / Klage

Edvard Munch (1863 - 1944): Herbstregen


Häuser vor dem Regen


Sie lassen keine Helle herein:
Nebel fasert mit feuchten Händen
silbrige Fäden aus Dämmerschein
und spannt sie kühl über die lauschenden Wände.

Ducken die Häuser sich tief nach innen,
bücken sich, lauschen, ob nicht in den Rinnen
tönende Kunde von draußen erwacht; -
ob nicht wohl irgend auf dämmrigen Stufen
Schritte flehen und flüsternde Rufe: -
ob nicht vielleicht auf den Giebeln und Dächern,
ob nicht wo in den Luken und Löchern
sickernde Tropfen sich breit gemacht ...

Nun wagt kein Fenster hinauszublicken,
alle sind blind. -
Angst flügelt über ihnen wie Wind,
will sie packen, will sie umstricken:
Erst locken sie leise
mit Tropfen am Rand,
mit rinnenden Weisen
und glitzerndem Tand. -

Es schließen sich drin in den Zimmern die Klinken,
an Türen und Toren knarren die Riegel;
Schwermut preßt ihr dunkles Siegel
in jedes Auge, auf jeden Mund
und läßt es fernher flatternd blinken. -
Da werden die Stimmen verschwiegen und leise,
Regen rauscht schwermütige Weise ...


Klage

Schwermut hieß unsere Amme;
Frühe schon säugt sie uns
Mit der bittern Milch unserer Kindheit.

Wir sind die Eulen
Auf den Ruinen des Lebens. –

Tags der vermoderte Glanz der Städte,
Erblindet im Schein des Nichts,
Also wachen wir auf zur Nacht
Und heben die Klage an.
Die hehre Klage herben Verzichts
Und greisen Abschieds. –

Wer sargt unsere Hoffnung ein
Und wer die lieblichen Auen der Träume,
Wenn fromm unser Auge grast
Auf den grünen Triften des Glücks
Und fern dem drohenden Ruf
Des härtesten Hirten.

Eisig umflügelt uns wehe Erkenntnis.
Mit fiebernden Händen
Retten wir taumelnd
Die Scherben unserer zerfallenen Welt. –

Isaac Schreyer, Lyriker und Übersetzer, geboren am 20. Oktober 1890 in Wiżnitz (Bukowina); starb am 14. Januar 1948 in New York an einer Herzattacke.

„Schmal ist sein Werk an Umfang, doch seelische Reinheit und innerer Ernst gehen ihm nicht ab. Schwermütig tönen seine Melodien, und durch den Fall der freien Strophen kann man fast die Melismen und Kadenzen von alten Ritualgesängen mitschwingen hören. Expressives und Hymnisches waltet vor. Hölderlin und Trakl heißen Schreyers Götter, doch münden ihre elegischen Stimmen immer in den gewaltigen Orgelschwall der biblischen Psalmen, so daß aus allen drei Elementen schließlich doch ein Neues, unzweifelhaft Eigenartiges entsteht.“

Ernst Waldinger über Isaac Schreyer

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