Montag, 28. Oktober 2024

Elsa Bernstein: Die Rose

 



Die Rose


(Zu dem Bilde von Nonnenbruch.)

Noch ist sie schön. Doch Doppelglühen
Welkt ihrer Blätter zarten Rand:
Der schwere gold´ne Blick der Sonne,
Der heiße Druck der braunen Hand.

Noch duftet sie den Blumenathem
Zur nahen Hand, zu fernen Höh´n,
Und mattend in ihr Sommersterben
Neigt sie das Haupt - noch ist sie schön.

Ernst Rosmer, Pseudonym von Elsa Bernstein, aus: Die Kunst unserer Zeit, eine Chronik des modernen Kunstlebens, Franz Hanfstaengl Kunstverlag, München, 1892

Elsa Bernstein, geboren am 28. 10. 1866 in Wien, gestorben am 12. 7. 1949 in Hamburg, arbeitete kurze Zeit als Schauspielerin, musste diesen Beruf jedoch aufgrund eines Augenleidens aufgeben. Im Jahr 1890 heiratete sie den Rechtsanwalt und Schriftsteller Max Bernstein, der Staranwalt der politischen Opposition im Kaiserreich. Während der 1880er war er Anwalt der SPD und konnte in spektakulären Prozessen die Unhaltbarkeit der im Sozialistengesetz erhobenen Vorwürfe nachweisen. Er verteidigte Maximilian Harden (und wurde von Wilhelm II. als "gemeingefährlich" bezeichnet),Erich Mühsam, Felix Fechenbach und andere.

Zusammen mit ihrem Mann unterhielt Elsa Bernstein einen künstlerisch-literarischen Salon, den sie 1939 einstellen musste. Die Möglichkeit, 1941 in die USA zu emigrieren lehnte sie ab, da ihre Schwester Gabriele keine Einreisegenehmigung erhielt. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie am 25. Juni 1942 zunächst nach Dachau und bereits am 26. Juni 1942 gemeinsam mit ihrer Schwester Gabriele in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Gabriele Porges kam im Ghetto Theresienstadt um, Elsa Bernstein wurde dort Anfang Mai 1945 befreit.

Max Nonnenbruch (1857 - 1922), Maler der Münchner Schule, die Illustration ist aus dem gleichen Band.

Sonntag, 20. Oktober 2024

Thekla Merwin . Mutter Erde

 



Mutter Erde

Wenn die Stunde schweigt und die Stille tönend wird,
Nur ein Falter sonnentrunken erdwärts irrt,
Wie das Brausen eines Meeres tönt in klare Luft,
Wie der Atem eines Gottes schwillt der Blumenduft.

Und ich fühle mich der starken Erde tief verwandt
Wie ein Kind, das seinen Weg zur Mutter fand,
Und ich schmiege mich an deinem dunklen Schoß,
Erde, Mutter, fruchtbar, liebevoll und groß!

Was ich liebe heißt nicht Vater-, sondern Mutterland,
Mutterland, das alle Menschen gleich umspannt,
Das uns unsre Nahrung reicht in voller Saat,
Und uns schlafend nimmt, wenn unsre Stunde naht.

Thekla Merwin, aus: Arbeiter-Zeitung vom 19.9.1926

Thekla Merwin, österreichische Schriftstellerin, wurde am 25. April 1887 in Riga geboren.

1911 erschienen Merwins erste Publikationen, anfangs noch gezeichnet mit Thekla Merwin-Blech. Sie veröffentlichte Gedichte, Feuilletons, kurze Prosawerke und Dialoge in dutzenden Zeitschriften und Zeitungen, eine selbstständige Publikation kam jedoch nicht heraus. 1933 wurde sie Mitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Thekla und Magda Merwin wurden am 24. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Mit dem Transport vom 19. Oktober 1944 wurden Mutter und Tochter ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht und am 20. Oktober 1944 in der Gaskammer des Krematoriums III ermordet.

Das Bild ist von Annie Swynnerton (1844 - 1933)

Freitag, 18. Oktober 2024

Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke aus einem Brief an Mathilde Vollmoeller

 



Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke aus einem Brief an Mathilde Vollmoeller:

Mathilde, deine Augen, tief und klar, wie Sterne, die im Dämmerlicht erwachen,
sie flüstern mir von fernem Wunderjahr, und Schatten fliehen vor dem Sorgemachen.
In deinem Blick liegt eine leise Trauer, die Melancholie vergangener Zeiten,
wie eine Rose in des Herbstes Schauer, der letzte Blütenblätter sanft entgleiten.
Dein Lächeln, still wie eines Engels Traum, verhallt in dieser Welt voll Hast und Drängen,
ein Hauch von Ewigkeit im Weltenraum, wo Seelen sich im Sternenstaub vermengen.
Dein Wesen ist ein zartes Licht, das durch die Finsternis der Welt uns leitet,
ein Funke Hoffnung, der im Dunkeln bricht, wenn Sehnsucht uns im Innersten bestreitet.
Ersehnte, Lied in stiller Nacht, das sanft den schweren Geist umschwebt,
dein Dasein wie ein Flügelschlag erwacht, der in die Unendlichkeit des Seins erbebt.

In ewiger Zuneigung
Dein Rainer Maria


Hier der vorausgehende Text des Briefes:

Florenz, im März 1908

Meine geliebte Mathilde,

jeder Tag ohne Dich scheint mir wie eine Ewigkeit, ein unermesslicher Raum, der nur von der Sehnsucht nach Dir gefüllt wird. In den stillen Momenten, wenn die Welt um mich her verstummt, höre ich das Echo Deines Lachens, das wie ein zarter Windhauch meine Seele umweht.

Dein Bild ist in meinem Herzen eingraviert, und Deine Anwesenheit umgibt mich wie ein unsichtbarer Schleier, der mich vor der Härte der Welt schützt. Deine Augen, so tief wie die unergründlichen Meere, schenken mir einen Halt, der mich durch die stürmischsten Tage trägt. Deine Stimme, ein melodisches Flüstern, beruhigt meinen rastlosen Geist und lässt mich die Schönheit in den kleinsten Dingen erkennen.

Mathilde, Du bist die Muse meiner Gedichte, der Atem meiner Inspiration. In jedem Vers, den ich schreibe, fließt Deine Essenz mit ein, wie ein Fluss, der sein Ufer nährt. Ich erinnere mich an die Abende, die wir in Paris zusammen verbrachten, an denen wir die Kunst in all ihren Formen zelebrierten und die Zeit sich in einem Tanz verlor, der nur für uns beide existierte.

Ich sehne mich nach dem Tage, an dem wir uns wiedersehen werden, wenn ich Deine Hand in meine nehmen kann und wir gemeinsam den Pfad der Wollust beschreiten. Bis dahin bleibt mir nur der Trost Deiner Briefe, die ich mit unendlicher Freude und einem Hauch von Traurigkeit lese, da sie nur ein Schatten Deiner wirklichen Gegenwart sind und mir nichts bleibt, als mir selbst die Hand anzulegen. Ach, Geliebte …

Ich hoffe, dass diese Zeilen Dich erreichen und Dein Herz erwärmen, wie Deine Worte es immer für mich tun. Bleib stark, meine Liebe, und wisse, dass meine Gedanken stets bei Dir sind, egal wie weit wir voneinander entfernt sein mögen. Als kleine Geste meiner diskreten Sehnsucht sende ich Dir wiederum einige Verse. Mögen sie Dein Wohlgefallen finden!

Aus: Rilke Forum, Juni 2024 (das Original befindet sich derzeit unter Verschluss im Graphologischen Institut der Universität Jena)

Mathilde Vollmoeller-Purrmann, geboren am 18. Oktober 1876 in Stuttgart; gestorben am 17. Juli 1943 in München, Malerin der Moderne. Sie war ab 1912 die Ehefrau des Malers Hans Purrmann.

Mathilde Vollmoeller unternahm literarische und musikalische Versuche. 1897 zog sie nach Berlin zu ihrem Bruder Karl Gustav, der dort studierte, und nahm Unterricht in Malerei bei Sabine Lepsius und Leo von König. Im November 1897, als Stefan George zum ersten Mal im Hause des Malerehepaares Sabine und Reinhold Lepsius in Berlin aus eigenen Werken las, lernten sich Rainer Maria Rilke und Mathilde Vollmoeller kennen. Die aus 99 Briefen bestehende Korrespondenz zwischen Mathilde Vollmoeller und Rainer Maria Rilke, die mit ihrem Umzug nach Paris 1906 einsetzte und bis 1920 andauerte, wurde als Buch herausgegeben.

Thomas Theodor Heine, der Mitherausgeber des Simplicissimus, hatte schon früh den Zorn der Nationalsozialisten auf sich gezogen. 1933 stand er deshalb auf den Verhaftungslisten der Gestapo. Heine floh von München nach Berlin, wo ihn die Familie Purrmann einige Wochen in ihrer Wohnung versteckte. In dieser Zeit verstarb ein entfernter Verwandter Mathilde Vollmoeller-Purrmanns in Graz. Sie reiste dorthin und brachte dessen Reisepass mit. Hans Purrmann präparierte diesen dann so, dass Heine damit nach Prag ausreisen konnte. Nach 1935 ging das Ehepaar ins Exil nach Italien.

Mathilde Vollmöller ist eine der Schwestern von Karl Gustav Vollmoeller.

Das Portrait der Künstlerin ist von Sabine Lepsius (1864 - 1942)

Freitag, 11. Oktober 2024

Anna Louisa Karsch: Überwintern

 




Überwintern

Das Moos, es bleibt,
wenn all die Blumen schon gestorben,
tief unter Schnee noch unverdorben.
Wie ähnlich ist es mir!
Tief lag ich unter Gram.
Viele schwere Jahre lang,
und als mein Winter kam,
da stand ich unverwelkt
und fing erst an zu grünen.

Anna Louisa Karsch (1722 - 1791)

Johann Wilhelm Ludwig Gleim erklärte sie zur deutschen Sappho und bereitete 1761 ihre feierliche Dichterkrönung in Halberstadt vor; ab 1785 las er Gedichte von ihr auch in der Literarischen Gesellschaft Halberstadt vor. Bis 1762 finanzierten Förderer das Leben der Karschin in Halberstadt und Magdeburg. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin musste sie ihren Lebensunterhalt wieder selbst finanzieren und litt bittere Not. Daniel Chodowiecki unterstützte sie in dieser Zeit mit der Gestaltung von Miniaturbildnissen, die sie mit Poesie vervollständigte. Gleim veranlasste die Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbandes Auserlesene Gedichte, der ihr ein kleines Einkommen ermöglichte, aber von der Kritik vielfach verkannt und verrissen wurde. So finden sich darin neben gefälligen Gelegenheitsversen ergreifende Klagen über ihr schweres Leben und immer von Rückschlägen gefährdetes Schicksal,

Das Bild „Die Erstarrung“ ist von Herbert von Reyl-Hanisch (1898 - 1937)