7
Wer bist du, Blume, die ich nie geschaut?
Mein Flüstern will dir einen Namen geben.
Drei klare Tropfen dir im Kelche beben.
Sind sie von Gottes Wimper abgetaut?
Ich bange sehr vor meiner Stimme Laut
und wage nicht, sie klingend zu erheben.
Vielleicht bist du nur Traum und wirst entschweben,
wenn ich dir Worte sag, wie einer Braut.
Vielleicht ist deiner Farben Übermaß
nur meines trunknen Blickes Lichtverlangen.
Bist du ein Glück, das ich schon lang vergaß?
Hab ich mit dir Verlorenes empfangen?
Ich wende mich und geh durch feuchtes Gras
und fühl noch deinen Hauch an meinen Wangen.
8
Was will mein Bangen, Wind? Dein Hauch ist lau:
doch meine Wangen brennen. Dieser Schimmer
auf euch, ihr Lieblingsblumen, sind es immer
noch meine Tränen, oder ist es Tau?
Du Wiesenpfad, dem ich mich anvertrau,
wo führst du hin? Ich hab in meinem Zimmer
ein Lied gehört und ich errate nimmer,
sang es im Tale, sang des Himmels Blau.
War es ein Singen der Vergangenheit,
das mir erklang, daß es mich traurig mache?
Hat Künftiges schon meinen Sinn berührt?
Was will mein Bangen? Bin ich nicht gefeit,
wohin auch immer mich der Weg entführt?!
O Wind, o Baum! Ich lache, ja, ich lache.
9
Das Zarte ward zur Macht, und reißend schwillt
ein Strom aus Tau. Ein Sturm aus Blumendüften
saust um des Berges Gipfel und in Klüften.
Die Stille ward ein Rufen, heiß und wild.
Aus bleichen Schatten ward ein Purpurbild,
gemalt auf Himmel. Qual entstieg den Grüften
und ward ein lichtes Singen in den Lüften.
Mein Herz von tausend Herzen überquillt.
Wie bin ich bang des Zaubers und beseligt
von dem, was ich entfesselte, befehligt!
Es kam ein großer Frühling in die Welt.
Ich sah sein Blühn in meines Traumes Wähnen
und seine Wurzeln tränkte ich mit Tränen,
von Gott in meine Einsamkeit gestellt.
Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921
Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.
„Sie sagten ferner, daß auf einer der beiden, hier vorhandenen Einsiedeleien sich ein vornehmer französischer Cavalier, namens Renato, als Einsiedler . . . befände“ (Cervantes, aus: Irrfahrten des Persiles und der Sigismunda, eine nordische Geschichte, Cervantes sämtliche Werke, Leipzig 1825)
Das Bild ist von Séraphine Louis, geboren am 2. September 1864 in Arsy, Oise, französische Malerin, sie zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der „Naiven Kunst“ in Frankreich. 1932 wurde bei ihr Schizophrenie diagnostiziert und sie in einer Psychiatrie in Clermont untergebracht. Total vernachlässigt aufgrund des während der deutschen Besetzung für „Irrenanstalten“ angeordneten Versorgungsnotstands, verhungerte Séraphine Louis 1942 im Alter von 78 Jahren.
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