Sonette des Zurückgekehrten (1919)
Dies ist wie Grab. Schwarz sinken Schatten
auf meine aufgebäumten Schultern nieder,
der bleiche Himmel fällt und ein Gefieder
von Dunkelheiten will mich ganz ermatten.
Die Bäume stehen still - freudlose Lieder
erfüllen alle Luft. Durch morsche Latten
kriecht Unkraut zügellos im tiefen Schatten.
Blaß spiegeln Pfützen tränenfeuchte Lider.
Verschüttet ist mein Mund, ich kann nicht schreien
ich gehe durch die Straßen ohne Licht
in fremde Augen meinen Schmerz zu streuen
bis ihn ein falsches Lächeln ganz zerbricht.
O Stern, der durch die Nacht der Erde gütig scheint
verhüll mein Angesicht das schreilos weint.
* * *
Verhüll mein Angesicht das tränenlos
Empörungsstille, ich will dies erleiden
will jeden Schmucks und Trostes mich entkleiden
bis daß der Himmel wieder weit und groß.
Den Lärm der Hoffnung will wie Gift ich meiden.
die Macht verachten, bis sie nackt und bloß
zurückgefallen in der Güte Schoß,
in deren Falten milde Sonnen weiden.
Die Erde hat ihr Innerstes erbrochen
an ihrem Schachte stehen Tote still.
Ich stehe lauschend bis die Stunde reift
die nach dem Sitze meines Schmerzes greift.
* * *
Im bleichen Saale rauchen die Grimassen
um meine Einsamkeit wie Nebelwehen
hinter Gesichtergittern letzte Seelen stehen
indeß Verirrte Ordensbänder fassen.
Auf Winterfelde wie ein Busch von Schlehen
will bittere Beeren streuend ich nicht lassen
von meiner Trauer bis in allen Gassen
die Menschen zornentbrannt im Lichte stehen.
Auch Zarte, die im halbvergessnen Scheine
einst vor mir stand und Gnade auf mich goß
sei fremd mir wie im süßgemischten Weine
die Färbung die nicht aus der Traube floß.
Wohl zuckt in meinem Innern eine Flamme
doch sie gehört dem Volk wie Blitz dem ganzen Stamme.
* * *
Ich habe Tage lang so hingesessen
wie eine Frau die nie Liebe sah
wie einer Lichtbetrogenen geschah
mir diese Zeit vom Wahnsinn ganz besessen.
Die alten Wälder standen um mich da
wie von der Ewigkeit im Spiel vergessen
wie um den Unterschied an mir zu messen
flogen die Vögel meinem Haupt ganz nah.
Ich will in ihre Schwingen taumelnd greifen
verführt von süßem Traum und leichtem Flug
ihr banger Schrei läßt mich den Trug begreifen -
Wer war es der so tief mich niederschlug?
Umfängt Natur mich oder zimmerkranke Wände:
geschändet ist das Sein durch Menschenhände.
* * *
Die Wolken gehen tief die Blätter klagen
im feuchten Laube raschelt leis mein Tritt
an meinen kalten Händen schreiten Tote mit
indeß die Bäume dunkel um uns ragen.
Über die Wipfel rauscht so fern der Wagen
der dumpfen Zeit. Ein Vogel schreit Kiwitt -
die Ewigkeit fällt mein Herz - mein Schritt
verhallt. Lautlos die Lüfte in den Dünsten jagen.
Nun lösen sich die schmerzgeballten Flächen
in meine Seele quillt die Melodie
zeitloser Zeit und jetzt in Silberbächen
erstrahlt der Glanz verlorner Alchemie.
Vorm letzten Kampfe ruht im Blut der Wille
und in mir brauset Gottes tiefste Stille.
* * *
In Gottes Stille bin ich tief versunken
von meinen Händen fließt das bittre Leid
um meine Schultern weht Sein weites Kleid
von unsichtbarem Glanze ganz durchtrunken.
Was mich zerschlug ist von mir abgesunken
die Tore meines Herzens stehen weit
zu dem Empfang von neuem Schmerz bereit
und alles Blut wallt in mir sterbetrunken.
Den Himmel füllt ein Dämmerlicht ganz leise
die Bäume wehen güld´ne Blätter hin
und Silberwinde bringen mir die Speise.
Ich weiß nicht, ob ich träume oder bin.
Doch durch des Todes schmerzensdunkle Wehung
schreit ich in neuem Licht zur Auferstehung.
* * *
Ein bittrer Trug, beschwerten nur Gewichte
des Augenblicks die Seelen die entstellt
ein schlimmer Geist in kalten Händen hält
sich selbst und seinen Jüngern zum Gerichte.
Weiß stehen Kinder bald in anderm Lichte,
von ihren dunkelgroßen Augen fällt
die Häßlichkeit der Zeit und zart erhellt
ein tiefer Schein die gläubigen Gesichte.
Das Licht ist ewig und wir müssen
die Strahlen uns ums Haupt versammeln
die von den großen Toten zu uns grüßen.
Was soll uns dieser Tage wirres Stammeln?
Der wilde Lärm der laut nach dir begehrt
ist Bruder deine Seelennot nicht wert.
* * *
Mein Bruder, deine roten Würgerhände
sind nichts als Gottes dunkle Strahlen
hervorgebrochen aus den Schalen
von seiner Sanftmut wie Legende.
Vom letzten Lichte trennen dich nur Wände
die Seine Stunden über Nacht zermahlen
dann wirst auch du in einem Glanz erstrahlen
und rein aufstehen von des Kampfes Ende.
Die Ewigkeit spielt lächelnd mit den Dingen
die blutiggroß in dir geschrieben stehn
und während die Planeten Hymnen singen
wird was du tatest lautlos untergehn:
Vor eines Herzens Lächeln bricht in Stücke
Dein lauter Ruhm und alle seine Tücke.
Sonette des Zurückgekehrten, Bruno Wollbrück Verlag, Weimar 1919
Hermann von Boetticher, geboren am 13. August 1887 in Eldingen; ermordet am 28. April 1941 in NS-Tötungsanstalt Sonnenstein, Sachsen) Er ist beigesetzt auf dem Stadtfriedhof Göttingen
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