Dienstag, 6. Oktober 2026

Camill Hoffmann: Aus "Theresienstädter Sonetten"

 



Aus „Theresienstädter Sonetten“


I.

In dieser Stadt der abgeschiednen Seelen
Verbat die Straße mir ein Mann in Grau.
„Ich bin wie Du“, so sprach er, „und mir fehlen
Die Tränen, zu beweinen, was ich schau.

Mir stockt das Herz, zu fassen, was ich schau
An Untergang, Verrat und Sichzerquälen,
Und folge doch dem Sternenruf. Vertrau!
Du bist wie ich. Wir haben nicht zu wählen!“

Ich sah den Grauen an. Er war aus Staub,
Und Staub bedeckte Antlitz ihm und Hände.
Die Stimme raschelte wie totes Laub,

Das mit dem Wirbel hinfuhr längs der Wände.
Allein aus seinen Augen schlug ein Feuer
Wie Wetterleuchten, still und ungeheuer.

II.

Staubwirbel jagten, und die Stimme sprach:
„Nun, sind wir Ungefragte Staub und kehren
Zu Staub zurück, ins Nichts, das nach und nach
Mich einhüllt, sieh, wir halten doch im schweren

Wachtraum der Welt die alten Wunderlehren.
Die Gottheit nur kann Not und Ungemach
Aufs Herz Dir laden, und Du wirst sie ehren.
Du wirst gerecht sie preisen selbst in Schmach.

O Glück, o Wunder! Seit der Dornbusch lohte,
Ist Deiner Brust das Bündnis eingebrannt,
Das Staubkorn nicht mehr Staubkorn, sondern Bote

Der Allmacht und der Gottheit eng verwandt.
Wer wollte je ein solches Bündnis lösen!“
Die graue Stirn erstrahlte, rein vom Bösen.

III.

„Die Zeit versinkt“, so sprach der graue Mann,
„Getrennt vom Raum, den sinnvoll jede Stunde
Durchmaß, fragst Du vergeblich: Wann?
Denn Tag und Nacht sind Irren in der Runde,

Das Heute trägt erniedrigt Acht und Bann.
Was gestern war, ist unvernarbte Wunde.
Und selbst der Glaube, den das Herz gewann,
Weicht oft dem Zweifel, ob die Welt gesunde.

Wie leuchtet da die Hoffnung lieb und kühn,
Der Blütenstrauch, der, tausendfach entfaltet,
Die Knospen treibt, in Balsamduft Dich hüllt!

Du atmest nicht von dem, was sich erfüllt.
Du blühst von Träumen, und die Träume blühn,
Wenn holder Glanz der Hoffnung sie umwandelt.“

Camill Hoffmann, handschriftliches Manuskript, Jüdisches Museum in Prag

Camill Hoffmann wurde am 31. Oktober 1878 in Kolín, Böhmen geboren; 1942 wurden er und seine Frau in das Ghetto Theresienstadt eingeliefert, im Oktober 1944 wurde er im KZ Auschwitz ermordet.

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