Montag, 12. Juni 2017

Theodor Däubler: Mir ist es oft, wenn ich die Augen schließe




Mir ist es oft, wenn ich die Augen schließe

Mir ist es oft, wenn ich die Augen schließe,
Als ob die Welt der eigenen Phantasie
In einem Strom von mattem Golde fließe
Und traumhaft durch die wache Seele zieh.

Das ist das Blut, das die Erinnerungsbilder
Gar traumbeschwingt aus dem Gemüte hebt;
Es ist ein anderes Leben, zarter, milder,
Das aus den Seelengrüften bleich entschwebt.

Die Lichtgestalten haben ausgerungen,
Mit dem Geschicke scheinen sie versöhnt,
Durch meinen Wesenswunsch, beim Flug verschlungen,
Sind sie des Eigenwillens schon entwöhnt!

Jetzt seh ich herbstlich goldene Wälderhallen;
Um Bilder sind die Aeste schön verzweigt,
Dort wo die welken Blätter langsam fallen,
Verstrahlt ein Tag, der Fabelmanen zeigt.

Es tropft das Lebensblut von Bäumen nieder,
Im Wind zerstiebt das gelbgewordene Laub,
Im Walde hallts von Windnachtsschritten wieder,
Am Weg verliert der Herbst den halben Raub.

Sind auch die Blätter bald im Wald verflogen,
Bleibt ihre Seele doch in der Natur,
Das Sonnenroth, das Bäume eingesogen,
Trinkt erst im gelben Herbst die Kreatur.

Die Sommerfreude jauchzt in Vogelliedern,
Als Waldesecho, noch am goldenen Meer,
Die Menschen werden still und sie erwidern
Die Waldestrauer, bang und wehmuthsschwer.

Wenn arme Leute dürre Zweige sammeln,
So lieben sie und sehn sie erst den Wald,
Wenn sie des Waldes Schaudermärchen stammeln,
Wird er der Geister düsterer Aufenthalt.

Du glaubst an einen Hauch der Menschenseele,
Wenn Du den letzten Athemzug erlauscht,
Du glaubst, daß die Natur von sich erzähle,
Wenn sacht ein Wind im Wald zum Abschied rauscht.

Dann ist es mir, als schlichen Sterbewesen
Durch Träume sich in meine Seele ein,
Als Bilder kann ich sie zusammenlesen
Und berge sie im Urerinnerungsschrein.

Die goldenen Ströme flammen auf wie Hallen,
Ein Strahlendom schließt seine Wölbung zu,
Gedanken, die sich stolz zusammenballen,
Entfalten ihre sehnsuchtsfreie Ruh.


Theodor Däubler, geboren am 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; † 13. Juni 1934 in St. Blasien, Schwarzwald) war Epiker, Lyriker und Erzähler . Er starb am 13. Juni 1934 im Sanatorium St. Blasien an den Folgen eines Schlaganfalles. 1910 erschien sein Versepos „Nordlicht“ in einer ersten Fassung.

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