Mir ward die Liebe nicht. . .
Mir ward die Liebe nicht –
Drum leb ich wie die Pflanze,
Im Keller ohne Licht.
Mir ward die Liebe nicht –
Drum tön ich wie die Geige,
Der man den Bogen bricht.
Mir ward die Liebe nicht –
Drum wühl ich mich in Arbeit
Und leb mich wund an Pflicht.
Mir ward die Liebe nicht –
Drum denk ich gern des Todes,
Als freundliches Gesicht.
Bertha Pappenheim, aus: Leo Baeck Institute Bertha Pappenheim Collection, Series III, Publications, writings, poems, undated.
„Das letzte Wort, das sie wenige Tage vor ihrem Tod noch mit leiser Stimme diktierte, war ein schlichtes, kleines Gedicht, das zugleich ein letztes Gebet war. Bertha Pappenheim hatte kaum jemals gedichtet, die Lyrik war ihr fremd. Sie glaubte an den Geist; aber sie glaubte nicht an das Wort. Zumal als lyrisches erschien es ihr wohl zu rauschhaft, zu sehr die Wahrheit vernebelnder Weihrauch und damit als ein Ausweichen vor der lebendigen Wahrheit, die Entscheidung ist, - oder als ein Gefängnis des Geistes, das wie die Wölbung eines Domes von Einem, vom Geist immer wieder durchbrochen wird. - Und aus einem eng verwandten Grunde misstraute sie auch der Liebe zu einem einzelnen Menschen. Wie das Wort die reine Wahrheit, so verhüllte ihr die Liebe zu einem Einzelnen die Liebe zur Menschheit. - Es zeugt von der ganzen Begnadung ihres Lebens, dass beide: Wort und Liebe sie, wie nur unendlich selten einen Menschen, auf leisen Botenfüßen bis in den Tod begleiteten. Wie man in ihren letzten Stunden ihre Hand gewaltsam von einer treuen Hand, die sie nicht lassen wollte, lösen musste, so kamen ihr, der schwer Leidenden, wenige Tage vor ihrem Tode ganz stille, wunderbar gelöste Worte, die ihr ganzes Leben in Frage und Antwort noch einmal umfassen und wie im Traum in einen grenzenlosen Frieden hinüberleiten:
Leise, leise, ohne Weise
Geht die Zeit.
Bin ich bereit
Mit Dir zu gehen.
Leise, leise ohne Weise
Muss man sein bereit
Für Zeit und Ewigkeit.
Wer ist das, Du?
Gib mir die Ruh.
Ihr wacher Geist fragte bis zuletzt; aber ihr Herz wusste, dass von dort die große Ruhe kommt.“
Margarete Susman, aus Bertha Pappenheims geistige Welt, in Blätter des Jüdischen Frauenbundes, Berlin Juli / August 1936, XII. Jahrgang Nummer 7 / 8, Biko-Verlag, Sonderausgabe „Bertha Pappenheim zum Gedächtnis“
Bertha Pappenheim, geboren am 27. Februar 1859 in Wien, gestorben am 28. Mai 1936 in Neu-Isenburg, Schriftstellerin, Publizistin und Frauenrechtlerin. Sie war die Patientin Anna O. Die von Josef Breuer zusammen mit Sigmund Freud in den Studien über Hysterie veröffentlichte Fallgeschichte war für Freud Ausgangspunkt für die Entwicklung seiner Theorie der Hysterie und damit der Psychoanalyse. Die wahre Identität der Anna O. wurde erst 1953 bekannt.
Nach ihrem Umzug nach Frankfurt im Jahre 1888, der Heimatstadt ihrer Mutter, veröffentlichte sie verschiedene Kinderbücher und begann ihre soziale Arbeit. 1895 wurde sie Heimleiterin im jüdischen Mädchen-Waisenhaus, gründete 1902 den Israelitischen Mädchenclub und 1904 den Jüdischen Frauenbund. 1907 wurde das Heim in Neu-Isenburg bei Frankfurt eröffnet. Sie unternahm Reisen nach Galizien und Nahost, auf denen sie sich über die dortige Lage der jüdischen Bevölkerung informierte und darüber Berichte veröffentlichte. Ganz besonders interessierte sie sich überall für die Situation der Frauen. Schon 1901 hatte sie an einer Konferenz zum Thema Mädchenhandel teilgenommen, und 1923 wandte sich der Jüdische Frauenbund im Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution sogar an den Völkerbund.
Am 16. April 1936 folgte Bertha Pappenheim, schon von tödlicher Krankheit gezeichnet, einer Vorladung der Gestapo nach Offenbach. Zwar konnte sie alle Beschuldigungen widerlegen, aber nach ihrer Rückkehr nach Isenburg verließ sie ihr Bett nicht mehr und starb am 28. Mai 1936. Der Jüdische Frauenbund wurde 1938 zwangsweise aufgelöst, die Heime in Neu-Isenburg 1942 geschlossen und die darin Wohnenden in die Vernichtungslager deportiert.
Margarete Susman, geboren am 14. Oktober 1872 in Hamburg; gestorben am 16. Januar 1966 in Zürich, Religionsphilosophin, Kultur-Essayistin und Poetin. Sie schrieb zuerst Lyrik, dann Bücher und Essays über Dichtung, Feminismus, die Revolution sowie über das Judentum, seine Religion und seine Stellung in einer christlichen Umwelt.
Das Foto ist ein Passbild von 1907
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