Mittwoch, 7. Oktober 2026

Walter Lindenbaum: Irgendwo

 



Irgendwo

Irgendwo, da kommt ein Mensch zur Welt,
Irgendwo, baut man ein großes Haus,
Irgendwo vermengt sich Geld mit Geld
Und irgendwo geht eine Lampe aus.

Irgendwo herrscht eine Hungersnot,
Irgendwo bestellt man Kaviar.
Irgendwo kämpft man um trocknes Brot
Und irgendwo tanzt man in einer Bar.

Irgendwo, tobt eine Schlacht,
Irgendwo sitzt man beim Hochzeitsmahl,
Irgendwo singt jemand umgebracht
Und irgendwo wird jemand umgebracht
Und irgendwo singt eine Nachtigall.

Irgendwo sind alle Menschen froh,
Irgendwo sagt er: „Ich liebe Dich“.
Irgendwo sucht einer . . . . . irgendwo
Und irgendwo da bin auch ich.
-.-.-.-.-.-.-

Blätterst Du einst in diesem Buche
Von der Erinnerung getrieben,
Verweile auch bei diesem Spruche
Und denk an den, der ihn geschrieben.
Das Schicksal treibt wie lose Blätter

Uns hin und her noch sicherlich.
Ich wünsch Dir schönes Schicksalswetter
- - - - - - - - - 

Und irgendwo, da bin auch ich!

Walter Lindenbaum, Typoskript, Theresienstadt 20. April 1944; Jüdisches Museum Prag

Walter Lindenbaum, geboren am 11. Dezember 1907 in Wien; Journalist und Autor jüdischen Glaubens. 1943 wurde er mit seiner Familie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Er wurde am 28. September 1944 nach Auschwitz überstellt und kam von dort mit einem „Evakuierungstransport“ in das KZ Buchenwald, wo er am 20. Februar 1945 umkam. Seine Frau Rahel und seine Tochter Ruth wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet. Leben und Werk des Arbeiterschriftstellers sind u. a. dokumentiert in: Walter Lindenbaum, Von Sehnsucht wird man hier nicht fett. Texte aus einem jüdischen Leben, hrsg. v. Herbert Exenberger und Eckart Früh, Mandelbaum 1998

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