Samstag, 24. Januar 2026

Alfred Grünewald - Aus: Renatos Gesang (10 - 12)

 



10

Ihr fragt mich heut nach meinem Siedlerleben
und drängt euch nah zu mir. Mein Angesicht
zeigt euch ein Lächeln, und ich rede nicht.
Und dennoch hab ich Antwort euch gegeben.

Mein Lächeln sagt: Seht her, in mir ist Licht. -
Ich breite meine Arme. Ohne Beben
weist meine Hand nach Wolken, die entschweben.
Ihr fühlt, was meine stumme Lippe spricht.

Geht hin, ihr Kinder. Meines Lächelns Gabe
nehmt sie mit euch, so wie sie euch gegönnt.
Und zürnet nicht, daß ich verweigert habe,

was ich doch nimmermehr gewähren könnt.
Geht hin und lernt das Schweigende beschwören.
Ihr werdet meine Stimme rufen hören.


11

Heut kann so vieles mich zutiefst beglücken
und war mir gestern kaum noch zugetan.
Ein süßes Drängen ist in meinem Wahn
und will mich stets zu neuem Lied entzücken.

Ich kann die Worte mir wie Blumen pflücken.
Was meine Blicke nur im Traume sahn,
begegnet mir auf meiner Wanderbahn.
Von Stern zu Stern bau ich mir Silberbrücken.

O daß ich endlich singe, der ich lange
in Schweigen schritt auf unerlöster Fährte!
O daß ich Abgewandter nun empfange,

was mir verweigert war, als ich begehrte!
Nun weiß ich, ein Sich-Rüsten zum Gesange
war dieses Schweigen, das mein Herz verzehrte.


12

Wer ist bei mir, der leiser ist als Hauch
und sanfter mich berührt? Ich glaub, die Dinge
erkennen ihn. Wenn er mich dicht umfinge,
vielleicht erriete ihn mein Fühlen auch.

Ich tret ans Fenster. Abend neigt sich. Rauch
wird weiße Wolke. Silbernes Gesinge
ist in der Luft. - Da mein ich, eine Schwinge
streift meine Stirne. Ist dies Geisterbrauch?

Es pocht mein Blut in ahnendem Erwarten.
Vergeßnes Wort kommt jäh mir in den Sinn.
Ich flüstere: „Du weißt es, wer ich bin.

Zeigst du dich jenen nicht, die deiner harrten?“ -
Mit heißen Blicken, die sich kühl befeuchten,
schau ich ins Gartenland. Die Blumen leuchten.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

Das Bild ist von Sidney Herbert Sime (1865 - 1941)

Freitag, 23. Januar 2026

Ernst Blass - Aus: Die Gedichte von Trennung und Licht

 



ICH bin nur Staubkorn - riesig ragt die Nacht.
Mein Weg treibt durch Laternen und viel Stein.
Als ich von Menschen wollt´ verlassen sein,
Hab ich es mir nicht als so groß gedacht.

Ich kann nun nichts von alledem erreichen,
Was gar nicht fern man redet und man lacht.
Nur Nacht wird lang um meine Wangen streichen,
Bis ich mich Einsamen nach Haus gebracht.

Ich werd in ein entferntes Bett mich legen
Und wissen, dass ich schied, bestimmt bedrückt
Von dem, was ich verließ, doch nicht vergaß,

Und dennoch fühlen dies als einen Segen:
Es war doch überviel, was ich besaß,
Was nun die Nacht der Stunden mir entrückt.


ICH gehe zwischen Gärten jetzt, in Straßen,
Wo Abend ward, und nichts sich sehr bewegt,
Feind dieser Menschen, die mich nicht vergaßen.
Baumlaub erduftet, Glocke klopfend schlägt.

Ich, dessen Stimme, Nähe und Gestalt
Sie früh entzünden konnte und betören,
Geh fern - es dämmert tief - verhüllt, umwallt,
Wissend: wir werden oft noch von uns hören.

Den ihr verleumdetet, der euch verstößt,
Euch nicht mehr achten darf, weiß wohl: ihm war
Einst du der Freund und du einst seine Frau.

Ein Engelsschatten steht, das Schwert entblößt,
Wache zu halten vor verbotnen Bau,
Dem nicht ein Frühling winket durch das Jahr.


NUN wandeln zwischen uns die Segelschiffe,
Die morgens aufstehn im erwachten Duft,
Wo Fisch und Pflanze zarter sind, als griffe
Bangnis und Hoffnung ein in ihre Luft.

Nun ruhen zwischen uns die Nachmittage,
Von einem End zum andern hin gespannt.
Zu ihnen flüstern wir wie eine Sage:
Uns trennte wenig und nun trennt uns Land.

Und manche Stunden sind wie Glockenschläge
Von dunklem Hasten und im Anschlag kurz,
Und unsre Herzen sehen ihre Wege
Vielleicht zum letztem in ihrem Sturz.

Ernst Blass, aus: Die Gedichte von Trennung und Licht, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1915

Am 23. Januar 1939 starb in Berlin nach schwerer Krankheit und vereinsamt der Dichter Ernst Blass, geboren am 17. Oktober 1890 in Berlin, der 25 Jahre vorher zu den bekanntesten Lyrikern des Expressionismus gehörte. Sein erster Gedichtband - „Die Straßen komme ich entlang geweht“ erschien 1912. Von einem Lyriker wünschte er sich: „. . . daß er manchmal recht ins Alltägliche hineingeklebt ist; der noch in der Erhebung weiß, daß man nicht immer erhoben ist.“

1909 lernte er im Café des Westens den Schriftsteller Kurt Hiller kennen, über dessen Neuen Club er mit Georg Heym und Jakob van Hoddis in Kontakt kam. Mit ihnen bildete er alsbald „das Terzett der bedeutenden Dichter im Club“. Anfang 1911 trat er mit Hiller und anderen aus dem Club aus und gründete mit ihm das konkurrierende Literarische Cabaret GNU. Veröffentlichungen von Gedichten in den wichtigsten Zeitschriften des literarischen Frühexpressionismus wie Die Aktion und Der Sturm oder auch Die Fackel von Karl Kraus folgten.

1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er verarmt im Berliner Krankenhaus der jüdischen Gemeinde an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose; sein Tod blieb selbst in Exilkreisen weitgehend unbeachtet.

Samstag, 17. Januar 2026

Emmy Hennings: Die müde Tänzerin / Apachenlied

 



Die müde Tänzerin


Jetzt geh ich viele Gassen auf und ab.
Türmen sich Tage, türmt sich mein Grab.
Mein Grab wird hoch, mein Grab wird weit,
Umfängt mich Todeshügel der Vergänglichkeit.

Und immer träume ich im tanzen, tanz in Träumen.
Ich blüh in Räumen, und verwelk in Räumen.
Meine Augen sind ein Sehn und ein Versehn.
Meine Haare sind ein Wehn und ein Verwehn.

Meine Hände sind ein Halten und ein Fallen.
Meine Worte sind ein Schrei und ein Verhallen.
Und ach, meine Tage sind ein Versinken.
Die Frühe will schon dem Abend winken.

Meine Rosen glühn, wenn grauer Himmel schneit.
Mein junger Morgen träumt in weicher Dunkelheit.
Und hab doch soviel Zärtlichkeit verhaucht in manche Ohren.
Wo wohnt die Lust, die ich versang? So tief verloren. . .?

Wo schwebt mein Sein, mein süß Verlieben?
Wo ist mein Lieben nun, in dich hineingeliebt, geblieben?
Im Gruß liegt Abschied. Im Anfang liegt Ende.
Nur Sehnsucht leuchtet durch alle Wände. . .

Aus: Der Kranz, Gedichte von Emmy Hennings, machinengeschriebenes Manuskript aus dem Nachlass, in anderer Version veröffentlicht als „Türmen sich Tage“ in Simplicissimus, Heft 3 1925


Apachenlied

Wir essen feinbelegte Schrippen.
Die hellen Lampen brennen schon.
Ein sommerliches Feld von Mohn
Liegt süß auf Deinen edlen Lippen.

Mein Prinz, Ihr ließet einst mich glauben -
Behandlet bitte mich wie zwanzig Schneppen!
Lasst Euch um 3 Mark 50 neppen!
Und Illusion soll man nicht rauben.

O dass Du so verändert bist!
Bin eine von den Oftgeküssten.
In meinen kleinen Mädchenbrüsten
Auch all Dein Leid verborgen ist.

Ich flüchtend grauer, wehender Fetzen!
Ich gehe still und stumm nachhaus.
Ich lösche alle Lichter aus.
Und Géry soll das Messer wetzen.

Emmy Ball-Hennings, maschinengeschriebenes Skript aus dem Nachlass, Schweizerische Nationalbibliothek

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“ Hermann Hesse über Emmy Hennings

Das Foto ist aus dem Bestand des Münchner Stadtmuseums, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Graphik / Gemälde, Inventarnr. G-63/11105. Ehemals Sammlung Rolf von Hoerschelmann, München


Freitag, 16. Januar 2026

Alfred Grünewald - Aus: Renatos Gesang (7 - 9)

 



7

Wer bist du, Blume, die ich nie geschaut?
Mein Flüstern will dir einen Namen geben.
Drei klare Tropfen dir im Kelche beben.
Sind sie von Gottes Wimper abgetaut?

Ich bange sehr vor meiner Stimme Laut
und wage nicht, sie klingend zu erheben.
Vielleicht bist du nur Traum und wirst entschweben,
wenn ich dir Worte sag, wie einer Braut.

Vielleicht ist deiner Farben Übermaß
nur meines trunknen Blickes Lichtverlangen.
Bist du ein Glück, das ich schon lang vergaß?

Hab ich mit dir Verlorenes empfangen?
Ich wende mich und geh durch feuchtes Gras
und fühl noch deinen Hauch an meinen Wangen.


8

Was will mein Bangen, Wind? Dein Hauch ist lau:
doch meine Wangen brennen. Dieser Schimmer
auf euch, ihr Lieblingsblumen, sind es immer
noch meine Tränen, oder ist es Tau?

Du Wiesenpfad, dem ich mich anvertrau,
wo führst du hin? Ich hab in meinem Zimmer
ein Lied gehört und ich errate nimmer,
sang es im Tale, sang des Himmels Blau.

War es ein Singen der Vergangenheit,
das mir erklang, daß es mich traurig mache?
Hat Künftiges schon meinen Sinn berührt?

Was will mein Bangen? Bin ich nicht gefeit,
wohin auch immer mich der Weg entführt?!
O Wind, o Baum! Ich lache, ja, ich lache.


9

Das Zarte ward zur Macht, und reißend schwillt
ein Strom aus Tau. Ein Sturm aus Blumendüften
saust um des Berges Gipfel und in Klüften.
Die Stille ward ein Rufen, heiß und wild.

Aus bleichen Schatten ward ein Purpurbild,
gemalt auf Himmel. Qual entstieg den Grüften
und ward ein lichtes Singen in den Lüften.
Mein Herz von tausend Herzen überquillt.

Wie bin ich bang des Zaubers und beseligt
von dem, was ich entfesselte, befehligt!
Es kam ein großer Frühling in die Welt.

Ich sah sein Blühn in meines Traumes Wähnen
und seine Wurzeln tränkte ich mit Tränen,
von Gott in meine Einsamkeit gestellt.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

„Sie sagten ferner, daß auf einer der beiden, hier vorhandenen Einsiedeleien sich ein vornehmer französischer Cavalier, namens Renato, als Einsiedler . . . befände“ (Cervantes, aus: Irrfahrten des Persiles und der Sigismunda, eine nordische Geschichte, Cervantes sämtliche Werke, Leipzig 1825)

Das Bild ist von Séraphine Louis, geboren am 2. September 1864 in Arsy, Oise, französische Malerin, sie zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der „Naiven Kunst“ in Frankreich. 1932 wurde bei ihr Schizophrenie diagnostiziert und sie in einer Psychiatrie in Clermont untergebracht. Total vernachlässigt aufgrund des während der deutschen Besetzung für „Irrenanstalten“ angeordneten Versorgungsnotstands, verhungerte Séraphine Louis 1942 im Alter von 78 Jahren.

Mittwoch, 14. Januar 2026

Fritz Grünbaum: Die Hölle im Himmel

 


Die Hölle im Himmel

Ehrlich gesprochen, ich pfeif' auf mein Leben!
Ich hätt' nichts dagegen, es hinzugeben
Und gleich zu verlassen das Erdengetümmel,
Aber ich fürcht' mich, ich komm' in den Himmel!
Wenn ich bedenk': vom irdischen Stengel
Reißt man mich ab und macht mich zum Engel,
So hoch in der Luft, . . . im ätherischen Saal – –
Für mich ist der Himmel bestimmt kein Lokal,
Da bringen mich keine zehn Rösser hinein,
Gott soll mich schützen, ein Engel zu sein!

Stell'n Sie sich vor, das Leben hört auf,
Man ist gestorben und fliegt hinauf! . . .
Schon die Gemeinheit, von toten Gerechten,
Die doch jetzt endlich schon Ruh' haben möchten,
Zu verlangen, daß gleich sie im Äther sich wiegen
Und etliche zehntausend Meilen hoch fliegen . . .!
Ich bitt' Sie um alles, was sind das für Sachen:
Als Toter soll ich noch Kunststücke machen?!
Ich bin doch gestorben, um Ruhe zu haben,
Hab' ich mich dazu lassen begraben,
Daß ich als Flieger mich produzier'n soll
Und noch einmal mein Leben riskier'n soll?!
Statt mich zu legen bequem in die Gruft,
Soll ich auf einmal jetzt geh'n in die Luft,
Steigen hinauf und fliegen davon?
Bin ich ein Vogel? Ein Luftballon?
Wenn ich so mühsame Sachen soll treiben,
Hätt' ich doch gleich können – leben bleiben?!

Aber schön, ich bin tot und flieg' schon nach oben,
Und – Gott soll es geben! – zum Schluß bin ich droben.
No schön . . . Und was dann? . . . No was soll dann sein?
Ich klopf' an den Himmel und geh' hinein.
Das heißt, ich habe mich ausgedrückt schlecht nur:
Ich geh' nämlich gar nicht hinein, ich möcht' nur.
Ich putz mir erst ab meine staubigen Schuh',
Dann klopf' ich ans Türl, mach' auf – is's zu!
Das Haustor vom Himmel ist zugemacht!
Und ich – steh' draußen in bitterer Nacht. – –
Kalt ist's da droben – – und zieh'n tut's zum Weinen,
Hausschlüssel hab' ich ja leider noch keinen –
Ich muß also läuten und warten dann hier,
Bis der Portier endlich aufmacht die Tür!

No, kommt Ihnen das nicht sehr komisch schon vor:
Wozu hat der Himmel jetzt wirklich ein Tor?
Kommen nur ehrlich Menschen hinein,
Könnt' er doch auch in der Nacht offen sein;
Und dürfen hinein auch verdächtige Lümmel,
Ist doch das Ganze wieder kein Himmel!?
Aber lassen wir diese Erörterung sein,
Sonst kommen wir nie in den Himmel hinein!
Das Haustor ist da, – was es immer bedeutet –
Und nehmen wir an, daß, nachdem ich geläutet,
Der Portier mit dem Schlüssel zur Himmelstür schwebt
Und endlich also zu öffnen erlebt;
Sperrsechserl hab' ich ihm auch schon gegeben
Und geh' also ein in das ewige Leben!

Es bleibt aber wieder nur bei dem Versuch,
Denn vor dem Hineingeh'n kommt's Fremdenbuch.
Hier trag' ich mich ein im Scheine der Lichter:
»Fritz Grünbaum, verstorbener, seliger Dichter,
Geboren zu Brünn, verendet in Wien,
Derzeit Engel im Himmel drin.«
Erst wenn ich das tat, werd' ich weitergebeten
Und bin also endlich – hineingetreten.

Erst ist es ganz schön: Die Luft ist so rein,
Wo man nur hinschaut, steh'n Engelein,
Die kommen gleich freundlich herangeflogen,
Und man fühlt sich von ihnen – angezogen,
Aber komische Leut' hat das himmlische Haus:
Erst zieh'n sie mich an, dann zieh'n sie mich aus.
Denn alles Malheur war bis heute nur Probe,
Jetzt kommt erst die Qual mit der Himmelsgard'robe.
Denn ich kann doch nicht so in den Erdengewändern
In der Ewigkeit droben als Mensch herumschlendern;
Vergessen Sie nicht, daß ich nicht mehr in Wien,
Sondern im Himmel und Engel dort bin!
Oder haben Sie schon einen Engel geseh'n
In Lackschuh'n, mit Frack und Spazierstock 'rumgeh'n?
Ich darf also weiter nicht Zeit verlier'n
Und muß mich sofort als Engel maskier'n.

Zunächst also werd'n mir die Strümpf' ausgespannt,
Weil bloßfüßig dort nur herum wird gerannt;
Das ist der Beginn schon vom Paradies,
Daß ich sofort mir soll waschen die Füß'!!
Hierauf bekomm' ich ein weißes Gewand,
Und statt dem Spazierstock krieg' ich in die Hand
Anderthalb Meter Lilienstengel – –
Und das Ganze heißt: Grünbaum im Himmel als Engel!
No, bitte sehr, können Sie vorstell'n sich dies:
Grünbaum, Lilien und nackte Füß'?!
Nicht um ein Schloß möcht' ich schau'n in den Spiegel,
Aber das Schrecklichste sind erst die Flügel!

Sagen Sie mir, was soll das bezwecken,
Sich hinten Federn hineinzustecken?!
Halten wir einmal nur ehrlich Gericht,
Wozu braucht man Flügel? Zum Fliegen doch nicht!
Denn da ich sie doch erst hab' oben bezogen,
Wie bin ich dann bis in den Himmel geflogen?!
Bei der Abfahrt hab' ich noch keine gehabt,
Und trotzdem hat doch die Reise geklappt;
Vom Erdball zum Himmel hinaufzugelangen,
Ist also ganz ohne Flügel gegangen,
Und jetzt, nach der Ankunft im Himmelreich da,
Brauch' ich die Flügel auf einmal ja?
Die einfachste Logik mithin also spricht:
Zum Fliegen braucht man die Flügel nicht;
Sie dienen somit nicht so sehr für den Schwung,
Sondern vielmehr zur Verschönerung! –
No, ist das so schön, mit Flügeln zu geh'n?
Die Gans macht das auch und ist doch nicht schön!
Ich lass' mich nicht zwingen, Flügel zu tragen.
Lachen möchten die Leut' und sagen,
Wenn sie mich in diesem Aufzug erblicken:
»Da geht der Grünbaum mit Federn am Rücken!«

Kurz, wo man es anpackt, man merkt doch zum Schluß,
Im Himmel hat man nichts wie Verdruß.
Was einem aber im Magen liegt,
Ist die Beschäftigung, die man dort kriegt.
Zur Marter z. B. der Himmel wird,
Wenn man als Schutzengel funktioniert.
Wissen Sie, was das für Qualen sind,
Schutzengel spielen bei einem Kind? – –
Wenn sich herabsenkt des Abends Kühle
Und ich kaum steh'n kann und schläfrig mich fühle,
Begibt sich das Kindlein, das holde, zur Ruh',
Und ich soll ihm drücken die Augen zu;
Ins Ohr soll ich flüstern ihm Wiegenlieder,
Ich bin müd' und der Fratz legt sich nieder!
Aber früh', schon um sechs, wenn er ausgeruht ist,
Und mir von der Nachtwach' schon mehr als nicht gut ist,
Klettert der Balg über Felsen und Stein,
Und ich muß als Schutzengel hinter ihm d'rein.
Statt ihm herunterzuhauen zwei Watschen,
Hab' ich die Ehre, ihm nachzuhatschen.
No, möchten Sie sagen mir, wie man das macht:
Klettern bei Tag und singen bei Nacht?
Bergpartie'n tags, daß mir krachen die Glieder,
Und dann bei Nacht wieder Wiegenlieder?
Klettern und Singen und Wachesteh'n? . . .
Wann darf ich eigentlich schlafen geh'n?
Und wenn ich schon schlafen darf, schlaf' ich nicht süß,
Weil es mich friert auf die nackten Füß';
Und schlaf' ich schon ein auf dem Wolkenhügel,
Stör'n mich beim Liegen am Rücken die Flügel;
Und leg' ich sie ab samt dem Lilienstengel,
Bin ich doch wieder ein Mensch und kein Engel;
Und wenn ich ein Mensch und kein Engel bin,
Was such' ich dann wieder im Himmel drin?
Für mich wär' der Himmel die schlimmste Erfahrung,
Denn erstens sind Wolken für mich keine Nahrung,
Dann zweitens sind Flügel für mich kein Gewand,
Und drittens ist das für mich kein Stand,
Auf einen Lausbuben aufzupassen,
Welchen die Eltern herumkriechen lassen!
Drum muß ich erklären hier feierlich:
Der Himmel ist kein Kaffeehaus für mich,
Da bringen mich keine zehn Rösser hinein,
Gott soll mich schützen, ein Engel zu sein!

Fritz Grünbaum, aus: Die Hölle im Himmel und andere Kleinkunst, Löcker Verlag, wien München 1985

Fritz Grünbaum, geboren am 7. April 1880 in Brünn, Österreich-Ungarn; gestorben am 14. Januar 1941 im KZ Dachau), Kabarettist, Operetten- und Schlagerautor.

Am 10. März 1938, dem Tag vor dem Einmarsch der deutschen Truppen nach Österreich spielte er mit Karl Farkas ein letztes Mal im Simplicissimus. Danach erließ die Reichskulturkammer Auftrittsverbote für jüdische Künstler. Grünbaum versuchte einen Tag später mit seiner Frau in die Tschechoslowakei zu flüchten, wurde an der Grenze aber abgewiesen. Eine Weile versteckte er sich in Wien; dann wurde er verraten und am 24. Mai 1938 in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Später wurde er nach Buchenwald und schließlich wieder nach Dachau gebracht. Er starb – laut Totenschein „an Herzlähmung abgegangen“ – am 14. Januar 1941 im KZ Dachau, nachdem er an Silvester noch ein letztes Mal vor seinen Leidensgenossen aufgetreten war. Er starb entkräftet von Tuberkulose, trotzdem verstummte seine spitze Zunge bis zum Schluss nicht. Er conferierte zum Beispiel, wie er das „Tausendjährige Reich“ zu besiegen gedenke oder dass der völlige Mangel und das systematische Hungern das beste Mittel gegen die Zuckerkrankheit sei. Als ihm ein KZ-Aufseher ein Stück Seife verweigerte, antwortete Grünbaum: „Wer für Seife kein Geld hat, soll sich kein KZ halten“ (Wiki)

Das Foto ist von Else Ernestine Neuländer-Simon, geboren am 26. Januar 1900 in Berlin, ermordet 1942 im Vernichtungslager Sobibor, Fotografin mit den Schwerpunkten Akt-, Portrait- und Modefotografie. Das Futuristische Selbsportrait von ihr ist von 1926.




Dienstag, 13. Januar 2026

Berthold Viertel: Die Kirche / Bauernstube / Die Schlacht

 



Die Kirche

Kegelkugel trifft die Königin -
Die Granate traf den Kirchturm.
Hohe Kirchentürenflügel sprangen auf
Und das glorreich bunte Bogenfenster
Brach entzwei mit einem schrillen Schrei.

Aber immer auch, du heilige Höhle,
Kühlst du uns zu Kindern, kalten Hauchs,
Auf dem Fließen hallt und lallt der Schritt,
Und das Dunkel duckt den Krieg in uns.

Dämmernde Schlucht Gottes! Schweigenstief,
Nur die stumme Orgel hat das Wort.
An den Becher, an das Messgewand
Wagte sich kein Schuft, verzagte Hand!
Dieses Gold glüht ja von Schmerzen so.
Dieser Seide Wollust schreckt den Griff.
Tod ist diesem Tand hier beigemischt!

Das gemalte Muttergottesauge
Sieht durch Brust und Schärpe dich, das Kind.
Reiter Georg, dessen Schimmel bäumt,
Zielt dem Züngeldrachen, dir, der Gier.
Zeuge ist die Ampel ohne Oel.
„Kain!“ - so flüsterts hinter dem Altar.

Der verwilderte Soldat, wie zahm,
Nur ein Bäuerlein, es kniet bekreuzt.

November 1914


Bauernstube

Ewig schwingt die Wiege,
Holzgehöhltes Tröglein.
Auf dem Ofenlager
Altvergilbte Ahnin
Zieht das Wiegenzugband
Stetig wie die Wanduhr.
Und die Katze wärmt sich
Weichgeknäult beim Ofen.

Weißes Kleid ist Sonntag!
Zöpfe, eingeflochten
In die bunte Quaste.
Blankgewichste Stiefel.
Dir Ruthenenmutter
Lehnt beim Fensterguckloch.
Eisbeblaute Scheibe,
Schneebegrabnes Bergdorf.

Aufgewacht das Kindlein,
Heiß und runde Wange.
Hält mit beiden Fäusten
Mütterliche Brust fest.
Saugt mit guter Lunge
Mütterliche Labe.
Süßer Milchdunst dämmert
In der lauen Stube.

Bauer ist verschollen
Wo im wirren Kriege.
Bäurin in der Scheune
Fügt sich den Soldaten.
Wohlig spinnt die Katze,
Wohlig gluckst das Kindlein.
Bald bewegt die Wiege
Ihre Welle wieder.

März 1915



Die Schlacht

Unbesorgt, ob die Hölle brüllt auf dem Hügel -
Ja der Mensch, der Mensch nur hat die Hölle erfunden -
Geht im Tal der Bauer, führt seinen Pflug vor.

Unbekümmert um den Triumph der Minen -
Hochauf quirlen die schwarzen Säulen Jehovas -
Läuft im Tal das Bauernkind, wo der Pflug geht.

Unbesorgt um den tanzenden Ekrasitberg -
Märtyrer schweben ohne Hände und Füße -
Gräbt der der Pflug seine Furche - der Bauer sein Kreuz schlägt.

Unbekümmert um die zerworfenen Puppen -
Droben am Berghang, buntverkleidete Leichen
Trabt im Tal die Stute, froh schreit das Fohlen.

Unbesorgt um die giftige, rotbraune Wolke -
Wo seit Nächten der Wald brennt, riesige Esse -
Kreist um das Fohlen eifersüchtig die Stute.

Rosige Wölkchen seh ich gemalt und schwarzes Gewölke,
Breit am Firmament die brandige Glorie
Und der braunen Hälse Spiel in den Gräsern

April 1915


Berthold Viertel, maschinengeschriebenes Skript, aus: Gedichte aus den Jahren 1914 / 1915, typisierte Abschriften, unterzeichnet und datiert Oktober 1915. Vermutlich für Herausgebertätigkeit Österreichischer Almanach auf das Jahr 1916, die hier vorliegenden wurden nicht aufgenommen. Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethemuseum, aus dem Werknachlass von Hugo von Hofmannsthal.

Berthold Viertel wurde am 28. Juni 1885 in Wien geboren und starb am 24. September 1953 ebendort, Schriftsteller, Dramaturg, Essayist, Übersetzer und Film- und Theaterregisseur, der in Deutschland, den USA und Großbritannien wirkte.

Unter anderem wurde er in den Jahren 1910 / 1911 Mitarbeiter bei Der Fackel von Karl Kraus. März 1910 erschien dort sein erstes Gedicht. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war er als Schauspieler und Regisseur in Berlin tätig, musste wegen seiner jüdischen Herkunft nach Frankreich emigrieren und arbeitete abermals in England und den USA. In New York war er 1944 Mitbegründer von Wieland Herzfeldes Aurora-Verlag.

Im Jahr 1947 kehrte er nach Europa zurück, arbeitete zunächst in London bei der BBC, dann ab 1948 als Regisseur in Zürich und ab 1949 schließlich wieder in Wien.

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935), aus der Mappe Der Krieg 1914 - 1916, Hugo Bermüllerverlag, Berlin-Lichterfelde 1915

Montag, 12. Januar 2026

Marianne Dora Rein: Traumbild

 



Traumbild

Aus der verfallenen Schänke
       dringt Klirren.
Der einsame Wirt
zerschlägt Krug um Krug.

Lange entfloh der Hausschwalbe
       Schwirren.
Kein Gast mehr betrat die
verlassene Schwelle.

Nun scheint der Mond durch
       zerbröckelnde Wände
und badet sein Licht
im vergossenen Wein.

Die Kerze flackert. Und zitternde
      Hände
versuchen die Scherben
zusammenzufügen.

1940

Marianne (Dora) Rein, aus: An den Wind geschrieben, Lyrik der Freiheit 1933 – 1945, gesammelt, ausgewählt und eingeleitet von Manfred Schlösser unter Mitarbeit von Hans-Rolf Ropertz; Schriftenreihe Agora, Darmstadt 1960; mit der Anmerkung: „Das hier mitgeteilte Gedicht verdanken wir Herrn Jacob Picard, der es erstmals in „Christ und Welt“ (10. 4. 1958) veröffentlichte.

Marianne Dora Rein, geboren am 2. Januar 1911, war eine junge hoffnungsvolle jüdische Dichterin aus Würzburg. Am 27. November 1941 wurde Marianne Rein zusammen mit ihrer Mutter mit dem ersten aus Würzburg abgehenden Transport zusammen mit weiteren 200 Personen, darunter 40 Kindern und Jugendlichen, deportiert. Der Transport ging über Nürnberg nach Riga. Die Deportierten wurden, so eine Überlebende, in den eiskalten Wirtschaftsgebäuden des Jungfernhofes bei Riga untergebracht. Von dort gingen ab Februar 1942 Transporte ab, zuletzt am 26. März 1942 ein Transport mit ca. 1700 Menschen. Alle Abtransportierten wurden am gleichen Tag in einem Wald bei Riga erschossen. Von den im November 1941 aus Franken nach Riga Deportierten haben, soweit bekannt, zwei Personen überlebt.

Das Bild ist ein gezeichnetes Selbstportrait aus einem Brief an Jacob Picard.