Ein Selbstbild
Ein ewiges Träumen voll süßesten
Lebensüberschuss - rastlos, -
mit bangen Schmerzen innen, in der
Seele. - Lodert, brennt, wächst
nach Kampf, - Herzkrampf.
Wegen und wahnwitzig rege mit
angeregter Lust. - Machtlos ist
die Qual des Denkens, sinnlos, um
Gedanken zu reichen. - Sprache
die Sprache des Schöpfers und
Gabe. - Dämone! - Brecht die
Gewalt! -
Eure Sprache, - eure Zeichen, -
eure Macht.
Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien
Landstraße
Die hohen Bäume gingen alle die
Straße entlang, in ihnen zirpten
zittrige Vögel. - Mit großen
Schritten und roten Böseaugen
Durchlief ich die nassen Straßen.
Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien
Ein ewiges Träumen voll süßesten
Lebensüberschuss - rastlos, -
mit bangen Schmerzen innen, in der
Seele. - Lodert, brennt, wächst
nach Kampf, - Herzkrampf.
Wegen und wahnwitzig rege mit
angeregter Lust. - Machtlos ist
die Qual des Denkens, sinnlos, um
Gedanken zu reichen. - Sprache
die Sprache des Schöpfers und
Gabe. - Dämone! - Brecht die
Gewalt! -
Eure Sprache, - eure Zeichen, -
eure Macht.
Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien
Landstraße
Die hohen Bäume gingen alle die
Straße entlang, in ihnen zirpten
zittrige Vögel. - Mit großen
Schritten und roten Böseaugen
Durchlief ich die nassen Straßen.
Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien
Tannenwald
Ich kehre ein in den rotschwarzen
Dom des dichten Tannenwaldes,
der ohne Lärmen lebt und
mimisch sich anschaut,
die Augenstämme die dicht
sich greifen und die sichtbare
nasse Luft ausatmen. -
Wie wohl! - Alles ist
lebend tot.
Ich kehre ein in den rotschwarzen
Dom des dichten Tannenwaldes,
der ohne Lärmen lebt und
mimisch sich anschaut,
die Augenstämme die dicht
sich greifen und die sichtbare
nasse Luft ausatmen. -
Wie wohl! - Alles ist
lebend tot.
Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien
Ein Selbstbild
Ich bin für mich und die, denen
die durstige Trunksucht nach
Freisein bei mir alles schenkt
und auch für alle, weil alle
ich auch liebe, - liebe.
Ich bin von Vornehmsten
der Vornehmste
und von Rückgebern
der Rückgebigste
Ich bin Mensch, ich liebe
den Tod und liebe
das Leben.
Handgeschriebene Karte 1910, Leopoldmuseum Wien
Kunst und Künstler
Für Herrn Egon Schiele
Kunst sei die Kraft, die Hände so zu regen,
dass sie, ergriffen nur und nur im Zwange,
verführt von unseres Geistes wilden Drange
und doch bewusst der höchsten Arbeit pflegen
Der Schweiß ist dieser Erde tiefster Segen.
Was sich uns bietet, trägt den Kopf der Schlange.
Gefesselt sei die Not im Bild, im Klange:
Gebändigt nur kann man dem Licht entgegen.
Der Künstler ist. - Er kommt aus Kinderzeiten;
in allen Tümpeln spiegeln Seligkeiten,
aus allen Himmeln fließt die Qual. Ergebnis
ist jeder Schritt in seinem Vorwärtsschreiten
zu neuer Tat. - Lasst uns die Stirne weiten
und jung sein vor dem rauschenden Ergebnis!
Erwin Rieger, Typoskript vom September 1917, Albertina Museum, Wien
Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne. Außerdem betätigte er sich auch als Lyriker. Das Selbstportrait oben ist von 1910.
Erwin Rieger, geboren am 13. September 1889 in Wien; gestorben am 25. November 1940 in Tunis, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer. 1918 lernte er in der Schweiz Stefan Zweig kennen, den er bei Übersetzungs- und Recherchearbeiten wesentlich unterstützte, 1936 wird Rieger Theaterkritiker der Neuen Freien Presse in Wien. Der Austrofaschismus und die Gefahr als Homosexueller verhaftet zu werden, treiben ihn außer Landes. 1938 emigriert er zunächst nach Frankreich und im selben Jahr weiter nach Tunesien, wo er unter ungeklärten Umständen stirbt. Die Vermutungen reichen von Selbstmord bis hin zu Mord.





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