Ich möchte in diesem Blog Werke von Dichterinnen und Dichtern einstellen, welche mir bei meinen Streifzügen durch die Welt der Poesie begegnet sind, und die mir gefielen. So wird dies ein ganz persönliches Kompendium, von dem ich mir dennoch erhoffe, dass es auch anderen Menschen Freude macht. Also, viel Spaß beim Stöbern wünscht Dingefinder Jörg Krüger.
Donnerstag, 27. Dezember 2018
Georg Kafka: Segen der Nacht
Segen der Nacht
Ich bin, Geliebte, Gottes schmaler Spiegel,
In den er blickt, eh' er zur Ruhe geht.
Mein Herz ist seines Ringes rotes Siegel,
das er dem Abend aufprägt, eh' er ganz verweht.
Ich bin, Geliebte, Gottes Silberschale,
Aus der er oft des Schlummers Rotwein trinkt,
Von deren tiefem Grunde, wie aus einem Tale
Des bleichen Monds das Lied der Schwermut klingt.
Ich war, Geliebte, Gottes stummer Spiegel.
Nun sing ich in der Ferne leise Lieder
Zur Laute Dir, wenn rings die Sterne steigen.
Mein Herz war Gottes abendrotes Siegel.
Nun spricht er zu mir aus der Sterne Schweigen:
In meinem Garten sehet ihr euch wieder. . .
(1943)
Georg Kafka war ein entfernter Verwandter von Franz Kafka. Er stammte aus Teplice. Am 23. Juli 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert, am 25. Mai 1944 nach Auschwitz, wohin er seiner in den Transport eingereihten Mutter freiwillig folgte. Er wurde später weiter verschleppt und kam Ende 1944 im KZ Schwarzheide ums Leben.
Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch
Sonntag, 23. Dezember 2018
Konstantin Balmont: Die drei Edelsteine und andere Gedichte
Die drei Edelsteine
Das güt'ge Schicksal schenkte mir drei Edelsteine
Von grosser Zauberkraft; verschieden war ihr Sinn:
In fremde ferne Länder führte mich der eine
Und zu dem hellen Glück der ersten Liebe hin.
Es gab mir Macht der zweite über eine Menge
Von Menschenherzen. Doch der dritte Zauberstein
Der zeigte mir die tiefverborg'nen engen Gänge,
Die in die Tiefen führen, in mein Herz hinein.
Ins Meer warf ich den ersten lachend vom Balkone;
Und auch den zweiten; heb' vielleicht ihn wieder auf.
Der dritte aber ist ein Kleinod meiner Krone,
Und er allein erhellt mir meines Lebens Lauf.
Das güt'ge Schicksal schenkte mir drei Edelsteine
Von grosser Zauberkraft; verschieden war ihr Sinn:
In fremde ferne Länder führte mich der eine
Und zu dem hellen Glück der ersten Liebe hin.
Es gab mir Macht der zweite über eine Menge
Von Menschenherzen. Doch der dritte Zauberstein
Der zeigte mir die tiefverborg'nen engen Gänge,
Die in die Tiefen führen, in mein Herz hinein.
Ins Meer warf ich den ersten lachend vom Balkone;
Und auch den zweiten; heb' vielleicht ihn wieder auf.
Der dritte aber ist ein Kleinod meiner Krone,
Und er allein erhellt mir meines Lebens Lauf.
- - - - -
Sie
gab sich mir hin ohne Klage,
Sie hat nicht an Reue gedacht.
- Wie klar sind die sonnigen Tage,
Wie ist doch das Meer voller Pracht!
Sie sagte nicht: "Nein! lass mich gehen",
Sie wollte von mir keinen Schwur.
- Wie mild uns die Winde umwehen,
Der Abendhauch kühlt schon die Flur!
Die Schande, das drohende Dunkel
Der Zukunft erschreckten sie nicht.
- Wie sanft ist der Sterne Gefunkel,
Wie mild ist ihr ewiges Licht!
Sie hat nicht an Reue gedacht.
- Wie klar sind die sonnigen Tage,
Wie ist doch das Meer voller Pracht!
Sie sagte nicht: "Nein! lass mich gehen",
Sie wollte von mir keinen Schwur.
- Wie mild uns die Winde umwehen,
Der Abendhauch kühlt schon die Flur!
Die Schande, das drohende Dunkel
Der Zukunft erschreckten sie nicht.
- Wie sanft ist der Sterne Gefunkel,
Wie mild ist ihr ewiges Licht!
- - - - -
Dort, bei den Pflanzen
Dort, bei den Pflanzen ist’s gut.
Tief ist der Meeresgrund, still;
Schwach und voll Schatten das Licht.
Wogen erreichen uns nicht.
Tief ist der Meeresgrund, still;
Schwach und voll Schatten das Licht.
Wogen erreichen uns nicht.
Reglos der Pflanzen Gewirr.
Tiefgrün und sorglos ihr Blick.
Leidenschaftslos, ohne Laut,
Wachsen und blühen sie auf.
Tiefgrün und sorglos ihr Blick.
Leidenschaftslos, ohne Laut,
Wachsen und blühen sie auf.
Wortlos und tief ist der Grund.
Meeresgras bleibt immer stumm.
Liebe und irdisches Wort,
Findest du nirgendwo dort.
Meeresgras bleibt immer stumm.
Liebe und irdisches Wort,
Findest du nirgendwo dort.
Schimmernde Steine und Sand.
Fische, gespensterhaft. – Weit
Von uns Leidenschaft, Leid.
Gut, dass im Meer ich versank!
Von uns Leidenschaft, Leid.
Gut, dass im Meer ich versank!
Übersetzung von
Alexander Eliasberg
Konstantin Dmitrijewitsch Balmont geboren am 15. Juni 1867 auf dem Gut
Gumnischtschi bei Wladimir (Russland); gestorben am 23. Dezember 1942 in Noisy-le-Grand
bei Paris, war ein russischer Lyriker des aus dem silbernen Zeitalter der russischen Poesie.
Im Winter 1911/12 schrieb Igor Strawinski die Kantate Le
Roi des étoiles auf einen Text dieses Dichters.
Alexander Eliasberg (* 22. Juli 1878 in Minsk; † 26. Juli 1924 in Berlin) war ein jüdisch-russischer Literaturhistoriker, Übersetzer, Herausgeber und Autor.
Aus:
Russische Lyrik der Gegenwart
Deutsch von Alexander Eliasberg
Mit einer Einleitung und vier Bildnissen
München und Leipzig R. Piper & Co Verlag 1907
Deutsch von Alexander Eliasberg
Mit einer Einleitung und vier Bildnissen
München und Leipzig R. Piper & Co Verlag 1907
Alexander Puschkin: Tatjana, Dorothea. . .
Tatjana, Dorothea, zwischen euch
Setzt blinder Hader die gestreiften Pfähle
Und pflanzt den Zaun von dürrem Dorngesträuch
Als Wärter um die grenzenlose Seele.
Das irre Spiel unheiliger Geschicke
Trennt Herz von Herzen, scheidet Blut von Blut
Und lenkt in dumpfer Trübung eure Blicke
Vom rechten Pfade – wisst ihr, was ihr tut?
Ihr stürzt in Staub die Pfeiler eures Baus,
Ihr schlagt mit scharfem Stahl nach euren Myrten
Und werft den Brand in eurer Kinder Haus...
Ich weiß, ich weiß die Umkehr euch Verirrten!
Und übers Land, weit hingedehnt und hüglig,
Das schon den Keim der jungen Ernten wiegt,
Läuft meine Liebe hin, die silberflüglig
Und lachend alle Schranken überfliegt.
Alexander Puschkin, Übersetzung Henry von Heiseler
„Wenn man mehr Getreide und weniger Phrasen dreschen würde, gäbe es auf der Welt bald kaum noch Hungrige.“
Henry von Heiseler, geboren am 23. 12.1875 in St. Petersburg, gestorben am 25. 11. 1928 in Brannenburg (Inntal), war ein deutsch-russischer Lyriker, Erzähler und Essayist, außerdem Übersetzer von Puschkin, Leskow und Yeats
Bild: Paul Klee, Der Winter
Sonntag, 16. Dezember 2018
Selma Merbaum: Welkes Blatt
Welkes Blatt
Auf der halbvergilbten Seite
liegt das dünne, gelbe Blatt,
liegt es traurig, zart und matt
wie ein Tränenblick ins Weite.
Und der Stengel ist so biegsam zart,
dass man fast des dünnen Kleides harrt,
das diese Gestalt bekleiden soll.
Und das Blatt ist wie ein Lied in Moll,
weil es an den Herbst gemahnt,
wie ein Kind, das traurig ahnt,
dass es krank ist und bald sterben soll,
ganz so süß und voll verhaltnem Weh.
So ist auch der letzte Schnee...
Selma Merbaum (in anderer Schreibweise Selma Meerbaum-Eisinger), deutschsprachige Dichterin aus der Bukowina, 5. 2. 1924 geboren, starb 16. 12. 1942 als verfolgte Jüdin im Zwangsarbeitslager Michalowika in der Ukraine.
Aufmerksam auf diese Dichterin bin ich von der Schriftstellerin Marion Tauschwitz gemacht worden, die auch eine lesenswerte Biografie über die Dichterin geschrieben hat. Dafür danke ich sehr herzlich.
Freitag, 30. November 2018
Ite Liebenthal: Ich weiß noch Wälder / Nun schlafen die Gärten. . .
Ich weiß noch Wälder, in denen Gott wohnt.
Da geht er groß und gelassen im Schweigen
heiliger Bäume, die sich schützend verzweigen,
auf Wegen, die noch jeder Fuß verschont.
Und um ihn her sind nur die unschuldigen
Tiere, die träumend im Moose ruhn,
und die mit ihren stillen, geduldigen
Augen einander nichts Böses tun;
die dicht am Rand seines Kleides spielen
und doch nicht wissen, wem sie nahe sind.
Aber die Gräser und Blumen auf hohen Stielen
beugen sich ihm entgegen im singenden Wind.
Wer, du mein Freund, weist uns den Weg ins Gehege.
Ob wir in Ewigkeit wandern, wir finden ihn nie.
Und doch wartet Gott auf einen, der an sein Knie
kindlich gelehnt das Haupt in den Schoß ihm lege ...
¨˜“ª¤.¸* ☸ *¸.¤ª“˜¨
Nun schlafen die Gärten; die Teiche schlafen.
Wetter verziehen; die Winde sind still.
Auf Wegen, wo unsere Spuren sich trafen,
liegt Schnee, der die Zeichen begraben will.
Am einsamen Fenster, von Blumen verdunkelt,
die frostiger Anhauch zum Blühen gebracht,
erwart ich den Stern, der allein mir noch funkelt
am ruhigen Himmel in schlafloser Nacht.
Doch heut ziehen Nebel, und Wolken umgleiten,
gespenstige Schiffe, den frierenden Mond,
verstoßne Gestalten, verlorener Zeiten,
die nun keines Lächelns Erinnerung lohnt.
Und wie von zerrissenen Segeln und Fahnen
fliehn zitternde Schatten vorüber der Welt.
Doch sieh, es öffnen die ferneren Bahnen
sich leuchtend vom einzigen Lichte erhellt.
Ite Liebenthal, Lyrikerin, geboren am 15. Januar 1886 in Berlin, am 27. November 1941 wurde sie zusammen mit anderen deutschen Juden nach Riga deportiert. Dort wurde sie unmittelbar nach ihrer Ankunft am 30. November mit allen anderen Insassen des Massentransports im Wald von Rumbula bei Riga ermordet.
Bereits 1906, mit 20 Jahren, veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband (Aus der Dämmerung). Weitere Veröffentlichungen folgten in der Zeitschrift Die Argonauten. 1921 erschien ein Band mit Gedichten im Erich Lichtenstein Verlag Jena. Eines der letzten Gedichte in diesem Band ist das folgende:
Mehr als mich wirst du die Erinnerung lieben,
wenn das lebendige Bild hinter den Schleier entweicht,
wenn nur der schwebende Hauch verwehender Worte geblieben,
wenn dich der letzte Sinn versunkener Blicke erreicht.
Dann werd ich ganz dein alterndes Leben umschließen,
Einsamster unter den Menschen, daß nie deine Seele verdirbt.
All meine inneren Quellen, die heut noch verborgen dir fließen,
münden gestillt in dein Herz, und alles Leiden stirbt.
(Wiki)
Mittwoch, 21. November 2018
Victor Hadwiger: Trüber Tag
Trüber
Tag
So graues Wetter in den Gassen
Und schmale, kranke Flammen im Kamin,
An allen Dingen ein Erblassen
Und die Gebärden, müde im Erfassen
Schwanken verworren drüber hin.
Es fliegen ernste Vögel durch dein Land,
Und Lieder, die ihr pflegt und heilig haltet,
Weil sich darin ein liebes Bild gestaltet,
Sie sind mir wie von fern gesandt,
Ein Märchen, sonderbar entfaltet.
Es werden Dinge über uns geschehn,
Die sich in unsre armen Stirnen graben;
Und nur die Stummen werden es verstehn
Mit uns und über uns hinaus zu gehn,
Wenn wir genug verstanden haben.
Die süßen Schläfen komm ich dir zu küssen,
Und deine guten Hände trink ich aus. -
Und für alles, was wir wissen müssen,
Liegt mir ein Kranz bereit zu deinen Füßen
Und Sterne wandern um dein stilles Haus.
So graues Wetter in den Gassen
Und schmale, kranke Flammen im Kamin,
An allen Dingen ein Erblassen
Und die Gebärden, müde im Erfassen
Schwanken verworren drüber hin.
Es fliegen ernste Vögel durch dein Land,
Und Lieder, die ihr pflegt und heilig haltet,
Weil sich darin ein liebes Bild gestaltet,
Sie sind mir wie von fern gesandt,
Ein Märchen, sonderbar entfaltet.
Es werden Dinge über uns geschehn,
Die sich in unsre armen Stirnen graben;
Und nur die Stummen werden es verstehn
Mit uns und über uns hinaus zu gehn,
Wenn wir genug verstanden haben.
Die süßen Schläfen komm ich dir zu küssen,
Und deine guten Hände trink ich aus. -
Und für alles, was wir wissen müssen,
Liegt mir ein Kranz bereit zu deinen Füßen
Und Sterne wandern um dein stilles Haus.
Victor Hadwiger, 1878 - 1911
Aus:
Die Aktion Zeitschrift für freiheitliche Politik und Literatur
Herausgegeben von Franz Pfemfert
Nr. 20 Jahrgang 1911
Herausgegeben von Franz Pfemfert
Nr. 20 Jahrgang 1911
Sonntag, 18. November 2018
Ilse Weber: Ich wandre durch Theresienstadt
Ich wandre durch Theresienstadt
Ich wandre durch Theresienstadt,
das Herz so schwer wie Blei,
bis jäh mein Weg ein Ende hat,
dort knapp an der Bastei.
Dort bleib ich auf der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus:
Ich möcht so gerne weitergehn,
ich möcht so gern – nach Haus!
»Nach Haus!« – du wunderschönes Wort,
du machst das Herz mir schwer,
man nahm mir mein Zuhause fort,
nun hab ich keines mehr.
Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei,
Theresienstadt, Theresienstadt
– wann wohl das Leid ein Ende hat –
wann sind wir wieder frei?
Ilse Weber, geborene Herlinger (geboren am 11. Januar 1903 in Witkowitz, Österreich-Ungarn; ermordet am 6. Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau)
Donnerstag, 15. November 2018
John Höxter: Pro Domo
![]() | |
Das "Café des Westens" in Berlin, auch "Café Größenwahn" genannt, eine der Wirkungsstätten von John Höxter |
Pro Domo
Wenn ich wollte, was ich könnte,
Könnt´ ich eher, was ich wollte;
Doch wie will ich wollen können,
Und wie kann ich können wollen,
Ohne Muß zum Können wollen,
Da man wollen kann, wer muß!
Müßt´ ich wirklich, was ich müssen wollte,
Könnt´ ich sicher, was ich können muß.
Seht! Ein Mann, der manches können könnte,
Wenn der gute Mann nur wollen wollte.
Er verstummt und macht vorzeitig Schluß,
Weil (nach Nathan) kein Mensch müssen muß!
John Höxter, am 2. Januar 1884 in Hannover geboren, Dichter und Maler, und der genialste Schnorrer der Berliner Bohéme nahm sich am 15. November 1938 in Berlin das Leben.
Friedrich Hollaender textete über ihn dieses Couplet:
Ich pendle langsam zwischen allen Tischen.
Ab zwanzig Uhr beherrsch ich dieses Reich.
Ich will mir einen edlen Gönner fischen.
Vor mir sind Rassen und Parteien gleich.
Irrenärzte, Komödianten,
Junge Boxer, alte Tanten,
Jeder kommt mal an die Reihe
Jeder kriegt von mir die Weihe:
Könnse mir fünfzig Pfennige borgen?
Nur bis morgen?
Ehrenwort!
"Ich bin noch ein ungeübter Selbstmörder" schrieb er in seinem Abschiedsbrief an Leo von König, aber auch: "Möge das edle, naive deutsche Volk eines Tages jene furchtbare Schande von sich abwaschen, die es auf sich lud als es all zu willig sich der Herrschaft der unheiligen Dreieinigkeit des Wahnteufels, des Hetzteufels und des Gierteufels unterwarf."
Montag, 12. November 2018
Carl Busse: Nächte
Nächte
I.
Das ferne Rauschen selbst der Quellen
Verwehte längst und ging zur Ruh,
Den silberroten Mondeswellen
Neigt sich die nächtige Blüte zu.
Der weiße Flieder atmet leise,
Süß über schwüle Rosenpracht
Klingt eine wundersame Weise,
Und blau verdämmernd liegt die Nacht.
II.
Der Vögel Sonnenlieder starben,
Nachzitternd seiner Königin
Dehnt blaß sich und orangefarben
Der weite Abendhimmel hin.
Und stiller wird die Luft und wärmer,
Kaum daß es sacht herüberdringt,
Wenn surrend ein Ligusterschwärmer
Im Flug aus vollen Kelchen trinkt.
III
Ein müder Falter, tief im Traume,
Vergißt berauscht das Weiterziehn,
Und wiegt sich auf dem Kronensaume
Des schwülen, schwankenden Jasmin.
Sternrosen spiegeln wirr sich wider
Im sammetdunklen Wasserrand,
Und winkend schimmert weißer Flieder
Wie eine weiche Totenhand.
Das ferne Rauschen selbst der Quellen
Verwehte längst und ging zur Ruh,
Den silberroten Mondeswellen
Neigt sich die nächtige Blüte zu.
Der weiße Flieder atmet leise,
Süß über schwüle Rosenpracht
Klingt eine wundersame Weise,
Und blau verdämmernd liegt die Nacht.
II.
Der Vögel Sonnenlieder starben,
Nachzitternd seiner Königin
Dehnt blaß sich und orangefarben
Der weite Abendhimmel hin.
Und stiller wird die Luft und wärmer,
Kaum daß es sacht herüberdringt,
Wenn surrend ein Ligusterschwärmer
Im Flug aus vollen Kelchen trinkt.
III
Ein müder Falter, tief im Traume,
Vergißt berauscht das Weiterziehn,
Und wiegt sich auf dem Kronensaume
Des schwülen, schwankenden Jasmin.
Sternrosen spiegeln wirr sich wider
Im sammetdunklen Wasserrand,
Und winkend schimmert weißer Flieder
Wie eine weiche Totenhand.
Carl Hermann Busse,
geboren am 12. November 1872 vermutlich in Lindenstadt bei Birnbaum in Posen;
gestorben am 3. Dezember 1918 in Berlin, Lyriker und Literaturkritiker.
Samstag, 3. November 2018
Walter Calé: Wir tauchen aus dem Strom / Und abermals wirst du. . .
Wir tauchten aus dem Strom. . .
Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fließt,
Und wo wir eines waren willenlos,
Und wandeln nun für eine kurze Weile
In argen Fesseln unter Raum und Stunden,
Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind,
Und nur mit Blicken, welche trösten sollen,
Von fern uns winkend – eine kurze Weile,
Bis daß wir wieder zu dem Strome tauchen
Und wieder eines sind und willenlos.
Und abermals wirst du. . .
Und abermals wirst du geboren werden
Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,
Und wirst die Wege gehen allen Lebens,
In Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln.
Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht
Gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind,
Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,
So wisse du: Der Bruder ruft nach dir,
Der abermals dem Tode sich entrang
Gleich dir und abermals das Leben wandelt
Auf andern Sternen fern und trauervoll.
Walter Calé geboren am 8. Dezember 1881 in Berlin; Freitod am 3. November 1904 in Freiburg im Breisgau.
Donnerstag, 1. November 2018
Simon Kronberg: Tiefe Nacht
Tiefe Nacht
Du tiefe Nacht, nach der ich müde bin,
so müde Nacht für Nacht
verschlafen und verwacht
-
ich will nicht mehr den Tag, noch den Gewinn
von Stunden, die nur schlagen.
Dies geh ich, Gott zu sagen.
Und auch dies: bin ich sein Kind so sehr,
warum kommt keines seiner Märchen mehr
zu mir und blüht den Frieden?
Seinen Duft hernieden
In „es war einmal“ und „schlaf mein Kind“.
Ich fehlte ihn. Daß ich ihn jemals find,
das müßte Gott schon sagen.
Mehr werde ich nicht klagen.
Simon Kronberg, Schriftsteller und Dichter, geboren am 26. Juni 1891 in Wien; gestorben am 1. November 1947 in Haifa.
Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.
Donnerstag, 25. Oktober 2018
Otto Pick: Wie lange noch . . . / Noch immer. . .
Wie lange noch . . .
Die Zeit entstirbt so dir wie mir,
Wie lange noch bestehn wir hier?
Was gibt uns Mut zu Wort und Tat?
Ist, dass wir sind, nicht schon Verrat
Am Gang der Zeit, die uns nicht braucht,
Die ohne uns ins Leere taucht,
Wie sie uns jetzt herunterreißt,
Den Frommen wie den Feuergeist.
Die Zeit entstirbt. Wir sind noch hier ...
Rafft’s mich nicht fort, so gilt es dir.
Was unser war, Leid, Schmerz und Glück:
Vorbei, vorbei ... Ins Nichts zurück.
Noch immer. . .
Noch immer dies nicht zu uns selber kommen!
Tag bröckelt ab. Was denken? Lose Dinge,
Verächtliche und ferne, zu geringe,
Inhalt zu sein, da alles fortgenommen?
Wenn, was wir ohne Augenleuchten sagen,
Nicht Ausflucht ist, dann besser: zu beenden.
Schwärt aus den Aussatz an den müden Händen,
Dass wir einander ihren Druck versagen?
Von Mensch zu Mensch ... Wann redeten wir so?!
Wir kränken uns in jeglicher Sekunde,
Der Geist, das reine Kind, irrt frierend irgendwo,
Uns stirbt das Wort ab im erstarrten Munde,
Und nannte jeder eine Mutter sein,
Und strahlte jedem Heil aus guten Augen.
In welche Hölle stürzten wir hinein,
Die Hirn und Herz zerfrisst mit bösen Laugen?
Wir möchten Liebe denken. Da verschwimmt
Das reine Bild vor unseren Tränenblicken,
O dunkle Hand, die alles trübt und nimmt
Und einsam wacht, bis wir uns selbst zerstücken.
Am 25. Oktober 1940 starb der deutsch-böhmische Dichter und Übersetzer Otto Pick im Exil in London.
Das Bild ist von der im Februar 2016 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.
Dienstag, 23. Oktober 2018
Camill Hoffmann: Schwermut
Schwermut
Hinter langen Liliensäumen,
Die um schlanke Beete liefen,
Schliefen, schliefen
Rote Rosen schwer in Träumen.
Manchmal weckten sie Fontainen,
Die am Abend lauter sangen,
Und befangen
Fasste sie ein fernes Sehnen.
Und es seufzten auf die zarten
Rosen in den bleichen Zweigen.
Tiefes Schweigen -.
Doch voll Düfte stand der Garten.
Aus: Adagio stiller Abende
Gedichte von Camill Hoffmann
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902
Camill Hoffmann wurde am 31. Oktober 1878 in Kolín, Böhmen geboren; im Oktober 1944 wurde er im KZ Auschwitz ermordet.
Samstag, 27. Januar 2018
Richard Zach: Ich bin den andern Weg gegangen
Ich
bin den andern Weg gegangen
Was soll ich um mein
Leben rechten?
Ich hab' gewagt, hab' nicht gefragt,
ob's gut ist, wenn man alles wagt,
und ob die Taten Zinsen brächten!
Ich hab' gewagt, hab' nicht gefragt,
ob's gut ist, wenn man alles wagt,
und ob die Taten Zinsen brächten!
Bequemer
wäre es gewesen,
den Kopf zu senken,
klug zu lächeln,
die Knie verrenken, Demut fächeln
und kein verbotenes Buch zu lesen.
die Knie verrenken, Demut fächeln
und kein verbotenes Buch zu lesen.
Die Möglichkeit stand
häufig offen,
sich wirklich gut und weich zu betten,
den eigenen schönen Kopf zu retten
und auf Beförderung zu hoffen.
sich wirklich gut und weich zu betten,
den eigenen schönen Kopf zu retten
und auf Beförderung zu hoffen.
Ich bin den anderen
Weg gegangen.
Verzeiht - es tut mir gar nicht leid,
obwohl es elend steht zur Zeit.
Wird keiner um sein Leben bangen,
Verzeiht - es tut mir gar nicht leid,
obwohl es elend steht zur Zeit.
Wird keiner um sein Leben bangen,
der weiß, wozu er
es verwendet,
bedachte, was sein Glaube wiegt.
Er hat am Ende doch gesiegt,
bedachte, was sein Glaube wiegt.
Er hat am Ende doch gesiegt,
und wenn er auf der
Richtstatt endet!
Richard
Zach geboren am 23. März 1919 in Graz, war ein österreichischer
Widerstandskämpfer und Dichter. Am 31.Oktober 1941 wurde er verhaftet und von
einem Militärgericht in Berlin am 18.August 1942 wegen
"Wehrkraftzersetzung" zum Tode verurteilt und am 27. 1. 1943 in
Berlin – Brandenburg hingerichtet. In der Zeit seiner Haft schrieb er mehrere
hundert Gedichte.
Mittwoch, 24. Januar 2018
Clara Blüthgen: Brautlied
Brautlied
Komm her zu mir! Im wallenden Gewande,
Umweht vom Nelkendufte harr ich Dein.
Komm her zu mir! Wir sind im Zauberlande,
der Mittag brütet rings - wir sind allein.
An meinen Busen lehne Deine Wangen -
so sanft ward nie Dein Dichterhaupt gewiegt;
so haben keine Arme Dich umfangen,
so hat kein Herz an Deines sich geschmiegt.
Belausche dieses Herzens mildes Regen
und seine Wünsche sprich sie hold zur Ruh.
Sieh! Meine Lippen blühen Dir entgegen
und meine Seele duftet Deiner zu.
Nicht traure um die Jahre, die entschwunden:
Jung wie das erste Weib im Paradies,
von Liliths Zauber bin auch ich umwunden,
wie jener Küsse sind die meinen süß.
Sprich nicht von Herbst. Nimm atmend warmes Leben,
Erneute Jugend saug aus meinem Kuß.
Komm her zu mir! Noch hab ich reich zu geben -
erschauert's Dich in diesem Überfluß? - -
Komm her zu mir! Im wallenden Gewande,
Umweht vom Nelkendufte harr ich Dein.
Komm her zu mir! Wir sind im Zauberlande,
der Mittag brütet rings - wir sind allein.
An meinen Busen lehne Deine Wangen -
so sanft ward nie Dein Dichterhaupt gewiegt;
so haben keine Arme Dich umfangen,
so hat kein Herz an Deines sich geschmiegt.
Belausche dieses Herzens mildes Regen
und seine Wünsche sprich sie hold zur Ruh.
Sieh! Meine Lippen blühen Dir entgegen
und meine Seele duftet Deiner zu.
Nicht traure um die Jahre, die entschwunden:
Jung wie das erste Weib im Paradies,
von Liliths Zauber bin auch ich umwunden,
wie jener Küsse sind die meinen süß.
Sprich nicht von Herbst. Nimm atmend warmes Leben,
Erneute Jugend saug aus meinem Kuß.
Komm her zu mir! Noch hab ich reich zu geben -
erschauert's Dich in diesem Überfluß? - -
Clara Blüthgen, geborene Kilburger, geboren
am 25. Mai 1856 in Halberstadt; gestorben am 24. Januar 1934 in Berlin, war Schriftstellerin,
Dichterin und Aphoristikerin.
Dienstag, 23. Januar 2018
Ernst Blass: An Gladys / Strand / In sanften Wehen ist der Herr
An Gladys
(Die Straßen komme ich entlang geweht)
So seltsam bin ich, der die Nacht
durchgeht,
Den schwarzen Hut auf meinem
Dichterhaupt.
Die Straßen komme ich entlang geweht.
Mit weichem Glücke bin ich ganz
belaubt.
Es ist halb eins, das ist ja noch
nicht spät. . .
Laternen schimmern süß und
schneebestaubt.
Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich
gerät
Mit Worten, schnöde, roh und
unerlaubt!
Die Straßen komme ich entlang geweht,
Die Lichter scheinen sanft an mir zu
saugen,
Was mich noch vorhin von den Menschen
trennte;
So seltsam bin ich, der die Nacht
durchgeht. . .
Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen
könnte,
Ich bin so sanft, mit meinen blauen
Augen!
Am 23. Januar 1939 starb in Berlin nach schwerer
Krankheit und vereinsamt der Dichter Ernst Blass, der 25 Jahre vorher zu den
bekanntesten Lyrikern des Expressionismus gehörte. Sein erster Gedichtband - „Die
Straßen komme ich entlang geweht“ erschien 1912. Von einem Lyriker wünschte er
sich: „. . . daß er manchmal recht ins Alltägliche hineingeklebt ist; der noch
in der Erhebung weiß, daß man nicht immer erhoben ist.“
Später wandte er sich mit seiner Arbeit mehr der
Naturlyrik zu, von Stephan George beeinflusst. Das fand nicht immer den
Gefallen seiner Freunde. Genutzt hat ihm es nichts, die Nazis verbrannten seine
Bücher trotzdem. Heute ist Ernst Blass ein Vergessener. Zu Unrecht. Schrieb er
doch so wunderbare Zeilen wie die folgenden aus seinem Gedicht „Nachts“:
Auf des Daseins
geschwungener Brücke
Höre ich dann und wann so
ein Lied
Kann nicht recht vorwärts
und kann
Nicht zurücke
Doch fühle, daß alles
geschieht.
„Der neue Dichter (der den Alltag
kennt, der den Schwindel durchschaut) wird gegen
künstlerisches Schaffen überhaupt, soweit es unkritisch ist, etwas skeptisch
sein, – dennoch wird er eine Melodie haben ...
Weil er wahrheitsliebend ist, werden
seine Dichtungen um viel Melodieloses im Erdenleben wissen, – dennoch Dichtungen
sein; Dichtungen voll der Schönheit und Intensität eines großen Willens zur
Ehrlichkeit. Er wird etwas geben, was, wie Kurt Hiller sagt, funkelt »zwischen
Stahl und der Blume Viola«.
Zusammengefaßt: Der kommende Lyriker
wird kritisch sein. Er wird träumerische Regungen in sich nicht niederdrücken.
Noch im Traume wird er den ehrlichen Willen zur Klärung diesseitiger Dinge
haben und den Alltag nicht leugnen. Und diese Ehrlichkeit wird die tiefste
Schönheit sein.“
Aus dem Vorwort zu „Die Straßen komme ich entlang geweht“
1912
Strand
Wir fühlen Sand und Sommer und die Wellen,
Die nachmittags an unsre Träume spülen,
Und sehen in dem Duft von frischen Kühlen
Sehr sichre Segler hell vorüberschnellen.
Die nachmittags an unsre Träume spülen,
Und sehen in dem Duft von frischen Kühlen
Sehr sichre Segler hell vorüberschnellen.
Und während wir die leichtbeladnen Stunden
Halb spielend und halb fliehend übergleiten,
Steht still in unsern Blicken, ohne Wunden,
Altkluge Trauer und der Glanz der Weiten.
Halb spielend und halb fliehend übergleiten,
Steht still in unsern Blicken, ohne Wunden,
Altkluge Trauer und der Glanz der Weiten.
In sanften Wehen ist der Herr
So war der Lenz, ewigen
Glaubens Spender,
Selber so ewig nicht, wie
er gelind:
Der heitren Jugend kam
der rauhe Wender,
Und unsrer Wiesen
Herrscher ward der Wind!
Doch glauben wir, getreu
dem ersten Bunde,
Die Kraft von stillen und
erhabnem Lied
Und preisen in der nun
erhaltnen Wunde
Die Einfachheit des
Opfers, das geschieht.
Denn nicht im Feuer und
im Wolkenbruche,
Nicht in der Schlachten
blutigem Gezerr:
Es lebet Gott in einem
schlichten Spruche,
In sanften Wehen ist der
Herr.
Montag, 22. Januar 2018
Else Lasker Schüler: Urfrühling / Paul Leppin über die Dichterin
Urfrühling
Sie trug eine Schlange als Gürtel
Und Paradiesesäpfel auf dem Hut,
Und meine wilde Sehnsucht
Raste weiter in ihrem Blut.
Und das Ursonnenbangen,
Das Schwermüt'ge der Glut
Und die Blässe meiner Wangen
Standen auch ihr so gut.
Das war ein Spiel der Geschicke
Ein's ihrer Rätseldinge . . .
Wir senkten zitternd die Blicke
In die Märchen unserer Ringe.
Ich vergass meines Blutes Eva
Ueber all' diesen Seelenklippen,
Und es brannte das Rot ihres Mundes,
Als hätte ich Knabenlippen.
Und das Abendröten glühte
Sich schlängelnd am Himmelssaume,
Und vom Erkenntnisbaume
Lächelte spottgut die Blüte.
Sie trug eine Schlange als Gürtel
Und Paradiesesäpfel auf dem Hut,
Und meine wilde Sehnsucht
Raste weiter in ihrem Blut.
Und das Ursonnenbangen,
Das Schwermüt'ge der Glut
Und die Blässe meiner Wangen
Standen auch ihr so gut.
Das war ein Spiel der Geschicke
Ein's ihrer Rätseldinge . . .
Wir senkten zitternd die Blicke
In die Märchen unserer Ringe.
Ich vergass meines Blutes Eva
Ueber all' diesen Seelenklippen,
Und es brannte das Rot ihres Mundes,
Als hätte ich Knabenlippen.
Und das Abendröten glühte
Sich schlängelnd am Himmelssaume,
Und vom Erkenntnisbaume
Lächelte spottgut die Blüte.
Paul Leppin: Die
Lasker-Schüler
Keine von den Frauen, die ich kenne, ist so
meilenweit von aller Literatur entfernt, so unbedingt in ihre Gesichte
versponnen, mit Riten, Symbolen, Liebhabereien gesegnet, wie Else Lasker-Schüler. Sie ist die Verkünderin, die inbrünstige
Ausdeuterin in einer kaum vorstellbaren Weise. Sie hat eine legendenhafte Art,
mit den Herrlichkeiten der Schöpfung zu kosen, sie andächtig zu betrachten, mit
den Fingern an sie zu rühren. Die lichtgesprenkelte Pfauenschleppe des Kometen,
der blühende Mond, das Abendrot, dunkle Rubine funkeln in ihren Verszeilen. Sie
hat Schicksal, Einsamkeit, brennendes Herzweh erlebt, dürftige Jahre,
heischende Pflichten. Nichts, was mit ihr geschehen konnte, war angetan, die
drängende Fülle ihrer Berufung zu zerstören. Sie ist wie die Bäume, von denen
sie erzählt, daß sie im Erdboden haften, wo die Erwartung des Himmels sie
festhält. Der Baum, die Pflanze, die Blume haben keine Weltanschauung. Aber die
Welt kommt zu ihnen, sie lassen sich feierlich von der Welt anblicken und
wachsen in ihre Träume. So geschieht es der Dichterin. Sie ist mit der Welt
vertraut, ist mit ihr zusammen zur Schule gegangen und Gottes monumentaler
Schrank beliefert sie mit Paradestücken. Wenn sie von ihrer Kindheit berichtet,
dem sauren Kirschbaum im Garten des Vaterhauses, den Schaumkrautwiesen und
versunkenen Wäldern ihrer Sonntagsausflüge im Wuppertale, von der
Knopfsammlung, die sie in ebenmäßiger Reihe als bunte Strophe auf dem Tische
ordnete, kommen Geheimnisse zutage, schüchterne Anmerkungen und Bekenntnisse.
Da war ein Knopf, der war der schönste von allen, der durfte überall liegen, wo
er wollte. »Er war aus Jett, besät mit goldenen Sternlein, und ich staunte ihn
an. Er war das Himmelreich meiner Knöpfe und hieß: Josef von Ägypten. So oft
neckt man mich mit einem Ausdruck, der sich immer wiederhole in meinen
Gedichten. Es ist wahrscheinlich der sternbesäete Knopf.«
Der Hang zu Tand und schimmernden Nichtigkeiten,
farbigen Schnüren, Perlen und koboldartigen Dingen ist ihr geblieben. Er ist
wohl in der spanischen Blutmischung begründet, die ihr »liebmütterlicherseits«
zuteil ward. Als ich sie kennenlernte, als junger Mensch, der neugierig im
Wellenschlag des Berliner Literaturlebens stöberte, war sie mein stärkster
Eindruck. Sie war anders als der Betrieb, der sie mitriß, unnachgiebig und
sonderbar. Sie war vor Zugeständnissen gefeit, die ihr an den Leib rückten. Sie
hatte Geschenke und Auszeichnungen zur Hand, mit denen sie Auserwählte
beglückte: Glassteine aus einer vertrackten Schatulle, die sie stolz und
verheißungsvoll auskramte, Ordenszeichen und Titel, mit denen sie Freunde
dekorierte. Snobismus und journalistische Halbheit haben sie nie erreicht. Sie
war immer vom Geiste besessen, der in ewigen Räumen schweifte, ein unzerbrechliches
Gefäß der Offenbarung in einer von stumpfer Begier zerbröckelten Gegenwart. In
den Kaffeehäusern ihres Bezirkes saßen die Aristokraten, die ihre Gnade ernannt
hatte, ihre Zuneigung salbte. In allen Städten Europas hatte sie Statthalter
ihrer Freundschaft. In der Nacht ihrer Not erhob sie sich selbst zum Prinzen
von Theben. Es ist naheliegend, über ein Zeremoniell zu spotten, das Embleme
und fremdartige Anschriften ersann, mit Siegel und Halbmond ihre Dekrete
fertigte. Aber die unerschütterliche Haltung dieser Frau, ihr allezeit
beglaubigtes Dichtertum, der Glanz des »Gottostens«, der ihren Sprüchen
vorausgeht, die Gerechtigkeit und der Sinn ihres reinen Herzens strafen die
nüchterne Skepsis Lügen. Die Staatsgalerie hat vor einigen Jahren ihre bizarren
Zeichnungen angekauft, gekrönte Köpfe, paradiesische Fahrten ins Flitterland
ihrer Gedanken, Mondsicheln und Heiligkeiten. Es sind vom Wege verirrte Szenen,
vergittertes Temperament, Schwüre und Verzückungen, die so stark auf sie
einströmten, daß die Umfriedung ihrer Verse nicht ausreichte, daß sie
Tuschfeder und Goldlack zu Hilfe nehmen mußte, um sie zu bannen.
Nun ist nach langer Frist eines durch Ungunst
erzwungenen Verstummens ihr neues Buch erschienen. Es nennt sich »Konzert« (Rowohlt-Verlag in Berlin) und bringt die gläubig
gebündelte Ausbeute von Jahreszeiten und Jahren, die über verklärten
Landschaften, gedämpften Erinnerungen stehn. In dieser Folge von Bildern,
Gedächtnistagen und Schwärmereien begegnen wir immer wieder dem Angesichte
Gottes, wie sie es glühend erlebt, dem Erzengelzauber ihrer Vision, der
Bundeslade überirdischer Süchte. St. Peter Hille, der prophetische Apostel, ihr
Gottkamerad, wie sie ihn erschauernd anspricht, hat wieder ein ehrfürchtiges
Denkmal bekommen. Dieser »abstrakteste Mensch, der zurzeit auf Erden wandelte«,
muß ihr wohl irgendwie geglichen haben. Auch sein, des heimlichen Papstes
Vatikan, war nicht von dieser Welt. Seine biblische Jüngerin, die er in
zärtlich gesinntem Spiel vormalig »Tino«, das Mädchen mit den Knabenaugen
nannte, ist gleich ihm der Sentimentalität verfremdet. Und sie verfällt ihr
auch nicht, wenn sie in schlichter Verhaltenheit von einem Verstorbenen redet,
ihrem süß-schönen Sohne Paul, der als Maler ihre Talente erbte, der nicht nur
ihr Kind, der auch ihr kleiner Bruder gewesen war und dem sie ihr Buch in Liebe
zueigen gibt. Das »Konzert« der Else Lasker-Schüler ist die Musik der Mythe.
Tote und Abtrünnige schlagen die Lider auf, Heerscharen, Gebete und Tierseelen
sind darin verzaubert. Es ist Prosa, die tief und einfältig leuchtet und es
wundert uns gar nicht, wenn zwischen den Blättern dieser Erzählungen, wie Gold
im Gestein, der Rhythmus eines Gedichtes verstreut ist. Versöhnung,
edelgewordener Alltag sind holdselig aufgetan. Kummer öffnet den strahlenden
Kelch und duftet:
Es ist so dunkel heut,
Man kann kaum in den Abend sehen.
Ein Lichtchen loht,
Verspieltes Himmelchen spielt
Abendrot
Und weigert sich in seine Seligkeit
zu gehen.
– So alt wird jedes Jahr die Zeit –
Und die vorangegangene verwandelte
der Tod.
* * *
Aus: Prager Presse. Jg. 12, Nr. 201
vom 24. Juli 1932. S. 9 (»Kulturchronik«).
Else
Lasker-Schüler, geboren
am 11. Februar 1869 in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem)
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