Mittwoch, 18. Dezember 2024

Emmy Hennings: Ich lebe im Vielleicht / Ach, was soll mir all Bekennen. . .

 


Ich lebe im Vielleicht

Ich lebe im „Vielleicht“,
Bin eine stumme Frage
Und alles ist mir Sage,
Soweit Gedanke reicht.
O komm, geliebtes Schweigen,
Und hüll mich zärtlich ein.
Wird alles anders sein,
Will ich mich tiefer neigen.

Emmy Hennings

Ach, was soll mir all Bekennen,
Schönes Schweigen, hüll mich ein.
Trunken in mir selber brennen,
Will ich Rausch und Säule sein.
Wort und Namen – wozu nennen?
Nicht mehr hören, nicht mehr sehn,
Wenn des Lebens bunte Chöre
Klingend mir vorüberwehn.
Nur die Siegel mögen brennen
Tief in meiner Seele Grund.
Daß ich Katakombe wäre,
Flamme, Gold und Gottesmund . . .

Emmy Hennings, aus: Emmy Ball-Hennings: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930
Hennings, Emmy, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich. „Ich habe eine Aversion gegen den Dadaismus gehabt. Es waren mir zu viele Leute entzückt davon.“

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“ Hermann Hesse über Emmy Hennings

„Zu einer Zeit, im Jahre 1915, als weder ich noch Tzara, noch Arp mir ihm zusammen waren, als Ball mit seiner Frau Emmy Hennings, als Refraktaer, unter dem Druck der Schweizer Fremdengesetze, ohne Geld und Nahrung muehselig existierte, wurde das Cabaret Voltaire gegruendet. Weder Arp noch ich noch gar Tzara gruendeten das Cabaret Voltaire, sondern Ball mit seiner Frau Emmy Hennings. . . . Emmy Hennings´ Einfluss war still, aber trotz seiner Unbemerktheit ausserordentlich stark.“

Aus: Richard Huelsenbeck, „Autobiographie“ (um 1953), Typoskript im Nachlass.
Das Bild ist von Marianne von Werefkin (1860 - 1938)

Dienstag, 17. Dezember 2024

Eddy Beuth: Tanze mit mir!

 



Tanze mit mir!

Komm, tanze mit mir! In den Flackerschein
meiner wilden Wünsche hüll ich Dich ein.
Die Geigen locken so süß, so leis,
ich bin so jung und ich bin so heiß
und ich schenke Dir in der einen Nacht,
was Deine Sehnsucht nie sterben macht.
Tanze mit mir!

Und lache mit mir und gieb mir Wein!
In mein goldnes Märchenhaar spinn ich Dich ein.
Ich bin so bleich – nun küsse mich rot,
küß meine wühlende Sehnsucht tot,
die in mir aufschluchzt mit zitterndem Laut. –
Der, den ich liebe, – der küßt seine Braut.

Eddy Boyth, aus: Liebeslieder moderner Frauen
Eine Sammlung von Paul Grabein
Gedruckt und verlegt bei Berlin Hermann Costenoble 1902

Eddy Beuth, ursprünglich Marie Cohn, geboren am 7. Mai 1872 in Breslau; gestorben am 14. Dezember 1938 in Hamburg, Schriftstellerin und Drehbuchautorin.

Marie Cohn alias Eddy Beuth wurde als Tochter des jüdischen Technikers Isidor Cohn und seiner Frau Frida (geb. Vogel) in Breslau geboren. Sie verwendete im Laufe ihres Lebens verschiedene Namen bzw. Namensvarianten. Für ihre Veröffentlichungen – Liedtexte, Beiträge für Zeitschriften und Bücher – verwendete sie jedoch zeitlebens das Pseudonym Eddy Beuth. Vermutlich wählte sie wie viele Frauen ihrer Zeit ein androgyn klingendes Pseudonym in der Hoffnung, auf diese Weise ihren Beruf ohne Vorurteile ausüben zu können und leichter Anerkennung zu finden. Das Chanson begann sich grade in Deutschland zu etablieren als Eddy Beuth ihre Arbeit als Textautorin mit den bedeutendsten Komponisten des Genres aufnahm. Ab 1904 verfasste Beuth unter anderem Chansontexte für das Cabaret Roland und später für das Berliner Chat noir und trug damit wesentlich zum Erfolg des Komponisten Rudolf Nelson bei. Daneben arbeitete sie auch mit Siegwart Ehrlich, Ludwig Friedmann und Martin Knopf zusammen. Ihre Chansons interpretierten unter anderem Claire Waldoff, Fritzi Massary und Erika Glässner. 1907 textete Beuth das Lachchanson Nach dem Balle für das Wiener Kabarett Die Hölle. Daneben war Eddy Beuth als Drehbuchautorin tätig – ihr Werk kann der expressionistischen Phase des Stummfilms zugeordnet werden.

Nach dem Tod ihres dritten Mannes zog Eddy Beuth 1930 zu ihrer ebenfalls verwitweten Schwester Lisbeth Freund nach Hamburg, wo sie bis zu ihrem gemeinsamen Tod zusammenlebten. Die letzten Lebensjahre waren für die jüdischen Schwestern überschattet von antisemitischen Repressalien. Die Gesetze der Nationalsozialisten führten 1938 schließlich auch für Eddy Beuth zum Berufsverbot als Schriftstellerin. Im Dezember 1938 nahmen sich die Schwestern das Leben.

Das Bild ist von Alphonse Palumbo (1890 - 1947)

Mittwoch, 20. November 2024

Paula Modersohn-Becker: Der Abend leget warme. . . / An die Mutter

 




Der Abend leget warme
hernieder seine Arme
und wo die Erde zu Erde
da ruhen seine Hände. . .
Die Mücklein summen leise
in ihrer hellen Weise
und alle Wesen beben
und singen leis vom Leben. . .
Es ist nicht groß, es ist nicht breit,
s´ ist eine kleine Spanne Zeit
und lange währt die Ewigkeit. . .


An die Mutter

. . . Doch nun zu dir, einzige Mutter.
Ich bin mit meinen Gedanken so oft bei dir.
Ich lerne dich mehr und mehr verstehen.
Ich ahne dich.
Wenn meine Gedanken bei dir sind,
dann ist es, als ob mein kleiner,
unruhiger Mensch sich an etwas Festem,
Unerschütterlichem festhält.
Das Schönste aber ist, daß diese Feste,
Unerschütterliche so ein großes Herz hat.
Laß dir danken, liebe Mutter,
daß Du Dich so uns erhalten hast.
Laß dich ganz ruhig und lange umarmen.

Aus: Modersohn-Becker, Briefe. Berlin, den 1. November 1897

Paula Modersohn-Becker, geborene Minna Hermine Paula Becker, geboren am 8. Februar 1876 in Dresden-Friedrichstadt; gestorben am 20. November 1907 in Worpswede, Malerin und eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus. In den knapp 14 Jahren, in denen sie künstlerisch tätig war, schuf sie 750 Gemälde, etwa 1000 Zeichnungen und 13 Radierungen, die kennzeichnende Aspekte der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in sich vereinen. (Wiki)



Das Foto zeigt die Malerin auf ihrer Veranda in Worpswede 1901, das Bild ist von ihr.

Montag, 11. November 2024

Hannah Szenes: Wir pflücken Blumen

 



Wir pflücken Blumen (1944)

Wir pflückten Blumen in den Feldern und auf den Bergen,
Wir atmeten den frischen Frühlingswind,
Die Sonne durchdrang uns mit ihren warmen Strahlen
in unserer Heimat, in unserem geliebten Land.

Wir gehen zu unseren Brüdern ins Exil,
zu den Leiden des Winters, zum Frost in der Nacht.
Unsere Herzen werden vom Frühling erzählen,
unsere Lippen singen das Lied des Lichts.

Hannah Szenes, geboren als Anikó Szenes am 17. Juli 1921 in Budapest; gestorben am 7. November 1944 ebenda, ungarische Widerstandskämpferin, die mit anderen jüdischen Frauen und Männern mit dem Fallschirm hinter der deutschen Front absprang, um zu versuchen, Juden zu retten. AlsTochter des Journalisten und Kinderbuchautors Béla Szenes demonstrierte ihr eigenes literarisches Talent von klein auf und schrieb seit ihrem dreizehnten Lebensjahr bis kurz vor ihrem Tod an ihrem Tagebuch.

Am 13. Mai 1944, auf dem Höhepunkt der Deportation der ungarischen Juden, überquerte Szenes die Grenze nach Ungarn. Sie wurde bereits am nächsten Tag aufgrund einer Denunziation von der ungarischen Polizei verhaftet. Aus der Akte der damaligen ungarischen Regierung geht hervor, dass sie schwerer Folter unterworfen wurde, den Code der geheimen Funkverbindung aber nicht preisgab. Sie lehnte auch dann jede Kooperation ab, als die ungarische Polizei ihre Mutter in die Zelle brachte und drohte, sie ebenfalls zu foltern.

In ihrem Prozess im Oktober 1944 verteidigte Hannah Szenes ihre Aktivitäten und verweigerte eine Entschuldigung. Als sie am 7. November 1944 durch eine Erschießung hingerichtet wurde, lehnte sie eine Augenbinde ab, um dem Exekutionskommando in die Augen blicken zu können.

Nach ihrem Tod wurden ihre literarischen Arbeiten entdeckt. Ihr Tagebuch und die anderen Schriften wurden veröffentlicht, viele ihrer Gedichte wurden bald berühmt, da sie eine selbst in schlimmen Zeiten hoffnungsvolle, starke Frau in aufrechter, heldenhafter Haltung zeigen. Einige der Gedichte wurden vertont.

Das Foto zeigt sie 1942

Freitag, 8. November 2024

Martin Gumpert: Euch fehlt die Phantasie

 


Zum Gedenken an den 9. November 1938: Euch fehlt die Phantasie

Daß man euch durch die Straßen jagen wird,
Daß man eure Schränke durchwühlen wird,
Daß man euer Telephon überwachen wird,
Daß man euch Titel und Namen nehmen wird,

Daß eure Freunde euch nicht mehr grüßen werden,
Daß eure Frauen euch nicht mehr lieben werden,
Daß eure Kinder euch nicht mehr achten werden,
Daß eure Diener euch nicht mehr dienen werden;

Euch fehlt die Phantasie, was wahr wird, zu erinnern,
Euch fehlt die Kraft, was wirklich wird, zu glauben,
Euch fehlt der Mut, was klar ist, zu erkennen,
Euch fehlt das Wort, und, was ihr wißt, zu sagen.

Daß man euch hinter Stacheldraht sperren wird,
Daß man euch ins Gesicht speien wird,
Daß man eure Bücher verbrennen wird,
Daß man euer Werk verleugnen wird,

Daß man euch aus dem Lande treiben wird,
Während Glocken läuten und Schafe weiden,
Während Züge pünktlich einlaufen und abfahren,
Während der Bäcker jeden Morgen das Brot bringt,

Ohne daß eine Hand sich erhebt,
Ohne daß ein Sturm sich zusammenzieht,
Ohne daß eine Stimme aufschreit,
Ohne daß eine Träne sich loslöst,

Daß ihr vergessen sein werdet, als wäret ihr nie gewesen,
Daß ihr gekommen sein werdet und davongegangen,
Daß ihr verloren sein werdet und verschollen,
Daß der Tag ohne euch dämmert und dunkeln wie je:

Euch fehlt die Phantasie, um was ihr tut, zu fürchten,
Euch ist die Macht geraubt, euch zu erschrecken,
Euch ist der Ton versagt, um aufzustöhnen,
Euch ist das Glück versagt, vor Scham zu weinen.

Martin Gumpert (1934); aus: „An den Wind geschrieben - Lyrik der Freiheit 1933 - 1945“, gesammelt, ausgewählt und eingeleitet von Manfred Schlösser, Humanistische Schriftenreihe Agora, Darmstadt 1961

Martin Gumpert, geboren 1897 in Berlin, Arzt und Schriftsteller, emigrierte 1936 in die USA, wo er 1955 in New York starb.

Freitag, 1. November 2024

Eleonore Kalkowska: Mit weichen Schleiern sollst du es umkleiden. . .

 



Mit weichen Schleiern sollst du es umkleiden. . .


Mit weichen Schleiern sollst du es umkleiden,
Was zwischen uns in jenen Tagen war,
So glüh es wie ein Licht auf nebelschweren Heiden,
Ein tiefverhülltes Bild am heiligsten Altar. ...

O, sanft und silbern möge es uns strahlen,
Wie Vollmondglanz durch leichte Wolkenschalen,
In zarter Reife soll versteckt es beben
Wie Pollen, der vom Blütenkelch umgeben. ...

So tief verschlossen, vornehm soll es ruhen,
Wie zarte Spitzen in geschnitzten Truhen,
Auf daß draus süße Düfte mögen steigen,
So oft wir unser Haupt darüber neigen.


Aus: Die Oktave, Gedichte von Eleonore Kalkowska, Egon Fleischel & Co. Berlin 1912

Eleonore Kalkowska, geboren am 22. Juni 1883 in Warschau, war eine polnisch-deutsche Schriftstellerin und Schauspielerin.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Eleonore Kalkowska 1933 zweimal verhaftet, jedoch nach Intervention des polnischen Gesandten jeweils kurz darauf wieder freigelassen. Daraufhin verließ sie Deutschland und lebte zunächst in Paris, danach in London. Sie starb am 21. Juli 1937 in Bern.

Montag, 28. Oktober 2024

Elsa Bernstein: Die Rose

 



Die Rose


(Zu dem Bilde von Nonnenbruch.)

Noch ist sie schön. Doch Doppelglühen
Welkt ihrer Blätter zarten Rand:
Der schwere gold´ne Blick der Sonne,
Der heiße Druck der braunen Hand.

Noch duftet sie den Blumenathem
Zur nahen Hand, zu fernen Höh´n,
Und mattend in ihr Sommersterben
Neigt sie das Haupt - noch ist sie schön.

Ernst Rosmer, Pseudonym von Elsa Bernstein, aus: Die Kunst unserer Zeit, eine Chronik des modernen Kunstlebens, Franz Hanfstaengl Kunstverlag, München, 1892

Elsa Bernstein, geboren am 28. 10. 1866 in Wien, gestorben am 12. 7. 1949 in Hamburg, arbeitete kurze Zeit als Schauspielerin, musste diesen Beruf jedoch aufgrund eines Augenleidens aufgeben. Im Jahr 1890 heiratete sie den Rechtsanwalt und Schriftsteller Max Bernstein, der Staranwalt der politischen Opposition im Kaiserreich. Während der 1880er war er Anwalt der SPD und konnte in spektakulären Prozessen die Unhaltbarkeit der im Sozialistengesetz erhobenen Vorwürfe nachweisen. Er verteidigte Maximilian Harden (und wurde von Wilhelm II. als "gemeingefährlich" bezeichnet),Erich Mühsam, Felix Fechenbach und andere.

Zusammen mit ihrem Mann unterhielt Elsa Bernstein einen künstlerisch-literarischen Salon, den sie 1939 einstellen musste. Die Möglichkeit, 1941 in die USA zu emigrieren lehnte sie ab, da ihre Schwester Gabriele keine Einreisegenehmigung erhielt. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie am 25. Juni 1942 zunächst nach Dachau und bereits am 26. Juni 1942 gemeinsam mit ihrer Schwester Gabriele in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Gabriele Porges kam im Ghetto Theresienstadt um, Elsa Bernstein wurde dort Anfang Mai 1945 befreit.

Max Nonnenbruch (1857 - 1922), Maler der Münchner Schule, die Illustration ist aus dem gleichen Band.

Sonntag, 20. Oktober 2024

Thekla Merwin . Mutter Erde

 



Mutter Erde

Wenn die Stunde schweigt und die Stille tönend wird,
Nur ein Falter sonnentrunken erdwärts irrt,
Wie das Brausen eines Meeres tönt in klare Luft,
Wie der Atem eines Gottes schwillt der Blumenduft.

Und ich fühle mich der starken Erde tief verwandt
Wie ein Kind, das seinen Weg zur Mutter fand,
Und ich schmiege mich an deinem dunklen Schoß,
Erde, Mutter, fruchtbar, liebevoll und groß!

Was ich liebe heißt nicht Vater-, sondern Mutterland,
Mutterland, das alle Menschen gleich umspannt,
Das uns unsre Nahrung reicht in voller Saat,
Und uns schlafend nimmt, wenn unsre Stunde naht.

Thekla Merwin, aus: Arbeiter-Zeitung vom 19.9.1926

Thekla Merwin, österreichische Schriftstellerin, wurde am 25. April 1887 in Riga geboren.

1911 erschienen Merwins erste Publikationen, anfangs noch gezeichnet mit Thekla Merwin-Blech. Sie veröffentlichte Gedichte, Feuilletons, kurze Prosawerke und Dialoge in dutzenden Zeitschriften und Zeitungen, eine selbstständige Publikation kam jedoch nicht heraus. 1933 wurde sie Mitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Thekla und Magda Merwin wurden am 24. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Mit dem Transport vom 19. Oktober 1944 wurden Mutter und Tochter ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht und am 20. Oktober 1944 in der Gaskammer des Krematoriums III ermordet.

Das Bild ist von Annie Swynnerton (1844 - 1933)

Freitag, 18. Oktober 2024

Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke aus einem Brief an Mathilde Vollmoeller

 



Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke aus einem Brief an Mathilde Vollmoeller:

Mathilde, deine Augen, tief und klar, wie Sterne, die im Dämmerlicht erwachen,
sie flüstern mir von fernem Wunderjahr, und Schatten fliehen vor dem Sorgemachen.
In deinem Blick liegt eine leise Trauer, die Melancholie vergangener Zeiten,
wie eine Rose in des Herbstes Schauer, der letzte Blütenblätter sanft entgleiten.
Dein Lächeln, still wie eines Engels Traum, verhallt in dieser Welt voll Hast und Drängen,
ein Hauch von Ewigkeit im Weltenraum, wo Seelen sich im Sternenstaub vermengen.
Dein Wesen ist ein zartes Licht, das durch die Finsternis der Welt uns leitet,
ein Funke Hoffnung, der im Dunkeln bricht, wenn Sehnsucht uns im Innersten bestreitet.
Ersehnte, Lied in stiller Nacht, das sanft den schweren Geist umschwebt,
dein Dasein wie ein Flügelschlag erwacht, der in die Unendlichkeit des Seins erbebt.

In ewiger Zuneigung
Dein Rainer Maria


Hier der vorausgehende Text des Briefes:

Florenz, im März 1908

Meine geliebte Mathilde,

jeder Tag ohne Dich scheint mir wie eine Ewigkeit, ein unermesslicher Raum, der nur von der Sehnsucht nach Dir gefüllt wird. In den stillen Momenten, wenn die Welt um mich her verstummt, höre ich das Echo Deines Lachens, das wie ein zarter Windhauch meine Seele umweht.

Dein Bild ist in meinem Herzen eingraviert, und Deine Anwesenheit umgibt mich wie ein unsichtbarer Schleier, der mich vor der Härte der Welt schützt. Deine Augen, so tief wie die unergründlichen Meere, schenken mir einen Halt, der mich durch die stürmischsten Tage trägt. Deine Stimme, ein melodisches Flüstern, beruhigt meinen rastlosen Geist und lässt mich die Schönheit in den kleinsten Dingen erkennen.

Mathilde, Du bist die Muse meiner Gedichte, der Atem meiner Inspiration. In jedem Vers, den ich schreibe, fließt Deine Essenz mit ein, wie ein Fluss, der sein Ufer nährt. Ich erinnere mich an die Abende, die wir in Paris zusammen verbrachten, an denen wir die Kunst in all ihren Formen zelebrierten und die Zeit sich in einem Tanz verlor, der nur für uns beide existierte.

Ich sehne mich nach dem Tage, an dem wir uns wiedersehen werden, wenn ich Deine Hand in meine nehmen kann und wir gemeinsam den Pfad der Wollust beschreiten. Bis dahin bleibt mir nur der Trost Deiner Briefe, die ich mit unendlicher Freude und einem Hauch von Traurigkeit lese, da sie nur ein Schatten Deiner wirklichen Gegenwart sind und mir nichts bleibt, als mir selbst die Hand anzulegen. Ach, Geliebte …

Ich hoffe, dass diese Zeilen Dich erreichen und Dein Herz erwärmen, wie Deine Worte es immer für mich tun. Bleib stark, meine Liebe, und wisse, dass meine Gedanken stets bei Dir sind, egal wie weit wir voneinander entfernt sein mögen. Als kleine Geste meiner diskreten Sehnsucht sende ich Dir wiederum einige Verse. Mögen sie Dein Wohlgefallen finden!

Aus: Rilke Forum, Juni 2024 (das Original befindet sich derzeit unter Verschluss im Graphologischen Institut der Universität Jena)

Mathilde Vollmoeller-Purrmann, geboren am 18. Oktober 1876 in Stuttgart; gestorben am 17. Juli 1943 in München, Malerin der Moderne. Sie war ab 1912 die Ehefrau des Malers Hans Purrmann.

Mathilde Vollmoeller unternahm literarische und musikalische Versuche. 1897 zog sie nach Berlin zu ihrem Bruder Karl Gustav, der dort studierte, und nahm Unterricht in Malerei bei Sabine Lepsius und Leo von König. Im November 1897, als Stefan George zum ersten Mal im Hause des Malerehepaares Sabine und Reinhold Lepsius in Berlin aus eigenen Werken las, lernten sich Rainer Maria Rilke und Mathilde Vollmoeller kennen. Die aus 99 Briefen bestehende Korrespondenz zwischen Mathilde Vollmoeller und Rainer Maria Rilke, die mit ihrem Umzug nach Paris 1906 einsetzte und bis 1920 andauerte, wurde als Buch herausgegeben.

Thomas Theodor Heine, der Mitherausgeber des Simplicissimus, hatte schon früh den Zorn der Nationalsozialisten auf sich gezogen. 1933 stand er deshalb auf den Verhaftungslisten der Gestapo. Heine floh von München nach Berlin, wo ihn die Familie Purrmann einige Wochen in ihrer Wohnung versteckte. In dieser Zeit verstarb ein entfernter Verwandter Mathilde Vollmoeller-Purrmanns in Graz. Sie reiste dorthin und brachte dessen Reisepass mit. Hans Purrmann präparierte diesen dann so, dass Heine damit nach Prag ausreisen konnte. Nach 1935 ging das Ehepaar ins Exil nach Italien.

Mathilde Vollmöller ist eine der Schwestern von Karl Gustav Vollmoeller.

Das Portrait der Künstlerin ist von Sabine Lepsius (1864 - 1942)

Freitag, 11. Oktober 2024

Anna Louisa Karsch: Überwintern

 




Überwintern

Das Moos, es bleibt,
wenn all die Blumen schon gestorben,
tief unter Schnee noch unverdorben.
Wie ähnlich ist es mir!
Tief lag ich unter Gram.
Viele schwere Jahre lang,
und als mein Winter kam,
da stand ich unverwelkt
und fing erst an zu grünen.

Anna Louisa Karsch (1722 - 1791)

Johann Wilhelm Ludwig Gleim erklärte sie zur deutschen Sappho und bereitete 1761 ihre feierliche Dichterkrönung in Halberstadt vor; ab 1785 las er Gedichte von ihr auch in der Literarischen Gesellschaft Halberstadt vor. Bis 1762 finanzierten Förderer das Leben der Karschin in Halberstadt und Magdeburg. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin musste sie ihren Lebensunterhalt wieder selbst finanzieren und litt bittere Not. Daniel Chodowiecki unterstützte sie in dieser Zeit mit der Gestaltung von Miniaturbildnissen, die sie mit Poesie vervollständigte. Gleim veranlasste die Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbandes Auserlesene Gedichte, der ihr ein kleines Einkommen ermöglichte, aber von der Kritik vielfach verkannt und verrissen wurde. So finden sich darin neben gefälligen Gelegenheitsversen ergreifende Klagen über ihr schweres Leben und immer von Rückschlägen gefährdetes Schicksal,

Das Bild „Die Erstarrung“ ist von Herbert von Reyl-Hanisch (1898 - 1937)

Montag, 30. September 2024

Marie Holzer: Lied eines kleinen Mädchens

 



Lied eines kleinen Mädchens

Nun bist du fort.
Still ist es in den Fluren.
Kalt lacht der Himmel.
Das Bächlein scheint zu spotten.
Der Wolken leuchtend Hermelin
birgt kein Geheimnis mehr.
Nun bist du fort
und nie mehr kehrst du wieder.
Was du mir gabst
war nur ein warmer Blick,
den ich erwidert, scheu und ängstlich fast.
Doch fehlt er mir und leer ist´s in den Bergen.
Was soll mein Lächeln,
wenn ich´s dir nicht schenken darf?

Marie Holzer. aus: Die Aktion, 2. Jahrgang 1912, Nr. 24

Marie Holzer (geb. Rosenzweig; geboren am 11. Januar 1874 in Czernowitz; gestorben am 5. Juni 1924 in Innsbruck), österreichische Schriftstellerin und Journalistin.

Während eines längeren Aufenthalts in Prag, wo ihr Mann an der Kadettenschule unterrichtete, begann Marie Holzer um 1907, sich für die österreichische Frauenbewegung zu engagieren und publizierte einige Beiträge in der Wiener Zeitschrift Neues Frauenleben. Ab 1907 veröffentlichte sie zahlreiche essayistische und erzählerische Prosatexte im renommierten Prager Tagblatt. 1911 schloss sie sich dem Kreis um Franz Pfemferts expressionistischer Zeitschrift Die Aktion an und veröffentlichte dort in den folgenden Jahren, wie in vielen weiteren Zeitungen und Zeitschriften ihre literarischen Arbeiten, politisch-sozialkritische wie poetische Texte, Prosaskizzen, Lyrik, dramatische Szenen, Essays, Rezensionen und Glossen. Ihre Bedeutung als expressionistische Autorin dokumentiert sich sinnfällig dadurch, dass eine ihrer kleinen Erzählungen, Die rote Perücke (1914), einer 1996 erschienenen Anthologie mit Prosatexten expressionistischer Dichterinnen den Titel gab. Marie Holzers einziges Buch, der Erzählband Im Schattenreich der Seele. Dreizehn Momentbilder. Erschien 1911 bei Bruno Volger. Juni 1924 erschoss ihr eifersüchtiger und tyrannischer Mann zuerst sie und dann sich selbst. (Wiki)

Das Bild ist von Christian Bérard (1902 - 1949)

Sonntag, 29. September 2024

Ida Dehmel: Das Perlgewebe

 



Das Perlgewebe

Ich sitze dunkle Frau in meinem Zimmer,
stille, dunkle, große Frau.
Weiß ist das Zimmer, weit seine Wände;
weiß ist mein Kleid, mein Webstuhl weiß.
Und vor mir buntgehäuft ein Schatz Perlschnüre.
Was will ich dunkle Frau denn weben? – Mein Leben.

Weiß, weiß und golden sind die Farben meiner Jugend,
ein morgenblauer Himmel über mir.
Himmelschlüssel blühn auf unsern Wiesen.
Viele kleine Blumen will ich weben,
zart ein glückliches Lachen dazwischen,
Alles leuchtet dem spielenden Kind.

Mutter starb. Die Farben werden blasser.
Dunkle Trauerzweige sprießen auf,
schwanke Linien aus flimmerndem Grund,
Thränen glitzern, Sehnsuchtsthränen.
Kind, ich große Frau möcht gern dich trösten;
sieh, ich setz ein funkelnd Sternlein über dich.

Und nun mischen sich die bunten Perlen:
stolz und heftig schießt ein Blutrot hoch
durch ein trotziges Gelb in schroffen Kanten,
hell im Kampf mit strengen grauen Mächten
bäumt die aufwärtsflammende Seele sich:
rot und golden sind die Farben dieser Jungfrau.

Und aus Rot und Gold paart sich ein Schrei nach Liebe.
Rosen blühn aus meinen Händen auf,
jeder Kelch voll Tau und Sonnentraum.
Schwer in Büscheln rankt sich ein Clematisstrauch
um die Rosen lilasanft ins Blaue;
die Verheißung glüht aus allen Blüten.

Die Erfüllung log. Nun wirren sich die Fäden.
Fahl und grell verschlingen sich die Schnüre.
Jeder Weg ein Irrweg, und kein Kreis geschlossen.
Zuchtlos drängt sich wildes Gestrüpp
über meine Wiesen, meinen Blumenteppich;
und der Stern der Mutter birgt sich hinter Nebeln.

Da – ein klarer Klang: stark: eines Helden Ton.
Schwarz wie der Ursprung, golden wie das Licht,
und moosgrün wie der Wald, aus dem die ersten Menschen kamen.
Auch blau sein Himmel, aber mittagsblau;
auch rot sein Blut, doch nordlichtnächtig rot.
Und über Alles breitet sich sein Glanz.

O wie sich unsre Farben herrlich einen:
Leere wird Fülle, und sie strömt wie Quellen,
aus ihren Fluten steigt des Schöpfungstages Feste,
mein Stern strahlt durch des Weltbaums Blütenäste –
So kann ich meine Träume und mein Leben
zum Werk verwebt in Gottes Hände geben.

Ida Dehmel, aus: Schöne wilde Welt, Neue Gedichte und Sprüche, S. Fischer Verlag, Berlin 1913

Ida Dehmel, geboren am 14. Januar 1870 in Bingen am Rhein als Ida Coblenz; gestorben am 29. September 1942 in Hamburg.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie aufgrund der herrschenden rassistischen und antisemitischen Staatsdoktrin als „Jüdin“ ausgegrenzt und entrechtet. Der unmittelbar bevorstehenden Deportation und Ermordung entzog sie sich durch Suizid.

1901 heirateten Ida und Richard Dehmel, die sich beide von ihren Ehegatten hatten scheiden lassen, das Paar bewegte sich in Künstlerkreisen in Darmstadt, Weimar und Wien. Richard Dehmel starb 1920.

Das Bild ist ein Ausschnitt aus einem Portrait der Dichterin von Julie Wolfthorn, geboren am 8. Januar 1864 in Thorn, Westpreußen; gestorben am 29. Dezember 1944 im KZ Theresienstadt, Malerin, Zeichnerin und Grafikerin der Moderne. Als Jüdin wurde sie ein Opfer der Shoa. Bis auf wenige Bilder in den Depots deutscher Museen galt ihr umfangreiches Werk lange Zeit als verschollen und wurde erst Anfang 2000 wiederentdeckt.

Samstag, 28. September 2024

Grete Schmahl-Wolf: Doch meine Seele ist frei

 



Doch meine Seele ist frei


Ich liege hier im Lazarett
Auf einem Schragen statt einem Bett,
Mein Körper wurde zum Skelett,
Doch meine Seele ist frei!

Mein Leib, der ist vom Liegen matt,
Mein Magen wird nur selten satt -
Ich lebe in Theresienstadt -
Doch meine Seele ist frei!

Ich vergesse, was ich war zuvor -
Beklage nicht, was ich verlor -
Meine Seele fliegt zum Himmel empor -
Meine Seele ist frei!

Grete Schmahl-Wolf, Ghetto Theresienstadt, 29. August 1942 (zwei Tage vor ihrem Tod geschrieben), aus dem Yad Vashem Archiv, O.64.2/77

Grete Schmahl-Wolf, geboren am 24. Dezember 1882 in Wien als Margarete Wolf; ermordet am 31. August 1942 im KZ Theresienstadt war eine österreichische Journalistin und Schriftstellerin. Sie verfasste Kurzgeschichten, Aufsätze und Gedichte und war Schriftleiterin der Zeitschrift Die Zeit und gründete 1929 die „Wiener Frauenkorrespondenz“.

Das Bild mit dem Titel Theresienstadt ist von František Mořic Nágl, geboren am 28. Mai 1889 in Kostelní Myslová, Österreich-Ungarn; gestorben am 28. Oktober 1944 im KZ Auschwitz, tschechischer Maler.

Mittwoch, 18. September 2024

Maria Lazar: Ich trauere

 



Ich trauere

Was ich erlebt, erscheint mir nun verflossen
in längst verblassten und entschwundenen Zeiten
wie alte Bilder, die vorüber gleiten
an meinen Augen, die sich schon geschlossen.

Was ich jedoch am meisten hab genossen,
kann heute auch noch Sehnsucht mir bereiten:
es sind die unbegrenzten Möglichkeiten,
die jeder Tag einst über mich ergossen.

Ich trauere um die Pracht der fernen Städte,
der Meere, Länder, wo ich nie gewesen,
um Liebe, die vielleicht ich noch gefunden hätte,

um Worte, die noch nicht in mir erwachten,
um tausend Bücher, die ich nicht gelesen
und die mich dennoch reich und glücklich machten.

Aus: Marion Neuhold, „Maria Lazar (1895 - 1948), Analyse ihres Exilromans „Die Eingeborenen von Maria Blut“, Diplomarbeit, Wien 2012

Maria Lazar, Pseudonym Esther Grenen, geboren am 22. November 1895 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben am 30. März 1948 in Stockholm war eine österreichische Schriftstellerin.

Im Sommer 1933 folgte sie einer Einladung der Schriftstellerin Karin Michaëlis und ging ins Exil auf die dänische Insel Thurø, zusammen mit Bertolt Brecht und Helene Weigel. Während der Jahre ihres Exils schrieb Lazar zahlreiche Beiträge für skandinavische und Schweizer Zeitungen und lebte unter anderem von Übersetzungen literarischer Werke aus dem Dänischen und Schwedischen ins Deutsche. 1939 zog sie, durch die Heirat mit Strindberg schwedische Staatsbürgerin geworden, mit ihrer Tochter Judith Lazar nach Schweden. Nachdem bei ihr eine unheilbare Knochenkrankheit diagnostiziert worden war, beendete sie am 30. März 1948 in Stockholm ihr Leben durch Suizid.

Das Bild ist von Arthur B. Davies (1862 - 1928)

Freitag, 13. September 2024

Lyrik von Frauen aus der Zeitschrift Der Querschnitt, Band 12 / 1 1932

 



Mitropa

Ich sitze mich aus etwas heraus
in jedem Augenblick.
In jenem Stuhl bekam ich ein Haus.
Von diesem weicht Baum und Fabrik.
Es schiebt mich etwas von hinterrücks,
dem ich es gerne gewähre.
Ich nipp am Cherry,
knabbre Keks,
und streichle eine Föhre.


Araberin

Sie hebt die magre, kleine, schwerberingte Hand
als tanze sie.
All diese schmalen Schwarztuchfrauen sind verwandt,
und in ihr rot und gelb gewürfelt Tuch
sind ihre platten, gelben Brote eingewickelt.
Des offnen Kürbis süßlicher Geruch
weht nun von ihr,
die langsam ihn zerstückelt.

Toni Hyrkan-Loewenthal


Industrielle

o schreibmaschine, parlaphon,
mittel zum herr-werden über die
köstliche zeit,
elektrischer stuhl, kartoffelquetscher
und bügeleisen, ihr wunder des XX. jahrhunderts!

Wir füllen die batterien bis an den rand,
schrauben, hebel, räder,
alles rollt sanft, in öl schwimmt die achse,

isolator, propeller, ventile,
tost, knistert, pufft! Die luft soll beben,
und wenn es uns noch so viel kostet,

wir werden es schaffen,
packen, zerdrücken,
wir werden die ersten sein,
wir werden es lösen

      (was denn?)

Ibby Gordon


Chanson

Wenn ich, Fremder, wirklich dir gefalle,
stell dich heute abend bei mir ein,
ich hab Pflichten - ich versäum sie alle,
denn es wird ja nicht für immer sein.

Sage deiner Frau, du gingst spazieren,
Kopfweh macht das Frühjahr, red ihr ein,
fürchte nicht, du könntest sie verlieren,
denn es soll ja nicht für immer sein.

Nicht sehr lang wird unser Lenz betören,
aber für heut abend kauf ich Wein,
heute abend will ich dir gehören,
und es muss ja nicht für immer sein.

Erika Mitterer


Bänkellied

Ich bin in meinen Freund verliebt,
Er hat einen großen, schönen Mund.
Und wenns auch öfter Schelte gibt,
So was ist nur gesund.

Wir gehn spazieren Hand in Hand
Im Frühling, wenn der Krokus blüht,
Er sagt, er wäre nur Verstand,
Und ich wär nur Gemüt.

Er sagt, ich wär sentimental,
Und dafür hätt er keinen Sinn,
Und mir ist alles so egal,
Wenn ich nur bei ihm bin.

Ich kauf ihm für erspartes Geld
Den neuen Schlips, den neuen Hut,
Er sagt, dass es ihm nicht gefällt,
Ich find, es steht ihm gut.

Mein Freund ist arm, roh und kommun,
Ich glaub, dass es viel Nettre gibt.
Der Frühling kommt, was soll ich tun. . .
Ich bin in ihm verliebt.

Anna Katharina Salten

Der Querschnitt – Das Magazin der aktuellen Ewigkeitswerte war eine Kulturzeitschrift, die von 1921 bis 1936 veröffentlicht wurde.

Toni Hyrkan-Loewenthal, geboren 1907 in Tarnowitz, Sprachlehrerin, Übersetzerin, Autorin, auch Toni Devora Ginzburg, Todesdatum nicht bekannt, Veröffentlichungen von ihr unter anderem: Lieder der Talita, Tarshish Books, Jerusalem 1956; Ja Chalili, Ja Amali (O meine Flöte, o meine Arbeit) Ein Palästina-Tagebuch, in Zwischen den Zelten: Junge jüdische Autoren; 1932

Ibby Gordon, ungarische Dichterin, die auch auf deutsch schrieb, und über die ich im www nicht viele Informationen gefunden habe, das Erwähnenswerteste über sie scheint wohl zu sein, dass sie für eine Zeit die Geliebte von Elias Canetti war, der ihr 1928 nach Berlin gefolgt war. Weiß jemand mehr über sie? (Ich bleibe dran)

Erika Mitterer, geboren am 30. März 1906 in Wien; gestorben am 14. Oktober 2001 in Wien, Epikerin, Lyrikerin, Dramatikerin und engagierte Leserbriefschreiberin mit den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ihrer Zeit auseinandergesetzt. (Wiki)

Anna Katharina Rehmann-Salten, geboren am 18. August 1904 in Wien, gestorben am 27. März 1977 in Zürich, Übersetzerin, Journalistin, Illustratorin und Schauspielerin. Ihr

Sie ist heute vor allem durch ihre Übersetzungen bekannt, insbesondere von John Steinbecks antifaschistischem Roman The Moon is Down, den sie auch für Theater bearbeitete.


Das Bild ist von Giovanni Segantini (1858 - 1899)

Mittwoch, 11. September 2024

Emma Bonn: Flüchtlinge

 



Flüchtlinge

Ich höre der müden Füße
Eintönig schleifenden Tritt
Wie letzte zögernde Grüße,
Als zöge die Heimat sie mit.

Die Heimat wird immer schwerer,
Die Rücken beugen sich krumm,
Der Himmel wird immer leerer
Und das fremde Land bleibt stumm.

Hier zeigt sich eine Schranke,
Dort eine vergitterte Tür,
Schutzgitter und wehrende Planke -
Sie wandern für und für.

Der Staub an müden Füßen
Ist längst nicht die Heimat mehr.
Sie wandern und beten und büßen,
Ein geisterndes Riesenheer.

Sie finden nirgends Frieden,
Ists`s Segen oder Fluch,
Verstoßen und gemieden.
Doch in des Ewigen Buch.

Da steht eines jeglichen Namen
Geprägt und aufgezählt
Sind alle aus Adams Samen
Und alle von Gott beseelt.

Ich höre das schwere Wandern,
Mein Herz das wandert mit
Von einem Land zum andern
Bis zu dem letzten Schritt.

Emma Bonn (1879–1942) aus: Angela von Gans: Emma Bonn (1879 – 1942). Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin, Oktober 2021, STROUX Edition.

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935)

Montag, 9. September 2024

Else Lasker-Schüler: Marianne von Werefkin

 



Marianne von Werefkin

Ihrem Santos

Marianne steht schon in den Morgenstunden,
Perlenborden grüngelbrote um den Hals gewunden
An dem Autokarren mit den anderen Kunden
Und kauft Kirschen, die ihr ganz besonders munden.

Marianne kleidet sich so ungezwungen
Und ihr Temperament macht Ehre allen Straßenjungen.
Doch auf ihres Herzens Balalaika,
Ist das süße Liebeslied noch nicht verklungen.

Mariannes heiße Bilder offenbaren
In der bunten Wildnatur die Tänze der Tartaren.
Zwischen Schellen in der Troika
Naht ein Brautpaar,
Das sich auf der Zauberleinwand „gerad´“ gefunden.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945), aus dem Nachlass

»Marianne von Wereffkin« (»Marianne steht schon in den Morgenstunden«) • Manuskript: The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive (Arc. Ms. Var. 501, 2:52). Das Gedicht ist im Spätsommer 1935 in Ascona entstanden.

Marianne von Werefkin, geboren am 10. September 1860 in Tula, Russisches Kaiserreich; gestorben am 6. Februar 1938 in Ascona, Schweiz), Malerin. Im Jahr 1907 entstanden ihre ersten expressionistischen Gemälde. Sie war Mitbegründerin der Neuen Künstlervereinigung München, der unter anderem auch Gabriele Münter, Wassily Kandinsky und Franz Marc angehörten, bevor sie den Blauen Reiter gründeten. 1814 musste sie als Russin in die Schweiz emigrieren. Dort beteiligte sie sich auch an den Aktionen des Cabaret Voltaire. 1918 zog sie nach Ascona, wo sie 1938 verstarb.

Es gibt noch ein zweites Gedicht mit dem Titel Marianne von Werefkin aus dem Nachlass von Else Lasker-Schüler, das anlässlich des Todes der Malerin geschrieben wurde:

Marianne von Werefkin

Der großen Malerin
„betet für sie“ . . . So stand es in der Traueranzeige.

Marianne spielt mit den Farben Rußlands malen:
Hellgrün, rosa, weiß;
Das Kobaltblau, ihr innigster Spielgefährte.

Marianne von Werefkin -
Ich nannte sie den adeligen Straßenjungen
Schon früher in der Russenstadt, im ganzen Umkreis
Den Streich gepachtet.

Ihren Vater, der Verweser Alexanders,
Trug sie im Medaillon um ihren Hals.
Marianne malte ihn - achtjährig war sie erst:
„Es fiel vom Himmel eine Meisterin.“

Goldene Saat wächst auf ihrer Landschaft,
Wenn gottgefällig sich ein Bauernvolk
Im Kreise um die reiche Ernte freut.
Man hört vom Turm Geläut, malte sie den Sonntag.

Mariannes Bilder sind Geschöpfe,
Sie atmen und voll Leben strömen sie.
Und wie ein Meer und wie ein Wald
Bergen sie auch tiefsten Frieden in sich.

Mariannens Seele und ihr unbändiges Herz
Spielen gern zusammen Freud und Leid.
Genau wie sie die Melancholie
Hinmalt in zwitschernden Farbentönen.

»Marianne von Wereffkin« (»Marianne spielt mit den Farben Rußlands malen«) • Typoskript: The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive (Arc. Ms. Var. 501, 2:67). Weiteres Typoskript: The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive (Arc. Ms. Var. 501, 2:68). Widmung: »Der heimgegangenen grossen Malerin zum Andenken.«

Das Bild ist ein Selbstportrait der Malerin, das 1910 entstanden ist.

Donnerstag, 5. September 2024

Ingeborg Lacour-Torrup: Nacht deckt die Erde

 



Nacht deckt die Erde

Kühne Berge kannten hart den Himmel
Tiefversunken talt das fromme Land
Meere schlagen wolkenhoch
Die Sterne wandern fern überhimmelfern vorüber

Mut steilt die Sehnsucht hoch und starrt beklommen
Ein blasser Kindertraum ruht tief vergessen
Wundweh zerschluchzt die Klage
Herz
Wir Armen
Die Zeiten wandern überhimmelfern vorüber.

*

Schmiegt die weiche Nacht in meine Hände
Lächelt Dunkel Sternendämmerauge
Blüht die weiche Nacht in meinen Händen
Duftet
Blüht
Dunkle Blüten schwebt die Nacht
Ich - sinke
Blüten senden dunkle Blicke
Decken mich
Ich sinke
Blüten steigen sternehoch
Ich
Ruhe
Fern
Versunken


Ingeborg Lacour-Torrup, aus: Der Sturm, Jahrgang 15, Nr. 3, September 1924

Ingeborg Torrup (oder Lacour-Torrup) war eine dänischstämmige Autorin, Schauspielerin und Tänzerin - in den frühen und mittleren 20er Jahren Mitarbeiterin an Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm. Sie schreibt ihre Gedichte auf Deutsch. Über ihre Lebensdaten ist wenig bekannt. Sie wanderte in den Zwanzigerjahren wohl in die USA aus.

Ingeborg Torrup kehrt nach einem Deutschland-Aufenthalt, sie gastierte unter anderem am 3. 2. 1922 im Blüthnersaal in Berlin, im Sommer 1923 in die USA zurück, nach San Francisco. Dort arbeitet sie als Schauspielerin und Tänzerin. Später ist sie in New York ansässig. Bei ihrer Rückkehr 1923 gibt sie auf den Passagierlisten ihr Alter mit 24 an. Danach wäre sie 1899 geboren. 1929 hat sie in New York als Mitglied der Truppe von Walter Hampden versucht, sich das Leben zu nehmen. Walter Hampden (1879 - 1955) war ein bekannter Broadway-Schauspieler, zeitweise führte er mit dem Colonial Theatre sein eigenes Theater, das zwischen 1925 und 1931 auch nach ihm als Walter Hampden Theatre benannt war.

Auf einer Seite des Philadelphia Inquirer vom 23.5.1922 heißt es: Ingeborg Lacour-Torrup, Danish classical dancer, now appearing in Berlin, has been engaged to appear in this country.

Es sind auch Gedichte von ihr zu finden in: Hartmut Vollmer, "In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod", Lyrik expressionistischer Dichterinnen, Herausgegeben von Hartmut Vollmer, Arche Verlag Zürich 1993

Das Bild ist von Emily Carr (1871 - 1945)

Mittwoch, 4. September 2024

Mia Morgenroth: Nacht im Gebirge, Der See

 



Nacht im Gebirge

Mondlicht mit scheuem Glänzen!
   Nacht ist Gesang.
   Welt ohne Grenzen!
Bin nur ein Laut, ein Klang. . .

Tönend in Mondeshelle
   Auf in das Sein,
   Wie eine Quelle
Sprudelt aus dem Gestein.


Der See

Wie zur Urzeit noch die Wellen sind,
Und das Rohr, der Sand, die Nacht, der Wind,
Und die Sterne nehmen ihren Lauf.

Mädchen singen schön im dunklen Boot.
Hinterm Wald erlischt dass Abendrot,
Und der Mond steigt durch Tannen auf.


Mia Morgenroth (Lebensdaten unbekannt), aus: Die Aktion, Zeitschrift herausgegeben von Franz Pfemfert, 1915

Das Bild ist von Ernest Biéler (1863 - 1948)

Samstag, 17. August 2024

Charlotte Wohlmuth: Laßt uns um das Feuer scharen. . . (Wir Utopisten)

 



Laßt uns um das Feuer scharen,
Das noch in den Herzen glimmt,
Eh´ die Lippen uns erfrieren.

Scheit um Scheite werfen wir, gesparte Worte,
In die matte Glut, daß sie entbrenne,
Züngelnd, lodernd sich erkenne.

Brände fahren ungebändigt
In die fahlen Widerspiele
Unseres Namens. - Ziele
Flammen auf vor unsern Blicken!

Unsere Hände schlagen Brücken,
Unsere Leiber sind die Pfeiler!

Eingeäschert liegen Meiler
Falscher Scham. Ihr in den Bezirken
Eingeengten Atems, sehet unser Wirken!

Alle Grenzen sind vernichtet
Wir allein nur, aufgerichtet
Ragen aus dem Fall der Zeiten
In die ersten Menschlichkeiten!

Charlotte Wohlmuth, eigentlicher Name Stefanie Oesterreicher. Lebte in Berlin. Veröffentlichte 1917/18 vier Gedichte in der Aktion. (geboren 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet), aus der Zeitschrift Die Aktion Jg. 8, Nr. 5/6, 9.2.1918, Sp. 55 (zusammen mit einem Gedicht von Karl Otten unter der gemeinsamen Überschrift „Wir Utopisten“ I/II); auch in: Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. IGEL Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2012,

Das Bild ist von Paul Gauguin (1848 - 1903)

Donnerstag, 15. August 2024

Leonie Meyerhof-Hildeck: Feuerlilie

 



Feuerlilie

Ich bin die Feuerlilie,
Die Wilde der Familie. -
Bin hoch und schlank,
Bin flammenbraun
Und gucke über
Den Gartenzaun.

Ich bin die Feuerlilie,
Die Wilde der Familie, -
Ich will die Welt
Da draußen sehn -
Komm, nimm mich, Windchen,
Und tu mir schön!

Ich bin die Feuerlilie,
Die Wilde der Familie. -
Meine Schwestern weiß
Sind Klosterfraun,
Die goldenen Blickes
Zum Lichte schaun.

Ich bin die Feuerlilie,
Die Wilde der Familie. -
Mein Sein ist kurz,
Ist Lust und Glut -
Rasch will ich sterben,
So find´ ich´s gut. -
Ich bin die Feuerlilie!

Leonie Meyerhof-Hildeck (1858-1933), aus: Frankfurter Dichterbuch, Herausgegeben von Theo Schäfer, Carl Fr. Schulz Verlag, Frankfurt am Main, Weihnachten 1905

Leonie Meyerhof (Pseudonym Leo Hildeck); geboren am 2. März 1858 in Hildesheim; gestorben am 15. August 1933 in Frankfurt am Main, Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Bühnenautorin und Frauenrechtlerin. In Theaterstücken, Romanen und Zeitungsartikeln reflektierte sie mit feinem Humor das hergebrachte Frauenbild und war eine seinerzeit vielgelesene Autorin.

Bekannt wurde ihr Theaterstück „Sie hat Talent“ (1888). Ihr populärstes Werk war der heute vergessene „Münchner Roman“ Töchter der Zeit (1903). Anonym erschien ihr von Anna Costenoble illustriertes „Frauenbrevier für männerfeindliche Stunden“ Penthesileia (1907), das innerhalb von zwei Jahren fünf Auflagen erlebte.

Das Bild „Feuerlilie, Feldblumenstrauß“ ist von Giovanni Giacometti (1866 - 1933)


Sonntag, 28. Juli 2024

Aus dem Antiquariat: Ninon und Hermann Hesse - Leben als Dialog

 



Wenn ich einmal in eine Stadt komme, besuche ich gerne Antiquariate. Diese, die so ein bisschen anmuten wie das aus den Wilsberg-Krimis. Und ich suche zielgerichtet die Lyrikecke auf. (Es ist fast immer eine Ecke - oder an an einer Abseite, um der Lyrik ihren Platz zu zuweisen). Ich mag das Stöbern, die Möglichkeit, mir Unbekanntes zu entdecken. Diesesmal stelle ich ein Fundstück vor, das sich mit einem der Lieblingsdichter meiner Jugend befasst ("Der Steppenwolf" und "Siddharta" lasen damals so ziemlich alle in meinem engeren Bekanntenkreis). Doch kommt hier nicht nur der Dichter zu Wort, sondern vor allem Ninon Hesse, seine Lebensgefährtin für lange Zeit. Und ich bin erstaunt, was es da zu erfahren gibt. Und: Schade, dass sie nicht als eigenständige Dichterin gesehen wurde. "Verrate nichts vom Inhalt, den du birgst"


An eine gläserne Kugel

Glaskugel du - sei meine Welt,
umgib gleich einer Muschel, Schale mich,
schließ mich in dir ein!
Laß allen Glanz der Welt in dir sich spiegeln,
verrate nichts vom Inhalt, den du birgst.
Laß jeden Strahl der Sonne sich an deinen Wänden
brechen,
doch selber bleibe kühl und klar!
Vom Leid der Welt betaut sei deine kühle Hülle,
doch niemals dringe eine Träne in dich ein.
Sei Spiegel du! Ich fürchte diese Welt.
Vor Lust und Leid geborgen will ich in dir schlafen.

Ninon Ausländer (Hesse) (1895 – 1966)

„Obwohl Ninon Ausländer zeit ihres Lebens geschrieben und auch einiges, zum Teil unter Pseudonym, veröffentlicht hat, verstand sie sich nie als Schriftstellerin. Schreiben und Leben standen für sie in einem ungeklärten Verhältnis. Manchmal erschien ihr das Schreiben als die einzige und verlockendste Möglichkeit, die vielen Leben, nach denen sie Sehnsucht hatte, auszuprobieren, dann wieder schreckte sie bereits in Gedanken vor der Fülle der Wünsche zurück und sehnte sich nach einer »gläsernen Kugel«, die sie vor dem Selbstverströmen bewahren sollte.“

Aus: Ninon und Hermann Hesse - Leben als Dialog, von Gisela Kleine, ein Buch, das 1982 (2. Auflage 1984) im Thorbecke Verlag, Sigmaringen erschien.

Aus dem Klappentext: War Hermann Hesse wirklich der Einsiedler von Montagnola? Diese Doppelbiographie über ihn und Ninon Ausländer (1895-1966), mit der er mehr als 35 Jahre zusammenlebte, zielt auf eine Korrektur und Vervollständigung des bisherigen Hesse-Bildes vom Einspänner und Eremiten. Unter dem Aspekt "Leben als Dialog" vermittelt sie eine neue Perspektive auf Hermann Hesse und sein Werk.

Schon 1910 hatte Ninon als Schülerin mit Hesse Briefe gewechselt; im Sommer 1922 kam es zu einer ersten Begegnung, als sie, inzwischen mit dem namhaften Karikaturistcn B.F. Dolbin verheiratet, Hesse im Tessin besuchte. In der krisenhaften Zeit des "Steppenwolfesc" wurde sie ihm so unentbehrlich, daß Hesse 1931, wenn auch zunächst widerstrebend, mit ihr seine dritte Ehe einging, die erst mit seinem Tode 1962 endete.

Wer war diese eigenwillige Frau, und wodurch ermöglichte sie Bestand und Dauer dieser spannungsreichen Beziehung, die Hesse von der Zerrissenheit der Krisis-Jahre bis zur Ausgewogenheit seines Spätwerks führte? Gisela Kleine ist dieser Frage nachgegangen und hat in philologisch sorgfältigem Quellenstudium erstmals den Nachlaß Ninon Hesses gesammelt und gesichtet und daraus eine fesselnde Ehebiographie gestaltet. Dabei ist es ihr gelungen, den jeweiligen zeitgeschichtlichen Hintergrund überzeugend sichtbar zu machen.

Ninons Weg führte von Czernowitz über das völkervermischende Wien des Ersten Weltkriegs, über Paris und Berlin in Hesses Tessiner Dorf. Von Anfang an spürte sie den Widerspruch zwischen Hesses Selbstdarstellung als Außenseiter und seinem Bedürfnis nach Zugehörigkcit. Zum Schutz seiner dichterischen Arbeit war sie bereit zu Selbstrücknahme und Verzicht. Doch immer vibrierte in ihr die Unrast einer begabten Frau. Sie fürchtete ein Leben aus zweiter Hand und nutzte ihre Ausbildung und Begabung zu Arbeiten über Motivforschung und griechische Mythologie sowie zu Märcheneditionen. Durch die Sammlung von Hesses Briefwerk, die Auswahl und Veröffentlichung seiner nachgelassenen Prosa und ihre Edition
"Kindheit und Jugend vor Neunzehnhundert - Briefe und Lebenszeugnisse Hermann Hesses von 1877 bis 1895" setzte sie neue Maßstäbe für die Hesse Rezeption.

In der vorliegenden Publikation weist Gisela Kleine die lebens- und werkgeschichtliche Verflechtung bei Hermann Hesse ebenso überzeugend nach, wie seine Veränderung durch die dialogische Gemeinschaft mit Ninon.

Sonntag, 14. Juli 2024

Egon Schiele: Eine Jugendliebe

 


Margarete Partonek war die erste große Liebe des 16-jährigen Egon Schiele. Seine Briefe an sie geben nicht nur seine Zuneigung für sie preis, sondern fördern auch die ersten lyrischen Gehversuche des Künstlers zutage. In diesem Jahr (1906) wurde der 16-Jährige in die Wiener Akademie der bildenden Künste  aufgenommen. Wie lange genau diese Jugendliebe gewährte, ist nicht bekannt. 



An mein Ideal

I.

Der Kunst, der reich ich meine Rechte
Der Malerei streck ich sie hin,
Wenn’s nur was zweites geben möchte,
In Klosterneuburg oder Wien.

II.

Das nächste oder drauf das Jahr
Werd’ ich müssen weg von hier,
Mit der Hand und lockigen Haar,
Das ist der Künstler beste Zier.

III.


Und das zweite, – – ist mein Gretchen,
Dir reiche ich meine beiden Händ’,
Du bist das allerliebste Mädchen,
Mein Lieb, dass ich nur jemals fänd.

IV.

Du ros’ge reizende Natur,
Du herzzerreißende Figur,
Dir lacht der Frühling lieb entgegen
Mit wonn’gen Tagen, still verlegen.

V.

Nur luna [!] soll es einstens seh’n,
Der kann dann ruhig vorrübergeh’n;
Doch höre jetzt und schreib an mich
In kurzer Zeil’ – ich liebe dich.

E. [Egon] Schiele

30.III.06.



Woher haben Sie denn das erfahren?
Das ist mir jetzt noch nicht im Klaren;
Wohl kenn ich manches Mägdlein hier
Doch dafür [durchgestrichen] darum, kann ich nicht’s dafür.

Das machte einst der Jugend Freude
Und dieses tat mir viel zu Leide,
Dies Fräulein ist von blondem Haar,
Es hat ein braunes Augenpaar.

Doch längst vergessen ist die Zeit
Mit vielen Neid und Streitigkeit;
Jetzt dank’ ich Gott, den edlen Hort
Für dies Erlös, mein Ehrenwort.

Viel länger könnt’ ich dahin schreiben; –
Nur bitt’ ich dieses nicht zu zeigen,
Sie werden wohl das Fräulein kennen,
Die auf der Karte schrieb

„L. B.“ [?]

SCHIELE.

31.III.1906.



Mein Lieb

Und sollt’ ich Dich jetzt noch nicht lieben,
So sieh Dir meine Augen an,
In dessen Innern steht’s geschrieben,
Daß das nicht ist, ein kurzer Wahn.

Und solltest Du mir’s noch nicht glauben,
Daß ich zu lieben Dich begann,
So sieh Dir meine Lippen an – –;
Die werden manchen Kuß Dir rauben.

Und wolltest ihn vielleicht nicht haben,
Gestohlen sollt er doch nicht sein;
Nur Liebende, die gern’ sich haben,
Die küssen sich so ganz allein.

Und kann ich dich jetzt nicht erlangen,
So schick’ ich Dir viel herzlich Grüß;
Und schick Dir auch, auf Lipp und Wangen,
Viel tausend zuckersüße Küß.

Wenn diese Schrift, mit roter Tint'
Erhalten hast, am heut’gen Tag
So denk’, daß zweie es nur sind,
Denen ich einmal was G’schriebnes gab.

S. [Schiele] Egon.




Der erste Kuß der Liebe!

Traumgebilde, Fantasien
Schweben vor des Jünglings Blicken,
Und der Lieb’ Magnete ziehn
Hin zu ihr, ihn zu entzücken.

Und er sieht sie vor sich stehen,
Und es faßt ihn mit Gewalt
Und reißt ihn gleich, Sturmeswehen
Blitzesschnell hin zu ihr bald.

Und die braunen Haare hängen
Sanft, geschmeidig, dicht herab
Über ihren roten Wangen,
Denen Lieb’ das Glühen gab.

Und nur Freundlichkeit nicht Tücke
Spielen um den schönen Mond
Und ihr geben, seine Blicke
Was die Zarte fühlet kund.

Es erfaßt ihn mit Entzücken
Und im seel’gen Hochgenuß
Drückt er auf die ros’gen Lippen,
Seiner Liebe – ersten Kuß.

Margarete Partonek an Egon Schiele



Liebstes Fräulein. . . 

Mein neues „Drüben“ verdirbt mir meine ganze Aussicht. Früher konnte ich Sie
wenigstens hinter einem grünen Versteck sehen, doch jetzt ist dieses Dach am Fenster zu kurz.

Warum schreiben Sie nichts mehr so wie vor einigen Wochen? Wenn solcherlei Sachen bis jetzt noch niemand außer den Nächsten in unserer Umgebung weiß, glaube ich wird es niemand, am wenigsten bei Ihnen in der Schule erfahren; vorausgesetzt daß Sie selbst nichts weiter Ihren Freundinnen & Kolleginnen sagen oder vorlesen. Sie haben mir erst drei Schreiben durch Ihren Bruder geschickt, die bei mir gut aufgehoben sind, während ich Ihnen deren schon mehrere
zukommen lassen haben [!].

Würden Sie vielleicht wirklich nicht schreiben können, aus Gründen die Sie mir
nicht sagen wollen, so gibt es noch ein Zweites, bei dem ich an Ihrer Stelle keine Ausrede finden würde. Sie gehen abends oft auf der Gasse mit Fräulein Hermine, könnten Sie nicht zumindest den Weg in eine andere Gasse einschlagen? Es kommt nur an Ihren Willen an den Sie leicht bezwingen können; dann möchten Sie Ihre Worte erfüllen, die Sie mir so deutlich schrieben. Wie oft gehen Sie in die Obere Stadt, wie z.B. am Montag, da könnten Sie doch diesen vorhergenannten Weg beim hin oder Retourgehen benützen.

Wenn ich auch jetzt vielleicht Unangenehmes schrieb, so bitte ich um Verzeihung, denn aus vielen werden Sie sehen, daß ich so schreibe wie ich denke. Würden Sie mir Verzeihung nicht gewähren, so bitte ich dieses zurückzusenden.
Hoffentlich aber werden Sie von meinen Ratschlüssen auswählen, so daß nicht der schönste Monat ohne Ausnützung verfließt.

Sie sind jeden Sonntag fort am 22. waren Sie in Hadersfeld, wo waren Sie am letzten Sonntag? Umsonst werden Sie nicht Ausflügemachen. Es grüßt Sie herzlichst 

Ihr ES [Egon Schiele]

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.



 Gemälde Egon Schieles von 1906



Ein Mädchenbildnis Egon Schieles aus dem Jahr 1906, wohl nicht Margarete Partonek

Donnerstag, 28. März 2024

Sophie Friederike Brentano: An einem Baum am Spalier

 



An einen Baum am Spalier

Armer Baum! - an deiner kalten Mauer
festgebunden, stehst du traurig da,
fühlest kaum den Zephyr, der mit süßem Schauer
in den Blättern freier Bäume weilt
und bey deinen leicht vorübereilt.
O! dein Anblick geht mir nah!
und die bilderreiche Phantasie
stellt mit ihrer flüchtigen Magie
eine menschliche Gestalt schnell vor mich hin,
die, auf ewig von dem freien Sinn
der Natur entfernt, ein fremder Drang
auch wie dich in steife Formen zwang.

Sophie Friederike Brentano, geboren am 27. 3. 1770 als Sophie Schubart, gestorben 31. 10. 1806

Obwohl Sophie Schubart gegenüber der Ehe große Vorbehalte empfand, heiratete sie 1793 aus ökonomischen Gründen den Jenaer Bibliothekar und Juraprofessor Friedrich Ernst Carl Mereau.

Die Mereaus lebten in Jena, wo Sophie Mereau durch die Vermittlung ihres Ehemannes Friedrich Schiller kennenlernte. 1791 veröffentlichte sie erste Gedichte in Schillers Thalia. Im Hause der Mereaus verkehrten neben Schiller auch Jean Paul, Johann Gottfried Herder, Friedrich und Ludwig Tieck, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schelling sowie August Wilhelm, Friedrich und Dorothea Schlegel.

Schiller erkannte ihr Talent, auch wenn er ihr aufgrund ihres Geschlechts nicht zugestand, tatsächlich Kunst zu schaffen („Ich muß mich doch wirklich darüber wundern, wie unsere Weiber jetzt, auf bloß dilettantischem Wege, eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst nahe kommt.“). Er förderte sie, indem er ihre Gedichte in seiner Zeitschrift Die Horen und in seinem Musenalmanach abdruckte.

Nach dem Tod ihres sechsjährigen Sohnes Gustav im Jahr 1800 lebte sie getrennt von ihrem Mann und ließ sich 1801 im Herzogtum Sachsen-Weimar scheiden. Gemeinhin gilt dies als die erste von einer Frau initiierte Scheidung im Herzogtum.

Gemeinsam mit ihrer Tochter, die ihr Mereau unüblicherweise überließ, baute sie sich in Camburg ein neues Leben auf. Sie konnte von ihrer literarischen Tätigkeit leben, so dass sie finanziell unabhängig war. Als sie von Clemens Brentano schwanger wurde, heiratete sie ihn im Jahr 1803. Durch Brentanos Eifersucht und besitzergreifende Art fühlte sie sich eine Zeit lang eingeschränkt. Einer Freundin schrieb Mereau, das Zusammenleben mit Brentano enthalte Himmel und Hölle, aber die Hölle sei vorherrschend. Das Ehepaar lebte zuerst kurz in Marburg und wieder in Jena, ab 1804 in Heidelberg.

Ende 1805 hatte Sophie Brentano mit ihrem fünften Kind eine Fehlgeburt und erkrankte infolgedessen. 1806 starb sie im Alter von 36 Jahren bei der Geburt ihres sechsten Kindes im Kindbett.[6] Alle drei Kinder mit Brentano starben vor ihr selbst. Sie wurde in Heidelberg auf dem Armenfriedhof der Kirche St. Anna beigesetzt. (Wiki)