Dienstag, 30. Dezember 2014

Erich Mühsam - Ode (Zum Jahreswechsel 1916 / 17)











                             Ode

Zum Jahreswechsel 1916 / 1917

Es birst ein Jahr und fährt in die Ewigkeit.
Ein Jahr des Todes und dunkler Geschicke voll
stürzt es dem vorigen nach in sein Blutmeer,
räumt es der Zukunft die trostlosen Stätten.

Die kommt gezogen zögernd im Faltenkleid,
umraucht vom Kriege, doch über dem Haupte schon
dämmert ihr neblig ein flackernder Lichtkranz.
Naht sich dem Weltall die Hoffnung auf Frieden?

Es betet brünstig, wer noch an Götter glaubt,
sie möchten enden den schrecklichen Völkermord,
über den Trümmern verschütteter Sehnsucht
Schöneres aufbaun, als Grabmäler decken.

Denn unten faule ewig in Staub und Schutt
der arge Geist, der den Menschen die Waffen schliff.
Nimmer erwache den Völkern die Machtgier:
Feindin der Schönheit und Urgrund des Hasses.

Die Tränen aber, jeglichen Tropfen Bluts,
der Mütter Leid und der Bräute zerstörtes Glück,
sammelt im Herzen zu eifernder Andacht,
wehred dem Kriegszorn mit sieghafter Liebe.



Erich Mühsam (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet.

Montag, 29. Dezember 2014

Brüder Grimm - Das kluge Gretel





Brüder Grimm - Das kluge Gretel

Es war eine Köchin, die hieß Gretel, die trug Schuhe mit roten Absätzen, und wenn sie damit ausging, so drehte sie sich hin und her, war ganz fröhlich und dachte: ,Du bist doch ein schönes Mädel.' Und wenn sie nach Haus kam, so trank sie aus Fröhlichkeit einen Schluck Wein, und weil der Wein auch Lust zum Essen macht, so versuchte sie das Beste, was sie kochte, so lang, bis sie satt war, und sprach: "Die Köchin muss wissen, wie's Essen schmeckt."

Da sagte der Herr einmal zu ihr: "Gretel, heut abend kommt ein Gast, richte mir zwei Hühner fein wohl zu." "Will's schon machen Herr", antwortete Gretel.

Nun stach's die Hühner ab, brühte sie, rupfte sie, steckte sie an den Spieß und brachte sie zum Feuer, damit sie braten sollten. Die Hühner fingen an, braun und gar zu werden, aber der Gast war noch nicht gekommen. Da rief Gretel dem Herrn: "Kommt der Gast nicht, so muss ich die Hühner vom Feuer tun, ist aber jammerschade, wenn sie nicht bald gegessen werden, wo sie am besten im Saft sind." Sprach der Herr: "So will ich nur selbst laufen und den Gast holen." Als der Herr den Rücken gekehrt hatte, legte Gretel den Spieß mit den Hühnern beiseite und dachte: ,Solange da beim Feuer stehen, macht schwitzen und durstig, wer weiß, wann die kommen! Derweil spring' ich in den Keller und tue einen Schluck.' Lief hinab und sprach: "Gott gesegne's dir, Gretel", und tat einen guten Zug. " Der Wein hängt aneinander", weiter", und ist nicht gut abbrechen", und tat noch einen ernsthaften Zug. Nun ging es und stellte die Hühner wieder übers Feuer. Weil aber der Braten so gut roch, dachte Gretel: ,Es könnte etwas fehlen, versucht muss er werden!' schleckte mit dem Finger und sprach: "Ei, was sind die Hühner so gut! Ist ja Sünd' und Schand', daß man sie nicht gleich ißt!" Lief zum Fenster, ob der Herr mit dem Gast noch nicht käm', aber es sah niemand; stellte sich wieder zu den Hühnern, dachte: ,Der eine Flügel verbrennt, besser ist's, ich ess' ihn weg.' Also schnitt es ihn ab und aß ihn auf, und er schmeckte ihm; und wie es damit fertig war, dachte es: ,Der andere muß auch herab, sonst merkt der Herr, daß etwas fehlt.' Wie die zwei Flügel verzehrt waren, ging es wieder und schaute nach dem Herrn und sah ihn nicht. ,Wer weiß', fiel ihm ein, ,sie kommen wohl gar nicht und sind wo eingekehrt.' Da sprach's: "Hei, Gretel, sei guter Dinge, das eine ist doch angegriffen, tu noch einen frischen Trunk und iss es vollends auf, wenn's all ist, hast du Ruhe, warum soll die gute Gottesgabe umkommen?" Also lief es noch einmal in den Keller, tat einen ehrbaren Trunk und aß das eine Huhn in aller Freudigkeit auf. Wie das eine Huhn hinunter war und der Herr noch immer nicht kam, sah Gretel das andere an und sprach: "Wo das eine ist, muss das andere auch sein, die zwei gehören zusammen; was dem einen recht ist, das ist dem andern billig; ich glaube, wenn ich noch einen Trunk tue, so sollte mir's nicht schaden." Also tat es noch einen herzhaften Trunk und ließ das zweite Huhn wieder zum andern laufen. Wie es so im besten Essen war, kam der Herr dahergegangen und rief: "Eil dich, Gretel, der Gast kommt gleich nach."

"Ja, Herr, will's schon zurichten", antwortete Gretel. Der Herr sah indessen, ob der Tisch wohl gedeckt war, nahm das große Messer, womit er die Hühner zerschneiden wollte, und wetzte es auf dem Gang. Indem kam der Gast, klopfte sittig und höflich an der Haustür. Gretel lief und schaute, wer da war, und als es den Gast sah, hielt es den Finger an den Mund und sprach: "still! Still! Macht geschwind, daß Ihr wieder fort kommt, wenn Euch mein Herr erwischt, so seid Ihr unglücklich; er hat Euch zwar zum Nachtessen eingeladen, aber er hat nichts anders im Sinn, als Euch die beiden Ohren abzuschneiden. Hört nur, wie er das Messer dazu wetzt." Der Gast hörte das Wetzen und eilte, was er konnte, die Stiegen wieder hinab. Gretel war nicht faul, lief schreiend zu dem Herrn und rief: "Da habt Ihr einen schönen Gast eingeladen!"

"Ei, warum, Gretel? Was meinst du damit?"

"Ja", sagte es", der hat mir beide Hühner, die ich eben auftragen wollte, von der Schüssel genommen und ist damit fortgelaufen."

"Das ist eine feine Weise!" sprach der Herr, und ward ihm leid um die schönen Hühner, "wenn er mir dann wenigstens das eine gelassen hätte, damit mir was zu essen geblieben wäre." Er rief ihm nach, er sollte bleiben, aber der Gast tat, als hörte er es nicht. Da lief er hinter ihm her, das Messer noch immer in der Hand, und schrie: "Nur eins! Nur eins!" und meinte, der Gast sollte ihm nur ein Huhn lassen und nicht alle beide nehmen; der Gast aber meinte nicht anders, als er sollte eins von seinen Ohren hergeben, und lief, als wenn Feuer unter ihm brennen würde, damit er sie beide heimbrächte.

Dieses Märchen der Brüder Grimm wurde mir früher leider nie erzählt, noch stand es in den Märchensammlungen, welche uns Kindern zur Verfügung standen. Dabei ist es viel zu lebensecht, als dass es unterschlagen werden müsse.

Der Text beruht auf Andreas Strobls Predigtexempel Oster-Märl (in "Ovum paschale novum oder neugefärbte Oster-Ayr", Salzburg 1710) Wilhelm Grimms kürzte lediglich ausschweifende Beschreibungen und den belehrenden Schluss, doch fügte er unter anderem Gretels schöne Ausreden hinzu. Was zeigt, das ein Märchen um so lebendiger wird, wenn es mir persönlichem Kolorit weiter erzählt wird. . .

Sonntag, 28. Dezember 2014

Friedrich Hölderlin - Gedichte aus dem Turm: Der Winter



Der Winter

I

Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,
So fällt das Weiß herunter auf die Tale,
Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle,
Es glänzt das Fest den Städten aus den Toren.

Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen
Ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen
Die Unterschiede sich, dass sich zu hohem Bilde
Sich zeiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde.


II

Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzt.

Der Erde Stund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.


III

Wenn bleicher Schnee verschönert die Gefilde,
Und hoher Glanz auf weiter Ebne blinkt,
So reizt der Sommer fern, und milde
Naht sich der Frühling oft, indes die Stunde sinkt.

Die prächtige Erscheinung ist, die Luft ist feiner,
Der Wald ist hell, es geht der Menschen keiner
Auf Straßen, die zu sehr entlegen sind, die Stille machet
Erhabenheit, wie dennoch alles lachet.

Der Frühling scheint nicht mit der Blüten Schimmer
Dem Menschen so gefallend, aber Sterne
Sind an dem Himmel hell, man siehet gerne
Den Himmel fern, der ändert fast sich nimmer.

Die Ströme sind, wie Ebnen, die Gebilde
Sind, auch zerstreut, erscheinender, die Milde
Des Lebens dauert fort, der Städte Breite
Erscheint besonders gut auf ungemeßner Weite.


IV

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende,
Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.


V

Wenn sich das Jahr geändert, und der Schimmer
Der prächtigen Natur vorüber, blühet nimmer
Der Glanz der Jahreszeit, und schneller eilen
Die Tage dann vorbei, die langsam auch verweilen.

Der Geist des Lebens ist verschieden in den Zeiten
Der lebenden Natur, verschiedne Tage breiten
Das Glänzen aus, und immerneues Wesen
Erscheint den Menschen recht, vorzüglich und erlesen.


Friedrich Hölderlin (1770 - 1843), sozusagen der "Dichter der Dichter". Nie wirklich volkstümlich geworden, doch von vielen Dichterinnen und Dichtern geschätzt, über die Zeiten und über die Genres hinweg.


Samstag, 27. Dezember 2014

Alfred Lichtenstein - Liebeslied


Foto: Indigo H. Ullrich


                Liebeslied

Helle Länder sind deine Augen.
Vögelchen sind deine Blicke,
Zierliche Winke aus Tüchern beim Abschied.

In deinem Lächeln ruh ich wie in spielenden Booten.
Deine kleinen Geschichten sind aus Seide.

Ich muss dich immer ansehen.


Alfred Lichtenstein (* 23. August 1889 in Wilmersdorf b. Berlin; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Somme, Frankreich),ein deutscher Dichter, den auch leider viel zu früh Krieg und Tod holte.

Freitag, 26. Dezember 2014

Christian Morgenstern - Schicksal



                Schicksal


Der Wolke Zickzackzunge spricht:
„Ich bringe dir, mein Hammel, Licht.“

Der Hammel, der im Stalle stand,
ward links und hinten schwarz gebrannt.

Sein Leben grübelt er seitdem:
warum ihm das geschah von wem.


Christian Morgenstern (1871  -  1914) Über ihn und seine Galgenlieder braucht nicht mehr viel erzählt werden. Außer, dass solche lyrischen Kleinodien wie das obige nicht oft genug wieder hervorgesucht werden können. 

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Alfred Lichtenstein - Man hat mich glücklich eingesperrt. . .

Gesehen in Northeim


Man hat mich glücklich eingesperrt . . . 

Man hat mich glücklich eingesperrt,
Dran ist mir nichts gelegen,
Und für total verrückt erklärt
Des Dichtens nämlich wegen.

Denn erstens dicht' ich unerlaubt,
Grob und unmanierlich.
Und zweitens dicht' ich überhaupt
Und drittens zu natürlich.

Und viertens dicht' ich viel zu viel
Und viel zu atheistisch.
Und fünftens sei mein ganzer Stil
Sozusagen mystisch.

Und sechstens sei die Poesie
Von mir durchaus entbehrlich.
Und endlich sei ich ein Genie
Und auch noch sonst gefährlich.

Und achtens sei ich nicht von hier
Und fürchterlich versoffen.
Und deshalb, neuntens, stände mir
Die Gummizelle offen.

Das Urteil ließ mich völlig kalt.
Was sollt' mir denn passieren?
Ganz nett ist dort der Aufenthalt.
Man kann sich konzentrieren.

Die Gummizelle hat Kultur,
Das lässt sich nicht verhehlen.
Was mich betrifft – ich kann sie nur
Zum Dichten sehr empfehlen.

Rein kommt man doch, 's fragt sich nur wann.
Doch eins ist zu beklagen:
Der alte Zellenwärter kann
Das Reimen nicht vertragen.

Denn fange ich zu reimen an,
Dann wird er ungemütlich
Und ruft empört, der alte Mann:
»Nun sein Sie doch bloß friedlich!«

Drum schreib ich Ungereimtes meist
In der Gummizelle
Und was ich sonst mir etwas dreist
Von der Seele pelle.

Auch diese Verse tat ich da
Mir aus der Seele lutschen.
Wem's nicht behagt, der kann mir ja
Den Buckel runterrutschen.

Alfred Lichtenstein (* 23. August 1889 in Wilmersdorf b. Berlin; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Somme, Frankreich),ein deutscher Dichter, den auch leider viel zu früh Krieg und Tod holte. Aufmerksam geworden auf ihn bin ich in einer Buchrezession in der Weltbühne von Kurt Tucholsky, der ihn wärmstens empfahl. Recht hatte er.

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Hugo Ball - Ein Krippenspiel




Simultan Krippenspiel (Concert bruitiste)

Aufführung: »Große Soirée« am 31.5.1916 in der »Meierei« in Zürich, Spiegelgasse 16.
Vorgetragen von Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Marcel Janco, Marietta di Monaco, Tristan Tzara

Ein Krippenspiel. Bruitistisch

I. Stille Nacht.
Der Wind: f f f f f f f f f fff f ffff t t
Ton der heiligen Nacht: hmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm
Die Hirten: He hollah, he hollah, he hollah.
Nebelhörner. Okarina – – – – crecendo. (Steigen auf einen Berg) Peitschenknallen, Hufe.
Der Wind: f f f f f f f f f f f ffffffffffffffffffffffffffffff t.

II. Der Stall.
Esel: ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia,
Öchslein: muh muh muh muh muhm   muh muh muh muh muh muh muh (Stampfen, Strohgeräusch, Kettenrasseln, Stoßen, Käuen)
Schaf: bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh,
Josef und Maria (betend): ramba ramba ramba ramba ramba – m-bara, m-bara, m-bara, -bara- ramba bamba, bamba, rambababababa
 
III. Die Erscheinung des Engels und des Sterns.
Der Stern: Zcke, zcke, zcke, zzccke, zzzzzcke, zzzzzzzzcccccccke zcke psch, zcke ptsch, zcke ptsch, zcke ptsch.
Der Engel: (Propellergeräusch, leise anschwellend, tremolierend, bis zu erheblicher Stärke, energisch, dämonisch)
Ankunft: (Zischen, Zerplatzen, Bündel von Licht in Geräuschen)
Lichtapparat: flutet weiß weiß weiß weiß weiß.
Fallen aller Mitwirkenden: erst auf die Ellbogen, dann auf die Fäuste. So, daß zwei Geräusche entstehen, die zusammenhängen.
Plötzliche Stille: – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

IV. Die Verkündigung.
Geräusch der Litanei: do da do da do da do da   dorum darum dorum do da do, dorum darum, dorum, darum, do da do, do, doooo.
Tutti: Muhen, Iaen, Ketten, Schalmeien, Gebet, Stern, Schaf, Wind.
Stilisiertes Lachen: H a ha. haha. haha. haha. haha. haha. haha. haha.
Steigerung bis zu höchstem Lärm. Tanz nach gepfiffener Melodie
Der Engel: Dorim darum dorum darum, dorum darum, dododododododododooooo (das Ende des »doooooooo« sehr schmerzlich und bedauernd)

V. Die heiligen drei Könige
Der Stern: Zcke zcke ptsch, zcke zcke zcke zcke zcke ptsch! zcke zcke ptsch! ptschptschptschptsch. zcke zcke ptsch ptch ptsch.
Die Karawane der drei Könige: Puhrrrrr puhrrrr (Schnauben der Pferde, Trampeln der Kamele).
Die drei Könige: rabata, rabata, bim bam, rabta rabata, bim bam ba, rabata rabata rabta, rabata bim bam. bim bam. bim bam.
Glöckchen der Elefanten: Bim bim bim bim bim bim bim bim bim
Flöten
Trompete: Tataaaaaaaaaaaa! tataaaaaaaaaaaaaaa!
Schnauben der Pferde: Puhrrrrr, puhrrrrrrrr, puhrrrrrrr.
Wiehern der Pferde: Wihihihihih, Wihihihihlhi, Wihihihlhih.
Kacken der Kamele: Klatschen der Hände mit sehr hohler Fläche.
Der Stern: Zcke zcke zcke ptsch!

VI. Ankunft am Stalle.
Eine Kerze leuchtet auf. (Der Saal war vorher verdunkelt. Man sieht jetzt die Orchestermitglieder. Sie haben schwarze Tücher umgeschlungen, so daß ihre Gestalt verschwindet. Sie sitzen außerdem mit dem Rücken gegen das Publikum)
Josef: Bonsoir, messieurs. Bonsoir, messieurs. Bonsoir messieurs.
Esel und Öchslein: Ia ia ia ia ia ia   a ia, muh muh muh muh muh muh
Geräusche von Kupfergeräten, Klappern von Kannen, Stoff-, Taft-Geräusche, Gläsertöne, Schöpfen, Rieseln, Schlüsselgeräusche
Josef: Parlez-vous français, messieurs? Parlez-vous français, messieurs?
Die heiligen drei Könige: Ah, eh, ih, ohm, uh, ah, eh, ih, oh, uh! aih, auhh, euhhh, eh ih, oh uhhhh! Ahhhhhhhhhhhhhhhh!
Maria (pfeifend): Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf!
Josef: kt, kt kt potz! kt kt kt kt Potz! kt kt kt kt potz!
Jesus: schmatzend schmatzend schmatzend schmatzend schmatzend.

VII. Die Prophezeiung.
Plötzliche Hammerschläge. Nageln. Rattern. Klappern.
Zurufe der Knechte: He hollah! he hollah! he hollah!
Zymbeln, Pfeifen, Johlen, Volksmenge Bellen.
Die Pharisäer: Rabata, rabata, rabata, rabata, sallada, salada, sallada, sallada, sallada, sallada, sallada, rabata bumm, rabata bumm, rabata bumm, rabata bumm.
Die heiligen drei Könige: oh oho oh oh oh oh oh oh oh oh oh oh (sehr schmerzlich)
Esel und Öchslein (sehr schmerzlich): Muh iahh, muhhhhh, iahhhhh, muhhh.
Lamm: bähhhhhhh, bähhhhhhhhh, bähhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Klagelaute der Maria: Ahhhhhhhhh, ahhhhhhhhhh, ahhhhhhhhhhhhhhhhh!
Glocken und Glöckchen: Bim bam bum, bim bam, bum, bim bam, bum. Gong gong.
Nageln: – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Und da er ward gekreuzigt
Da floß viel warmes Blut.


Krippenspiel
I.
Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei ihren Hürden. Die hüteten des nachts ihre Herde. (Wind und Nacht. Ton der Nacht. Signale der Hirten. (Tzara: kleine Laute. Peitschenknallen)

II.
Maria aber und Josef lagen im Stalle zu Bethlehem auf den Knieen und beteten zum Herrn. (Während Ball und Janco beten, diesen Text wiederholen. (Schalk muh, Schlüssel. Arp: bäh, Strohgeräusch.)

III.
Am Himmel aber leuchtete der hellste Stern über dem Stalle von Bethlehem. Und siehe der Engel des Herrn machte sich auf und erschien den Hirten. Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Und sie fürchteten sich sehr. (Stern, Brausen des Engels, ganz stark, dann Cymbel. Lichtapparat und Fallen. (Janco.) Pause.

IV.
Und der Engel sprach zu ihnen: fürchtet euch nicht, denn siehe: ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. (Do da do des Erzengels, dann Freude tutti. Steigerung. Crescendo. Dann: do da do doooooo des Engels)

V.
Und die Weisen aus dem Morgenlande machten sich auf mit ihrer Karawane, mit Kamelen, Pferden und Elefanten, die reich mit Schätzen beladen waren, und der Stern führte sie. (Stern, Wiehern und Schnauben der Pferde, Gang der Elefanten, Sprechen der Könige, Trompete. (Tzara; Arp), Glöckchen. Der Stern. Alles schwellend und abschwellend)

VI.
Und sie fanden den Stall und Josef begrüßte sie. (Bon soir, messieurs) Rabata rabata. Muh. Bäh.) Aber Josef verstand ihre Sprache nicht. (rabata, rabata.) Tzara: o mon dieu, o mon dieu (Schlaflied Emmy, Ah eh Tzara ih oh der Könige. Dann ah eh ih verstummend. Nur noch Gesang der Maria, Laute. Schmatzen des Säuglings und Beten: ramba rambaramba.) Pause.

VII.
Maria aber bewegte all diese Worte in ihrem Herzen. Und sie sah einen Berg und drei Kreuze aufgerichtet. Und sah ihren Sohn verspottet und mit einer Dornenkrone gekrönt. Und sie kreuzigten ihn. Aber sie wusste, daß er am dritten Tage wieder auferstehen werde, verklärt. (Johlen der Menge). Rabata rabata (Janco), Tzara: Pfeifen. Ball: He hollah! Nageln. Schalk: Klappern. Arp: bäh bäh. Rabata Rabata, sallada. (Crescendo) Nageln und Schreien. Dann Donner. Dann Glocken.


Geschrieben von Hugo Ball ( 1886  -  1927) und uraufgeführt von ihm und mit den oben genannten Akteuren am 31. 5. (!) 1916.