Hiddensee
Um meine Insel singt das Meer sein Lied.
Sie schwimmt in Flut gleich schmalem grünen Blatte,
Sie reckt in Dünen Heide, Moor und matte
Leuchtfeuer glimmen, und die Möve zieht.
Es singt von toter Sonne, die verschied,
Damit die Nacht mit Frieden uns umschatte,
Von Himmelswölkchen, weich wie Flöckchen Watte,
Vom Sturm, der jauchzend in die Ferne flieht.
Die Lieder alle singt es, die sie sangen
An fremden Ufern, Chöre, die erklangen
Aus Orgeln, von den Betern, die dort knien.
Und wie am Inselstrand in Muscheln, Kieseln
Die feinen Wasserfäden sacht verrieseln,
Empfängt es meiner Seele Melodien.
Dem Geist des Lichts
Tritt ein in meinen Garten, Geist des Lichts,
Und gib mir deine kühlen frommen Hände,
Daß ich den Strom der Liebe zu dir wende,
Verklärte Form des Gottesangesichts.
Wie einst am Tag verkündeten Gerichts
Sich ew’gen Segens heilig frohe Spende
Ergießt in Welten ohne Zahl und Ende,
So rette mich erlösend aus dem Nichts.
Es gibt noch Sonnen, die am Himmel brennen,
Es gibt noch Wege, die wir beide kennen,
Dort lass uns freudig und in Frieden wandeln!
Und dort, in der geweihten Stille,
Erwächst aus Wunsch und Traum der Wille,
Und Wille hebt sich zu befreitem Handeln.
Abendsonne
Verglühter Abend, deine Strahlen sinken
Auf Veilchenbeete, die nun rötlich glühen,
Und droben seh ich ros’ge Veilchen blühen
Am Himmel, dessen Glanz die Lüfte trinken.
Im Busch ertönt noch später Schlag der Finken,
Vom Turme Glockentöne, die den Mühen
Des Tags ein Ziel verkünden, da die frühen
Verträumten Sterne schon am Himmel blinken.
Das alles ist so licht und leicht und schwebend,
So ganz in Duft und Glanz und Reinheit lebend,
Daß Träume sich mit goldnen Reifen krönen.
Nun zur Erfüllung wird das kaum Geahnte,
Zum Pfade gangbar wird das ungebahnte,
Der Sehnsucht Welle ebbt im ewig Schönen.
Henriette „Henni“ Lehmann, aus: Es singt das Meer, Sonette und Terzinen, Weimar: W. von Kornatzki 1922.
Henriette „Henni“ Lehmann, geboren am 10. Oktober 1862 als Henriette Straßmann in Berlin, gestorben am 18. Februar 1937 ebendort, politisch und sozial engagierte Künstlerin und Autorin.
1911 zog sie mit ihrer Familie nach Göttingen, nachdem ihr Mann eine Professur an der Universität Göttingen erhalten hatte. Während des Ersten Weltkriegs war sie Leiterin der Göttinger Abteilung des Nationalen Frauendienstes (NFD) innerhalb des Vaterländischen Kriegshilfsdiensts. 1919 wurde sie Mitglied der SPD.
Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie zunächst in Göttingen, übersiedelte dann aber 1922 nach Weimar. Während der Weimarer Republik engagierte sie sich in der Arbeiterwohlfahrt. Sie schrieb sozial engagierte Romane und hielt Vorträge. Auch trat sie gegen den Antisemitismus auf.
Ab 1907 verbrachte die Familie Lehmann die Sommerferien regelmäßig auf der Insel Hiddensee und erwarb im selben Jahr ein Grundstück in Vitte, auf dem Henni Lehmann ein Landhaus errichten ließ, das bis 1937 als Sommersitz genutzt wurde.
Henni Lehmann engagierte sich auf Hiddensee für die Schaffung besserer Lebensumstände und zählte 1909 zu den Gründungsmitgliedern der Genossenschaftsreederei. 1913 gab sie den Insulanern ein Darlehen zum Bau eines Arzthauses, und 1914 gehörte sie zu den Mitbegründern und ersten Vorstandsmitgliedern des Natur- und Heimatschutzbundes Hiddensee.
Um 1919 kaufte Henni Lehmann noch die neben ihrem Landhaus befindliche Bäckerscheune, die sie zu einem Atelier mit Ausstellungsraum umbauen ließ. Sie erhielt die Bezeichnung Blaue Scheune und wurde zum Zentrum des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, zu dem unter anderem Clara Arnheim, Elisabeth Büchsel und Käthe Löwenthal gehörten. Durch die NS-Herrschaft war dies ab 1933 nicht mehr möglich.
Etwa 1935 wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. In der Hoffnung auf eine fachgerechte medizinische Versorgung fuhr sie danach häufig nach Berlin und wohnte dort bei ihrer Freundin und Mitarbeiterin Clara Arnheim. Am 18. Februar 1937 nahm sie sich dort das Leben.
Das Bild „Bäuerin auf der Straße in Kloster (Hiddensee)“, gemalt 1918, ist von ihr.
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