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Mittwoch, 13. September 2023

Hugo Ball: Die roten Himmel

 



Die roten Himmel

Die roten Himmel, mimulli mamei,
Gehen im Magenkrampf mitten entzwei.
Die roten Himmel fallen in den See,
Mimulli mamei, und haben Magenweh.

Die blauen Katzen, fofolli mamei,
An einem rotzackigen Wellblech kratzen.
O lalalo lalalo lalala!
Da ist auch die schnurrende Tante da.

Die schnurrende Tante hebt aus Schnee
Ihre trällernden Hosen und Röcke in d'Höh.
O lalalo lalalo lalalo!
Da sagte der Flötenbock: »Sowieso.«

Die tönerne Taube fällt vom Dach.
Der doppelte Johann springt ihr nach.
O lalalo und mimulli mamei!
Auf eisernen Geigen kratzen zwei.

Das Pferd und der Esel schauten schief
Auf den Schneehahn, der aus der Tiefe rief
Die blaue Tuba krachte sich eins –
Da sangen sie alle das Einmaleins.

O lalalo lalalo lalalo,
Der Kopf ist aus Glas und die Hände aus Stroh.
O lalalo lalalo lalalo!
Zinnoberzack, Zeter und Mordio!

Die „Regieanweisung“ zu diesem Gedicht: Landschaftsbild aus dem oberen Inferno. Ein Konzert heilloser Geräusche, das selbst die Tiere in Erstaunen setzt. Die Tiere treten zum Teil als Musikanten (sogenannte Katzenmusik), zum Teil in ausgestopftem Zustand und als Staffage auf. Die Tanten aus der siebenten Dimension beteiligen sich in obszöner Weise am Hexensabbat.

Hugo Ball, aus: Tenderenda der Phantast, Roman, Arche, Zürich 1967

Hugo Ball, geboren am 22. Februar 1886 in Pirmasens; gestorben am 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino (Schweiz), unter anderem Mitbegründer des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich, der Geburtsstätte des DADA.

Donnerstag, 7. September 2023

Ha Hu Baley: Der Blaue Abend

 



Der blaue Abend


Es wettert Lichtkomplex vom Himmel auf die Straßen,
Aus Fensterfronten wandeln hoch die blauen Huren.
Oh holde Stunde sanfter Mädchennasen,
Oh Unisono und Zusammenklang der Turm- und Taschenuhren!

Der Mond steigt in die Rundung metaphysisch höher,
Ein Pferd macht müde sich´s bequem in einem Vogelneste.
Verzückt entschwebt dem Volk ein violetter Seher,
Und schwarzer Violinklang tönt aus dem Asbeste.

Glasbläserei und Kuppel weißer Bögen,
Wölbt hoch euch aus dem Lichtkreis dieser Stadt!
Es ist, als ob aus Finsternis viel Tränen zögen
Und kranken Gottes Haupt erglänzet matt.

Es lehnen sich die Häuser blond zurücke.
Sind Türme weiße Engel, die entschweben.
Vom Himmel stürzt zur Hölle eine Brücke,
Auf der die Toten händeringend kleben.

HaHuBaley, das sind Hans Leybold und Hugo Ball, die vor dem ersten Weltkrieg zusammen unter diesem Pseudonym zusammen Gedichte erfassten, welche die Moderne und den Dada, dessen Mitbegründer Hugo Ball später sein sollte, vorwegnahmen. Aus: Die Aktion, 20. Juni 1914

Leybold und Ball gaben auch zusammen 1913 in München eine Literaturzeitschrift mit dem einprägsamen Titel Revolution heraus. Nach fünf Ausgaben und zwei Prozessen wegen anstößiger Inhalte kam jedoch schon das Ende. Die Zeitschrift war trotz ihres Titels nicht wirklich politisch, obwohl Literatur, die auf Veränderung drängt, immer auch politisch ist. Das Programm der Zeitschrift formulierte Hans Leybold so:

„Kampf gegen Seiendes, für Keimendes. Gegen Kunstportiere, Kulturportiere … Stagnaten, Kastraten. Gegen literaturbehaftete Oberlehrer, kunstsinnige Kritiker, allgemeine Rundschauer. In summa: Gegen Zuständliches.“

Hans Leybold wurde am 2. April 1892 in Frankfurt am Main geboren. Er wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 eingezogen und schon bald vor Namur (Belgien) schwer verwundet. Drei Tage nach seiner Rückkehr zum Regiment erschoss er sich in der Nacht vom 7. zum 8. September.

Hugo Ball, geboren am 22. Februar 1886 in Pirmasens; gestorben am 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino (Schweiz)

Das Bild „Beflaggte Stadt“ ist von Paul Klee (1879 - 1940)

Donnerstag, 20. April 2023

Hugo Ball: Früh, eh der Tag


Früh, eh der Tag

Früh, eh der Tag seine Schwingen noch regt,
Alles noch schlummert und träumet und ruht,
Blümchen noch nickt in der Winde Hut,
Eh noch im Forste ein Vogel anschlägt,

Schreitet ein Engel
Durchs tauweiße Land
Streut ans den Segen
Mit schimmernder Hand.

Und es erwachet die Au und der Wald.
Blumen bunt reiben die Äuglein sich klar,
Staunen und flüstern in seliger Schar.
Aufstrahlt die Sonne, ein Amselruf schallt.

Aber der Engel
Zog längst schon landaus.
Flog wieder heim
In sein Vaterhaus.


Hugo Ball (1886  -  1927), aus: Gedichte, Sammlung aus dem Projekt Gutenberg DE, 2017

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Mittwoch, 25. Januar 2023

Hugo Ball: Bagatelle

 


Bagatelle

Vor meinem Fenster
Im Sonnenschein
Sitzen Engelein.
Eins, zwei, drei Engelein
Und äugeln herein.
Sie hauchen an die Scheiben
Und kichern sich an,
Und schreiben
Deinen Namen hin.
Und kichern sich an
Und verwischen ihn.
Und blinzeln gar boshaft,
Und neckisch herein,
Und flattern fort
Die drei Engelein.

Hugo Ball (1886 - 1927)

Das Bild ist von Wilhelm List (1864 - 1918)

Emmy Hennings, Hugo Ball: Emmy an Hugo; Hugo an Emmy

 


An Emmy

Sag mir …
Sag mir, daß Du Dich im Föhnwind sehnst
Und daß Du trauern würdest,
Wenn ich ginge.
Sag mir, daß diese Tage schön sind
Und daß Du weinen wirst,
Wenn ich nicht singe …

Sag mir, daß Du dem Leben gut bist.
Sag meiner Stimme, daß sie nie verwehe …
Und daß Du heiter und voll frohen Mut bist
Auch wenn ich lange Zeit Dich nicht mehr sehe.

Sag mir, daß ich ein töricht Kind bin
Und streichle mich wie eine junge Meise.
Sag mir, daß ich zu Dir zurückfind',
Auch wenn die Nächte dunkel sind,
Durch die ich reise …

Hugo Ball

Emmy an Hugo

Ich bin das Kind mit suchendem Gesicht,
Das sich verlor in Deines Mantel Weiten.
Ich lächle Deines Wesens Dunkelheiten,
So eingehüllt in Dir sag ich vom Licht.

Ich bin die kleine Unscheinbare,
Die sich verirrt in Gassen fand,
Die sich verlor ins wunderbare,
In Dir, Du Lied der jungen Jahre,
Das stets in meiner Seele stand.

Laß ruhen mich in Harfendämmerungen
Und träumen Deinen schönsten Stern,
Und wenn das letzte Licht versungen,
Dann sterb ich gern …

Für Hugo (von Emmy)

Die Heiligen sind Sommernachmittage
Die Worte wehen weiche Flocken,
Das Schäfchen mit den Seidelocken
Ist schimmernd helle, fromme Sage.

Verstand ich doch – oh, süß Vertrauen,
– Da menschliches mich nicht verstand -
Hindurchgeliebt durch jede Wand,
Durch jeden Schleier deinen Grund zu schauen.

Oh, du Genosse der Verwunschenheit,
Komm zu mir in den fernsten Traum.
Sieh, uns umblüht der Märchenbaum,
Die Blume aus der Ewigkeit …

Sonette von Hugo

I

Dreimal gepriesen sei mit tiefem Neigen
Dein Tag, o Herr, der mich in Zärtlichkeit
So ganz gehüllt hat und so eingeschneit,
Daß ich die Stille suche, um zu schweigen.

Es gab die lieblichste der Engelsgeigen
Mir bis ins Nachtgelände das Geleit.
Zum Tränenhimmel Deiner Seligkeit
Sah ich die weißen Prozessionen steigen.

Im Dreischritt aus den grünen Grüften hoben
Sich Füße, die vom Rebensaft gerötet
Es schimmerte das Herz, das sie getötet.

Und das sie nun mit Blütenzweigen loben
Um schwarzer Tyrus-Kreuze glomm das Feuer
Der Liebe und der wehen Abenteuer.

II

An lichtgewobener Kette muß ich hängen
Aus hohen Himmeln in das trübe Leben
Genötigt leise hin und her zu schweben,
Weil sanfte Ätherwellen mich bedrängen.

Man haucht mich an mit Worten und mit Klängen
Und schon will meine Flügelwage beben,
Um die Erschütterungen aufzuheben
Dreh ich mich in den ewigen Gesängen.

So sieht man wohl in frommen Kemenaten
Aus Watte und aus Werg an einem Faden
Die Geistestaube schweben im Geviert.

Sie lauschet über Kerzen und Gebeten
Den sieben Gaben und den scheuen Reden,
Dieweil ein Krönlein ihre Haube ziert.

III

(Orpheus)

Oh, königlicher Geist, dem aus den Grüften
Die Leoparden folgten und Delphine
Im Tiergeschlecht sahst Du die Menschenmiene
Gegrüßt von allen Brüdern in den Lüften.

Die Leier eingestemmt in junge Hüften
So standest Du umbrandet auf der Bühne.
Vom Tode trunken summte deine kühne,
Berauschte Stimme mit den Blumendüften.

Du kamst aus einer Welt, in der das Grauen
Die Marter überbot, da war dein Herz
Zerronnen erst und dann erstarrt zu Erz.

Durch jede Sehnsucht drang dein liebend Schauen
Es führten dich die Vögel und die Fische
Im Jubelchor zum höchsten Göttertische.

IV

Entrückt und nah, belebend und doch Schein
So seh ich, Liebste, Dich vor mir errichtet
Ein Umriß, der vor meinen Blicken flüchtet
Und dem es doch bestimmt ist, Bild zu sein.

Die Hände haben längst darauf verzichtet
Zu fassen nach Gestalt von Fleisch und Bein.
Genug zu wissen, daß Du Brot und Wein
Und zartes Feuer bist, das mich belichtet.

Die Augen werden einst in Moder fallen.
Was war ich ohne Dich? Ein irres Lallen
Ein Dunkel und ein Rausch der Bitternisse.

Laß wehen durch mein Wort die lichten Küsse,
Laß sinken in mein dämmerndes Gedicht
Vom Brunnenrande her Dein Angesicht.

V

Schmücke Dich, Liebste, der Abend naht,
Winde Dir Ketten ins leuchtende Haar.
Siehe, die Sonne will sich verneigen,
Tiefer noch will sich die Stille verschweigen,
Kerze brennt am Altar.

Wisse, die Seele liebt sich zu verschwenden
Brennende Feier und wehe Musik.
Leiser noch will ihr Geheimnis lallen,
Goldener Tropfen zögerndes Fallen
Ist ihr unsägliches Glück.

* * *

Hülle Dich, Liebste, in weiße Gewänder,
Ehe die Saite zerspringt.
Lächle im Saale der Engel und Rosen,
Laß Dir die kindliche Stirne kosen,
Ehe das Echo verklingt.

Sei mir ein Fest und ein zärtliches Wunder,
Milder noch blühe Dein Schein.
Wenn wir die magischen Worte tauschen,
Geht durch die Seele ein Flügelrauschen,
Dem wir uns weihn.

Schmücke Dich, Liebste, oh, süßes Verwehen,
Bald ist der Sommer verklungen.
Über den Hügeln welken die Kränze,
Doch in die Höhen der himmlischen Tänze
Sind wir entrückt und verschlungen …

Aus: Emmy Ball-Hennings: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930

Dienstag, 24. Januar 2023

Hugo Ball: Frohes Erwachen

 


Frohes Erwachen

Ach, wo war ich in den Nächten
Und wie flog ich in den Träumen,
Dass ich kaum mich wiederfinde
Zwischen Veilchen, unter Bäumen.

Mond und Venus, alle beide
Neigen sich im lauen Himmel
Doch mein Herz ist noch erschüttert
Vom Gedanken, vom Getümmel

Der Soldaten und Propheten
Und es zittern noch die Sinne
Und es pochen noch die Schläfen
Von Gebet und Gottesminne. . .

Als ein rechter Schnitter hab ich
In den Garten mich begeben
Schaue nach den jungen Trieben
Und beschneide meine Reben.

Grün in allen Adern regt sich
Neues Blut und neue Blüte
Aus den alten Tiefen steigt es
Und verzweigt sich im Gemüte.

Blaue Blumen will ich säen
Und die roten Rosen binden.
Eine Laube will ich flechten
Für die Stare und die Finken.

Hugo Ball (1886 - 1927), aus dem Nachlass, Schweizerische Nationalbibliothek

Frohes Erwachen (Version 2)

Ach, wo war ich in den Nächten
Und wie flog ich in den Träumen,
Dass ich kaum mich wiederfinde
Zwischen Veilchen, unter Bäumen.

Als ein rechter Schnitter hab ich
In den Garten mich begeben
Schaue nach den jungen Trieben
Und beschneide meine Reben.

Froh in allen Adern regt sich
Neues Blut und neue Blüte
Aus den alten Tiefen steigt es
Und verzweigt sich im Gemüte.

Blaue Blumen will ich säen
Und die roten Rosen binden.
Eine Laube will ich flechten
Für die Stare und die Finken.

In die Ruhe will ich tauchen,
Mit den kleinen Echsen spielen,
Will den Regenbogen bauen
Und die liebe Sonne fühlen.

Aus: Emmy Ball-Hennings - Hugo Ball, Sein Leben in Briefen und Gedichten, Mit einem Vorwort von Hermann Hesse, S. Fischer Verlag, Berlin 1930

Das Bild „Das Paradies“ ist von Augusto Giacometti (1877 - 1947)

Samstag, 29. Januar 2022

Klarinetta Klaball: Ick bin in Tempelhof jeboren

 


Hugo Ball (1886-1927)

Unter dem Pseudonym Klarinetta Klaball erschienen 1914 gemeinsame Gedichte von Ball, Klabund (Alfred Henschke 1890  - 1928) und Marietta di Monaco (Maria Kirndörfer 1893  -  1981), der Freundin von Walter Serner. Die drei trugen auch im Münchner Simpl ein Gemeinschaftsgedicht auf, mit ähnlichem Titel:

 


Diese Texte werden von einigen als Vorgriff auf den Dada gewertet, Marietta von Monaco beteiligte sich 1916 auch an den Veranstaltungen im legendären Cabaret Voltaire in Zürch. Nach dieser Lesart wären „dadabei`n“ und „dadarauf“ die ersten Erwähnungen von Dada. Doch vielleicht war das doch nur einfach ein Ulk, was Dada in Zürich keineswegs sein wollte.

p. s.: Es gibt noch eine weitere Version:


 

Emmy Hennings: An Hugo geschickt

 


 

Emmy Hennings (1885 – 1948) Aus: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten. Mit einem Vorwort von Hermann Hesse, S. Fischer Verlag Berlin 1930

Das Bild ist von dem Maler Albert Müller (1897 – 1926)

 

Montag, 17. Januar 2022

Emmy Hennings: Für Hugo (von Emmy)

 

Aus: Emmy Ball-Hennings (17. Januar 1885  -  10, August 1948):  Hugo Ball  -  Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930

 


Dienstag, 17. September 2019

Hugo Ball: Wenn je ich still. . . / Rotes Kreuz

Hugo Ball (1916)


                                                                »Ich bin gegangen nach allen Seiten
                                                                 Und jeder Weg war weiß verschneit
                                                                 Es wurden Wüsten meine Weiten
                                                                 Und Wunder jede Einsamkeit …«



Wenn je ich still und ganz mich zu Dir kehre,
Dann mußt Du groß und schweigend mich empfangen
Aus irrer Dunkelheit kam ich gegangen,
Besorgt, daß ich Dein lichtes Bild verzehre.

Wenn ich zu forschen lächelnd Dir verwehre,
Nach Lust und Leid, die doch auch mir erklangen,
Nach Stern und Freund, die mir am Wege sangen,
So wisse, daß ich tiefer Dir gehöre …

Nur eines war's, das mich bewegte
Hervorzugehn aus jedem Ungemach,
Das eine nur, das fiebernd mich erregte,

Und das mich schützte, daß ich nicht erlag:
Der Kindesglanz in Deinem Seelengrunde …
Noch einmal trinken mit berauschtem Munde …


Rotes Kreuz

Wie sind doch diese Stunden weh und krank,
Sogar die Amseln in den Zweigen klagens.
Der Park hat die Gebärde stummen Tragens,
Die Blätter rauschen leise: Gruß und Dank …
Jetzt gehn die Sterne silbern ihren Gang,
Bis zu der Stunde mildesten Versagens.
Oh, Labsal fern und nahen Glockenschlagens,
Bald kehrt die Mutter wieder, licht und schlank.
Wie ist doch eine Welt so bald versunken,
In Gottes Hand zurück, aus der sie kam.
Kaum haben wir dem Morgen zugewunken
Ist schon der Abend da, der alles nahm.
Du sendest Herr, uns aus wie Frühlingslieder.
Erhöre uns, wir klingen wieder …


Aus: Emmy Ball-Hennings „Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten“, Mit einem Vorwort von Hermann Hesse, S. Fischer Verlag, Berlin 1930

Hugo Ball (*22. 2. 1886 ; † 14. 9. 1927), als Dada zum Dadaismus wurde, wandte er sich mit Emmy Hennings anderen Gefilden zu. . .


Sonntag, 8. September 2019

Hugo Ball: Totenrede für Hans Leybold / Hans Leybold: O über allen Wolkenfahnen. . .


Hugo Ball: Totenrede für Hans Leybold

(April 1915)

Hans Leybold — ich muß ihn ja gekannt haben! Wir führten an den Kammerspielen in München zusammen Hauptmanns »Helios« auf. Er war ein Student. Er machte mich mit der »Aktion« bekannt. Er negierte mein Gesäß. Er reizte mich maßlos.

Wir fanden einen kleinen Verlag in München. Der hieß Bachmair, H. F. S. X. Y. Bachmair. Anlaß vielen Gelächters für uns. Sprach Leybold: »Lasset uns eine Zeitschrift gründen!« Die hießen wir »Revolution«. Als die Zeitschrift gegründet war, verlangten die Abonnenten ein Programm. Leybold sprach: »Wohlan denn, Ihr —, wennschon immerhin: Hier habet ihr ein Programm«. Und schrieb: »Kampf gegen Seiendes, für Keimendes. Gegen Kunstportiere, Kulturportiere, Avenariusse, Scharrelmänner, Obskuranten, Schwärzlinge, Hertlinge, Hohlwege, Panteutschisten, Stagnaten, Kastraten. Gegen literaturbehaftete Oberlehrer, kunstsinnige Kritiker, allgemeine Rundschauer. In Summa: Gegen Zuständliches«. Und fügte hinzu: »Nichtschriftsteller heraus! Keine Literaten sollen gezüchtet werden«. Da hatte man denn die Revolution! Da war sie. 20 Jahre alt war der Kerl. Sehr hurtig. Und paffte einfach drauf los.

Sprach jemand in Berlin: »Was ist das für eine Revolution, die ihr da macht in München! Da steht ja kein Satz Politik drin!« »Richtig«, sprach Leybold, »da steht kein Satz Politik drin. Was soll man tun?« 5 Minuten später waren wir konfisziert mit Nummer I.

»Holla«, sagte ich zu ihm, »da steht nur kein Sozialismus, keine Altersfürsorge, kein Mutterheim, kein Rotes Kreuz drin. Und auch die Rosa Luxemburg wird nicht mitarbeiten. Noch Frau Zetkin«. »Aaber: Politik, zum Donnerwetter, Politik«, sprachen wir zweistimmig, »ist das etwas anderes als die Lehre von den Mitteln, mit denen man sich selbst oder eine Idee durchsetzt? Und wenn unsere Idee — na, sagen wir schon — ›der Geist‹ ist, ist es vielleicht unsere Politik, daß wir ›den Geist‹ durchsetzen?« Unter Geist verstanden wir aber alles, was gegen das Gesäß, gegen die Verdauung und gegen das Finanzherz gerichtet ist. Jeglichen Fanatismus im Gegensatz zu jeglichem Traum- und Innenleben. Jegliche Anarchie im Gegensatz zu jeglichem Bonzentum (sei's, wer's sei). Wir versuchten, das überlegene geistige Kaliber in unsere Hand zu bekommen und es spielen zu lassen. Wir suchten jede Handlung, jedes Unternehmen, jede Zeile Geschriebenes nur im Zusammenhang mit unserer Endabsicht zu ästimieren, für Komplexe empfindlicher als für Äußerungen. Für Wandlungen dankbarer als für »Charakter«. Unser Ziel aber hieß: Geistige Konspiration zwecks Ermöglichung geistiger Werte.

Inzwischen verspritzten wir Glossen und Gedichte, nach allen Seiten. »Die Revolution« verkrachte nach 5 Nummern. Leybold wurde nacheinander Mitarbeiter des »März«, des »Vorwärts«, der »Aktion«, der »Zeit im Bild«, der »Tat«.

Das Bedeutsamste, was er in dieser Zeit schrieb, scheint mir eine Glosse in »Zeit im Bild« gewesen zu sein. Dort vertrat er die Ansicht: »Es muß (in diesem Volk) immer etwas los sein. Immer etwas knallen, passieren. Immer wer angezaubert werden. Laut erhebet eure Stimmen, lauter, lauter. Der Zweck heiligt die Mittel«. Ein richtiger Jesuit, was? »Die Stillen im Lande«, meinte er, »werden nicht gehört«. Er meinte damit solche Herren Hermann Stehr, Gustav Landauer, Paul Boldt und andere.

Und es begab sich, daß uns der Einfall kam, Franz Blei zu propagieren. Wir fanden das sehr witzig. Blei hatte immer propagiert. Warum sollte er nicht selbst einmal propagiert werden? Also spielte er die Uraufführung seiner »Welle« in den Münchener Kammerspielen. Leybold programmatelte. Seewald inszenierte. Ich zeichnete verantwortlich. Wir bewarben uns um eine Theater-Direktion in Dresden. Wir versuchten das Münchener Künstlertheater in unsere Hand zu bekommen (wohl wissend, daß das Theater der springende Punkt ist). Wir planten eine internationale Anthologie von Lyrik. »Teufel, Teufel«, sagte Leybold, setzte sich in die Eisenbahn und fuhr nach Kiel.

Wir entspannen einen heftigen Briefwechsel. Er warb um mich, vorsichtig und höflich, wie um eine obszöne Frau. Wir erkannten einander und setzten ein Psychofakt in die Welt, das wir Baley nannten und das den Zweck hatte, Posen, Gesten, Vexationen zu kultivieren. Arrogant zu sein wie — wie Einstein.

Ich befreundete mich mit Kandinsky und ging zum Expressionismus über. Er seinerseits empfahl mir Heinrich Manns »Professor Unrat« zur Lektüre. Ich schrieb ihm:

»Wir, Bruder, toben mit den grellen Bumerangs, Trompetenbäume schrillen in Cis-Moll.
Wir schnellen durch die Luft gleich Fetzen grünen Tangs,
Blutäugig fliegende Fische voller Haß und Groll.«

Ich suchte ihn von Heinrich Mann und seiner Begeisterung für die Sachlichkeit abzubringen.
In demselben Moment erklärte Kaiser Wilhelm, daß das mit den Franzosen und Russen so nicht weitergehen könne. Und Leybold schwenkte auch die Fahne und blies auch ins Hifthorn und machte auch den Krieg mit Frankreich. Mir persönlich ist ja der Krieg unsympathisch, denn es ist eine Rigorosität, daß Leute wie Pèguy erschossen werden. Aber man kann nichts machen. Denn der Krieg ist eine Notwendigkeit Gottes. Dazu kam, daß Leybold eine Sympathie hatte für Kanonenrohre, weil sie ihn mit Freudschen Theorien erfüllten.

Doch hiervon genug. Sie werden wissen wollen, was dieser geniale junge Mann positiv geleistet hat. Nun denn! Er starb auf dem Felde der Ehre (viele Russen sterben anderswo). Er hat eine Zeitschrift gegründet, die einen sehr bedeutungsvollen Namen hat. Er pöbelte gegen Otto Ernst, gegen die Epigonen des Turnvaters Jahn, gegen Roda Roda, Feistritz, Walter Kollo und viele andere. Was an sich nichts bedeutet. Aber er faßte diese Insekten in Kristall, putzte sie auf, hing ihnen Schellen und Lendenschürze um, so daß mit der Zeit eine recht niedliche Negertruppe daraus geworden wäre.

Sodann: Er tat furchtbar viele Frauen auf: bei ihm eine Form der Propagierung des öffentlichen Lebens. Glich sich dadurch Ulrich von Hutten an. Dichtete:

Unglaublich viele schöne Frauen gibt es in der Stadt,
Sie haben blaßgepuderte Wangen und ziegelrote Münder,
Sie sind teils kränklich, teils gesünder,
Manche quellen über, manche werden niemals satt.

Er fiel Athleten an, Kunstturner, Studenten, Cafétiers und stiftete auf diese Weise eine Art abgekürzter Polemik. Er hielt es für ganz unwichtig, Literatur zu machen, und für sehr schwer, ein deutscher Schriftsteller zu werden, weil das eine contradictio in adjecto sei.
Aber das alles half ihm nichts. Eines Tages, mitten im Krieg, stürzte er vom Pferd, vor der Stadt Namur, kam zurück nach Berlin, pflanzte einen Vollbart ins Café des Westens und begab sich in seine Garnison Itzehoe, von wo er depeschieren ließ, er sei mit dem Tode abgegangen.

Es ist unerhört und scheußlich, daß dieser junge Mann aus dem Kriege nur die physische Konsequenz ziehen mußte, während die geistige ihm versagt blieb. Er ging ein (literarisch gesprochen). Er verendete (literarisch gesprochen). Er starb in irgendeiner Ecke, ohne einen Laut, und ohne daß er noch jemand gesprochen hätte. Fürs Vaterland. Aber er wollte hinaus aus dem Vaterland. Immer. Nur hinaus aus dem Vaterland. Mangel an Vaterland war direkt ein Defekt bei ihm. So war er geartet.

Ich sehe ihn vor mir, unbändig lachend. »Menschenskind, eine Totenrede?« Schon klemmt er das Monokel ins Auge, gibt seinem Körper einen Ruck und sistiert die Vorstellung. Oder auf der Straße: Er trägt einen blauen Mantel, geht mit verkniffenen, breitgeschwungenen Augenbrauen nach dem Tempo einer Automobilhupe und spuckt. »Alter Bulle«, sage ich zu ihm, »wir werden noch manchen Kampf miteinander zu kämpfen haben.« »Woll, woll«, sagt er, im raschen Gehen auf der Straße, während der Mantel fliegt.

Widersprechen Sie nicht! Kaufen Sie seine nachgelassenen Glossen und Gedichte, die ich herausgeben werde. Er ist hin. Es muß ihm sehr schwer gefallen sein, wie ich ihn kenne. Aber es ist nichts zu machen. Gedenken Sie seiner! Haben Sie Mitleid! Seien Sie freundlich! Sie alle haben seinen Tod mitverschuldet. Alle, wie Sie auch hier unten sitzen. Möge Ihnen sein Name einfallen, wenn Sie Ihre Kinder säugen!

Ich habe dem nichts hinzuzufügen. 

O über allen Wolkenfahnen . . .

O über allen Wolkenfahnen,
die windgetrieben sich in Bläue krallen,
stehen unverrückbar Sonnen, welche niemals fallen.
wir schwingen uns bewegt in ihre Bahnen,

sind selber Nebel und bestrahlte Dämpfe.
Verdrängen wir die nächt’gen Schatten
der Erdendinge! Lassen alle nimmersatten
Begierden. Gelöst sind alle Krämpfe,

die hart die Glieder engten.
Wir werden Äther, Luft und Wellen.
Oh, aus unsern Leibern strömen Quellen,
spritzend in das ungewohnte Licht! Wir schenkten

uns dem All! Es hat uns königlich empfangen.
Mit Sturmtrompeten und mit Regenwehen.
Wie unsre Füße über Sonnenbrücken gehen!
In unsrer Hände Kelch hat sich ein Tropfen Gold gefangen.

Hans Leybold wurde am 2. April 1892 in Frankfurt am Main geboren. Er wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 eingezogen und schon bald vor Namur (Belgien)  schwer verwundet. Drei Tage nach seiner Rückkehr zum Regiment erschoss er sich in der Nacht vom 7. zum 8. September.

Mittwoch, 20. März 2019

Hugo Ball: Frühling




Frühling

So hast du in Behutsamkeit
Mit Lauben und mit Ranken
Den Garten meiner Nacht umsäumt
Jetzt lächeln die Gedanken.

Nun singen mir im Gitterwerk
Die süßen Nachtigallen
Und wo ich immer lauschen mag
Will mir ein Lied einfallen.

Die Sonne scheint in deinem Blick
Und geht in meinem unter.
So schenkst du mir den schönen Tag
Ein mildes Sternenwunder.

So hast du meinen dunklen Traum
Durchleuchtet aller Enden
Und wo ich immer schreiten mag,
Begegne ich deinen Händen.

Hugo Ball (*22. 2. 1886 ; † 14. 9. 1927), als Dada zum Dadaismus wurde, wandte er sich mit Emmy Hennings anderen Gefilden zu. . .

Donnerstag, 17. Januar 2019

Emmy Hennings: Kindheit / Die kleine Gasse am Abend; Hugo Ball: An Emmy

Hanns Bolz (1885 - 1918): Portrait Emmy Hennings, 1911


Kindheit


Mein Jugendhimmel - eine Glocke aus Glas.
Wir trugen Florentinerhüte.
Auf Kinderhände fiel Kirschenblühte,
Schneeflocken fielen weich und naß.

Die Berge Jütlands und blaue Heide,
und in Vaters Hof fielen manchmal die Sterne.
Da erzählte der Seemann von einer Taverne
Und bunten Mädchen in leuchtender Seide.

„Na Mädel, willst du mit? Sag ja!“
Matrose gab mir einen Kuß,
„Weil heute ich noch reisen muß.“
Schön sind die Mädchen von Batravia. . .


Die kleine Gasse am Abend

Bunte Mädchen lugen aus schmalen Fenstern.
Der Mond wirft geisterhaftes Licht;
Aus blauem Schatten ragt grelles Gesicht,
In der Halle wimmelt es von Gespenstern.

Ein Droschkenkutscher hält sein Pferd umschlungen,
Und himmelhohe Liebe rauscht im Blut
Und die Rosen verkauft die kleine Rut
- In Montana in Banden wird gesungen. . .

O, das Klavier tut, was es kann.
Gewiß, man spielt nicht schön, doch laut.
Ein Schlafbursche umarmt eine fremde Braut,
Schwört ewige Treue so dann und wann.


Hugo Ball: An Emmy

Sag mir …
Sag mir, daß Du Dich im Föhnwind sehnst
Und daß Du trauern würdest,
Wenn ich ginge.
Sag mir, daß diese Tage schön sind
Und daß Du weinen wirst,
Wenn ich nicht singe …

Sag mir, daß Du dem Leben gut bist.
Sag meiner Stimme, daß sie nie verwehe …
Und daß Du heiter und voll frohen Mut bist
Auch wenn ich lange Zeit Dich nicht mehr sehe.

Sag mir, daß ich ein töricht Kind bin
Und streichle mich wie eine junge Meise.
Sag mir, daß ich zu Dir zurückfind',
Auch wenn die Nächte dunkel sind,
Durch die ich reise …

Emmy Hennings , geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano.

Hugo Ball, geboren am 22. Februar 1886 in Pirmasens; gestorben am 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino (Schweiz)


Freitag, 24. Februar 2017

Hugo Ball: Waldgreis



Waldgreis

Geh hundert Meilen die Buchen lang
Den grauviolettenen Stämmegang
Wo das Jahrtausend die Kronen treibt
Und mit den Nägeln sich Runen schreibt –

Geh hundert Meilen im teppichten Schoß
Durchs schwer überkuppelte, blührote Moos,
Wo nur als wunderlich Lied noch tönt,
Was deinem glänzenden Auge fröhnt. –

Da kommst du an einen gelichteten Raum,
Es steht eine Hütte da, sichtbar kaum,
So herzen sie Geißblatt und Winden weiß, –
An ihrem Pförtchen lehnt zwergig ein Greis.

Der schaut so gar traumhaft und schaut nur und schweigt,
Sein Blick dir bis tief in die Seele reicht,
Und müde wirst du, unendlich müd’,
Und das Wunderlied schwellt und webt und verzieht.

Und der Alte, er winkt. Gern folgst du ihm nach,
Draußen die Nacht überringt schon den Tag.
Blau irrt am Fensterchen flimmernder Schein,
Und du hörst Märchen vom Menschelein.

Hugo Ball (*22. 2. 1886 ; † 14. 9. 1927), als Dada zum Dadaismus wurde, wandte er sich mit Emmy Hennings anderen Gefilden zu. . .

Samstag, 11. Februar 2017

Hugo Ball: Legende

 

Legende

Vor einem hellen Marienbild
Spielte ein Bettler die Geige.
Die Vögel sangen im Herbstgefild,
Der Tag ging schon zur Neige.

Er spielte der Reben süße Last,
Die hingen ihm bis zur Stirne,
Er spielte den reifen Apfelast
Und der Berge schneeige Firne.

Er spielte der blauen Seen Licht,
Die leuchteten ihm aus den Augen.
Er sang zu der Geige und immer noch nicht
Wollte das Lied ihm taugen.

Da sang er den Mond und die Sterne dazu
Die konnte er alle verschenken
Und weinte des Waldes einsame Ruh,
Die tät seine Geige tränken.

Er spielte und sang und merkte kaum
Wie Maria sich leise bewegte
Und ihm beim Spiel ihrer Hände Schaum
Auf die wehenden Locken legte.

Er drehte beim Spiele sich hin und her,
Das tönende Holz unterm Kinne.
Er wollte, daß seine süße Mär
In alle vier Winde zerrinne.

Da stieg die Madonna vom Sockel herab
Und folgte ihm auf seine Wege.
Die gingen bergauf und gingen bergab
Durch Gestrüpp und Dornengehege.

Er spielte noch, als schon der Hahn gekräht
Und manche Saite zersprungen.
Auf Dreien spielt er die Trinität
Auf zweien die Engelszungen.

Zuletzt war es nur noch das heimliche Lied
Vom eingeborenen Sohne.
Maria deckte den Mantel auf ihn
Darin schläft er zum ewigen Lohne.


Hugo Ball (*22. 2. 1886 ; † 14. 9. 1927), als Dada zum Dadaismus wurde, wandte er sich mit Emmy Hennings anderen Gefilden zu. . .

Die Maria auf dem Foto ist im Mittelalterofen des Keramikums im Töpferdorf Fredelsloh entstanden.


Mittwoch, 4. Januar 2017

Hugo Ball - Hymnus I



Hymnus I

Zu sagen ist nichts mehr. Vielleicht, daß etwas noch gesungen werden kann. „Du magisch Quadrat, jetzt ist es zu spat“ So spricht einer, der zu schweigen versteht. „Ambrosianischer Stier“: gemeint ist der ambrosianische Lobgesang. Eine Hinwendung zur Kirche zeigt sich an in Vokabeln und Vokalen. Der Hymnus beginnt mit militärischen Reminiszenzen und schließt mit einer Anrufung Salomons, jenes großen Magiers, der sich tröstete, indem er die ägyptische Königstochter an sein Herz zog. Die ägyptische Königstochter ist die Magie.

Du Herr der Vögel, Hunde und Katzen, der Geister und Leiber, Gespenster und Fratzen.
Du Oben und Unten, Rechtsum und Linksum, Geradeaus, Kehrteuch und Haltwerda,
Der Geist ist in dir und du bist in ihm, und ihr seid in euch und wir sind in uns.
Der Auferstandene bist du, der überwunden war.
Der Entfesselte, der seine Ketten zerriß,
Der Allmächtige bist du, Allnächtige, Prächtige, mit einem brennenden Topf auf dem Kopf.
In alle Sprachen und Windrichtungen ist dir der Donner im Kasten zersprungen.
In Vernunft und Unvernunft, im toten und lebenden Reiche raget dein Blechhals und saust
deine Speiche.
Mit großem Brüllen kamst du, Sturmhaube der Rebellion, Krähtrompete, Völkersohn.
In Feuerschlünden und Kugelsaat, in Sterbegewinsel und endlosem Fluche,
In Blasphemien sonder Zahl, in Schwaden von Druckerschwärze, Oblaten und Kuchen.
So sahen wir dich, so hielten wir dich, in Gesichterregen, geschnitzt aus Achat.
Auf umgestürzten Thronen, zerspellten Kanonen, auf Zeitungsfetzen, Devisen und Akten,
Bunt aufgeputzte Puppe, hobst du das Richtschwert über die Vertrackten.
Du Gott der Verwünschungen und der Kloaken, Dämonenfürst, Gott der Besessenen.
Du Mannequin mit Veilchen, Strumpfbändern, Parfums und einem Hurenkopfe bemalt.
Deine sieben Jungen blecken die Zungen, deine Großtanten werden zuschanden, eine rote
Kugel ist deine Gugel.
Du Fürst der Krankheiten und Medikamente, Vater der Bulbo und Tenderende,
Der Arsenike und Salvarsäne, der Revolver, eingeseiften Stricke und Gashähne,
Du Löser aller Bindungen, Kasuist aller Windungen,
Du Gott der Lampen und der Laternen, du nährst dich von Lichtkegeln, Dreieck und Sternen.
Du Folterrad, russische Schaukel der Qual, Homozentaurus, in Flügelhosen schwebend
durch den Krankensaal,
Du Holz, Kupfer, Bronze, Turm, Zinke und Blei, als Eisengockel schwirrst du geölt vorbei.
Du magisch Quadrat, jetzt ist es zu spat, du mystisch Quartier, ambrosianischer Stier,
Herr unserer Entblößung, deine fünf Finger sind das Fundament der Erlösung.
Herr unseres Jäger- und Küchenlateins, Lemantotrommel unseres Daseins, Äthernist,
Kommunist, Antichrist, oh! Hochweisige Weisheit des Salomo!

Text: Hugo Ball (1886 - 1927)
Aus: "Tenderenda der Phantast"



Mittwoch, 24. Dezember 2014

Hugo Ball - Ein Krippenspiel




Simultan Krippenspiel (Concert bruitiste)

Aufführung: »Große Soirée« am 31.5.1916 in der »Meierei« in Zürich, Spiegelgasse 16.
Vorgetragen von Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Marcel Janco, Marietta di Monaco, Tristan Tzara

Ein Krippenspiel. Bruitistisch

I. Stille Nacht.
Der Wind: f f f f f f f f f fff f ffff t t
Ton der heiligen Nacht: hmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm
Die Hirten: He hollah, he hollah, he hollah.
Nebelhörner. Okarina – – – – crecendo. (Steigen auf einen Berg) Peitschenknallen, Hufe.
Der Wind: f f f f f f f f f f f ffffffffffffffffffffffffffffff t.

II. Der Stall.
Esel: ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia,
Öchslein: muh muh muh muh muhm   muh muh muh muh muh muh muh (Stampfen, Strohgeräusch, Kettenrasseln, Stoßen, Käuen)
Schaf: bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh,
Josef und Maria (betend): ramba ramba ramba ramba ramba – m-bara, m-bara, m-bara, -bara- ramba bamba, bamba, rambababababa
 
III. Die Erscheinung des Engels und des Sterns.
Der Stern: Zcke, zcke, zcke, zzccke, zzzzzcke, zzzzzzzzcccccccke zcke psch, zcke ptsch, zcke ptsch, zcke ptsch.
Der Engel: (Propellergeräusch, leise anschwellend, tremolierend, bis zu erheblicher Stärke, energisch, dämonisch)
Ankunft: (Zischen, Zerplatzen, Bündel von Licht in Geräuschen)
Lichtapparat: flutet weiß weiß weiß weiß weiß.
Fallen aller Mitwirkenden: erst auf die Ellbogen, dann auf die Fäuste. So, daß zwei Geräusche entstehen, die zusammenhängen.
Plötzliche Stille: – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

IV. Die Verkündigung.
Geräusch der Litanei: do da do da do da do da   dorum darum dorum do da do, dorum darum, dorum, darum, do da do, do, doooo.
Tutti: Muhen, Iaen, Ketten, Schalmeien, Gebet, Stern, Schaf, Wind.
Stilisiertes Lachen: H a ha. haha. haha. haha. haha. haha. haha. haha.
Steigerung bis zu höchstem Lärm. Tanz nach gepfiffener Melodie
Der Engel: Dorim darum dorum darum, dorum darum, dododododododododooooo (das Ende des »doooooooo« sehr schmerzlich und bedauernd)

V. Die heiligen drei Könige
Der Stern: Zcke zcke ptsch, zcke zcke zcke zcke zcke ptsch! zcke zcke ptsch! ptschptschptschptsch. zcke zcke ptsch ptch ptsch.
Die Karawane der drei Könige: Puhrrrrr puhrrrr (Schnauben der Pferde, Trampeln der Kamele).
Die drei Könige: rabata, rabata, bim bam, rabta rabata, bim bam ba, rabata rabata rabta, rabata bim bam. bim bam. bim bam.
Glöckchen der Elefanten: Bim bim bim bim bim bim bim bim bim
Flöten
Trompete: Tataaaaaaaaaaaa! tataaaaaaaaaaaaaaa!
Schnauben der Pferde: Puhrrrrr, puhrrrrrrrr, puhrrrrrrr.
Wiehern der Pferde: Wihihihihih, Wihihihihlhi, Wihihihlhih.
Kacken der Kamele: Klatschen der Hände mit sehr hohler Fläche.
Der Stern: Zcke zcke zcke ptsch!

VI. Ankunft am Stalle.
Eine Kerze leuchtet auf. (Der Saal war vorher verdunkelt. Man sieht jetzt die Orchestermitglieder. Sie haben schwarze Tücher umgeschlungen, so daß ihre Gestalt verschwindet. Sie sitzen außerdem mit dem Rücken gegen das Publikum)
Josef: Bonsoir, messieurs. Bonsoir, messieurs. Bonsoir messieurs.
Esel und Öchslein: Ia ia ia ia ia ia   a ia, muh muh muh muh muh muh
Geräusche von Kupfergeräten, Klappern von Kannen, Stoff-, Taft-Geräusche, Gläsertöne, Schöpfen, Rieseln, Schlüsselgeräusche
Josef: Parlez-vous français, messieurs? Parlez-vous français, messieurs?
Die heiligen drei Könige: Ah, eh, ih, ohm, uh, ah, eh, ih, oh, uh! aih, auhh, euhhh, eh ih, oh uhhhh! Ahhhhhhhhhhhhhhhh!
Maria (pfeifend): Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf!
Josef: kt, kt kt potz! kt kt kt kt Potz! kt kt kt kt potz!
Jesus: schmatzend schmatzend schmatzend schmatzend schmatzend.

VII. Die Prophezeiung.
Plötzliche Hammerschläge. Nageln. Rattern. Klappern.
Zurufe der Knechte: He hollah! he hollah! he hollah!
Zymbeln, Pfeifen, Johlen, Volksmenge Bellen.
Die Pharisäer: Rabata, rabata, rabata, rabata, sallada, salada, sallada, sallada, sallada, sallada, sallada, rabata bumm, rabata bumm, rabata bumm, rabata bumm.
Die heiligen drei Könige: oh oho oh oh oh oh oh oh oh oh oh oh (sehr schmerzlich)
Esel und Öchslein (sehr schmerzlich): Muh iahh, muhhhhh, iahhhhh, muhhh.
Lamm: bähhhhhhh, bähhhhhhhhh, bähhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Klagelaute der Maria: Ahhhhhhhhh, ahhhhhhhhhh, ahhhhhhhhhhhhhhhhh!
Glocken und Glöckchen: Bim bam bum, bim bam, bum, bim bam, bum. Gong gong.
Nageln: – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Und da er ward gekreuzigt
Da floß viel warmes Blut.


Krippenspiel
I.
Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei ihren Hürden. Die hüteten des nachts ihre Herde. (Wind und Nacht. Ton der Nacht. Signale der Hirten. (Tzara: kleine Laute. Peitschenknallen)

II.
Maria aber und Josef lagen im Stalle zu Bethlehem auf den Knieen und beteten zum Herrn. (Während Ball und Janco beten, diesen Text wiederholen. (Schalk muh, Schlüssel. Arp: bäh, Strohgeräusch.)

III.
Am Himmel aber leuchtete der hellste Stern über dem Stalle von Bethlehem. Und siehe der Engel des Herrn machte sich auf und erschien den Hirten. Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Und sie fürchteten sich sehr. (Stern, Brausen des Engels, ganz stark, dann Cymbel. Lichtapparat und Fallen. (Janco.) Pause.

IV.
Und der Engel sprach zu ihnen: fürchtet euch nicht, denn siehe: ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. (Do da do des Erzengels, dann Freude tutti. Steigerung. Crescendo. Dann: do da do doooooo des Engels)

V.
Und die Weisen aus dem Morgenlande machten sich auf mit ihrer Karawane, mit Kamelen, Pferden und Elefanten, die reich mit Schätzen beladen waren, und der Stern führte sie. (Stern, Wiehern und Schnauben der Pferde, Gang der Elefanten, Sprechen der Könige, Trompete. (Tzara; Arp), Glöckchen. Der Stern. Alles schwellend und abschwellend)

VI.
Und sie fanden den Stall und Josef begrüßte sie. (Bon soir, messieurs) Rabata rabata. Muh. Bäh.) Aber Josef verstand ihre Sprache nicht. (rabata, rabata.) Tzara: o mon dieu, o mon dieu (Schlaflied Emmy, Ah eh Tzara ih oh der Könige. Dann ah eh ih verstummend. Nur noch Gesang der Maria, Laute. Schmatzen des Säuglings und Beten: ramba rambaramba.) Pause.

VII.
Maria aber bewegte all diese Worte in ihrem Herzen. Und sie sah einen Berg und drei Kreuze aufgerichtet. Und sah ihren Sohn verspottet und mit einer Dornenkrone gekrönt. Und sie kreuzigten ihn. Aber sie wusste, daß er am dritten Tage wieder auferstehen werde, verklärt. (Johlen der Menge). Rabata rabata (Janco), Tzara: Pfeifen. Ball: He hollah! Nageln. Schalk: Klappern. Arp: bäh bäh. Rabata Rabata, sallada. (Crescendo) Nageln und Schreien. Dann Donner. Dann Glocken.


Geschrieben von Hugo Ball ( 1886  -  1927) und uraufgeführt von ihm und mit den oben genannten Akteuren am 31. 5. (!) 1916.