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Samstag, 28. Januar 2023

Kurt Tucholsky: Augen in der Großstadt

 


Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast's gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935)

Donnerstag, 26. Januar 2023

Kurt Tucholsky: Mutterns Hände


Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm -
un jewischt un jenäht
un jemacht un jedreht...
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen -
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält...
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßem Schkandal
auch'n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben...
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wir nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

(Das Bild zeigt Kurt Tucholsky im Jahre 1890)

Oskar Panizza: Wo bist Du, Deutschland? / O Musen flieht. . .

 


Wo bist Du, Deutschland?
O, in Deinen Tannen
der dunkle und geheime Flüsterwind,
in dem du deine Seele auszuspannen
gewohnt, und der so freundlich und so lind,
er rauscht nicht mehr –
die Geister all entrannen
vor einem Nordwind eisig und geschwind...
Du Büffelherde, trotzig-ungelenke,
die durch die Wälder raset mit Gestank,
folgst heute einem einz'gen Stier zur Tränke,
und dieser Stier ist geisteskrank.

- - -

O Musen flieht aus dem Bereiche
der deutschen Pickelhaube fort,
schürzt Euch, und flieht aus seinem Reiche,
wo man Euch knebelt Reim und Wort –
das Veilchen und die deutsche Eiche
gedeihen auch an and'rem Ort [...].

Oskar Panizza (1853  -  1921), aus: Parisjana. Deutsche Verse aus Paris. Zürich: Verlag der Züricher Diskußionen 1899

"Oskar Panizza. Diesen Mann kennen heute nur noch ganz wenige, und auch seine Bücher sind größtenteils vergriffen, und er selbst lebt in Franken in einem Irrenhaus. Dahin brachte man im Jahre 1904 den Dr. Oskar Panizza, der wohl, als er noch bei Verstande war, der frechste und kühnste, der geistvollste und revolutionärste Prophet seines Landes gewesen ist. Einer, gegen den Heine eine matte Zitronenlimonade genannt werden kann und einer, der in seinem Kampf gegen Kirche und Staat, und vor allem gegen diese Kirche und gegen diesen Staat, bis zu Ende gegangen ist. Goten und Römer haßte er gleichmäßig, und er haßte sie mit einer Inbrunst, einer Kraft und einem so starken Gefühl, dass die Flammen von damals noch heute zu uns herüberschlagen und uns ansengen, als habe man sie heute angezündet. Für seine Komödie ›Das Liebeskonzil‹ wanderte Oskar Panizza anderthalb Jahre wegen Gotteslästerung ins Gefängnis – und abgesehen davon, dass man den § 166 des deutschen Strafgesetzbuches, der da die Gotteslästerer verdammt, abschaffen sollte: dieses Urteil traf gewiß keinen Kleinen, denn er hatte die Faust zum Himmel hinauf geschüttelt und Gott wirklich gelästert –, weil der die Syphilis erfunden hatte. Es gibt keine Stelle in dem gesamten Schaffen Wedekinds, die an Kühnheit und Große an diese Szenen heranreicht.
Im Gefängnis schrieb Oskar Panizza allerhand Dialoge und Verse, und als er dann entlassen wurde, ging er nach Paris. Von dem, was er damals im Jahre 1896 – also vor vierundzwanzig Jahren – über sein Land und über sein Volk geschrieben hat, ist uns einiges auf bewahrt."

Aus: Ignaz Wrobel (Kurt Tucholsky) "Oskar Panizza", Freiheit, 11.07.1920.

Kurt Tucholsky: Karfreitag

 



Karfreitag

Dies ist ein ernster Tag der Buße,
des Rückwärtsschauns, der Runzelstirn;
ich überdenke mir in Muße
die letzte Zeit in meinem Hirn.

Was war denn da? Vielleicht ein Sündenbabel?
Ein Teufelsdienst? Ein Satanskult?
Ein Hass, wie Kain einst Abel
den Bauch zersägt in himmlischer Geduld?

Ein Mord? Ein Diebstahl? Eine Lügenzunge?
Ein Feuerbrand–? Ach, gar nichts solcherlei.
Er war so brav, der gute dicke Junge,
und nur ein helles Mädchen war dabei.

Wir haben leider keine Kirchenglocken.
Und ohne sichtbar-güldenen Heiligenschein
Läut ich mir froh in blonden Locken
Mein ganz privates Ostern ein! –

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Das Bild ist von Hiasl Maier Erding (1894-1933)

Mittwoch, 25. Januar 2023

Theobald Tiger - Zum Andenken an Felix Fechenbach: Stimmen in der Nacht

 


Zum Andenken an Felix Fechenbach: Stimmen in der Nacht

Einer liegt nach gutem Mahle
tief im Bett als Hosenmatz.
In dem Bauch die Bierkaltschale,
auf dem Nachttisch Rudolf Stratz.
Wohlig blüht das Fett, das weiche,
populär im ganzen Reiche ...
Knackten Möbel –?
Und er träumt von einem blassen
Grand-Ouvert mit lauter Assen ...
Sprach da einer –?
In der Ecke zirpt es schwach.
Und man hört die Schränke knistern
und ein kleines Stimmchen flüstern:
»Fechenbach.«

Leicht gestörte Augenblicke
in dem Traum des Schlafgefechts.
Tiefer atmend wälzt der Dicke
sich behaglich-schwer nach rechts.
Seine Hand will sich verstecken
unter Kissen, unter Decken ...
Ging da einer –?
Träume, Schlaf und Ruhe schwinden.
Und er kann sie nicht mehr finden ...
Klappten Türen –?
Schläft er oder ist er wach –?
Aus den Fenstern, aus den Wänden
immer klingt es allerenden:
»Fechenbach! Fechenbach!«

Aufgerichtet, unruhvollen
Auges lauscht er in die Zeit.
Stimmen, die dem Nichts entquollen,
rufen aus der Dunkelheit:
»Während du auf bunten Messen
redetest, saß er vergessen
in der Zelle!
Legtest ab den Papagei-Eid:
Einigkeit und Recht und Freiheit ...
Und die Zelle –?
Hör sein Weinen tausendfach!
Mensch, das Recht ist in Bedrängnis!
Gib ihn frei aus dem Gefängnis –!
Fechenbach!
Fechenbach!
Fechenbach!«

Aber er hatte immer, was das betraf,
eine gute Verdauung und guten Schlaf.

Theobald Tiger (Kurt Tucholsky 1890 - 1935) in: Die Weltbühne, 19.06.1924, Nr. 25, S. 862.

Felix Fechenbach wurde vom Münchner Volksgericht zu elf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Auch Artikel zur Kriegsschuld Deutschlands waren Prozessgegenstand. Fechenbach musste aber auf Grund des öffentlichen Drucks gegen das Urteil nur bis zu seiner Begnadigung 1924 im Zuchthaus bleiben.

Felix Fechenbach, geboren am 28. Januar 1894 in Mergentheim, wurde am 7. August 1933 im Kleinenberger Wald zwischen Paderborn und Warburg während seiner Deportation in das KZ Dachau von den Nationalsozialisten „auf der Flucht erschossen“. Er war ein politischer Journalist und Dichter, Sozialdemokrat und überzeugter Pazifist.

Drei im Dritten Reich verfemte Autoren: Felix Fechenbach, Ernst Toller und Erich Mühsam.
Nicht nur die Verachtung nach 1933 verbindet Fechenbach, Toller und Mühsam. Es handelt sich um drei Autoren, deren Lebenswege sich bereits zuvor kreuzten. Alle drei waren an der Novemberrevolution 1918 in München beteiligt, alle drei verbrachten bis in das Jahr 1924 einige Zeit als politische Häftlinge in süddeutschen Zuchthäusern. Bei aller Verschiedenheit, gar Gegensätzlichkeit, weisen ihre Schicksale eine Gemeinsamkeit auf: Antidemokraten und die politische Rechte verachteten Fechenbach, Toller und Mühsam als Novemberrevolutionäre, als Pazifisten, als antiautoritäre Geister, als Juden.


Samstag, 20. Mai 2017

Kurt Tucholsky: Paasche



Paasche

Wieder einer, das ist nun im Reich
Gewohnheit schon. Es gilt ihnen gleich.
So geht das alle, alle Tage.
Hierzulande löst die soziale Frage
ein Leutnant, zehn Mann, Pazifist ist der Hund?
Schießt ihm nicht erst die Knochen wund!
Die Kugel ins Herz! Und die Dienststellen logen:
Er hat sich seiner Verhaftung entzogen.
Leitartikel, Dementi. Geschrei.
Und in vierzehn Tagen ist alles vorbei.
Wieder einer. Ein müder Mann,
der müde über die Deutschen sann.
Den preußischen Geist – er kannte ihn
aus dem Heer und aus den Kolonien,
aus der großen Zeit – er mochte nicht mehr.
Er haßte dieses höllische Heer.
Er liebte die Menschen. Er haßte Sergeanten
(das taten alle, die beide kannten).
Saß still auf dem Lande und angelte Fische,
Las ein paar harmlose Zeitungswische…

Spitzelmeldung. Da rücken heran
zwei Offiziere und sechzig Mann.
(Tapfer sind sie immer gewesen,
das kann man schon bei Herrn Schäfer lesen.)
Das Opfer im Badeanzug… Schuß. In den Dreck.
Wieder son Bolschewiste weg –!
Verbeugung, Kommandos, hart und knapp.
Dann rückt die Heldengarde ab.
Ein toter Mann. Ein Stiller, ein Reiner.
Wieder einer. Wieder einer.

Kurt Tucholsky

Hans Paasche, geboren 1881, wandelte sich vom hochdekorierten Kolonialoffizier zum überzeugten Pazifisten. Am 21. Mai 1920 wurde er von Soldaten eines Reichswehr-Schützenregimentes auf seinem Gut erschossen.

"Das Leid der geschändeten Natur war niemals, seit die Erde besteht, so groß wie jetzt, unter der nichtsschonenden Macht des Welthandels, des Verkehrs, der Industrie. Maßlos sind die im Nehmen, im Verschleppen und im Füttern ihrer Maschinen. Was irgend die Erde an lebender Schönheit und Pracht hervorbrachte, muß ihnen dienen. Solange noch eine Gazelle lebt, deren Fell auf dem Weltmarkt Wert hat, ein Wal im Eismeer, ein Paadiesvogel im Urbusch entlegener Inseln, solange ruht die geschäftige Betriebsamkeit nicht, gepaart mit menschenunwürdiger Gedankenlosigkeit und Kurzsicht. Nicht vor den letzten Trägern von Keimzellen irgendwelcher Art machen die Vernichter halt, die sich rühmen, Organ der Volks- und Weltwirtschaft zu sein. Die es nur sind, solange unter Wirtschaft das Ausbeuten ohne Rücksicht auf die Zukunft verstanden wird.

Wo immer eine schützende Hand sich über lebende Naturschätze ausbreiten kann, da muß sie es jetzt tun. Alle wirtschaftlichen, alle künstlerischen Aufgaben können von den Menschen immer noch gelöst werden, und nichts ist verloren, wenn aber durch unsere Schuld Geschöpfe der Natur ganz vom Erdboden vertilgt werden, das ist nie wieder gut zu machen. Mit jeder Tierart, die uns von Urzeit bis hierher begleitet hat, die unserer Phantasie oft Nahrung war und uns in trüber Zeit wohl selbst zu Nahrung werden mußte, verschwindet ein Stück unserer selbst. Da helfe heute, wer helfen kann, und schütze im Tiere den Menschen."

Geschrieben von Hans Paasche in der Zeitschrift Der Vortrupp, 1912 (!)