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Freitag, 4. Juli 2025

Frieda Mehler: Gebet

 



Gebet

Aller Urgrund meiner Ruh’
Bist Du!
Du bist in mir, und weil Du in mir bist.
Bin ich, lebe ich, unsterblich Leben zu jeder Frist,
Und meine Seele jauchzt Dir zu.
Aller Urgrund meiner Unruh’
Bist Du!
Ich bin ein ewig Werden und Vergehen,
Ein rauschend Strömen, Niemals-stille-stehen,
Und meine Seele strömt Dir zu.
Aller Urgrund meines Sein
Ist Dein.
Du nimmst mein Herz in Deine Hände,
Wende und ende
Mein Leid und lass’ mich stille sein.

Dann aber werde ich von hinnen gehen,
Zum großen Tor der Ewigkeit gewandt,
Ich werde zögernd an der Pforte stehen,
Und nach dem Riegel, tastend, sucht die Hand.
Was ich gewesen, fällt von mir herab.
Was ich gewollt, getan, geträumt, gedacht,
Und was ich forderte und was ich gab,
1st die Sekunde einer kurzen Nacht.
Verschwunden ist das irdische Geschehen.
Ich bin ein Teil noch jener großen Macht,
Die mich ins Irdische hinein gesandt,
Um einst zu neuem Leben zu erstehen.
Nicht Ziel und Ende —
Anfang ist das Grab.

Aus: Wir - Gedichte von Frieda Mehler, Berthold Levy / Jüdischer Buchverlag, Berlin 1937

Frieda Mehler, Dichterin und Kinderbuchautorin, geboren am 20. Mai 1871 in Halberstadt. Am 28. Februar 1939 emigrierte sie in die Niederlande. Am 2. Juli 1943 wurde sie vom Lager Westerbork in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie wahrscheinlich am 5. Juli 1943 ermordet wurde.


Mittwoch, 5. Juli 2023

Aus: Wir - Gedichte von Frieda Mehler

 



Ich aber habe Sehnsucht,
Sehnsucht nach Menschen,
Nicht nach dem maskenhaften Gaukelspiel,
Das uns umgibt.
Nach Menschen, blutvolll lebendig,
Die leiden, lieben und schaffen können,
Die wissen, dass sie leben.
Ich aber habe Sehnsucht, Sehnsucht nach Worten,
Die nicht abgegriffene Worte sind,
Nicht hunderttausend Mal gehörte,
Nach Worten, die überschäumen
Von Inhalt, von klingenden, singenden Tönen,
Die Gedanken haben und geben.
Ich aber habe Sehnsucht, Sehnsucht nach Liebe.
Nach stiller, leiser, feiner Zärtlichkeit,
Nach einer Seele, die meiner verwandt,
Die mich in ihrem Spiegel aufnimmt und zurückwirft
Und mit mir lacht und klagt.

* * *

Ich bin nur eine von den vielen,
Die unbeachtet ihres Weges ziehen,
Die unverzagt nach fernen, stillen Zielen
Sich sehnen, schreiten, unentwegt sich mühen.
Ich bin nur eine von den Frauen,
Die in der großen, dumpfen Masse gehen,
Verträumten Auges in die Weite schauen
Und dieser Zeiten Nöte nicht verstehen.
Ich bin nur eine von den allen,
Die eines Tages still am Wege bleiben,
Schatten, die schwinden, Schritte, die verhallen,
Wie Spuren, die im Sand wir spielend schreiben.

* * *

Wir sind der Menschheit Dünger,
Der zur Blüte treibt
Die kommenden Geschlechter, wenn wir gingen.
Wir sind die Asche, die von wilden Feuern bleibt,
Die wir gebrannt, das Schicksal und zu zwingen.
Wir sind ein Staub, der an den Wegen rastet,
Wenn wild in Stürmen junge Scharen ziehen.
Am Fuße haftend, der vorüberhastet,
Dem allgemeinen Sterben zu entfliehen.
Ihr seid der Keim, wir sind die warme Hülle,
Die Eure Wurzel mütterlich umschließt,
Wenn Ihr getrieben von der Kräfte Überfülle,
Der Zukunftssonne zu in Blüten schießt.
Wir müssen enden, dass Ihr werden könnt.
Den Fortschritt stark und kräftig sucht.
Wir sterben, dass zu leben Euch vergönnt.
Wir sind der Boden und Ihr seid die Frucht.

* * *

Einmal, ehe ich herniederstieg zu dieser Welt,
War ich der Sternenwelt verschwistert,
Wenn ein Stern aus seiner Höhe fällt,
Fühle ich sein Bruderwort mir zugeflüstert.
Was mir blieb, seitdem mich diese Erde trägt,
Ist die Sehnsucht nach dem ganz Erhabenen,
Wenn mein Herz im Gleichtakt mit den Sternen schlägt,
Fühl´ die Last ich des in Staub begrabenen.
Mensch ist höchstes, Mensch ist tiefstes Sein,
Mensch ist unvergänglich und doch endlich,
Menschsein schließet alle Höllen ein,
Mensch ist, was ewig unverständlich.

* * *

Man sollte geizen mit den letzten Stunden,
Die uns das Leben, die der Tod uns gönnt,
Man sollte eilen, bis man heimgefunden,
Eh´ noch der Lampe letztes Öl verbrennt.
Es blieb noch vieles ungetan am Wege,
Man hetzt ihm nach und holt es nicht mehr ein
Und fühlt: des Herzens letzte, wilde Schläge,
Sie werden immer um Versäumtes sein.
Ein Mund verstummt, ein Auge bleibt verschlossen,
Was Du auch bringen magst, es ist zu spät,
Und Du stehst schweigend vor dem Weggenossen,
Der Deinen Blick, Dein Wort nicht mehr versteht.

Aus: Wir - Gedichte von Frieda Mehler, Berthold Levy / Jüdischer Buchverlag, Berlin 1937

Frieda Mehler, Dichterin und Kinderbuchautorin, geboren am 20. Mai 1871 in Halberstadt. Am 28. Februar 1939 emigrierte sie in die Niederlande. Am 2. Juli 1943 wurde sie vom Lager Westerbork in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie wahrscheinlich am 5. Juli 1943 ermordet wurde.

„Zu herzlichen Glückwünschen und Geburtstagsgrüßen scharen sich daher am 20. Mai viele große und kleine Kinder, die Märchengestalten ihrer Chanukahsagen, echt deutsche Feen und magische aus Phantasieländern, Luftgeister in wundersamer Schwebe zwischen Orient und Occident, Rehe aus den Heimatwäldern der Dichterin und die biblischen Herden, deren Urenkel noch heute am Kamelhang weiden, sowie unter zahlreichen Freunden aus Vergangenheit und Gegenwart auch als alter Märchenfreund.“

Auszug aus der Würdigung in den Posener Heimatblättern zu Frieda Mehlers 65. Geburtstag, von Arthur Silbergleit, Dichter der Breslauer Dichterschule, geboren Mai 1881 in Gleiwitz, ermordet März 1943 in Auschwitz.

Freitag, 5. Juli 2019

Frieda Mehler: Wenn aller Welten Not. . . / Kleiner Friedhof im Osten



Wenn aller Welten Not

und Elend
Sich in mir aufbäumt,
Aufschreit in mir,
Und doch den Schall auffängt und nicht zum
Worte werden läßt.
Denn Worte sind begrenzt,
Und unbegrenzt ist, was sie künden sollen.
Wenn alle Last der Welt mich wuchtend niederdrückt,
Daß ich erliege und mich doch nicht beuge,
Denn meines Lebens Willen
Ist stärker als der Druck.
Und ich erkenne, daß ich trotz alledem
Unsterblich, ewig meines Weges gehe,
Weil ich nicht bin, was heut‘ und gestern war
Und morgen nicht mehr sein wird,
Dann fühle ich die Gottheit, die mich trägt,
Denn Sinn des Seins im Nichtsein selbst noch mächtig,
Und ich ertrage diese Welt, weil ich sie trage.

Aus: Wir. Gedichte. Berlin, Levy, 1937


Kleiner Friedhof im Osten

Ein Grab verfällt in fremden Land,
Der Hügel eingesunken, schief das Gitter.
Wo sind sie, die die Toten einst gekannt?
Vergessen und verschollen sein ist bitter.
Die Enkel leben hier und dort verstreut,
Sie haben für sich selbst so viel zu denken,
Wer hat wohl jetzt für ein Erinnern Zeit
Und Muße, eine Träne ihr zu schenken?
Ein Grab verfällt in einem fremden Land,
Die Letzten, die es kannten, sind begraben,
Und wer die Tafel liest in späten Tagen,
Dem sagt sie nichts. Er hat sie nicht gekannt,
Die einst ihr Leben und ihr Blut ihm gaben,
Und niemand wird nach ihrem Schicksal fragen.

Aus: Posener Heimatblätter, Jg. 10, Nr 7 (März 1936), S. 39

Frieda Mehler, geboren am 20. Mai 1871 in Halberstadt; ermordet am 5. Juli 1943 in Sobibor.

„Zu herzlichen Glückwünschen und Geburtstagsgrüßen scharen sich daher am 20. Mai viele große und kleine Kinder, die Märchengestalten ihrer Chanukahsagen, echt deutsche Feen und magische aus Phantasieländern, Luftgeister in wundersamer Schwebe zwischen Orient und Occident, Rehe aus den Heimatwäldern der Dichterin und die biblischen Herden, deren Urenkel noch heute am Kamelhang weiden, sowie unter zahlreichen Freunden aus Vergangenheit und Gegenwart auch als alter Märchenfreund.“

Auszug aus der Würdigung zu Mehlers 65. Geburtstag von Arthur Silbergleit

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.

Sonntag, 5. Mai 2019

"Verbrannte Dichterinnen und Dichter" Lesung mit Musik am 10. 5. 2019 Klosterkirche Fredelsloh


Am 10. 5. 2019 um 19:30 im Westteil der Klosterkirche Fredelsloh:
"Verbrannte Dichterinnen und Dichter"
Lesung mit Musik zum Gedenken an die Bücherverbrennung 1933
Vortragender: Jörg Krüger, Fredelsloh

Eine Veranstaltung der Reihe "Texte und Töne in Fredelsloh" des Bildungswerkes Leben und Umwelt e. V., Alte Schule Fredelsloh und der Klosterkirche Fredelsloh.

Vorgetragen werden Werke unter anderem von Max Herrmann Neiße, Ite Liebenthal, Adam Kuckhoff, Erich Mühsam, Jakob Haringer, Klabund, Frieda Mehler, Selma Meerbaum, Jura Soyfer. Einige Werke wurden neu vertont. 

Eintritt frei, Spende wäre nett. 


Der Letzte

Der Letzte einer blühenden Gemeinde -
Man trägt ihn fort und bettet ihn zur Ruh´,
Von allen, die das Leben ihn vereinte,
Schloß Tod als Letzten ihm die Augen zu.
Sie ließen ihn, die Alten und die Jungen,
Die einen starben, And´re zogen fort
Er blieb an seinem Platz, den er errungen -
Nun trägt man ihn zum letzten Schlummer fort.
Zum letzten Male wird man Kaddisch sagen,
Dann schließt das Gitter sich, der Ton versiegt,
Und niemand wird mehr nach dem Orte fragen,
Wo dieser Letzte bei den Vätern liegt.

Frieda Mehler, geboren am 20. Mai 1871 in Halberstadt, ermordet Juli 1943 in Sobibor.