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Dienstag, 6. Juni 2023

Friedrich Hölderlin: Der Spaziergang

 



Der Spaziergang

Ihr Wälder schön an der Seite,
Am grünen Abhang gemalt,
Wo ich umher mich leite,
Durch süße Ruh bezahlt
Für jeden Stachel im Herzen,
Wenn dunkel mir ist der Sinn,
Den Kunst und Sinnen hat Schmerzen
Gekostet von Anbeginn.
Ihr lieblichen Bilder im Tale,
Zum Beispiel Gärten und Baum,
Und dann der Steg, der schmale,
Der Bach zu sehen kaum,
Wie schön aus heiterer Ferne
Glänzt einem das herrliche Bild
Der Landschaft, die ich gerne
Besuch′ in Witterung mild.
Die Gottheit freundlich geleitet
Uns erstlich mit Blau,
Hernach mit Wolken bereitet,
Gebildet wölbig und grau,
Mit sengenden Blitzen und Rollen
Des Donners, mit Reiz des Gefilds,
Mit Schönheit, die gequollen
Vom Quell ursprünglichen Bilds.

Friedrich Hölderlin, geboren am 20. März 1770, gestorben am 7. Juni 1843 (Gedichte 1806 - 1843)

Das Bild ist von Ferdinand Hodler (1853 - 1918)

Sonntag, 19. März 2023

Frida Bettingen: Hölderlin an Diotima / Friedrich Hölderlin: An Diotima

 



Hölderlin an Diotima

Du bist so gut.
Du riefst den Heimatlosen.
In Deine kerzenhellen Säle riefst Du ihn.
Nahmst, Liebliche
den Wüstenstaub
von der durchstürmten Brust,
und richtetest den Pilgrim zärtlich auf.

So kniete ich,
der immer Suchende,
und schloß die Augen;
denn das Glück, es blendet.

Und alle Deine Lampen brannten heller.
Und alle Deine Blumen sagten Süßes.
Und alle meine Sehnsüchte verstummten.
Und wußten nichts mehr voneinander, - nichts!

Denn Du warst da.
Und keines noch.
Nur Du.

Wie unermüdlich jung ist Dankbarkeit!
Die Gabeselige. Die immer Frohe.
Die süße Wurzel, die die tausend Keime
ihr anvertraut, in wenig Tag und Nächten
empor in Stamm, und Ast, und Knospe drängt,
daß sich die Zweige rosenübersät,
Dir bücken,
und samtne Früchte, purpurn, und voll Schmelz
in gleichem Atemzuge sich an Dich verlieren.

Kennst Du die holden Boten?
Kennst Du sie?

Staunen. Hingebung. Die gläubige,
die Demut.
Und noch unbewußt
das königliche Kind,
die Liebe?

Ach, wer liegt, wie ich
in Hunderten von stummen Nächten,
und schickt sie aus zu Dir.
Und schickt, und schickt!

Oh, bleibe, wie Du bist!
So liebend, und geliebt.

Du bist so klar, gelassen, wonnesam,
wie Deine rosenseidnen
Gewänder durch den Sommergarten gehn.

Auf welchen Sternen sind wir uns begegnet!
Du, mir vertrauter,
als mein eigen Haar, und Hand, und Angesicht?

Ein Keim,
und eine holde Schale hat
uns die Entfaltung Brust an Brust gestaltet.

Sag mir, Natur,
wo brachst Du unsre Schale?
Du Neidische!
Wie hast Du uns getrennt!

Darf ich auch niemals mehr als Freund Dir sein,
ich hab nur Dank. Ich habe keine Träne.

Ich baue meine Schmerzen in mir auf
zu einem Gnadenbilde,
das mich beschenkt.

Oh, edles Feuer meiner Lieder überwachse
den Sterblichen!

… wie unermüdlich jung ist Dankbarkeit.

Aus: Frida Bettingen Gedichte. Bei Georg Müller München 1922


An Diotima

Fliegen die Zweige des Hains,

Wie die Locken im Tanz; und wie auf tönender Leier
Ein erfreulicher Geist,

Spielt mit Regen und Sonnenschein auf der Erde der Himmel;
Wie in liebendem Streit

Über dem Saitenspiel ein tausendfältig Gewimmel
Flüchtiger Töne sich regt,

Wandelt Schatten und Licht in süßmelodischem Wechsel
Über die Berge dahin.

Leise berührte der Himmel zuvor mit der silbernen Tropfe
Seinen Bruder, den Strom,

Nah ist er nun, nun schüttet er ganz die köstliche Fülle,
Die er am Herzen trug,

Über den Hain und den Strom, und - - - -
- - - - - - - - - - -

Und das Grünen des Hains, und des Himmels Bild in dem Strome
Dämmert und schwindet vor uns

Und des einsamen Berges Haupt mit den Hütten und Felsen,
Die er im Schoße verbirgt,

Und die Hügel, die um ihn her, wie Lämmer, gelagert
Und in blühend Gesträuch

Wie in zarte Wolle gehüllt, sich nähren von klaren
Kühlenden Quellen des Bergs,

Und das dampfende Tal mit seinen Saaten und Blumen,
Und der Garten vor uns,

Nah und Fernes entweicht, verliert sich in froher Verwirrung
Und die Sonne verlischt.

Aber vorübergerauscht sind nun die Fluten des Himmels
Und geläutert, verjüngt

Geht mit den seligen Kindern hervor die Erd aus dem Bade.
Froher lebendiger

Glänzt im Haine das Grün, und goldner funkeln die Blumen,
- - - - - - - - - -
Weiß, wie die Herde, die in den Strom der Schäfer geworfen

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Friedrich Hölderlin (20. 3. 1770 - 7. 6. 1843)

Frida Bettingen (* 5. August 1865 in Ronneburg; † 1. Mai 1924 in Jena; geborene Frida Reuter), Schriftstellerin, expressionistische Lyrikerin.

Die Familie lebte 24 Jahre bis zum Tod von Franz Bettingen in Krefeld, danach zog sie nach Jena. Dort studierte Bettingens Sohn Philologie. Er starb 1914 im Ersten Weltkrieg, was bei Frida Bettingen zu schwerwiegenden psychischen Problemen führte. Ab 1917 hielt sie sich mehrmals in Sanatorien auf. 1923 wurde sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Zwischen diesen Aufenthalten war es ihr jedoch möglich, ein weitgehend normales Leben zu führen. Sie schrieb Gedichte, wobei die Inspiration dazu hauptsächlich aus ihrer Trauer und Verzweiflung als Mutter entsprang. Erst mit diesem Spätwerk nahm sie, gefördert von Wilhelm Schäfer, an der expressionistischen Bewegung teil.

Das Bild ist von Wassily Kandinsky (1866 - 1944)


Donnerstag, 26. Januar 2023

Georg Heym: An Hölderlin / Friedrich Hölderlin: Der Sommer

 


An Hölderlin

Und du starbst auch, du Sohn des Frühlings?
Du, dessen Leben war wie lauter
Strahlende Flammen in Nachtgewölben,
Aus denen die Menschen stets vergeblich
Nach Ausweg und Befreiung suchen?

Du starbst. Denn diese griffen töricht
Nach deiner reinen Flamme aus
Und löschten sie, denn immer ward
Das Große diesem Tier verhaßt.

Dir senkte die Moira
Unendliches Leid auf den zarter schwingenden
Geist herab,
Da hüllte der Gott seinem frommen Sohn
Dunkelnde Binden um das gemarterte Haupt.

Georg Heym (1887 - 1912)

Der Sommer

Die Tage gehn vorbei mit sanfter Lüfte Rauschen,
Wenn mit der Wolke sie der Felder Pracht vertauschen,
Des Tales Ende trifft der Berge Dämmerungen,
Dort, wo des Stromes Wellen sich hinabgeschlungen.

Der Wälder Schatten sieht umhergebreitet,
Wo auch der Bach entfernt hinuntergleitet,
Und sichtbar ist der Ferne Bild in Stunden,
Wenn sich der Mensch zu diesem Sinn gefunden.

Friedrich Hölderlin (20. 3. 1770 - 7. 6. 1843)

Montag, 23. September 2019

Friedrich Hölderlin: Der Herbst, Gedichte aus dem Turm



Der Herbst

Das Glänzen der Natur ist höheres Erscheinen,
Wo sich der Tag mit vielen Freuden endet,
Es ist das Jahr, das sich mit Pracht vollendet,
Wo Früchte sich mit frohem Glanz vereinen.

Das Erdenrund ist so geschmückt, und selten lärmet
Der Schall durchs offne Feld, die Sonne wärmet
Den Tag des Herbstes mild, die Felder stehen
Als eine Aussicht weit, die Lüfte wehen

Die Zweig und Äste durch mit frohem Rauschen,
Wenn schon mit Leere sich die Felder dann vertauschen,
Der ganze Sinn des hellen Bildes lebet
Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet.


Der Herbst

Die Sagen, die der Erde sich entfernen,
Vom Geiste, der gewesen ist und wiederkehret,
Sie kehren zu der Menschheit sich, und vieles lernen
Wir aus der Zeit, die eilends sich verzehret.

Die Bilder der Vergangenheit sind nicht verlassen
Von der Natur, als wie die Tag' verblassen
Im hohen Sommer, kehrt der Herbst zur Erde nieder,
Der Geist der Schauer findet sich am Himmel wieder.

In kurzer Zeit hat vieles sich geendet,
Der Landmann, der am Pfluge sich gezeiget,
Er siehet, wie das Jahr sich frohem Ende neiget,
In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet.

Der Erde Rund mit Felsen ausgezieret
Ist wie die Wolke nicht, die abends sich verlieret,
Es zeiget sich mit einem goldnen Tage,
Und die Vollkommenheit ist ohne Klage.


Friedrich Hölderlin (1770 - 1834), Gedichte aus dem Turm, in dem er seit 1807 lebte.

Donnerstag, 21. März 2019

Friedrich Hölderlin: Der Frühling, Gedichte aus dem Turm



Der Frühling

Wenn neu das Licht der Erde sich gezeiget,
Von Frühlingsregen glänzt das grüne Tal und munter
Der Blüten Weiß am hellen Strom hinunter,
Nachdem ein heitrer Tag zu Menschen sich geneiget.

Die Sichtbarkeit gewinnt von hellen Unterschieden,
Der Frühlingshimmel weilt mit seinem Frieden,
Daß ungestört der Mensch des Jahres Reiz betrachtet,
Und auf Vollkommenheit des Lebens achtet.


Der Frühling

Der Mensch vergißt die Sorgen aus dem Geiste,
Der Frühling aber blüht, und prächtig ist das meiste,
Das grüne Feld ist herrlich ausgebreitet,
Da glänzend schön der Bach hinuntergleitet.

Die Berge stehn bedecket mit den Bäumen,
Und herrlich ist die Luft in offnen Räumen,
Das weite Tal ist in der Welt gedehnet
Und Turm und Haus an Hügeln angelehnet.


Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag' entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.


Der Frühling

Wie selig ists, zu sehn, wenn Stunden wieder tagen,
Wo sich vergnügt der Mensch umsieht in den Gefilden,
Wenn Menschen sich um das Befinden fragen,
Wenn Menschen sich zum frohen Leben bilden.

Wie sich der Himmel wölbt, und auseinander dehnet,
So ist die Freude dann an Ebnen und im Freien,
Wenn sich das Herz nach neuem Leben sehnet,
Die Vögel singen, zum Gesange schreien.

Der Mensch, der oft sein Inneres gefraget,
Spricht von dem Leben dann, aus dem die Rede gehet,
Wenn nicht der Gram an einer Seele naget,
Und froh der Mann vor seinen Gütern stehet.

Wenn eine Wohnung prangt, in hoher Luft gebauet,
So hat der Mensch das Feld geräumiger und Wege
Sind weit hinaus, daß Einer um sich schauet,
Und über einen Bach gehen wohlgebaute Stege.


Friedrich Hölderlin (1770 - 1834), Gedichte aus dem Turm, in dem er seit 1807 lebte.

Sonntag, 21. Februar 2016

Friedrich Hölderlin - Die Eichbäume

Naturdenkmal "Dicke Eiche" bei Fredelsloh


                                                               Die Eichbäume


                                Aus den Gärten komm ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
                                Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
                                Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
                                Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
                                In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
                                Der euch nährt` und erzog, und der Erde, die euch geboren.
                                Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
                                Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
                                Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
                                Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
                                Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
                                Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
                                Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
                                Könnt ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
                                Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
                                Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
                                Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen.



                      (Friedrich Hölderlin, 1796/8)

Sonntag, 28. Dezember 2014

Friedrich Hölderlin - Gedichte aus dem Turm: Der Winter



Der Winter

I

Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,
So fällt das Weiß herunter auf die Tale,
Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle,
Es glänzt das Fest den Städten aus den Toren.

Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen
Ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen
Die Unterschiede sich, dass sich zu hohem Bilde
Sich zeiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde.


II

Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzt.

Der Erde Stund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.


III

Wenn bleicher Schnee verschönert die Gefilde,
Und hoher Glanz auf weiter Ebne blinkt,
So reizt der Sommer fern, und milde
Naht sich der Frühling oft, indes die Stunde sinkt.

Die prächtige Erscheinung ist, die Luft ist feiner,
Der Wald ist hell, es geht der Menschen keiner
Auf Straßen, die zu sehr entlegen sind, die Stille machet
Erhabenheit, wie dennoch alles lachet.

Der Frühling scheint nicht mit der Blüten Schimmer
Dem Menschen so gefallend, aber Sterne
Sind an dem Himmel hell, man siehet gerne
Den Himmel fern, der ändert fast sich nimmer.

Die Ströme sind, wie Ebnen, die Gebilde
Sind, auch zerstreut, erscheinender, die Milde
Des Lebens dauert fort, der Städte Breite
Erscheint besonders gut auf ungemeßner Weite.


IV

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende,
Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.


V

Wenn sich das Jahr geändert, und der Schimmer
Der prächtigen Natur vorüber, blühet nimmer
Der Glanz der Jahreszeit, und schneller eilen
Die Tage dann vorbei, die langsam auch verweilen.

Der Geist des Lebens ist verschieden in den Zeiten
Der lebenden Natur, verschiedne Tage breiten
Das Glänzen aus, und immerneues Wesen
Erscheint den Menschen recht, vorzüglich und erlesen.


Friedrich Hölderlin (1770 - 1843), sozusagen der "Dichter der Dichter". Nie wirklich volkstümlich geworden, doch von vielen Dichterinnen und Dichtern geschätzt, über die Zeiten und über die Genres hinweg.