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Sonntag, 19. April 2026

Gertrud Kantorowicz - Aus: Verse aus Theresienstadt

 




Dresden - Theresienstadt

(6. VIII. 42)

Stumme Fahrt durch blumige Gesteine:
Jeder Felsengrat bewegt beflügelt
- Mit dem Sprühquell zart ins Laub gezügelt -
Hebt er Stamm um Stamm zum oberen Haine.
Berghaupt Gotthaupt lugt aus grünem Schreine.

Schlank Gewild ins Schlingwerk steil gegliedert
- Wie´s die Finger heiliger Frauen schufen -
Dorf Burg Teich Wall - vielen Lebens Stufen
Sprühen im Glanz wo Strahl den Strahl erwidert.
Nur der Westhang lauscht blau überfliedert.

Dunkler Strom - all dies in ihm gespiegelt
Zauberisch gelöst tief eingezwängt -
Lichtlos. Warum Dämmerung gewiegelt
Folgt dem Bild mein Blick bang angedrängt?
Welt Nacht Schönheit! Nimm was Dir verhängt.


Das Sterben

Brennender Durst in deiner armen Kehle,
Um vergehende Glieder des Todes Duft,
Immer, immer näher der dunklen Kluft −
Heiterer Geist, freudige Seele
Wohin schwankt ihr, eh noch der Atem schwand?
Daß ich den Blick, den vertrauten im brechenden Blick nicht mehr fand
− Fühlst du von drüben nicht, wie Gedenken mich quäle? −
Wenn nun die Nacht kam, wenn mein Traum dich entbannt.
Kehr, o zurück wie du warst, daß nicht der Freund mir,
Nicht der Gefährte mir fehle!

(16. November 1942)


                                                    10. Februar 1943

So welkst Du und der Schritt der Stunden altert
Kein Lachen säumt mehr unserer Wochen Ernst
Dass Du die dunklen Gänge gehen lernst
Die lebend Licht und Blume nur umflattert.

Tochter des Tages! nun Du Dich entfernst
Unwissend folgend dem erhabenen Müssen
Greisin die Du den Augenblick besternst -
Wie still wir die beringten Finger küssen

Und decken Dich mit Falten seidnen schweren
Gestickten Randwerks - Vogel Schilf und Wald -
Verwandlung greift nach Dir: groß die Gestalt
Gelassen droht Dein Mund - und wir verehren.


* * *

Listiger schneidet das Leben
                                  seinen betäubenden Willen
Menschen durch Auge und Sinn
                                 als unser Stolz sich versieht.
Heute noch ging ich den leichten Pfad
                                 durch die Gänge des Frühlings
Wundersam Freude geneigt
                                 spielend mit Welten der Kraft.
Nah da am Zaun schlug die Lippe ganz so
                                 ein Ästlein vom Flieder
Wie einst im Gärtchen das Kind -
                                 Träne so rinne denn hin.

Gertrud Kantorowicz, aus: Verse aus Theresienstadt

Gertrud Kantorowicz wurde in Poznan (Posen) geboren. Sie war Kunsthistorikerin und Übersetzerin. Einst gehörte sie zum Kreis um den Dichter Stefan George. Sie wurde am 6. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19./20.April 1945, also wenige Tage vor der Befreiung, starb. Ihre im Ghetto geschriebenen Gedichte erschienen 1948 unter dem Titel Verse aus Theresienstadt.

In der Reihe der Personen um Stefan George spielte die Dichterin eine besondere Rolle: Sie war die einzige Frau, die George für würdig befand, in seinen „Blättern für die Kunst“ eigene Arbeiten zu veröffentlichen. So erschien in der vierten Folge der „Blätter“ im Jahr 1899 eine Auswahl von Gedichten der dreiundzwanzigjährigen „Poetessa“, wie Friedrich Gundolf sie nannte.

Montag, 22. Dezember 2025

Gertrud Kantorowicz, Weihnachten 1944

 



                                                                                    Weihnachten 1944


Narrentänze -
Doch wenn dunkle Tannenkränze
Gaben die die Not ersonnen
Lichtlein noch vom ewigen Bronnen
Großen Lichts Symbol und Spende
Und des Ofens Feuerbrände
Glühen weil die Laune günstig
So ersehnt - erfleht inbrünstig -
Wenn verwandtes ernstes Fühlen
Nach den Liebsten nach den Fernen
Fremde eint wie unter Sternen -
Wenn all dies uns trägt und presst
Wird die Weihnacht doch zum Fest.
Und ob auch die Tränen fließen
Lasst die Stunde uns genießen.

Gertrud Kantorowicz, aus: Verse aus Theresienstadt

Gertrud Kantorowicz wurde in Poznan (Posen) geboren. Sie war Kunsthistorikerin und Übersetzerin. Einst gehörte sie zum Kreis um den Dichter Stefan George. Sie wurde am 6. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19./20.April 1945, also wenige Tage vor der Befreiung, starb. Ihre im Ghetto geschriebenen Gedichte erschienen 1948 unter dem Titel Verse aus Theresienstadt. Das Schlusswort zu diesem Heft lautete:

„Fetzen armseligen Papiers - der verrissene Briefbogen eines
Meraner Gasthofes, die Rückseite einer Ansichtskarte vom Hohen
Neuffen, eine unbenutzte Rückantwortkarte - bilden die Urschrift
vorliegender Gedichte, meist mit Bleistift gekritzelt, vielfach
durchstrichen und verbessert, oft verlöscht und schwer lesbar.
. . . Die hier gedruckten Verse, von einem unwiederherstellbaren
Gedicht abgesehen, sind alles von Gertrud Kantorowicz handschriftlich
Erhaltene der Zeit in Theresienstadt: 6. August 1942 - 19. April 1945“

Das Bild ist von Zdenka Eismannová (1897 - 1943), Aquarell, entstanden im Lager Theresienstadt, wo die Malerin auch umkam.

Donnerstag, 26. Januar 2023

Gertrud Kantorowicz: Amor Fati III

 


Amor Fati III

Sei wach den Stimmen die von ringsher tönen
Dem Augenblick lerne ich dich versöhnen:
Echo der Frühe tönt sein Tritt – ihn krönen
Künftge Gesichte – dunkle und die schönen –

Und führen dich die reichen kühnen Pfade
Alles ist Hier und Jetzt und alles Gnade.
Gestrüpp um deinen Fuß? – Er biegt es grade
Gehend im schmalen Strahl vom Sonnenrade.

Aus Nebeln Hände? – Dein Griff weiß den Rat
Der Stumpf bleibt links. Was tot um Leben bat
Versinkt. Wo sich Finger krümmt zur Saat
Den Müdesten labt Ähre noch und Mahd.

Alles ist Tat. Auch Muß auch der Traum –
Du liegst im Gras schaust durch den runden Baum
Sonne und Mond zugleich im blauen Raum –
O Erde trächtiger Rausch von Saum zu Saum.

Gertrud Kantorowicz wurde in Poznan (Posen) geboren. Sie war Kunsthistorikerin und Übersetzerin. Einst gehörte sie zum Kreis um den Dichter Stefan George. Sie wurde am 6. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19./20.April 1945, also wenige Tage vor der Befreiung, starb. Ihre im Ghetto geschriebenen Gedichte erschienen 1948 unter dem Titel Verse aus Theresienstadt.

In der Reihe der Personen um Stefan George spielte die Dichterin eine besondere Rolle: Sie war die einzige Frau, die George für würdig befand, in seinen „Blättern für die Kunst“ eigene Arbeiten zu veröffentlichen. So erschien in der vierten Folge der „Blätter“ im Jahr 1899 eine Auswahl von Gedichten der dreiundzwanzigjährigen „Poetessa“, wie Friedrich Gundolf sie nannte.

„Ich trage schöne tote Schmetterlinge / Die nächtlich nach der heißen Sonne darben“.

Dienstag, 24. Januar 2023

Gertrud Kantorowicz, aus: Einer Toten

 


Aus: Einer Toten

Ich trage schöne tote schmetterlinge
Die nächtlich nach der heissen sonne darben
Und die im ersten morgenleuchten starben
Gesenkt die schattenpracht der dunklen schwinge.

Nun prunken ihre schönen toten farben
Von wundervollen blumen der magnolien
Gleich samtnen blätter roter centifolien
die ihre südenheimat suchend starben.

* * *

Hüll meinen leib in violette seide
In graues schleierwallen birg mein haupt
Von meinen gliedern löse mein geschmeide
Nimm mir den kranz von dem gelocktem haupt -

Verlosch die rosenampeln jener mauer
Und hemme mir des springquells trunknes lied
Das mich erlaben will - mein sinn trägt trauer
Und eine nachtigall schluchzt in sein lied.

Ich kann die blütengründe nicht betreten -
Lass kinder durch die bunten hänge gehen -
Lass alles volk in goldnen kirchen beten
Ich kann die reichen räume nicht betreten
Darin gesegnete mit lächeln gehen.

* * *

Und einsamkeit ist in dem stillen garten
Der deines tages traumgefährte ist -
Verfrühtes blühn schwebt um entlaubte hecken
Vom tau der weichen nächte wachgeküsst.

Ein wohlgeruch dringt von der frischen scholle
Dein fuss sinkt schmiegend in umgrüntes land
Und halberschlossene schlinggewächse hemmen
Mit feinem laubgerank dein festgewand.

Von taubenschwingen ist die luft geregt
Licht flutet in die scheuen laubengänge -
Verträumten fingers lösest du die flechten
Und von den lippen strömen dir gesänge.

* * *

Ich leite dich die lichtbekränzten pfade
Vom gruss des nahen südenlands geweiht -
Ich bin so reich an neuer maiengnade
In deiner weichen kinderfröhlichkeit.

Ich weiss, du wirst dich zu den gräsern bücken
Die seltsam knospend zum erblühn bereit -
Und blumen die nur kinderhände pflücken
Sind glanzgeschmeide für dein leichtes kleid.

Viel frühjahrsfäden silbern unsre pfade
Mild taut die bläue zu durchsonnten hängen -
Wir geben uns der reichen maiengnade
Und wissen nichts mehr von verlornen klängen.

* * *

Die späten sommer tragen satte pracht -
Am parkgelände gleissen breite teiche
Und sternenkronen brennen jede nacht
Im spröden spiegel ihrer trüben reiche.

Gert. Pauly d. i. Gertrud Kantorowicz – den Geburtsnamen ihrer Mutter nutzend, aus: Blätter für die Kunst, Band 4, 1899

Gertrud Kantorowicz wurde in Poznan (Posen) geboren. Sie war Kunsthistorikerin und Übersetzerin. Einst gehörte sie zum Kreis um den Dichter Stefan George. Sie wurde am 6. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19./20.April 1945, also wenige Tage vor der Befreiung, starb. Ihre im Ghetto geschriebenen Gedichte erschienen 1948 unter dem Titel Verse aus Theresienstadt.

In der Reihe der Frauen um Stefan George spielte die Dichterin und Kunsthistorikerin Gertrud Kantorowicz ein besondere Rolle: Sie war die einzige Frau, die George für würdig befand, in seinen „Blättern für die Kunst“ eigene Arbeiten zu veröffentlichen. So erschien in der vierten Folge der „Blätter“ im Jahr 1899 eine Auswahl von Gedichten der dreiundzwanzigjährigen „Poetessa“, wie Friedrich Gundolf sie nannte.