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Mittwoch, 10. Mai 2023

Alfred Schmidt-Sas: Mitternacht

 



Mitternacht

Lautlos und langsam
Sammelt sich die Zeit,
Hängt wie ein dunkler Tropfen über´n Rande
Und löst sich zögernd . . .
Fällt
und fällt
und fällt.
Wohin?
Es hallt kein Ton zurück aus jenem Lande.

Alfred Schmidt, genannt Sas, wurde am 26. März 1895 als Sohn eines Bäckers in Schlegel in der Lausitz geboren. Er besuchte das Lehrerseminar in Löbau und wurde in Leipzig Volksschullehrer. Schon frühzeitig kam er mit der kommunistischen Partei in Berührung, wollte darum einen Diensteid nicht leisten und ging als Arbeiter nach Hamburg. Später kehrte er nach Leipzig zurück, studierte auf dem Konservatorium Musik und war später an einer marxistischen Schule als Lehrer tätig.

1933 wurde er wegen seiner Betätigung für die kommunistische Partei seines Amtes enthoben und kam in Haft. Später entlassen wurde er Musikerzieher in Berlin, wurde wiederum 1940 verhaftet und kam ins KZ Sachsenhausen. Im März 1942 entlassen, holte ihn im Juni 1942 die Gestapo zurück. Diesmal kam er vor das Volksgericht, von seinen sieben Mitangeklagten hatte er nie einen von Angesicht gesehen, am 9. Oktober 1942 wurden sie alle zum Tode verurteilt. Rund hundertachtzig Tage und Nächte musste er dann im Todeshaus in Plötzensee auf die Vollstreckung des Urteils warten. Am 5. April 1943, am Tage der Hinrichtung, war er eigentlich zum ersten Male davon überzeugt, dass er doch begnadigt worden sei: man hatte ihm von acht Jahren Zuchthaus gesprochen. An diesem Tage fiel sein Kopf.

. . .

So verdichtete sich das Leben in den folgenden Wochen immer mehr in ihm, er gibt alles auf, was nur dem flüchtigen Augenblick gilt, er macht alles dicht und fest, was Bestand in ihm hat. Es gibt da viele, viele Stunden, da er nur auf seinem Strohsacke sitzt, Erbsen sortierend (die seine heimliche Hauptnahrung sind), und leise vor sich hinsingt. Die Tränen laufen noch oft über seine Wangen, jedes unvermutete Öffnen der Zelle erschreckt ihn. Aber das sind nur die äußerlichen Dinge: alles wird immer fester in ihm, und ein ewiges Zeugnis geben davon die Briefblätter und seine Gedichte ab. Ehe ich noch einige wenige dieser Gedichte hier anführe, möchte ich einen Gedanken wenigstens noch andeuten, der mich, den ewigen Bücherschreiber, besonders seltsam anrührt. Das Todeshaus in Plötzensee hat also aus dem Musikerzieher Sas einen wirklichen Dichter gemacht, davon glaube ich jetzt schon meine Leser überzeugt zu haben. Ist es nicht ein selsamer Gedanke, dass dieser selbe Mann, wenn der Henker auch am hundertachtzigsten Tage an seiner Zelle vorübergegangen wäre, wenn er durch die Russen etwa seine Freiheit zurückbekommen hätte, eines Tages ins Leben zurückgekehrt wäre und seine alten Tätigkeiten begonnen hätte -? So starb er als ein Dichter. Aber so ist es: so wenig sind wir und so viel können wir aus uns machen, macht das Leben aus uns, wenn wir nur wollen.

Hans Fallada (1892 - 1947), aus: Das Todeshaus formt einen Dichter

Anmerkung: Erst 1958 wurde Alfred Schmidt-Sas‘ Gedichte aus der Totenzelle publiziert (in: Neue Deutsche Literatur, Heft 3/1958, mit einem Vorwort von Ferdinand May). Falladas Aufsatz aber blieb ungedruckt. Er wurde 75 Jahre nach der Niederschrift, im Mai 2021, erstmals im Reclam Verlag publiziert.

Das Foto zeigt eine erkennungsdienstliche Aufnahme von Alfred Schmidt-Sas

Montag, 7. Februar 2022

Alfred Schmidt-Sas: Liebste

 


Alfred Schmidt, genannt Sas, wurde am 26. März 1895 als Sohn eines Bäckers in Schlegel in der Lausitz geboren. Er besuchte das Lehrerseminar in Löbau und wurde in Leipzig Volksschullehrer. Schon frühzeitig kam er mit der kommunistischen Partei in Berührung, wollte darum einen Diensteid nicht leisten und ging als Arbeiter nach Hamburg. Später kehrte er nach Leipzig zurück, studierte auf dem Konservatorium Musik und war später an einer marxistischen Schule als Lehrer tätig.

1933 wurde er wegen seiner Betätigung für die kommunistische Partei seines Amtes enthoben und kam in Haft. Später entlassen wurde er Musikerzieher in Berlin, wurde wiederum 1940 verhaftet und kam ins KZ Sachsenhausen. Im März 1942 entlassen, holte ihn im Juni 1942 die Gestapo zurück. Diesmal kam er vor das Volksgericht, von seinen sieben Mitangeklagten hatte er nie einen von Angesicht gesehen, am 9. Oktober 1942 wurden sie alle zum Tode verurteilt. Rund hundertachtzig Tage und Nächte musste er dann im Todeshaus in Plötzensee auf die Vollstreckung des Urteils warten. Am 5. April 1943, am Tage der Hinrichtung, war er eigentlich zum ersten Male davon überzeugt, dass er doch begnadigt worden sei: man hatte ihm von acht Jahren Zuchthaus gesprochen. An diesem Tage fiel sein Kopf.

. . .

So verdichtete sich das Leben in den folgenden Wochen immer mehr in ihm, er gibt alles auf, was nur dem flüchtigen Augenblick gilt, er macht alles dicht und fest, was Bestand in ihm hat. Es gibt da viele, viele Stunden, da er nur auf seinem Strohsacke sitzt, Erbsen sortierend (die seine heimliche Hauptnahrung sind), und leise vor sich hinsingt. Die Tränen laufen noch oft über seine Wangen, jedes unvermutete Öffnen der Zelle erschreckt ihn. Aber das sind nur die äußerlichen Dinge: alles wird immer fester in ihm, und ein ewiges Zeugnis geben davon die Briefblätter und seine Gedichte ab. Ehe ich noch einige wenige dieser Gedichte hier anführe, möchte ich einen Gedanken wenigstens noch andeuten, der mich, den ewigen Bücherschreiber, besonders seltsam anrührt. Das Todeshaus in Plötzensee hat also aus dem Musikerzieher Sas einen wirklichen Dichter gemacht, davon glaube ich jetzt schon meine Leser überzeugt zu haben. Ist es nicht ein selsamer Gedanke, dass dieser selbe Mann, wenn der Henker auch am hundertachtzigsten Tage an seiner Zelle vorübergegangen wäre, wenn er durch die Russen etwa seine Freiheit zurückbekommen hätte, eines Tages ins Leben zurückgekehrt wäre und seine alten Tätigkeiten begonnen hätte -? So starb er als ein Dichter. Aber so ist es: so wenig sind wir und so viel können wir aus uns machen, macht das Leben aus uns, wenn wir nur wollen.

Hans Fallada (1892  -  1947), aus: Das Todeshaus formt einen Dichter

Anmerkung: Erst 1958 wurde Alfred Schmidt-Sas‘ Gedichte aus der Totenzelle publiziert (in: Neue Deutsche Literatur, Heft 3/1958, mit einem Vorwort von Ferdinand May). Falladas Aufsatz aber blieb ungedruckt. Er wurde 75 Jahre nach der Niederschrift, im Mai 2021, erstmals im Reclam Verlag publiziert.

 

 

Alfred Schmid-Sas: O seltsam lichtes Leben dicht am Tod

 


Alfred Schmidt, genannt Sas, wurde am 26. März 1895 als Sohn eines Bäckers in Schlegel in der Lausitz geboren. Er besuchte das Lehrerseminar in Löbau und wurde in Leipzig Volksschullehrer. Schon frühzeitig kam er mit der kommunistischen Partei in Berührung, wollte darum einen Diensteid nicht leisten und ging als Arbeiter nach Hamburg. Später kehrte er nach Leipzig zurück, studierte auf dem Konservatorium Musik und war später an einer marxistischen Schule als Lehrer tätig.

1933 wurde er wegen seiner Betätigung für die kommunistische Partei seines Amtes enthoben und kam in Haft. Später entlassen wurde er Musikerzieher in Berlin, wurde wiederum 1940 verhaftet und kam ins KZ Sachsenhausen. Im März 1942 entlassen, holte ihn im Juni 1942 die Gestapo zurück. Diesmal kam er vor das Volksgericht, von seinen sieben Mitangeklagten hatte er nie einen von Angesicht gesehen, am 9. Oktober 1942 wurden sie alle zum Tode verurteilt. Rund hundertachtzig Tage und Nächte musste er dann im Todeshaus in Plötzensee auf die Vollstreckung des Urteils warten. Am 5. April 1943, am Tage der Hinrichtung, war er eigentlich zum ersten Male davon überzeugt, dass er doch begnadigt worden sei: man hatte ihm von acht Jahren Zuchthaus gesprochen. An diesem Tage fiel sein Kopf. 

Hans Fallada (1892  -  1947), aus: Das Todeshaus formt einen Dichter

Das Bild ist von Walter Gramatté (1897  -  1929)


 

Alfred Schmidt-Sas: Wolkenmusik

 


Alfred Schmidt, genannt Sas, wurde am 26. März 1895 als Sohn eines Bäckers in Schlegel in der Lausitz geboren. Er besuchte das Lehrerseminar in Löbau und wurde in Leipzig Volksschullehrer. Schon frühzeitig kam er mit der kommunistischen Partei in Berührung, wollte darum einen Diensteid nicht leisten und ging als Arbeiter nach Hamburg. Später kehrte er nach Leipzig zurück, studierte auf dem Konservatorium Musik und war später an einer marxistischen Schule als Lehrer tätig.

1933 wurde er wegen seiner Betätigung für die kommunistische Partei seines Amtes enthoben und kam in Haft. Später entlassen wurde er Musikerzieher in Berlin, wurde wiederum 1940 verhaftet und kam ins KZ Sachsenhausen. Im März 1942 entlassen, holte ihn im Juni 1942 die Gestapo zurück. Diesmal kam er vor das Volksgericht, von seinen sieben Mitangeklagten hatte er nie einen von Angesicht gesehen, am 9. Oktober 1942 wurden sie alle zum Tode verurteilt. Rund hundertachtzig Tage und Nächte musste er dann im Todeshaus in Plötzensee auf die Vollstreckung des Urteils warten. Am 5. April 1943, am Tage der Hinrichtung, war er eigentlich zum ersten Male davon überzeugt, dass er doch begnadigt worden sei: man hatte ihm von acht Jahren Zuchthaus gesprochen. An diesem Tage fiel sein Kopf.

Hans Fallada (1892  -  1947), aus: Das Todeshaus formt einen Dichter

Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875  -  1911)

Rudolf Ditzen: Tannenfeld

 


(Rudolf Ditzen – aus der Krankenakte)

Rudolf Ditzen, geboren am 21. Juli 1893 in Greifswald, gestorben als Hans Fallada am 5. Februar 1947 in Berlin

Mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker beschloss er am 17. Oktober 1911, einen als Duell getarnten Doppelsuizid zu vollziehen. Bei dem Schusswechsel starb von Necker, während Fallada schwer verletzt überlebte. Er wurde wegen Totschlags angeklagt und im Januar 1912 in die psychiatrische Klinik in Tannenfeld, „Heilanstalt für Nerven- und Gemütskranke! eingewiesen, zunächst in die geschlossene Abteilung. Hier betreute ihn seine Tante Adelaide („Ada“) und unterrichtete ihn in Sprachen. Er arbeitete hier an Übersetzungen, schrieb Gedichte und beschloss Schriftsteller zu werden.

 


Das Foto zeigt ihn um das Jahr1910 als Wandervogel,  das Eingangsfoto ist von  einem Patientenzimmer im Sanatorium Tannenberg im gleichen Jahr.

 

 

Rudolf Ditzen (Hans Fallada): Bruder / Fremdheit

 



Rudolf Ditzen, geboren am 21. Juli 1893 in Greifswald, gestorben als Hans Fallada am 5. Februar 1947 in Berlin.

Es gibt einen Gedichtband von Rudolf Ditzen hier: Versensporn Jena