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Dienstag, 24. Juni 2025

Jura Soyfer: Genfer Abrüstungsrede

 



Genfer Abrüstungsrede

Messieurs! Die Welt hört ab Montag bereits
Außer dem faden Schlachtengetümmel
Lieblich aus der französischen Schweiz
Unserer Friedensglocken Gebimmel.

Verehrte Herren! In heißem Dank
Wird die Menschheit auf uns schauen:
Wir werden der Welt, die vom Rüsten so krank,
Endlich das richtige Pulver brauen!

Wir sitzen bei trautem Kanonengebrumm,
Und in den Lüften (Sie werden's kaum glauben)
Flattern Bombenflugzeuge herum
Und gurren wie richtige Friedenstauben!

Die Friedenspalmen schütteln sich leis ...
Prosit, meine Herren, Sie sollen leben!
(Der Toast gilt zwar nicht den Toten Schanghais,
Doch würde auch sie dieser Anblick erheben.)

Ein Halleluja dem Völkerbund!
Die Kommission wirkt energisch im Osten,
Sie macht bei Gefallnen den Leichenbefund
Und berechnet bei Bombardements die Kosten!

Schluss mit den langen Kriegen ab heut!
Ich höre die Englein Schalmeien blasen ...
Bald ist der menschliche Fortschritt so weit,
Dass wir, meine Herren, mit Sicherheit
Die Menschheit in sechzig Minuten vergasen . . . 

Jura Soyfer, aus: Das Gesamtwerk, Hrsg. Horst Jarka. Europa, Wien 1980

Jura Soyfer wurde am 8. Dezember 1912 in Charkow, Ukraine geboren und starb am 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald an Typhus. Er war einer der bedeutendsten politischen Schriftsteller Österreichs in den 1930er Jahren.

Die Genfer Abrüstungskonferenz war eine internationale Konferenz, die vom 2. Februar 1932 bis zum 11. Juni 1934 mit Unterbrechungen in Genf tagte. Das Bestreben der Konferenz, die im Anschluss an die seit 1925 im Jahresturnus tagende Vorbereitende Abrüstungskommission einberufen wurde, bestand darin, das Rüstungsniveau ihrer Teilnehmer „in dem höchsten, mit der jeweiligen nationalen Sicherheit vereinbaren Maße“, zurückzufahren. Das Foto ist vom Februar 1932


Donnerstag, 16. Februar 2023

Jura Soyfer: Schlaflied für ein Ungeborenes

 


Schlaflied für ein Ungeborenes

»Halt die Ehe hoch in Ehren,
Wenn's nicht anders geht, im Prater!
Denn mein Volk soll sich vermehren
Wie der Weizen in den Meeren!«
Sprach der Staat zu deinem Vater.
Schlaf, Kindlein, schlaf.
Dich schützt der Paragraph.
Dich treibt die Mutter schon nicht ab,
Dich braucht der Staat fürs Massengrab
Im Wasgenwald, am Piave.
Schlaf, Kindlein, schlafe.

»Die Maschine, die Kanone
Brauchen Futter, brauchen Futter.
Bei dem Menschen geht's auch ohne,
Denn er ist der Schöpfung Krone.«
Sprach der Staat zu deiner Mutter.
Schlaf, Kindlein, schlaf.
Dich schützt der Paragraph.
Einst bringt der Staat viel Disziplin
Dir bei. Und wenig Vitamin,
Damit du still und brav ...
Schlaf, Kindlein, schlaf.

»Ist kein Platz für dich im Leben,
So doch im Geburtsmatrikel.
Paßt's dir nicht, trag doch ergeben
Dieses Leben. Es ist eben
Nur ein Konfektionsartikel!«
Singt der Paragraph.
Schlaf, Kindlein, schlaf.

Jura Soyfer wurde am 8. Dezember 1912 in Charkow, Ukraine geboren und starb am 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald an Typhus. Er war einer der bedeutendsten politischen Schriftsteller Österreichs in den 1930er Jahren.

„Es holt der Franz das Fräuln Marie
Zu einer Überlandpartie.
Doch sie steht verweint in der Küchel.
»Herr Franz, ham's schon ghört?
's is aus mit der Erd!«
So schluchzt sie ins patschnasse Tüchel.
Der Franz aber lacht:
»Was mir das schon macht?
Ich weiß mir dazu ein Sprüchel!
Ob ich auch das kleine Cafe
In Hernais nimmer seh –
Sag ich trotzdem ganz lustig ade!«

Gehn ma halt ein bisserl unter,
Mit Tsching-tsching in Viererreihn
Immer lustig, fesch und munter,
Gar so arg kann's ja net sein.
Erstens kann uns eh nix gschehen,
Zweitens ist das Untergehen
's einzige, was der kleine Mann
Heutzutag sich leisten kann.“

Diese Zeilen aus seinem Stück "Derf Weltuntergang" habe ich in meinem Lied Jetzt kommen wieder die goldenen Zwanziger verarbeitet:

           

Mittwoch, 15. Februar 2017

Jura Soyfer: Lied von der Erde



Lied von der Erde

Denn nahe, viel näher, als ihr es begreift,
Hab ich die Erde gesehn.
Ich sah sie von goldenen Saaten umreift,
Vom Schatten des Bombenflugzeugs gestreift
Und erfüllt von Maschinengedröhn.
Ich sah sie von Radiosendern bespickt;
Die warfen Wellen von Lüge und Haß.
Ich sah sie verlaust, verarmt – und beglückt
Mit Reichtum ohne Maß.

Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,
Voll Leben und voll Tod ist diese Erde,
In Armut und in Reichtum grenzenlos.
Gesegnet und verdammt ist diese Erde,
Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,
Und ihre Zukunft ist herrlich und groß.

Denn nahe, viel näher, als ihr es begreift,
Steht diese Zukunft bevor.
Ich sah, wie sie zwischen den Saaten schon reift,
Die Schatten vom Antlitz der Erde schon streift
Und greift zu den Sternen empor.
Ich weiß, daß von Sender zu Sender bald fliegt
Die Nachricht vom Tag, da die Erde genas.
Dann schwelgt diese Erde, erlöst und beglückt,
In Reichtum ohne Maß.

Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,
Voll Leben und voll Tod ist diese Erde,
In Armut und in Reichtum grenzenlos.
Gesegnet und verdammt ist diese Erde,
Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,
Und ihre Zukunft ist herrlich und groß!

Aus: "Der Weltuntergang", sein erstes Stück, das im Frühsommer 1936 uraufgeführt wurde.

Jura Soyfer wurde am 8. Dezember 1912 in Charkow, Ukraine geboren und starb am 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald an Typhus. Er war einer der bedeutendsten politischen Schriftsteller Österreichs in den 1930er Jahren.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Jura Soyfer - Uralte Silvesterlegende

Gefunden im Skulpturenpark Gröpelingen, Bremen

Jura Soyfer wurde am 8. Dezember 1912 in Charkow, Ukraine geboren und starb am 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald an Typhus. Er war einer der bedeutendsten politischen Schriftsteller Österreichs in den 1930er Jahren. 

Uralte Silvesterlegende

Die Menschheit sah: Ihr altes Jahr
War schäbig und war dreckig.
Die Menschheit sah: Vom Blute war,
Vom Schweiße war es fleckig.
Die Abbau trifft im Januar,
Die fanden es zu kurz. Und bang
Schwor ihr die Arbeitslosen schar,
Es sei zu lang! Es sei zu lang!

Die Menschheit sah, daß ihr Gewand
Mehr keinem wollte passen,
Weshalb sie es für gut befand,
Ein neues sich nähn zu lassen.
Die Nacht war kalt. Die Menschheit stand
Halb hoffnungsglühend und halb nackt.
Es flog des Meisters flinke Hand
Im Uhrentakt, im Uhrentakt.

Die Uhr schlug zwölf. Der Meister rief,
Zur Erde tief sich bückend:
Das Jahr – ich spreche objektiv –
Steht Ihnen ganz entzückend!
Die Menschheit lachte, trank und schlief.
Und schlief die Nacht ganz wunderbar.
In ihren Träumen froh sie lief
Im neuen Jahr! Im neuen Jahr! ...

Die Menschheit fühlte sich sehr krank,
Als Frühfrost wach sie rüttelte,
Und als sie von der Stadtparkbank
Ein Mann, der's durfte, knüttelte.
Sie sagte ihm gleich frei und frank,
Daß sie kein Bettelweib doch sei!
Ob er nicht sah: Ihr Jahr sei blank
Und frisch und neu! Ganz frisch und neu!

Der Mann verzog zum Spott den Mund.
Die Menschheit aber blickte
Aufs neue Jahr. Erhob sich und –
Das Jahr, das neue, drückte!
Es drückte Hals und Schultern wund!
Es hing herab, ein Lumpenschurz!
Es war zu lang oder im Grund
Vielleicht zu kurz? Vielleicht zu kurz?

Es trug sich schwer! Ein freier Schritt
In ihm hieß Weh und Wimmern!
Durch seinen Stoff von schlechtem Schnitt
Sah bloß man Flecke schimmern!
Ja, brauner Schimmer Blutes glitt
Durch sein Gewebe, dünn und glatt.
Es krachte dumpf wie Dynamit
Des Jahres Naht, des Jahres Naht ...

Ein neues Jahr? Nein, das war's nicht.
Die Menschheit war verblendet:
Man hatte ihr bei Sternenlicht
Den alten Rock gewendet!
Den alten Rock, der würgt und sticht,
Sie wenden ihn ohne Ende.

Die Menschheit aber sah es nicht.
Sie schleicht mit gläubigem Gesicht
Zur nächsten Jahreswende.

Dienstag, 17. Februar 2015

Jura Soyfer - Lied vom einfachen Menschen (Menschwerdung)

Am 16. 2. 1939 starb der politische Dichter und Kabarettist Jura Soyfer im Konzentrationslager Buchenwald an Typhus.



Lied vom einfachen Menschen (Menschwerdung)

Menschen sind wir einst vielleicht gewesen
Oder werden's eines Tages sein,
Wenn wir gründlich von all dem genesen.
Aber sind wir heute Menschen? Nein!

Wir sind der Name auf dem Reisepaß,
Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas,
Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls
Und Widerhall des toten Widerhalls.


Längst ist alle Menschlichkeit zertreten,
Wahren wir doch nicht den leeren Schein!
Wir, in unsern tief entmenschten Städten,
Sollen uns noch Menschen nennen? Nein!

Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt,
Wir sind die Nummer im Katasterblatt,
Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt
Und unsre eignen Schatten allesamt.


Soll der Mensch in uns sich einst befreien,
Gibt's dafür ein Mittel nur allein:
Stündlich fragen, ob wir Menschen seien?
Stündlich uns die Antwort geben: Nein!

Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!

(1936)