
Europa
Die Mädchen gingen durch erblühte Fluren.
Voran die Schönste - vollen Laufs, geschmeidig.
Vom nahen Felde glänzte, wein und seidig,
- zertret´ne Halme wiesen seine Spuren -
der Leib des Tieres mit dem Widerriste,
den es, fast anmutsvoll, herabgebogen,
so, dass von seinem Anblick hingezogen,
und ahnungslos, dass es sie überliste
das Mädchen sich auf seinen Rücken schwang,
die Nüstern kraulte, die vom Atem dampfte.
Indes das Tier sich hob, und schnob und stampfte,
bleiben die andern unbewegt und bang.
Sie sah´n den Gott nicht, den die Nachwelt glaubte,
den brünst´gen Stier nur, der die Jungfrau raubte.
Marianne Dora Rein, handschriftliches Manuskript, Archiv Leo Baeck Institute NewYork
Marianne Dora Rein, geboren am 2. Januar 1911, war eine junge hoffnungsvolle jüdische Dichterin aus Würzburg. Am 27. November 1941 wurde Marianne Rein zusammen mit ihrer Mutter mit dem ersten aus Würzburg abgehenden Transport zusammen mit weiteren 200 Personen, darunter 40 Kindern und Jugendlichen, deportiert. Der Transport ging über Nürnberg nach Riga. Die Deportierten wurden, so eine Überlebende, in den eiskalten Wirtschaftsgebäuden des Jungfernhofes bei Riga untergebracht. Von dort gingen ab Februar 1942 Transporte ab, zuletzt am 26. März 1942 ein Transport mit ca. 1700 Menschen. Alle Abtransportierten wurden am gleichen Tag in einem Wald bei Riga erschossen. Von den im November 1941 aus Franken nach Riga Deportierten haben, soweit bekannt, zwei Personen überlebt.
Das Leo Baeck Institut (LBI) ist eine unabhängige Forschungs- und Dokumentationseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums mit drei Teilinstituten in Jerusalem, London und New York City mit Zweigstelle in Berlin. Es wurde 1955 von Hannah Arendt, Martin Buber, Siegfried Moses, Gershom Sholem, Ernst Simon und Robert Weltsch gegründet und setzt sich zum Ziel, deutsch-jüdische Geschichte und Kultur wissenschaftlich zu erforschen und ihr Erbe zu bewahren.
Das Bild ist von „Der Raub von Europa“ ist von Girolamo da Santacore (1480 – 1556)
Sommer
Ich bin weithin gegangen,
durchs sonnverbrannte Land.
Der Wind hat sich verfangen,
in Haar mir und Gewand.
Die Bauern sind beim Heuen,
Duft weht zu mir heran,
mein Herz ist ganz der neuen
Wegfreude aufgetan.
Den Hang hinabgestiegen,
komm ich in guter Ruh.
Ein Büblein mit zwei Ziegen
ruft seinen Gruß mir zu.
Das Zicklein liebt die Blüten,
hoch an die Brust gedrückt
kann ich den Strauß kaum hüten,
den ich für dich gepflückt ...
Alma Johanna Koenig, aus: Liebesgedichte
F. G. Speidel'sche Verlagsbuchhandlung Wien und Leipzig 1930
Alma Johanna Koenig, geboren am 18. August 1887 in Prag; ermordet am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez (bei Minsk) zusammen mit anderen Opfern, darunter die Lyrikerin Lili Grün, Lyrikerin und Erzählerin.
Das Bild ist von Aristide Maillol, Bildhauer, Maler und Grafiker (1861 - 1944)

Blume der Blumen
Es läuft ein Singen nächtig
Von unsichtbarem Mund
Durch den tausendträchtig
Offenen Erdengrund.
Zärtliche Hand durchirrt
Lüftend die lockern Krumen,
Ob die Blume aller Blumen
Morgen geboren wird.
Bittende Hand durchstreift
Den Traum der Kreaturen,
Streut in die lauen Fluren,
Was ihren Segen reift:
Aller Mütter Güte,
Alles Lächeln, alle Hut
Sammelt sie um die Blüte,
Die in der Tiefe ruht.
Stimme, duldend und zart
Von Jahr zu Jahr erklungen,
Wann hast du wachgesungen,
Was uns verheißen ward?
Kastanie
Über Rasen und Mäler, Mauer, Weg, Staub
Hebe du, hebe
In breite Schwebe
Den frischen, lockeren Hügel aus Laub!
Ein Ruhen in Wellen,
Ein Sinken und Schwellen,
Umatmets das mächtige, dunkle Gerüste
Und schwingt an der Bläue die steigende Küste
Zur seligen Kuppe hinauf, hinab,
Berg des Gesangs über Straße und Grab.
Denn singende Engel, verteilt durch die Sphären,
Steht die weiße Blüte in dir,
In Runden, in Reihn, die wie Sterne sich mehren,
Die steile, zarte, strotzende Zier.
Hier gehn sie in Scharen
Auf wiegenden Stufen,
Verstreut dort in Paaren,
Und Einsame leuchten in preisenden Rufen.
Und oben ausdringend
Die äußersten Kühnen,
Ihre Leiber ertrinkend im Grünen,
Ihre Häupter ins Licht sich versingend.
Und hinab quillts unzählig aus grünem Gewühle;
Und rein aus dem Innern,
Dem Hause der heimlichen Kühle,
Wenige schimmern
Vom Dunkel vor;
Und tief eine Schwindende nahe dem Herzen …
Und innen und außen,
Im Schweigen, im Brausen,
Alle Kerzen
Ein einziger Chor!
Lied aus dem Schweigen
Was von Herzen drang,
Wird mir zunicht im Munde.
Wortlos ist die Stunde,
Doch sie blutet um Gesang.
Du, der mir lauscht,
Hörst das Ungesprochne
Und durch die gebrochne
Stimme, wie es rauscht.
Ich muß dir singen
Dies verzehrte Lied.
Mag der Wind dir bringen,
Was mir in Wind verflieht.
Arieh Ludwig Strauß wurde am 28. Oktober 1892 in Aachen geboren und starb am 11. August 1953 in Jerusalem. Er war ein deutscher Schriftsteller und Literaturwissenschaftler jüdischer Herkunft.
Aus: Nachtwache, Gedichte 1919 - 1933, Der Deutsche Buch-Club, Abteilung Verlag, Hamburg 1933
Das Foto zeigt ihn 1930