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Sonntag, 13. August 2023

Klabund, aus: Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!

 



Prolog

Ich sitze hier am Schreibtisch
Und schreibe hier Gedichte,
Indem ich in die Tinte wisch
Und mein Gebet verrichte.

So gibt sich spiegelnd Vers an Vers
In ölgemalter Glätte,
Nur selten fragt man sich: Wie wär´s,
Wenn es mehr Seele hätte?

Die Seele tut mir garnich weh.
Sie ist ganz unbeteiligt.
Nackt liegt sie auf dem Kanapee
Und durch sich selbst geheiligt.

Des Abends geh ich mit ihr aus,
Im Knopfloch eine Dahlie.
Ich selber heiße Stanislaus,
Sie aber heißt Amalie.


Müde schleich ich

Müde schleich ich durch die Morgenstille,
Und es bebt in mir ein fremder Wille.

Wie die Glocken fernes Ave läuten,
Scheint es mir Verachtung zu bedeuten

Meine Lippen, die noch dunkel bluten
Von des Weibes ungehemmten Gluten,

Hass, dass ich die Tage frei verprasse,
Und ein Armer nicht in Zucht sie lasse.

 -  Nimmer neid ich euch die Kirchenenge
Und den Küster. Zerren wir die Stränge,

Soll ins Land der Klöppel donnernd hämmern:
Morgenrot! Klabund! die Tage dämmern!


Ich kam

Ich kam.
Ich gehe.
Ob je mich eine Mutter auf die Arme nahm?
Ob je ich meinen Vater sehe?

Nur viele Mädchen sind bei mir.
Sie lieben meine großen Augen,
Die wohl zum Wunder taugen.
Bin ich ein Mensch? Ein Wald? Ein Tier?


Man soll in keiner Stadt

Man soll in keiner Stadt länger bleiben als ein halbes Jahr.
Wenn man weiß, wie sie wurde und war,
Wenn man die Männer hat weinen sehen
Und die Frauen lachen,
Soll man von dannen gehen,
Neue Städte zu bewachen.

Lässt man Freunde und Geliebte zurück,
Wandert die Stadt mit einem als ein ewiges Glück.
Meine Lippen singen zuweilen
Lieder, die ich in ihr gelernt,
Meine Sohlen eilen
Unter einem Himmel,
Der auch sie besternt.


Epitaph als Epilog

(für Bry)

Hier ruhen siebenundzwanzig Jungfrauen aus Stralsund,
Denen ward durch einen Interpreten des Dichters neueste Dichtung kund.
Die hat die empfindsamen Mädchenherzen so sehr begeistert,
Dass auch nicht eine mehr ihr Gefühl gemeistert.
Man hängte sich teils auf, teils ging man in die See.
Nur eine ging zum Dichter selbst. (Und zwar aufs Kanapee.)

Aus: Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!, Gedichte von Klabund, Erich Reiß Verlag, Berlin 1913

Klabund, das ist Alfred Henschke, geboren am 4. November 1890 in Crossen an der Oder, gestorben am 14. August 1928 in Davos.

Alfred Henschke wählte das Pseudonym Klabund im Jahr 1912 und wird vom Autor unter anderem als Zusammensetzung aus den beiden Wörtern Klabautermann und Vagabund erklärt.

Ein erster Band mit Gedichten erschien 1913 in Berlin unter dem Titel Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern! 1913 kam der Kontakt zu Alfred Kerrs Zeitschrift PAN zustande; ebenso veröffentlichte er in der Jugend und im Simplicissimus. Von 1914 an war er Mitarbeiter der Zeitschrift Die Schaubühne, die später in Die Weltbühne umbenannt wurde. Den Ersten Weltkrieg begrüßte er anfangs begeistert, wie andere Schriftsteller auch, und verfasste eine Reihe patriotischer Soldatenlieder. Zum Militär wurde Klabund nicht eingezogen, da mittlerweile diagnostiziert worden war, dass beide Lungenflügel von Tuberkulose befallen waren. Die Jahre bis zu seinem Tod hielt er sich häufig in Schweizer Lungensanatorien auf.

Im Laufe des Krieges wandelte sich Klabund zum Kriegsgegner. Beeinflusst wurde er in dieser Wandlung durch Brunhilde Heberle, seine zukünftige Frau, die er im Lungensanatorium kennengelernt hatte. Er nannte sie mit ihrem zweiten Vornamen Irene, was „die Friedliche“ bedeutet. !918 heiratete er sie, doch sie starb noch im selben Jahr.

Im Tessin schloss er sich einem Kreis pazifistischer deutscher Emigranten an, die eng mit dem Monte Verità von Ascona verbunden waren. In der „Villa Neugeboren“ in Monti sopra Locarno, die er mit seiner Geliebten bezog, wohnten oder verkehrten um dieselbe Zeit Ernst Bloch, Hermann Hesse, Emmy Hennings, Else Lasker-Schüler und der Naturprophet Gusto Gräser. 1917 veröffentlichte die Neue Zürcher Zeitung Klabunds offenen Brief an Wilhelm II, mit der Aufforderung zur Abdankung. Gegen Klabund wurde daraufhin ein Verfahren wegen Vaterlandsverrats und Majestätsbeleidigung eingeleitet. In der Schweiz gehörte er zum Kreis um René Schickele, für dessen pazifistische Weiße Blätter er auch schrieb.

Bei einer Theateraufführung am Juli 1924 in den Münchener Kammerspielen lernte er Carola Neher kennen. Mai 1925 heirateten beide und führten eine turbulente Ehe,

1925 wurde Klabunds Drama Der Kreidekreis in Meißen uraufgeführt. In den folgenden Jahren schrieb Klabund regelmäßig für Kabaretts wie zum Beispiel Schall und Rauch. Seine volkstümlichen, an den Bänkelsang angelehnten Gedichte und Lieder erreichten in diesen Jahren ihre größte Popularität.

Im Mai 1928 erkrankte er bei einem Italienaufenthalt an einer Lungenentzündung, die zusammen mit seiner nie ausgeheilten Tuberkulose lebensbedrohlich wurde. (Wiki)

Samstag, 28. Januar 2023

Ringsum Klabunde

 


Ringsum Klabunde

Ein Herr S. Klabund (aus Süddeutschland) sendet an Alfred Kerr Lyrik, die bemerkenswert ist, erstens, weil sie auf Telegrammformularen das Licht der Welt erblickte, zweitens: weil folgende Zeilen den Anfang bilden:

Es hat ein Gott mich ausgekotzt,
Nun lieg ich da, ein Haufen Dreck,
Und komm´ und komme nicht vom Fleck.

Die Art, Redaktionen zu beglücken, scheint in der Luft zu liegen. Auch ich kann aufwarten. Auf Original-Klosettpapier gekritzelt, sendet mir ein Dichter aus Apolda folgende Verse:

Der Empfindsame singt:

In leichter Schale schwimmt ein glatter Traum,
Die hohle Wange ruht in schwacher Hand,
Sehr öde und verrucht ist dieser Raum,
Schmerzhaftes Frösteln dringt durch eine Wand.

Gespannter Bogen . . . kümmerlich Klavier-
Gehämmer. Kreischen unserer Konder.
Der Zugwind haftet schräg in jeder Tür.
Zerwalkt und rot sind alle Sünder.

Gar zage stammelt ein geborstnes Schwein -
Die Filter tropfen wie die Regentraufen,
O, welche Lust ein solcher Mensch zu sein,
So leicht beschallt den glatten Traum zu saufen.

Aus Die Aktion Nr. 10 1913

Es hat ein Gott mich ausgekotzt
Nun lieg ich da, ein Haufen Dreck
Und komm und komme nicht vom Fleck.
Doch hat er es noch gut gemeint,
Er warf mich auf ein Wiesenland,
Mit Blumen selig bunt bespannt.
Ich bin ja noch so tatenjung.
Ihr Blumen sagt, ach, liebt ihr mich?
Gedeiht ihr nicht so reich durch mich?
Ich bin der Dung! Ich bin der Dung!

Klabund

Ein anderer Klabund will das Wort haben. Selbst auf die Gefahr hin, daß Proteste wie Klabunde emporschießen, soll er gedruckt werden:

Fruehkonzert

Farben - himmelschreiend - kitschbegrellt
Lärmen unbeholfen durcheinander,
Tausend bunte Feuersalamander
Speien Worte in die heile Welt.

Trübe Bürger kriechen aus den Höhlen
Staub´ger Straßen, kummerüberladen,
Mädchen zeigen ihre Wollustwaden,
und Proleten geilen Beifall gröhlen.

Kaumgereifte Knaben blasen Ringe,
Prahlen laut mit abgegriffnen Zoten,
Spenden Beifall, krähen schrill und koten
Gassenworte über schöne Dinge.

Gardefritzen - Wagnerrummelklänge,
Bunte Feder wippt auf einem Hute,
Liebestrunken wiehert eine Stute,
Zwei Gestalten scheiden au der Menge.

In Rotunden schmunzeln alte Frauen,
Das Geschäft geht gut, das Wetter prächtig,
Noch neun Monde, viele werden trächtig. -
Leute, laßt uns Synagogen bauen!

Klabund, aus: Die Aktion, 18. Juni 1913

Klabund (1890 - 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte.

Das Portrait des Dichters (1915) ist von Emil Orlik (1870 - 1932)

Mittwoch, 25. Januar 2023

Klabund: Wanderung zur Nacht

 


Wanderung zur Nacht

Wenn ich in Nächten wandre
Ein Stern wie viele andre,
So folgen meiner Reise
Die goldnen Brüder leise.

Der erste sagts dem zweiten,
Mich zärtlich zu geleiten,
Der zweite sagts den vielen,
Mich strahlend zu umspielen.

So schreit ich im Gewimmel
Der Sterne durch den Himmel.
Ich lächle, leuchte, wandre
Ein Stern wie viele andre.

Klabund, das ist Alfred Henschke (1890 - 1928)

Das Bild ist von Arthur Rackham (1867 - 1939)

Klabund: Die letzte Kornblume / Drei Wünsche / Epitaph als Epilog

 


Die letzte Kornblume

Sie ging, den Weg zu kürzen, übers Feld.
Es war gemäht. Die Ähren eingefahren.
Die braunen Stoppeln stachen in die Luft,
Als hätte sich der Erdgott schlecht rasiert.
Sie ging und ging. Und plötzlich traf sie
Auf die letzte blaue Blume dieses Sommers.
Sie sah die Blume an. Die Blume sie. Und beide dachten
(Sofern die Menschen denken können, dachte die Blume...)
Dachten ganz das gleiche:
Du bist die letzte Blüte dieses Sommers,
Du blühst, von lauter totem Gras umgeben.
Dich hat der Sensenmann verschont,
Damit ein letzter lauer Blütenduft
Über die abgestorbene Erde wehe –
Sie bückte sich. Und brach die blaue Blume.
Sie rupfte alle Blütenblätter einzeln:
Er liebt mich – liebt mich nicht – er liebt mich... nicht. –
Die blauen Blütenfetzen flatterten
Wie Himmelsfetzen über braune Stoppeln.
Ihr Auge glänzte feucht – vom Abendtau,
Der kühl und silbern auf die Felder fiel
Wie aus des Mondes Silberhorn geschüttet.

Drei Wünsche

Unser erster Wunsch heisst: einfach sein,
Wie die Vogelschwinge blitzt im Blauen
Unsren Blicken, unsren Küssen trauen.
Unser erster Wunsch heisst einfach sein.

Unser zweiter Wunsch heisst: traumlos sein,
Wenn die Nebel um die Berge schiessen,
Unsre Seele in die Dämmrung giessen:
Unser zweiter Wunsch heisst traumlos sein.

Unser dritter Wunsch heisst: sterblich sein,
Dass wir nicht den Kratern gleich im Siegen
Ewig über unsren Feuern liegen:
Unser dritter Wunsch heisst sterblich sein.

Aber anders klingt des Schicksals Lied,
Dessen Töne grausam uns geleiten:
Ewig träumst du deine Strahlsamkeiten,
Klimmt die Sonne singend zum Zenith.

Epitaph als Epilog

Hier ruhen siebenundzwanzig Jungfrauen aus Stralsund,
Denen ward durch einen Interpreten des Dichters neueste Dichtung kund.
Die hat die empfindsamen Mädchenherzen so sehr begeistert,
Dass auch nicht eine mehr ihr Gefühl gemeistert.
Man hängte sich teils auf, teils ging man in die See.
Nur eine ging zum Dichter selbst. (Und zwar aufs Kanapee.)

Klabund, das ist Alfred Henschke (1890 - 1928)

Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte. Er starb am 14. August 1928 an Tuberkulose.

„Das Es der Dinge, dem ich mich verschrieben,
Es mildert sich im Du der Träumerei.
Ich werde ewig meine Seele lieben
In ihrer Ruh, in ihrer Raserei.
Geliebte, Ewige an meinem Mund:
Ich bin und war und werde sein
Klabund“

Foto: Pixabay 

Samstag, 29. Januar 2022

Klarinetta Klaball: Ick bin in Tempelhof jeboren

 


Hugo Ball (1886-1927)

Unter dem Pseudonym Klarinetta Klaball erschienen 1914 gemeinsame Gedichte von Ball, Klabund (Alfred Henschke 1890  - 1928) und Marietta di Monaco (Maria Kirndörfer 1893  -  1981), der Freundin von Walter Serner. Die drei trugen auch im Münchner Simpl ein Gemeinschaftsgedicht auf, mit ähnlichem Titel:

 


Diese Texte werden von einigen als Vorgriff auf den Dada gewertet, Marietta von Monaco beteiligte sich 1916 auch an den Veranstaltungen im legendären Cabaret Voltaire in Zürch. Nach dieser Lesart wären „dadabei`n“ und „dadarauf“ die ersten Erwähnungen von Dada. Doch vielleicht war das doch nur einfach ein Ulk, was Dada in Zürich keineswegs sein wollte.

p. s.: Es gibt noch eine weitere Version:


 

Samstag, 4. Februar 2017

Klabund: Winterschlaf




Winterschlaf

Indem man sich zum Winter wendet,
Hat es der Dichter schwer,
Der Sommer ist geendet,
Und eine Blume wächst nicht mehr.

Was soll man da besingen?
Die meisten Requisiten sind vereist.
Man muß schon in die eigene Seele dringen
Jedoch, da hapert's meist.

Man sitzt besorgt auf seinem Hintern.
Man sinnt und sitzt sich seine Hose durch,
Da hilft das eben nichts, da muß man eben überwintern
Wie Frosch und Lurch.

Klabund, das ist Alfred Henschke, (1890 - 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte.

Mittwoch, 3. Februar 2016

Klabund - Ein Philosoph




             Ein Philosoph


Ein Philosoph schlug einen Kreis.
Wer weiß,
Was er damit bedachte.
Und siehe da  -  wie hingeschnellt
Hat sich ein zweiter zugesellt,
Da war es eine Achte.
So geht´s den Philosophen meist,
Daß sie zwei nackte Nullen dreist
Zu einer Acht erheben.
Doch sehn sie das Exempel ein?
Nein.
Wo bliebe sonst ihr Leben?

                                           Klabund (1890 – 1928)



Erschienen in der Satire-Zeitschrift „Das Stachelschwein“ 3 / 1927.

„Das Stachelschwein“ erschien von 1924 bis 1929 in Frankfurt am Main, Gründer war der Kabarettist und Zeichner Hans Reimann. In der letzten Lebensphase des „Stachelschwein“s organisierte er auch Autorenabende in Berlin. Die zeitgenössische Presse berichtete: „Hans Reimanns piekende Monatsschrift hatte in die Kunstkammer Wasservogel eingeladen. Bei einem Tee und anderen leiblichen Genüssenstellten sich die Hauptmitarbeiter vor. Um es gleich zu sagen: der Nachmittag war entzückend   . . .   Karl Schnog hatte die Conférence dieses bissigen Kabaretts übernommen und plauderte witzig drauflos. Max Herrmann-Neiße sprach ironisch-bittere und dennoch gefühlsstarke, von Musik getragene Gedichte aus einer Kleinstadt und endete bei einem hymnischen, das Herz fast sprengenden Liebeslied. Politisch-sarkastisch und Aktualitäten glossierend, kam Erich Weinert. Den Vogel schoß der Chef ab. Schüchtern trat er mit einem Electrola-Apparat aufs Podium, und zu untextierten Platten sprach er seine Texte, inhaltlich unsere Zeit spiegelnd und musikalisch auf die Klänge aus dem Koffer eingestellt. . . „

(Zitiert aus: „Bis fünf nach zwölfe kleine Maus  -  Streifzug durch siebzehn satirische Zeitschriften der Weimarer Republik“, herausgegeben von W. U. Schütte, Buchverlag Der Morgen Berlin 1986)





Dienstag, 29. Dezember 2015

Klabund - Die Harfenjule

Die Harfenjule: Luise Nordmann mit ihrer Harfe


Die Harfenjule

Emsig dreht sich meine Spule,
Immer zur Musik bereit,
Denn ich bin die Harfenjule
Schon seit meiner Kinderzeit.

Niemand schlägt wie ich die Saiten,
Niemand hat wie ich Gewalt.
Selbst die wilden Tiere schreiten
Sanft wie Lämmer durch den Wald.

Und ich schlage meine Harfe,
Wo und wie es immer sei,
Zum Familienbedarfe,
Kindstauf oder Rauferei.

Reich mir einer eine Halbe
Oder einen Groschen nur,
Als des Sommers letzte Schwalbe
Schwebe ich durch die Natur.

Und so dreht sich meine Spule,
Tief vom Innersten bewegt,
Bis die alte Harfenjule
Einst im Himmel Harfe schlägt.

Klabund (1890 - 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte.

Freitag, 19. Dezember 2014

Klabund - Prolog





Das Es der Dinge, dem ich mich verschrieben,
Es mildert sich im Du der Träumerei.
Ich werde ewig meine Seele lieben
In ihrer Ruh, in ihrer Raserei.
Geliebte, Ewige an meinem Mund:
Ich bin und war und werde sein
  Klabund


              Prolog


Ich sitze hier am Schreibtisch
Und schreibe hier Gedichte,
Indem ich in die Tinte wisch
Und mein Gebet verrichte.

So gibt sich spiegelnd Vers an Vers
In ölgemalter Glätte,
Nur selten fragt man sich: Wie wär´s,
Wenn es mehr Seele hätte?

Die Seele tut mir garnich weh.
Sie ist ganz unbeteiligt.
Nackt liegt sie auf dem Kanapee
Und durch sich selbst geheiligt.

Des Abends geh ich mit ihr aus,
Im Knopfloch eine Dahlie.
Ich selber heiße Stanislaus,
Sie aber heißt Amalie.



Klabund (1890 - 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten,  war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte.

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Klabund - Ich baumle mit de Beene

Gefunden im Skulpturenpark Bremen-Gröpelingen


Ich baumle mit de Beene

Meine Mutter liegt im Bette,
Denn sie kriegt das dritte Kind;
Meine Schwester geht zur Mette,
Weil wir so katholisch sind.
Manchmal troppt mir eine Träne
Und im Herzen pupperts schwer;
Und ich baumle mit de Beene,
Mit de Beene vor mich her.

Neulich kommt ein Herr gegangen
Mit ’nem violetten Schal,
Und er hat sich eingehangen,
Und es ging nach Jeschkenthal!
Sonntag war’s. Er grinste: „Kleene,
Wa, dein Port’menée ist leer?“
Und ich baumle mit de Beene,
Mit de Beene vor mich her.

Vater sitzt zum ’zigsten Male,
Wegen „Hm“ in Plötzensee,
Und sein Schatz, der schimpft sich Male,
Und der Mutter tut’s so weh!
Ja, so gut wie er hat’s keener,
Fressen kriegt er und noch mehr,
Und er baumelt mit de Beene,
Mit de Beene vor sich her.

Manchmal in den Vollmondnächten
Is mir gar so wunderlich:
Ob sie meinen Emil brächten,
Weil er auf dem Striche strich!
Früh um dreie krähten Hähne,
Und ein Galgen ragt, und er . . .
Und er baumelt mit de Beene,
Mit de Beene vor sich her.


Klabund, das ist Alfred Henschke, (1890 - 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte.