Posts mit dem Label Toni Schwabe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Toni Schwabe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 23. Dezember 2023

Toni Schwabe: Heilige Nacht

 



Heilige Nacht

Nimm du meine Fremdheit
In die Heimat auf.
Deine Tür ist Ruhe,
Schließt sich golden auf.

Bis zu deinen Knien
Ging mein müder Weg,
Deck mich wie ein Mantel,
Dass sich nichts mehr reg.

Aller Atem schweige,
Licht verlösch in Nacht,
Denn in deiner Liebe
Hab ich mich vollbracht.

Toni Schwabe aus: Das Landhaus, Eine literarische Monatsschrift, herausgegeben von Toni Schwabe, Fünfter Jahrgang 1920

Schwabe, Toni, die am 31. März 1877 in Blankenburg (Thüringen) zur Welt kommt, Enkelin des leidenschaftlichen Schiller-Verehrers und zeitweiligen Weimarer Oberbürgermeisters Carl Leberecht Schwabe, lebt ab 1885 mit ihrer Familie in Jena. Hier besucht sie die Höhere Töchterschule, ist später Hospitantin an der Universität. Nach dem Abbruch einer kunstgewerblichen Ausbildung widmet sie sich der Schriftstellerei. 1902 erscheint ihr erster Roman „Die Hochzeit der Esther Franzenius“, in dem erstmals in der neueren deutschen Literatur die lesbische Liebe thematisiert wird. Dieses Debüt wird von Thomas Mann enthusiastisch besprochen. Weitere Prosaarbeiten folgen, aber auch mit Gedichten tritt Schwabe hervor, in denen sie dem gleichgeschlechtlichen Liebeserleben poetischen Ausdruck verleiht. 1916 gründet sie in Jena den Landhausverlag und gibt die Zeitschrift „Das Landhaus“ heraus, in der u. a. Autoren wie Hilde Domin, Kasimir Edschmid, Klabund, A. R. Meyer und Alfred Wolfenstein vertreten sind. Nach der Ausbombung in Berlin lebt die Dichterin ab 1944 wieder in Bad Blankenburg, wo sie mittellos und vereinsamt am 17. Oktober 1951 stirbt. (Aus dem Klappentext des 25. Heftes des VERSENSPORN, welches im Herbst 2016 erschien, bietet mit insgesamt 53 Gedichten aus den Jahren 1902 bis 1949 einen Querschnitt durch das lyrische Schaffen Schwabes. 10 der abgedruckten Gedichte sind bislang unveröffentlicht.)

Das Bild ist von Henryk Szczygliéski (1881 - 1941)

Montag, 14. August 2023

Sophie Hochstetter: An Toni Schwabe

 



An Toni Schwabe

Nie ging ein Dichter unbeirrter seine Straße –
Nie war Erlesnes stiller, unvergeßlicher gegeben.
Wie ein sehr kostbares Gefäß in edlem Maße
Ist deine Kunst, Symbolum deinem Leben.

Und in der strengen Formen schönste Vase
Füllst du des Weinlaubs rauschdurchglühte Reben.
In einen Kelch vom Venetianerglase
Stellst du „Camille de Rohans“ rosenschweres Beben.

Die Sünde machst du rein – wie aus Gewitterstöhnen
Uns klingen mag das Jubelwort: Genesen!
Einsamer Seelen Schmerz lässt du ertönen
Zu einem Schwanenlied sehr seltner Wesen –
Und deine Erdenliebe hat von allem Schönen
Das Vornehmste sich nur zum Eigentum erlesen.

Sophie Hochstetter, aus: Vielleicht auch Träumen, Verse, München und Leipzig 1906

Sophie Hoechstetter, geboren am 15. August 1873 in Pappenheim, gestorben am 4. April 1943 in der Moosschwaige bei Dachau war Schriftstellerin, Dichterin und Malerin.

Toni Schwabe, Schriftstellerin, Verlegerin, Erzählerin, Lyrikerin, geboren am 31. März 1877 in Bad Blankenburg, gestorben am 17. Oktober 1951 ebendort.

Die beiden Schriftstellerinnen führten von 1902 bis 1905 eine Lebensgemeinschaft. Die Fotos zeigen links Toni Schwabe um 1906, rechts Sophie Hoechstetter um 1902.

Montag, 17. Juli 2023

Toni Schwabe: Sommernacht

 



Sommernacht


Komm mir nicht nah -
Wenn deine Hände mich berühren,
schlägt sonst aus unserm Blut das Glück.
Alles ringsum will verführen,
Ich sehne nur dich zurück.

Komm mir nicht nah -
Ich muss die Augen schließen,
Sonst tauchen sie in den tanzenden Mond,
Den Zweige zuckend umfließen,
Irrsal und lustbetont.

Komm mir nicht nah -
Sonst gibt es kein Entgleiten,
Um uns rundet sich voll das Einst
Längst verwundener Zeiten. . .
Ich sterbe - du weinst.

Toni Schwabe, Schriftstellerin, Verlegerin, Erzählerin, Lyrikerin, geboren am 31. März 1877 in Bad Blankenburg, gestorben am 17. Oktober 1951 ebendort.

Aus: Das Landhaus, Eine literarische Monatsschrift, herausgegeben von Toni Schwabe, 3. Jahrgang 1918

Das Bild ist von Dorothea Maetzel-Johannsen (1886 - 1930)

Montag, 3. April 2023

Sophie Hoechstetter: Liebesnacht, Toni Schwabe: Nie traf ich einen. . . / Hymne

 



Liebesnacht

Uns leuchtete noch keine Nacht so tief
Wie dieses Sommers schwere Liebesnacht,
Da dir dein Herz erwacht, die dir mein Herz gebracht
Die uns zum Leben rief –

Spürst du – fern sinkt das letzte Schweigen,
Fern klingt der Reigen
Verdämmernder Lieder der Einsamkeiten
Gieb mir die Hand,
Erobererland
Liegt viel noch in uns beiden.

Ich fühle, wie Mund und Hände mir begnadet sind
Ich fühle, wie dein Blut zum Herzen rinnt –
Fühlst du die Nacht? Noch keine war so still –
– So still, als seien alle Tränen ausgeweint
So still, als trüge sie Tod und Unsterblichkeit vereint –
Wie diese, die uns zu den Göttern führen will.

Aus: Vielleicht auch träumen, Verse von Sophie Hoechstetter, Bei Georg Müller, München und Leipzig, 1906


Nie traf ich einen. . .

Nie traf ich einen, der stärker als ich
Mir der Liebe Zügel entrissen hat.
Wen ich schwächer fühlte, dem weigert ich mich,
So daß mich nie einer besessen hat.

Ich küßte nur solche, die Liebe sehnten
Und die, wie ich, den Stärkeren wollten
Und machte, daß sie sich an mich lehnten
Und nicht mehr Liebe entbehren sollten.

Mich – mich allein konnte keiner erlösen –
Und ob ich auch alles von Liebe wüßte:
Ueber mir ist noch keiner gewesen,
Keiner, dem ich mich ergeben müßte.

Aus: Toni Schwabe: Komm, kühle Nacht! Verse. München: Georg Müller, 1908


Hymne

Nach allem Grenzenlosen,
nach Wasser – Luft – den unendlichen Himmeln
nenn ich dich, Geliebte.
Mit dir zusammen stürzte ich
durch die Jahrtausende,
mit dir umschlang ich
zerbrechende Welten,
in dir begriff ich
aller Maße Übermaß –
und erfasste jäh
den Sinn der Liebe:
Ewigkeit.

Toni Schwabe

Sophie Hoechstetter, geboren am 15. August 1873 in Pappenheim, gestorben am 4. April 1943 in der Moosschwaige bei Dachau war Schriftstellerin, Dichterin und Malerin.

Toni Schwabe, Schriftstellerin, Verlegerin, Erzählerin, Lyrikerin, geboren am 31. März 1877 in Bad Blankenburg, gestorben am 17. Oktober 1951 ebendort.

Die beiden Schriftstellerinnen führten von 1902 bis 1905 eine Lebensgemeinschaft. Die Fotos zeigen links Toni Schwabe um 1906, rechts Sophie Hoechstetter um 1902.