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Donnerstag, 16. November 2023

Karl Stamm: Immer hauchen Dunkelheiten durch meine Wanderschaften. . .

 



(Für Ernst Gubler)

Immer hauchen Dunkelheiten durch meine Wanderschaften,
sanfter Wahnsinn will mit mir sein in leisem Aufruhr,
immer ist nächtliche Flucht in meinem Schritte,
die mich weghebt von jedem Dinge, dem ich entstamme,
nur ihre Müdigkeiten sammeln sich an meinen Füßen,
verhalten den Austritt mir aus dem geliebten
Kerker der Schwermut,
stellen mich hin in das weiße Nichts,
darin ich mir selber entgegentöne
meinen frierenden Namen,
endlos allein, umstellter Feind,
erstarrend in diesem frierenden Namen ...
bis sanft mich auflöst an letzter Grenze
der heiligen Bäume lächelnder Anruf.

Karl Stamm, geboren am 29. März 1890 in Wädenswil, Kanton Zürich; gestorben am 21. März 1919 in Zürich, Schweizer Dichter, aus: Der Aufbruch des Herzens, 1. Auflage 1919

Ernst Gubler (1895 - 1958) war ein Schweizer Bildhauer und Maler.

Das Bild „Melancholie“ ist von Odilon Redon (1840 – 1916)

Dienstag, 21. März 2023

Karl Stamm: Blumenlegende / An den Mond

 



Blumenlegende

Und war der dritte Tag, da Gott die Welt erschuf'
sich seiner Einsamkeiten zu begeben.
In tiefe Heimat bettend so sein Leben
erging von Tag zu Tag sein Schöpferruf.

Er ward im Licht, er auferstand im Land,
und aus den Wassern sah er sich entgegen.
Wie war sein Spiegelbild ihm milder Segen.
Und um ihn stürzte leise Wand an Wand.

Und als er sich zum dritten Male rief,
hob er sich leis aus hohem Lilienstengel.
Unendlich sank er hin, sich zugewendet.

Wie schauten deine Gottesaugen tief -
Aus jeder Blume tönte dir der Engel -
Du wusstest nicht, wie tief du dich vollendet.

An den Mond

Die mit ihrem Strahle mich geblendet,
hohe Sonne, ist hinweggegangen.
Aber ewig ist das Lichtverlangen.
Auge seinen Blick ins Dunkel sendet.
Meine Seele will empfangen.

Nun erhellt sich sanft mein dunkles Wesen,
wie dein leuchten auf mich niederbricht.
Kann in meinem eigenen Herzen lesen.
Am gedämpftern Quell mag ich genesen.
Heiter trink ich deiner Schale Licht.

Aus: Karl Stamm, Der Aufbruch des Herzens, Rascher, Zürich, 1. Auflage 1919

Karl Stamm, geboren am 29. März 1890 in Wädenswil, Kanton Zürich; gestorben am 21. März 1919 in Zürich, Schweizer Lyriker.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)