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Montag, 16. Oktober 2023

Albrecht Haushofer: Herbstgast

 



Herbstgast

Es flog ein Schmetterling mir auf die Hand,
Ein schöner Falter, schwarz, mit rotem Band,
Mit müdem Flattern, als ich heut im Kahn
Durchfurcht den See auf spiegelnd blauer Bahn.
Die Sonne schien. Ich fuhr zum Uferrand
Und brachte sorgsam meinen Gast zu Land.
Ich legt ihn auf ein rotes Buchenblatt
Und merkte wohl, er war zum Sterben matt.
So ließ ich ihn. . . Er klappt die Flügel. . . ruht. . .
Umspielt von milder Himmelsstrahlen Flut.
Ich rudre weiter in den Herbst hinein.
Und doch - wie schön muß heut das Sterben sein!

Albrecht Haushofer (1903 - 1945)

Das Bild ist von Eugen Joost (1850 - 1910)

Albrecht Haushofer, geboren am 7. Januar 1903 in München; wurde am 23. April 1945 in Berlin von der SS ermordet. Er war Geograph, Diplomat und Schriftsteller, und trotz inneren Missbehagens stieg er im Auswärtigen Amt auf, wurde aber später geschasst.

Sein Bruder Heinz Haushofer fand in der Manteltasche des Toten mehrere beschriebene Blatt Papier mit 80 Sonetten, Diese wurden 1946 unter dem Titel „Moabiter Sonette“ veröffentlicht.

Albrecht Haushofer war einer, der sein Gewissen erst spät entdeckte. Aber er ist dem Ruf dieser Stimme schließlich gefolgt. Bis in den Tod:

„Ich klage mich in meinem Herzen an: / Ich habe mein Gewissen lang betrogen, / ich hab mich selbst und andere belogen – / ich kannte früh des Jammers ganze Bahn – / ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar! / Und heute weiß ich, was ich schuldig war …

Samstag, 22. April 2023

Albrecht Haushofer: Wandlung / Dem Ende zu / Zeit

 



Wandlung

Von dem, was uns in jungen Jahren band,
An Wunsch und Wert in menschlichem Gestalten,
Wie wenig hielt den tötlichen Gewalten
Im letzten Prüfen unsrer Seele stand:

Wie vieles, was wir früher kaum gesehn,
Ist heute nah mit ungeheurem Wirken:
Wir nähern uns den heiligen Bezirken,
Vor denen scheu wir nun in Ehrfurcht stehn.

Wie Gold und edle Steine sich im Sand
Verborgen halten, bis der Sand verweht,
Und ihr Gewicht allein im Sturm besteht,

So hebt sich nun aus allem lauten Tand
Das Unvergängliche. Das Ich wird still,
Wenn Es in ihm schon leise beten will.


Dem Ende zu

Die Stimmen, die von aussen uns erreichen,
Sind schrill und heiser. Geiferndes Erschrecken
Verrät der Hinkende. Die andern recken
Mit hohlem Schrei die toten Siegeszeichen.

Das Ende wittern selbst erprobte Toren.
Doch kann der Krieg nicht enden dieses Mal,
Bis kein Gefreiter mehr, kein General
Behaupten darf, er wäre nicht verloren...

Was half es, dass der wägende Verstand
Die Rechnung führte bis zum letzten Schluss.
Der Wahn begreift nur, was er fühlen muss!

Der Wahn allein war Herr in diesem Land.
In Leichenfeldern schliesst sein stolzer Lauf
Und Elend, unermessbar, steigt herauf.


Zeit

Ich träume viel bei Nacht und viel bei Tag.
Die Zeit ist ohne Wert. Ich kann vergessen,
Der Stunde wie der Woche Gang zu messen,
Wenn ich mich nicht auf sie besinnen mag.

Doch wittern auch die Träume wohl die Zeit —
Erwach ich dann vom Dienstgeklirr der Schlüssel,
Vom Mittagsruf nach meiner Suppenschüssel,
Und raffe mich, zum Täglichen bereit:

Dann weiss ich, aus dem Träumen aufgestört,
Wie einer fühlt in seinen letzten Stunden,
Der, an ein ruderloses Boot gebunden,

Den Fall des Niagara tosen hört.
Die Wasser schlagen an des Bootes Rand.
Sie strömen rasch. Gebunden — ist die Hand.

Albrecht Haushofer, geboren am 7. Januar 1903 in München; wurde am 23. April 1945 in Berlin von der SS ermordet. Er war Geograph, Diplomat und Schriftsteller, und trotz inneren Missbehagens stieg er im Auswärtigen Amt auf, wurde aber später geschasst.

Sein Bruder Heinz Haushofer fand in der Manteltasche des Toten mehrere beschriebene Blatt Papier mit 80 Sonetten, Diese wurden 1946 unter dem Titel „Moabiter Sonette“ veröffentlicht.

Albrecht Haushofer war einer, der sein Gewissen erst spät entdeckte. Aber er ist dem Ruf dieser Stimme schließlich gefolgt. Bis in den Tod:

„Ich klage mich in meinem Herzen an: / Ich habe mein Gewissen lang betrogen, / ich hab mich selbst und andere belogen – / ich kannte früh des Jammers ganze Bahn – / ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar! / Und heute weiß ich, was ich schuldig war …“

Das Foto zeigt den Einband der Ausgabe der Moabiter Sonette von 1946.


Donnerstag, 26. Januar 2023

Annemarie Schwarzenbach: In Sils / Albrecht Haushofer: Traumgesicht

 


In Sils

Manchmal möchte ich mit der Hand nach meinem Herzen greifen.
Ob es noch schlägt und das gleiche ist.
Es schlägt langsam wie im Traum.
Die Schläfen beben, der Atem müht sich
Und die Brust ist so klein geworden, so schmächtig,
Damit ihre Enge dies bißchen Leben und Bewegung nicht störe,
Um das wir kämpfen müssen.
Die Bilder sagen, es sei wie das zu schwache Licht einer Kerze.
Aber plötzlich spüre ich dann, wie es emporschlagen
Und übermächtig werden könnte,
Und eine Geisterhelle verbreiten, die still und fürchterlich ist.
Ich denke an das gesprengte Rund der Bergspitzen,
Die uns mit ihrem Leuchten und ihrer Bläue gnädig waren,
Und ich denke an die Lieblichkeit des Baches,
Der in der Mittagshitze, zur Erntezeit
So viel über silberne Steine rieselnde Kühlung verbreitete,
Und an die Schwemme,
Wo abends die goldenen Pferde standen und ihre Mähnen schüttelten.
Und an die Wüste.
Aber wenn ich in der Nacht wach werde, und mein Blick aus dem Dunkel,
In der bleischweren Luft schwebend, blind und wie vernichtet ist,
Und wenn dann dieses Weben ringsum beginnt,
Wenn meine Hände schlaff und meine Füße weit sind,
Und ich mir nicht mehr gehöre,
Und allein das einsam schlagende Herz
Wie der Kindheit Brunnen rauscht,
Und ich immer noch in solcher Heimsuchung lauschen muß,
Dann erhebt sich das Sterben über den Zauberrand
Der jetzt in tiefem Schlaf liegenden Welt,
Und ich bin nicht mehr.

Annemarie Schwarzenbach, geboren am 23. Mai 1908 in Zürich; gestorben am 15. November 1942 in Sils im Engadin an den Folgen eines Fahrradunfalles, war Schriftstellerin, Journalistin und Reisende.

Erste journalistische Veröffentlichungen sowie literarische Texte entstanden noch während ihrer Studienzeit. Kurz nach Abschluss ihres Studiums debütierte sie mit dem Roman Freunde um Bernhard. Im Jahr 1931 hielt sie sich öfter in Berlin auf und stand in engem Kontakt mit Klaus und Erika Mann in München.

Sie führte nach 1933 selbst teilweise das Leben einer Migrantin und reiste mehrere Jahre hintereinander in verschiedene Länder, öfter zusammen mit Klaus Mann, dessen literarische Exilzeitschrift Die Sammlung sie finanziell unterstützte. 1933 begab sich Annemarie Schwarzenbach gemeinsam mit der Fotografin Marianne Breslauer auf eine erste journalistische Reise nach Spanien. Im gleichen Jahr führte sie der Weg nach Persien.

Gemeinsam mit der Schweizer Schriftstellerin Ella Maillart reiste sie Juni 1939 in einem Ford V8 91A Deluxe über Istanbul, Trabzon und Teheran überland nach Afghanistan. 


Traumgesicht

Du hat so lange mich im Traum gemieden,
Du früh Verblichne. Heute warst Du da,
So jung, so unzerstört, so seltsam nah,
Wie damals, als zum ersten Mal wir schieden.

Wie loderten in jener Nacht die Sterne,
Wie schien die Welt voll Glück! Wie lang ists her!
Wie wurden Dir die jungen Jahre schwer!
Wie trieb es mich hinaus in alle Ferne!

Nun prüfst Du mich im Traum. Es ist kein Schmerz
Und keine Trauer mehr in mir gewesen —
Du nickst und flüsterst: Bist Du nun genesen —

Ich liege still. In Ruhe schlägt mein Herz.
Geblieben ist ein Dank. Der Dank soll ziehn
Hinauf — zu Deinem Grab — ins Engadin...

Albrecht Haushofer (1903  -  1945), aus: Die Moabiter Sonette

Die «früh Verblichne»: die hochbegabte sensible Schweizer Publizistin und Journalistin Annemarie Schwarzenbach, Freundin von Klaus und Erika Mann, die 1942 im Alter von 34 Jahren nach langer Drogenabhängigkeit an den Folgen eines Unfalls starb. Haushofer lernte sie 1923 in der Schweiz kennen. « In [Berlin-Frohnau], wo Annemarie weiterhin gelegentlich zu Besuch ist, trifft sie Ulrich von Hassell und Albrecht Haushofer. (. . .) Haushofer ist sehr verliebt in Annemarie. Anfang der 30er-Jahre macht er ihr sogar einen Heiratsantrag. Annemarie lehnt ab, bleibt aber mit ihm befreundet.» (Arti Georgiadou, Annemarie Schwarzenbach; eine Biographie. Frankfurt a. M. 1996. In der dtv-Ausgabe S. 101.), zitiert nach maluca, lyriktranslate, 2. 3. 2022

Dienstag, 24. Januar 2023

Albrecht Haushofer: Das Erbe / Wandlung

 


Das Erbe

In Schutt und Staub ist Babylon versunken,
ein Tempel blieb vom alten Theben fest,
von Ktesiphon zeugt einer Halle Rest,
das große Angkor ist im Wald ertrunken -

auch unser ganzes Erbe sind Ruinen.
Noch kurze Weile zwischen toten Mauern
wird kümmerlicher Menschen Sorge dauern -
danach wird alles nur dem Efeu dienen.

Der Efeu des Vergessens wird sich ranken
um ein Jahrtausend hoher Blütezeit,
um dreißig Jahre mörderischen Streit.

Wir sind die Letzten. Unsere Gedanken
sind morgen tote Spreu, vom Wind verjagt,
und ohne Wert, so jung der Morgen tagt.

Wandlung

Von dem, was uns in jungen Jahren band,
an Wunsch und Wort in menschlichen Gestalten,
wie wenig hielt den tödlichen Gewalten
im letzten Prüfen unsrer Seele stand!

Wie vieles, was wir früher kaum gesehn,
ist heute nah mit ungeheurem Wirken:
Wir nähern uns den heiligen Bezirken,
vor denen scheu wir nun in Ehrfurcht stehn. . .

Wie Gold und edle Steine sich im Sand
verborgen halten, bis der Sand verweht
und ihr Gewicht allein im Sturm besteht,

So hebt sich nun aus allem lauten Tand
das Unvergängliche. Das Ich wird still,
wenn Es in ihm schon leise beten will. . .

Albrecht Haushofer, geboren am 7. Januar 1903 in München; wurde am 23. April 1945 in Berlin von der SS ermordet. Er war Geograph, Diplomat und Schriftsteller, und trotz inneren Missbehagens stieg er im Auswärtigen Amt auf, wurde aber später geschasst.

Sein Bruder Heinz Haushofer fand in der Manteltasche des Toten mehrere beschriebene Blatt Papier mit 80 Sonetten, Diese wurden 1946 unter dem Titel „Moabiter Sonette“ veröffentlicht.

Albrecht Haushofer war einer, der sein Gewissen erst spät entdeckte. Aber er ist dem Ruf dieser Stimme schließlich gefolgt. Bis in den Tod:

„Ich klage mich in meinem Herzen an: / Ich habe mein Gewissen lang betrogen, / ich hab mich selbst und andere belogen – / ich kannte früh des Jammers ganze Bahn – / ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar! / Und heute weiß ich, was ich schuldig war …

Samstag, 22. April 2017

Albrecht Haushofer: Om Mani Padme Hum, Miyajima




Albrecht Haushofer, geboren am 7. Januar 1903 in München; wurde am 23. April 1945 in Berlin von der SS ermordet. Er war Geograph, Diplomat und Schriftsteller, und trotz inneren Missbehagens stieg er im Auswärtigen Amt auf, wurde aber später geschasst.

Sein Bruder Heinz Haushofer fand in der Manteltasche des Toten mehrere beschriebene Blatt Papier mit 80 Sonetten, Diese wurden 1946 unter dem Titel „Moabiter Sonette“ veröffentlicht.

Albrecht Haushofer war einer, der sein Gewissen erst spät entdeckte. Aber er ist dem Ruf dieser Stimme schließlich gefolgt. Bis in den Tod:

„Ich klage mich in meinem Herzen an: / Ich habe mein Gewissen lang betrogen, / ich hab mich selbst und andere belogen – / ich kannte früh des Jammers ganze Bahn – / ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar! / Und heute weiß ich, was ich schuldig war …“


Om Mani Padme Hum

Heut nacht war mir ein andres Bildnis nah:
So mild und still, so friedevoll und fern
wie ein Geschenk von einem andern Stern.
Der große Buddha von Kamakura.

Aus einem Hain von Kirschenblüten schaut
er auf das Fischerdorf und bleibt gelassen,
ob Kinderlachen spielt in seinen Gassen,
ob Weltmeer darüber Stürme braut.

Er kennt kein Zürnen, kein Verzweifeltsein,
und lehrt nur eines: wie man sich versenke,
den Einzelwillen in die Einheit lenke,

die Seele lösend aus der Dinge Schein,
will Buddha sie aus allem Leiden heben  -
dem Lotos fühl ich lächelnd ihm entschweben.


Miyajima

Ein Tempeltor, durch das die Wasser ziehn,
am Strand geschwungner Steinlaternen Reihe,
uralter Kiefern leis durchrauschte Weihe
und Rehe, die vor keinem Menschen fliehn.

An plätscherndem Gewässer steigt empor
den Hang ein Pfad von Stufen, im Verblühn
von reichster Wildnis: Rot und Gold und Grün.
Aus Abendwolken bricht die Sonne vor. . .

Der Gipfel  -  Goldne Nebel ringsherum
und Inseln ungezählt, Gebirge, Meer  -
aus lichter Tiefe schimmern Segel her.  –

Du hohes Eiland, stilles Heiligtum
in Japans blauer See, bewahre rein
durch alle Zeiten deiner Geister Sein!