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Mittwoch, 14. Juni 2023

Hugo Salus: Blühende Äste

 



Blühende Äste

Meinem Fenster genüber, über die Mauer,
Steckt ein blühender Baum seine fröhlichen Äste,
Frühlingsmirakel, ein bunter Blütenschauer,
Leuchtende Fahnen zum sonnigen Frühlingsfeste!

Müssen die Leute, die da vorübergehen,
Unter dem Frühlingsbogen die Köpfe neigen,
Stehen bleiben, um lachend empor zu sehen,
Und einander das frohe Wunder zu zeigen.

Aber die jungen Mädchen, die schließen die Lider,
Als ob ein liebes Geheimnis ihnen geschehe,
Und schaun beschämt und ertappt auf die Erde nieder,
Daß nur kein Mensch, kein Mensch ihre Träume erspähe...

Hugo Salus, aus der Zeitschrift Jugend 1900

Hugo Salus, geboren am 3. August 1866 in Böhmisch-Leipa; gestorben am 4. Februar 1929 in Prag.

„Salus ist den meisten Lesern besser aus Beiträgen für die `Jugend` und andre Zeitschriften bekannt als aus seinen Gedichtsammlungen. Das ist schade, denn gerade seine schönsten Gedichte eignen sich nicht für Zeitschriften, und die sich dafür eignen, verzerren sein dichterisches Bild. Er ist ein Sänger und ein Bildner, und die Beimischung des goldigen Humors gibt keinen schlechten Dreiklang. . .“

Karl Kraus

Die Illustration ist von Heinrich Vogeler (1872 - 1942)

Freitag, 3. Februar 2023

Hugo Salus: Die Blumen im Eden / Erkannte Seele

 


Die Blumen im Eden

In den Bäumen vor dem Paradiese
Sitzen tausend blinde Seelchen harrend,
Bis das große Petrusthor sich knarrend
Öffnet zu der blumenreichen Wiese.

Sie sind blind, weil sie dereinst auf Erden
Vielzuviel gesucht in Näh'n und Fernen,
Und sie müssen hier einfältig werden,
Und sie sollen hier erst staunen lernen.

Denn die Blumen, die im Eden prangen,
Die sie jetzt mit seligen Augen schauen,
Sind die gleichen gelben, roten, blauen,
Denen sie einst blind vorbeigegangen.

Hugo Salus, aus: Reigen, München 1900

Erkannte Seele

Die tiefsten Lieder, die gelingen,
Halten ein Spieglein in der Hand,
Drein ist mit ihren bunten Schwingen
Des Dichters scheue Seele gebannt.

Die siehst du drin beben, die Flügel heben
Und schaust bewegter dem Spiele zu,
Bis deine staunenden Lippen beben:
»Du meine zitternde Seele du;

Gleich hab' ich dich an den bunten Schwingen
Als meine eigene Seele erkannt!« –
Die tiefsten Lieder, die gelingen,
Halten ein Spieglein in der Hand ...

Hugo Salus, aus: Die Blumenschale, Gedichte Albert Langen Verlag, München 1908

Hugo Salus, geboren am 3. August 1866 in Böhmisch-Leipa; gestorben am 4. Februar 1929 in Prag.

„Salus ist den meisten Lesern besser aus Beiträgen für die `Jugend` und andre Zeitschriften bekannt als aus seinen Gedichtsammlungen. Das ist schade, denn gerade seine schönsten Gedichte eignen sich nicht für Zeitschriften, und die sich dafür eignen, verzerren sein dichterisches Bild. Er ist ein Sänger und ein Bildner, und die Beimischung des goldigen Humors gibt keinen schlechten Dreiklang. . .“

Karl Kraus

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Donnerstag, 26. Januar 2023

Hugo Salus: Acherontische Sizilianen

 


Acherontische Sizilianen

1.

In meine Hände, wenn ich einmal sterbe,
Legt eine volle, blühende Guirlande,
Und diesen Wunsch erfülle mir mein Erbe!
Daß an des Acherons tiefernstem Strande
Ich mir der Fahrtgenossen Gunst erwerbe,
Erschein´ ich heiter, Rosen am Gewande;
Daß Charon lächeln muß, der düster-derbe;
Und daß sich mein Empfang, wenn ich dort lande,
Vom Widerscheine meiner Blüten färbe. . .

2.

Wo düstre Schroffen in die Wolken drohn,
Wo sich die Meere in den Styx ergießen,
Sah ich vom Felsen in den Acheron
Noch muntre Bächlein schäumend niederschießen,
Noch kalt vom Quell, dem Dunkel kaum entflohn.
Ein Kindlein spielt im Sand zu meinen Füßen,
Nun sprach es: „Ach, wie schad! Wir fahren schon;
Ich möchte noch zuschaun, wie die Bächlein fließen!“

3.

Der Schatten eines Mönchs war mit im Boot,
Drauf sich nun dicht der stygische Nebel breitet.
Da sprach der Mönch: „Ich starb geweihten Tod,
Mir ward am Kreuz das ewige Heil bereitet.
Gieb mir das Steuer, heidnischer Pilot,
Mein Ferge steht bei mir, der mich geleitet.“
Sprach Charon, der ihm mild das Steuer bot:
„Dies ist der Kahn, der ohne Steuer gleitet. . .“

4.

Nun gleiten wir schon ungezählte Jahre
Und sehn noch endlos sich die Wasser breiten.
Von Charons Ruder in die dunkel-klare,
Bewegte Flut sehn wir die Tropfen gleiten
Und sehn sie werden und ins dunkelklare
Und leis bewegte Wasser niedergleiten.
Und dieses ist das große, wunderbare
Mysterium des Tods: wir gleiten, gleiten. . .

Aus: Der Spielmann, ein Jahrbuch deutscher Dichtung, Berlin 1902

Hugo Salus, geboren am 3. August 1866 in Böhmisch-Leipa; gestorben am 4. Februar 1929 in Prag.

„Salus ist den meisten Lesern besser aus Beiträgen für die `Jugend` und andre Zeitschriften bekannt als aus seinen Gedichtsammlungen. Das ist schade, denn gerade seine schönsten Gedichte eignen sich nicht für Zeitschriften, und die sich dafür eignen, verzerren sein dichterisches Bild. Er ist ein Sänger und ein Bildner, und die Beimischung des goldigen Humors gibt keinen schlechten Dreiklang. . .“

Karl Kraus

Das Bild "Charon and Psyche" ist von John Roddam Spencer Stanhope (1829 - 1908)

Hugo Salus: Frühlingsfeier

 


Frühlingsfeier

Ein Blütenzweig, blaßrosa, weiß und grün,
Die Welt hat tausend solcher Blütenäste,
Da darf der eine auch für uns erblühn
Und darf verblühn bei unserm Liebesfeste.

Befrei' das schwere Haar von Kamm und Band
Und laß die schwarzen Fluten niederwallen
Auf dieses blumenhelle Lenzgewand,
Und laß die neidischen Achselspangen fallen!

Nun nimm den Blütenzweig - wie wunderbar
Die Blüten glühn von deines Pulses Schlägen! -
Und rühre mir die Stirne und das Haar
Und sprich dazu den heiligen Frühlingssegen:

"Blick auf, der Lenz ist kommen über Nacht,
Die Welt ist voll von Liebe und Erbarmen!"
Ich blicke auf; der Frühling ist erwacht;
Ich halt' den ganzen Frühling in den Armen!

Hugo Salus, geboren am 3. August 1866 in Böhmisch-Leipa; gestorben am 4. Februar 1929 in Prag.

Das Bild ist von János Thorma (1870 - 1937)

Donnerstag, 27. Januar 2022

Hugo Salus: Ahnenlied

 


Hugo Salus, geboren am 3. August 1866 in Böhmisch-Leipa; gestorben am 4. Februar 1929 in Prag, Gynäkologe und deutschsprachiger Schriftsteller.

Das Bild ist von John Bauer (1882 – 1918)

Montag, 4. Februar 2019

Hugo Salus: Abendlied / Altes Gettholiedchen





Abendlied

Nun schweigt das laute Treiben,
Und still wird Dorf und Rain,
In allen Fensterscheiben
Verglüht der Sonnenschein.

Die Abendglocken freuen
Sich hoch im Gotteshaus,
Wie Weihrauchfässer streuen
Sie ihren Segen aus.

Die Wellen rauschen leise,
Schlaftrunken träumt der Fluß;
Die Blätter tauschen leise
Den letzten Schlummerkuß.

Die Abendenglein zünden
Schon Stern und Sternlein an,
Auf lauen Abendwinden
Schwebt mild die Nacht heran ..



Altes Gettholiedchen

Estherl, mein Schwesterl, was ist mir gescheh'n!
Ein Judenkind soll unter Christen nicht geh'n!
Die Mutter hat recht; aber jetzt ist's zu spät,
Sie hab'n mich erkannt und gehöhnt und geschmäht
Und gezerrt am Haar und das Kleid zerrissen
Und Unflat und Steine nach mir geschmissen,
Estherl!

Estherl, mein Schwesterl, da ist es gescheh'n,
Da hab' ich den Ritter kommen geseh'n,
Mit dem Schwert an der Seite, mit dem Kreuz auf der Brust,
Und ich hab' nur immer ihn anschau'n gemußt,
Und sein Blick hat die Christen von dannen getrieben,
Und er ist bis ans Tor bei mir geblieben,
Estherl!

Estherl, mein Schwesterl, was ist mir gescheh'n?
Ich werd' wieder, ich weiß, in die Christenstadt geh'n,
Und wenn sie mich stoßen, was liegt mir daran,
Wenn ich ihn nur noch einmal anschau'n kann,
Nur einmal! Dann sollen sie mich erschlagen.
Nur der Mutter, hörst du, darfst du nichts sagen,
Estherl!





Hugo Salus, geboren am 3. August 1866 in Böhmisch-Leipa; gestorben am 4. Februar 1929 in Prag.
  
„Salus ist den meisten Lesern besser aus Beiträgen für die `Jugend` und andre Zeitschriften bekannt als aus seinen Gedichtsammlungen. Das ist schade, denn gerade seine schönsten Gedichte eignen sich nicht für Zeitschriften, und die sich dafür eignen, verzerren sein dichterisches Bild. Er  ist ein Sänger und ein Bildner, und die Beimischung des goldigen Humors gibt keinen schlechten Dreiklang. . .“

Karl Kraus