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Mittwoch, 16. August 2023

Friedrich Christoph Heinle: Tausend lächelnde Gebärden

 



TAUSEND lächelnde Gebärden.
Und ein Spiegel ist mein Herz,
Näher muss die Ferne werden
Und ein Schimmer schöner Erden,
Linder Regen jeder Schmerz.
So vollenden sich die Tage:
Lang vergaß ich jede Klage.
Und die Taten sind ein Scherz,
Denn die Stunde darf nicht währen,
Nimmer wir zurückbegehren,
Also spielt ein großes Herz.

Friedrich Christoph Heinle, aus dem Nachlass von Ludwig Strauss, Drei frühe Gedichte

Arieh Ludwig Strauss, geboren am 28. Oktober 1892 in Aachen; gestorben am 11. August 1953 in Jerusalem, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler

Friedrich Christoph Heinle, geboren am 1. März 1894 in Mayen, gestorben am 8. August 1914 in Berlin, aus dem Nachlass von Walter Benjamin

Walter Benjamin verwahrte Heinles Nachlass und bemühte sich nach dem Tod des Freundes viele Jahre lang vergeblich um eine Veröffentlichung. 

Das Bild ist von William Degouve de Nuncques (1867 - 1935)

Dienstag, 24. Januar 2023

Friedrich Christoph Heinle: Erfüllte Sehnsucht / Der Tannen Grün. . . / Es steigt der Tag . . .

 


Erfüllte Sehnsucht

Die Nacht wird farblos und der Schatten schweigt
Still Herz, sag niemand dass der Morgen steigt
Ein Flimmern rings als wogte dort ein See
Sacht fließen Düfte wie von zartem Weh
Ich will mich bergen dass mich nichts errät
Dass nur der Wind in meine Stille weht
Dass nur der Regen an mein Fenster rinnt
Drin all die Seufzer meine Schwestern sind.

* * *

Der Tannen Grün in Falten schwerer Samt
Vor dumpfem Trüben, das die Wolke legt
Der Bäume Schwarz ist hart und unbewegt
Von keinem Schatten ist der Weg verrammt
Nur manchmal dass die Wolke jäh sich schlitzt
Ein Schein der Perlen an den Zweigen blitzt
Des Mannes Schatten der den Karrn bewegt
Ein Klöppel langsam auf und niederschlägt.

* * *

Es steigt der Tag, aus wirrem Traum, befreit,
Zu schlanker Zier, gleich angeschlagnem Ton
Der sich erhält, dem Ohr verloren schon,
Und lehnt uns süß in bunte Helligkeit,

Indes wir trauern um der Nächte Tod
Wo zwischen Bäumen in verglastem Strahl
Die Stadt, gekrönte, Funken sonder Zahl
Und flammender Basteien Gipfel bot.

Wir schlafen lang ins tiefe Abendrot
Und gehen aus, bis in die kühlste Flut
Der Leib versinkt und nun getröstet ruht
In leichter Wellen mildem Spiel und Tod.

Friedrich Christoph Heinle, aus dem Nachlass von Walter Benjamin

Friedrich Christoph Heinle wurde 1894 in Mayen in der Eifel geboren und starb am 8 August 1914 in Berlin. Er studierte Philologie in Göttingen und in Freiburg im Breisgau, wo er im Sommer 1913 Walter Benjamin kennenlernte.

Beide arbeiteten für den Anfang, die Zeitschrift der Jugendbewegung um den Reformpädagogen Gustav Wyneken, und gingen zum Wintersemester 1913/14 nach Berlin. Wie schon in Freiburg, so betätigten sie sich auch hier in der Freien Studentenschaft, einem linken Flügel der Jugendbewegung. Gemeinsam bestritten sie am 1.11.1913 einen Auftritt der linksalternativen Zeitschrift Die Aktion, die zwei Jahre zuvor von Franz Pfemfert gegründet worden war und sich rasch zum Sammelbecken von Aktivisten links von der SPD entwickelte hatte.

Acht Tage nach Beginn des Ersten Weltkrieges wählten Friedrich Heinle und seine Lebensgefährtin Friederike Seligson den Freitod. Benjamin hütete Heinles literarischen Nachlass, musste ihn jedoch vor seiner Flucht vor den Nationalsozialisten in Berlin zurücklassen. Auf der Flucht wählte auch er den Freitod.

Franz Pfemfert gelang die Flucht nach Mexiko. Nach der Befreiung kümmerte sich ein weiterer Emigrant, der in Jerusalem lebende Literaturwissenschaftler Werner Kraft, um Heinles Erbe. Noch immer fehlt eine Edition der Werke und Briefe des Dichters.

Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Iurlionis (1875 - 1911) 

Friedrich Christoph Heinle: Abend am Fenster / Es steigt der Tag. . .

 


Abend am Fenster

Licht umspielten dich Gedanken –
Schüsse dröhnen dumpf und nah,
Dass die Fenster klirrend wanken:
Tiefverdunkelt stehst du da:

Leise hellen sich die Scheiben,
Drin die Lampe mild erscheint,
An verschwommnen Schatten treiben
Kleine Lichter wie verweint.

* * *

ES STEIGT DER TAG, aus wirrem Traum, befreit,
Zu schlanker Zier, gleich angeschlagnem Ton
Der sich erhält, dem Ohr verloren schon,
Und lehnt uns süß in bunte Helligkeit,

Indes wir trauern um der Nächte Tod
Wo zwischen Bäumen in verglastem Strahl
Die Stadt, gekrönte, Funken sonder Zahl
Und flammender Basteien Gipfel bot.

Wir schlafen lang ins tiefe Abendrot
Und gehen aus, bis in die kühlste Flut
Der Leib versinkt und nun getröstet ruht
In leichter Wellen mildem Spiel und Tod.

Friedrich Christoph Heinle, aus dem Nachlass von Walter Benjamin

Christoph Friedrich Heinle, geboren am 1. März 1894 in Mayen, gestorben am 8. August 1914 in Berlin

Heinle begann ein Studium der Philologie in Göttingen und setzte es im Sommersemester 1913 in Freiburg im Breisgau fort. Dort begegnete er Walter Benjamin, mit dem er bis zu seinem Tod, trotz mancher Schwierigkeiten und Verstimmungen, eng befreundet blieb.
Heinle und Benjamin arbeiteten für den Anfang, die Zeitschrift der Jugendbewegung um Gustav Wyneken. Zum Wintersemester 1913/14 wechselten sie an die Universität Berlin. Wie schon in Freiburg waren sie auch hier gemeinsam in der Freien Studentenschaft tätig, besonders in deren „Abteilung für Kunst und Literatur“. Heinle und Benjamin traten gemeinsam auf Veranstaltungen der expressionistischen „Aktion“ auf. Einzelne Gedichte Heinles wurden 1912 und 1913 publiziert. Wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs und wahrscheinlich aus Verzweiflung über dessen vorhergesehene Folgen nahmen sich Christoph Friedrich Heinle und seine Freundin Friederike (Rika) Seligson durch Gas das Leben.

Walter Benjamin verwahrte Heinles Nachlass und bemühte sich nach dem Tod des Freundes viele Jahre lang vergeblich um eine Veröffentlichung. (Wiki)
Walter Benjamin, geboren am 15. Juli 1892 in Berlin; gestorben am 26. September 1940 in Portbou, Spanien, Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer,
1933 entzog er sich als säkularisierter Jude der NS-Herrschaft und ging ins Pariser Exil. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutschen Truppen nahm er sich auf einer missglückten Flucht in der spanischen Grenzstadt Portbou das Leben.

Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Ciurlionis (1875 - 1911) 

Mittwoch, 9. Februar 2022

Friedrich Christoph Heinle: Lange Nacht

 


Friedrich Christoph Heinle, aus dem Nachlass von Ludwig Strauss, Drei frühe Gedichte

Arieh Ludwig Strauss (eigentlich Strauß, Pseudonym Franz Quentin, Strawotsch, Arijeh ben Menachem) (* 28. Oktober 1892 in Aachen; † 11. August 1953 in Jerusalem) war ein deutscher Schriftsteller und Literaturwissenschaftler jüdischer Herkunft.

Christoph Friedrich Heinle, geboren am 1. März 1894 in Mayen, gestorben am 8. August 1914 in Berlin

Heinle begann ein Studium der Philologie in Göttingen und setzte es im Sommersemester 1913 in Freiburg im Breisgau fort. Dort begegnete er Walter Benjamin, mit dem er bis zu seinem Tod, trotz mancher Schwierigkeiten und Verstimmungen, eng befreundet blieb.

Heinle und Benjamin arbeiteten für den Anfang, die Zeitschrift der Jugendbewegung um Gustav Wyneken. Zum Wintersemester 1913/14 wechselten sie an die Universität Berlin. Wie schon in Freiburg waren sie auch hier gemeinsam in der Freien Studentenschaft tätig, besonders in deren „Abteilung für Kunst und Literatur“. Heinle und Benjamin traten gemeinsam auf Veranstaltungen der expressionistischen „Aktion“ auf. Einzelne Gedichte Heinles wurden 1912 und 1913 publiziert. Wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs und wahrscheinlich aus Verzweiflung über dessen vorhergesehene Folgen nahmen sich Christoph Friedrich Heinle und seine Freundin Friederike (Rika) Seligson durch Gas das Leben.

Walter Benjamin verwahrte Heinles Nachlass und bemühte sich nach dem Tod des Freundes viele Jahre lang vergeblich um eine Veröffentlichung. (Wiki)

Das Bild ist von Elihu Vedder (1836  -  1923)