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Freitag, 18. Oktober 2024

Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke aus einem Brief an Mathilde Vollmoeller

 



Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke aus einem Brief an Mathilde Vollmoeller:

Mathilde, deine Augen, tief und klar, wie Sterne, die im Dämmerlicht erwachen,
sie flüstern mir von fernem Wunderjahr, und Schatten fliehen vor dem Sorgemachen.
In deinem Blick liegt eine leise Trauer, die Melancholie vergangener Zeiten,
wie eine Rose in des Herbstes Schauer, der letzte Blütenblätter sanft entgleiten.
Dein Lächeln, still wie eines Engels Traum, verhallt in dieser Welt voll Hast und Drängen,
ein Hauch von Ewigkeit im Weltenraum, wo Seelen sich im Sternenstaub vermengen.
Dein Wesen ist ein zartes Licht, das durch die Finsternis der Welt uns leitet,
ein Funke Hoffnung, der im Dunkeln bricht, wenn Sehnsucht uns im Innersten bestreitet.
Ersehnte, Lied in stiller Nacht, das sanft den schweren Geist umschwebt,
dein Dasein wie ein Flügelschlag erwacht, der in die Unendlichkeit des Seins erbebt.

In ewiger Zuneigung
Dein Rainer Maria


Hier der vorausgehende Text des Briefes:

Florenz, im März 1908

Meine geliebte Mathilde,

jeder Tag ohne Dich scheint mir wie eine Ewigkeit, ein unermesslicher Raum, der nur von der Sehnsucht nach Dir gefüllt wird. In den stillen Momenten, wenn die Welt um mich her verstummt, höre ich das Echo Deines Lachens, das wie ein zarter Windhauch meine Seele umweht.

Dein Bild ist in meinem Herzen eingraviert, und Deine Anwesenheit umgibt mich wie ein unsichtbarer Schleier, der mich vor der Härte der Welt schützt. Deine Augen, so tief wie die unergründlichen Meere, schenken mir einen Halt, der mich durch die stürmischsten Tage trägt. Deine Stimme, ein melodisches Flüstern, beruhigt meinen rastlosen Geist und lässt mich die Schönheit in den kleinsten Dingen erkennen.

Mathilde, Du bist die Muse meiner Gedichte, der Atem meiner Inspiration. In jedem Vers, den ich schreibe, fließt Deine Essenz mit ein, wie ein Fluss, der sein Ufer nährt. Ich erinnere mich an die Abende, die wir in Paris zusammen verbrachten, an denen wir die Kunst in all ihren Formen zelebrierten und die Zeit sich in einem Tanz verlor, der nur für uns beide existierte.

Ich sehne mich nach dem Tage, an dem wir uns wiedersehen werden, wenn ich Deine Hand in meine nehmen kann und wir gemeinsam den Pfad der Wollust beschreiten. Bis dahin bleibt mir nur der Trost Deiner Briefe, die ich mit unendlicher Freude und einem Hauch von Traurigkeit lese, da sie nur ein Schatten Deiner wirklichen Gegenwart sind und mir nichts bleibt, als mir selbst die Hand anzulegen. Ach, Geliebte …

Ich hoffe, dass diese Zeilen Dich erreichen und Dein Herz erwärmen, wie Deine Worte es immer für mich tun. Bleib stark, meine Liebe, und wisse, dass meine Gedanken stets bei Dir sind, egal wie weit wir voneinander entfernt sein mögen. Als kleine Geste meiner diskreten Sehnsucht sende ich Dir wiederum einige Verse. Mögen sie Dein Wohlgefallen finden!

Aus: Rilke Forum, Juni 2024 (das Original befindet sich derzeit unter Verschluss im Graphologischen Institut der Universität Jena)

Mathilde Vollmoeller-Purrmann, geboren am 18. Oktober 1876 in Stuttgart; gestorben am 17. Juli 1943 in München, Malerin der Moderne. Sie war ab 1912 die Ehefrau des Malers Hans Purrmann.

Mathilde Vollmoeller unternahm literarische und musikalische Versuche. 1897 zog sie nach Berlin zu ihrem Bruder Karl Gustav, der dort studierte, und nahm Unterricht in Malerei bei Sabine Lepsius und Leo von König. Im November 1897, als Stefan George zum ersten Mal im Hause des Malerehepaares Sabine und Reinhold Lepsius in Berlin aus eigenen Werken las, lernten sich Rainer Maria Rilke und Mathilde Vollmoeller kennen. Die aus 99 Briefen bestehende Korrespondenz zwischen Mathilde Vollmoeller und Rainer Maria Rilke, die mit ihrem Umzug nach Paris 1906 einsetzte und bis 1920 andauerte, wurde als Buch herausgegeben.

Thomas Theodor Heine, der Mitherausgeber des Simplicissimus, hatte schon früh den Zorn der Nationalsozialisten auf sich gezogen. 1933 stand er deshalb auf den Verhaftungslisten der Gestapo. Heine floh von München nach Berlin, wo ihn die Familie Purrmann einige Wochen in ihrer Wohnung versteckte. In dieser Zeit verstarb ein entfernter Verwandter Mathilde Vollmoeller-Purrmanns in Graz. Sie reiste dorthin und brachte dessen Reisepass mit. Hans Purrmann präparierte diesen dann so, dass Heine damit nach Prag ausreisen konnte. Nach 1935 ging das Ehepaar ins Exil nach Italien.

Mathilde Vollmöller ist eine der Schwestern von Karl Gustav Vollmoeller.

Das Portrait der Künstlerin ist von Sabine Lepsius (1864 - 1942)

Dienstag, 23. Mai 2023

Gutti Alsen: Einfache Weise / Rainer Maria Rilke: Volksweise

 



Einfache Weise


Es ist soviel Leid in der Welt,
Einer kann es nicht tragen,
Es geht bis ans Ende der Welt
Ein Weinen und Klagen.
Kann’s einer - nicht tragen allein,
Reicht euch alle die Hände
Über Meere, über Felsgestein
Dann kommt die Wende!

Gutti Alsen, aus: Oberbarnimer Kreiskalender 1930

Gutti Alsen (Gustava Aschkanasy), geboren am 4. September 1869 in Königsberg (heute Kaliningrad), gestorben am 24. Mai 1929 ebendort, Erzählerin, Lyrikerin und Übersetzerin. Einer angesehenen Kaufmannsfamilie entstammend, machte sie sich als Künstlerin und Förderin der Literatur – durch literarische Salons und durch die Unterstützung von Autorinnen und Autoren – einen Namen. Sie veröffentlichte Texte in der Zeitschrift Die Flöte und darüber hinaus einen Roman und zwei Novellenbände. Posthum erschienen zwei weitere Publikationen, darunter 1929 Requiem. Das schwarze Lied, ein Roman, der ihrer Tochter gewidmet ist, die im Alter von zwanzig Jahren verstarb. Dieser Roman wurde 2019 im homunculus-Verlag neu herausgegeben.

»Die trübe Melodie der Harmonika ist zum kleinen Kinderlied geworden, das in mein aufschreiendes Herz schlägt. So will ich versuchen, dich heraufzubeschwören aus deinem Verschwundensein. So will ich versuchen, dein Wesen widerzuspiegeln. Dass ein Buch dich durch die vielen Jahrzehnte trage, die dir geraubt sind. Dass du auferstehst, wenn auch als Schatten, für dieses Geschlecht. Und vielleicht die überdauerst, die heute stark sind an Leben und Gut.«

Auch ihr Tagebuch-Roman Die Mutter – Blätter aus dunklen Tagen wurde 2020 bei Hofenburg, Berlin, von Karl-Maria Guth neu herausgegeben

„Uhren und Glocken gingen dann und wann leise in kurzer Zwiesprache nebeneinander. Wir saßen auf gläsernem Vorbau des Hauses, nippten von alten Weinen, redeten von Kunst und Sehnsüchtigkeiten und schwiegen lange, vom Dichten, vom Getöne und von den Bildern des Heute durchklungen.

Da stieg vom Küchengeschoß ein Lied zu uns auf, fremd und zehrend und leidbeschwert. Der Hausherr richtete sich stehend hoch auf und ging zum Fenster. Gequältheit über den sonst so beherrschten Zügen, lauschte er in den Traumglanz des Mondgartens, lauschte. . . Dann schob er seinen Lehnstuhl uns nahe, und ich hörte ihn die Rilkeschen Verse klagen:

Mich rühret so sehr
Böhmischen Volkes Weise;
Schleicht in das Herz sich leise,
Macht sie es schwer.

Wenn ein Kind sacht
Singt beim Kartoffeljäten,
Klingt dir sein Lied im späten
Traum noch in der Nacht.

Magst du auch sein
Weit über Land gefahren,
Fällt es dir doch nach Jahren
Stets wieder ein

Langsam entquollen die Silben seiner zerquälten Stimme, als müsse der Schönheit dieser Nacht eine Opferung werden.“

Gutti Alsen, aus: Die Mutter - Blätter aus dunklen Tagen, Im Wir Verlag, Berlin 1922

Freitag, 31. März 2023

Hanns von Gumppenberg: Der Gefangene (Nach Rainer Maria Rilke)

 



Der Gefangene

Nachtbild aus einem italienischen Hotel


Meine Hand hat nur noch eine
Gebärde, mir der sie verscheucht –
Über meine Beine
Kommt, was hüpft und kreucht.

Ich höre das hastige Ticken
Der Uhr – mein Herz hält Schritt..
Vor ersten Tagesblicken
Vergeht, was dunkel ich litt!

Tickt' es doch noch schneller!
Kommt da wieder ein Tier?
Wird es nicht schon heller?
Aber was wissen wir ...

Nach Rainer Maria Rilke

Aus: Hanns von Gumppenberg, Das Teutsche Dichterross in allen Gangarten vorgeritten. Verl. der Deutsch-Französischen Rundschau, München 1901.

Hanns von Gumppenberg, geboren am 4. Dezember 1866 in Landshut; gestorben 29. März 1928 in München, Dichter, Übersetzer, Kabarettist und Theaterkritiker. Er benutzte die Pseudonyme Jodok und Professor Immanuel Tiefbohrer.

Portrait von Rainer Maria Rilke: Leonid Pasternak (1862 - 1945)

Dienstag, 24. Januar 2023

Rainer Maria Rilke: Solang du Selbstgeworfnes fängst

 


Solang du Selbstgeworfnes fängst

Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
Geschicklichkeit und lässlicher Gewinn -;
erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
den eine ewige Mit-Spielerin
dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
aus Gottes großem Brücken-Bau:
erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, -
nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar
zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest
nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
und schon geworfen hättest, . . . wie das Jahr
die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
die eine ältre einer jungen Wärme
hinüberschleudert über Meere -, erst
in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
der Meteor und rast in seine Räume. . .

Rainer Maria Rilke

Das Bild ist von der 2016 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch

Sonntag, 6. Februar 2022

Rainer Maria Rilke: Frau Carry Brachvogel

 


Rainer Maria Rilke (1875  - 1926), aus: Advent, Leipzig 1898


 

Karoline „Carry“ Brachvogel, geboren am 16. Juni 1864 in München, sie wurde am 23. Juli 1942 mit dem Transport II/18 in das KZ Theresienstadt deportiert. Die damals 78-Jährige überlebte die verheerenden sanitären Zuständen in dem Konzentrationslager nur wenige Monate; laut Totenschein starb sie am 20. November 1942 an Altersschwäche.

Das Bild ist von Aristarch Wassiljewitsch Lentulow (1882  -  1943)

Mittwoch, 26. Januar 2022

Rainer Maria Rilke: Die roten Rosen waren nie so rot. . .


Die roten Rosen waren nie so rot
Als an dem Abend, der umregnet war.
Ich dachte lange an dein sanftes Haar. . .
Die roten Rosen waren nie so rot.

Es dunkelten die Büsche nie so grün
Als an dem Abend in der Regenzeit.
Ich dachte lange an dein weiches Kleid. . .
Es dunkelten die Büsche nie so grün.

Die Birkenstämme standen nie so weiß
Als an dem Abend, der mit Regen sank;
Und deine Hände sah ich schön und schlank. . .
Die Birkenstämme standen nie so weiß.

Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land
An jenem Abend, den ich regnen fand;
So hab ich mich in deinem Aug erkannt. . .
Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land. . .

Rainer Maria Rilke, geboren am 4. Dezember 1875 in Prag, gestorben am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz.

Rainer Maria Rilke schrieb in seinem Tagebuch 1902: „Ich sagte, daß besonders eines mich so unheimlich berührte: die starken Farben, die ohne Sonne, wenn nirgends mehr strahlendes Licht ist, ausdauern. Das war an den Tagen mit grauem Himmel, der leise regnete: Aber deshalb war nichts verblichen oder ungewiß geworden, im Gegenteil. Nur noch lauter wurden alle Farben; das Violett der großen Heideflächen bekam samtene Nuancen von warmer Tönung, und irgendeine Ziege, die über die Heide ging, war weiß wie aus Elfenbein. Ganz unabhängig von dem fahlen Himmel spielte sich die Erde in ihren lebendigen bunten Farben ab, und sogar ihre Fernen verschwanden nicht im Nebeln. Dunkelbraun stand das Dach der großen Mühle vor den Wolken, und ihre starken Arme zeichneten ein deutliches Kreuz. Und was nicht im Fernen hätte wirken können, schien sich näher heranzuschieben; eine Hütte, rot mit grünem Rahmenwerk, mit ihrem moosigen Strohdach, eine große Kastanie, auf der die lichten Fruchtschalen im hängenden Blattwerk deutlich erkennbar waren, ein dunkelnder Busch an der schattigen Eingangstür und eine einzige rote Georgine in ihm, brennend vor Reife“ Direkt darauf folgten dann obige Verse. Sie waren an Paula Modersohn-Becker gerichtet.



 
Das Foto zeigt Paula Modersohn-Becker (1876  -  1907) in der Worpsweder Landschaft, das Bild ist von ihr.