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Freitag, 29. Dezember 2023

Gustav Sack: Abend

 



Abend

Und wieder ein Abend; ein Tag in das Nichts,
das grenzenlose Nichts gerollt -
in den bleiernen Wolken ein Sterben des Lichts
und über den Wäldern der Mond, gelb wie altfränkisches Gold.

Nun dunkelt es schnell; ein Wind macht sich auf
und rasselt im Schiefergedäche am Turm -
kopfüber purzelt der Tage Lauf
vor der Ewigkeit drohendem Sturm.

Gustav Sack, aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden, herausgegeben von Paula Sack, Zweiter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1920

Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.


Das Bild ist von Félix Vallotton (1865 - 1925)

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Gustav Sack: Die Zeit

 



Die Zeit

Noch kommt mit der Unsterblichkeit gepaart
die Zukunft ewig strömend zu dir her
und schafft auf ihrem unbewegten Meer
in dir den Wellenschaum der Gegenwart;

sie prallt in unergründlich schneller Fahrt
aufgischend an an deiner Seele Wehr
und bricht durch dich in einem Sturze, der
schon als Vergangenheit sich offenbart.

Bis eines Tages sich der Schaum zerstreut
und deiner Seele Balkenwerk zerfällt -
und Strom ist nicht mehr Strom, still steht die Zeit:

fort strömt die Zeit und trägt die tote Welt
auf ungeteilter Flut zur Ewigkeit,
wo sie mit ihrer Last als Wort zerschellt.

Gustav Sack, aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden, herausgegeben von Paula Sack, Zweiter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1920

Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.

Die Illustration ist von Cristoforo de Predis (1440 - 1486)

Dienstag, 5. Dezember 2023

Gustav Sack: Der Traum

 



Der Traum

Er kam von Nirgendwo, er nahm mir leise
der Dinge Metermaß und Stundenglas
und gab mir, was ich lange schon vergaß,
zurück in wundersam verzerrter Weise:

Was einst ich stammelnd schrieb zu deinem Preise,
wird jetzt ein Jauchzen ohne Ziel und Maß -
ob deine Nacktheit, die ich nie besaß,
tanzt um mich weiße, fieberwilde Kreise!

Sie tanzt - ! du rast, du bist ganz tolle Glut,
umwogt von deines Haars wildgoldnen Strähnen
umkreist mich deine liebesgierge Wut

gleich einem Roß mit strumzerzausten Mähnen - -
oh schönen Traumes heiße Bilderflut,
aus der ich aufwach unter bitteren Tränen!

Gustav Sack, aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden, herausgegeben von Paula Sack, Zweiter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1920

Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.

Mittwoch, 4. Oktober 2023

Gustav Sack: Herbst

 



Herbst

Die Schwalben sammeln lärmend ihre Züge
und stieben von den Telegraphendrähten,
als ob der Herbst mit Daunenkissen schlüge
und wirbelnd aus den aufgeplatzten Nähten
die weiße Wolle in den Himmel würfe.

Dann fliegen sie in ferne Palmenländer –
und eine Krankheit wird die Welt befallen,
bis über ihre purpurnen Gewänder
die hohlen Winde aufeinander prallen
und lange Nächte durch unsinnig wüten.

Und hangend wie in ungeheuren Schächten,
wirst du mit weiten Augen lauschend liegen
in diesen lauten windewilden Nächten;
kein Arm wird sich um deine Schulter schmiegen,
und dir wird sein, als ob dein Herz zerfiele.

Gustav Sack Aus der Sammlung Die drei Reiter, Gedichte 1913 bis 1914, Gesammelte Werke Band 2, S. Fischer Verlag, Berlin 1920

Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.

Das Bild ist ein Frühwerk von Piet Mondrian (1872 - 1944)

Dienstag, 24. Januar 2023

Gustav Sack: Der Herbst

 


Der Herbst

So komm, du wilder West,
und sing geheimnisvoll und runenkundig
in meinen Kiefern und Wacholderbüschen
das uralt düstere Jahreslied des Todes!
Und reiß aus meinem Herz des Sommers Freuden,
reiß sie gleich müd gewordenen Blättern ab,
auf daß mein Fuß sie raschelnd von sich stoße.
So wie von jenem Ahorn taumelnd dort
die schwarzgefleckten Blätter landwärts wirbeln,
laß all des Sommers gaukelnde Gestalten
zu krausen Scharen windgewiegt
ins graue Land Vergessenheit hinflattern!
Und dann, oh West, oh wilder West,
saug aus des Weltmeers weitgeebbten Brüsten
dir Sturmeskräfte hoch und schleudere mich
hohnlachend jenen Spukgestalten nach
und brause, laut aus vollen Lungen tobend,
über das Sommerglück, das du zerstört!

Gustav Sack Aus der Sammlung Die drei Reiter, Gedichte 1913 bis 1914, Gesammelte Werke Band 2, S. Fischer Verlag, Berlin 1920

Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.

Das Bild „Herbststurm“ (1912) ist von Leo Putz (1869 - 1940) 

Montag, 5. Dezember 2016

Gustav Sack - Bekenntnis, Bagatelle, Das Zauberlied

Das Bild ist von der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch (Zauberland?)


„Aber die Sonne beginnt schon senkrecht aus dem Himmel zu fallen, und der Schnee will schon wieder rot werden, die Enziane schließen ihre Blätter, und wir haben noch einen weiten Weg.“ (Aus dem Prosastück „Die Dirne“)

Am 5. Dezember 1916 starb der in Schermbeck (Niederrhein) geborene Lyriker und Schriftsteller Gustav Sack erst 31jährig an der Front in Finta Mare in Rumänien.

Bei Kriegsausbruch 1914 weilte Sack in der Schweiz und verweigerte zunächst den Kriegsdienst, kehrte dann aber im September 1914 nach Deutschland zurück und wurde eingezogen. Was hätten wir alles noch von ihm lesen können, wenn er in der Schweiz geblieben wäre?


Bekenntnis

Das sind mir Worte nur und Klänge,
künstliches Reflexionsgedränge,
das hat nicht Herz, nicht Poesie,
das läßt mich kalt, ich weiß nicht, wie.

Gewiß; denn dem Poet,
wie ihr ihn liebt und ihn versteht,
sprang noch die Welt nicht jäh entzwei
in Ding und Dinges Konterfei,
dem ist noch nicht die Welt verdorrt
zum hohlen Klang und dürren Wort,
der sieht noch nicht in jedem Ding
sich selbst, der in die Dinge ging,
der findet sich nicht ewig wieder,
der pinselt seine warmen Lieder
herzhaftig nach der Wirklichkeit,
nach Grund und Sinn und Raum und Zeit,
als ob das alles Dinge wären,
die plastisch aus dem Chaos gären
und ohne Zweifel so bestehn,
wie er sie eben stets gesehn.
Mir aber klirrend eins, zwei, drei
sprang diese schöne Welt entzwei
und ließ mir, nicht viel mehr als nichts,
den Wiederschein nur jenes Lichts,
das rätselhaft die Nacht durchfährt
und dann für immer wieder in sie kehrt,
zwecklos, sinnlos und gänzlich einerlei,
was es in Wahrheit wohl gewesen sei.
Darum ich denn die Poesie,
wie ihr sie pflegt, verlach', ich weiß nicht, wie.


Bagatelle

In eine neue Bude zog ich ein!
Ein schiefer Tisch, ein krummer Stuhl,
eines wackligen Bettes Unzuchtpfuhl –
in diese Bude zog ich ein.
Garküchen unter mir und Kegelbahnen,
mir gegenüber 'ne verdreckte Wand
und über mir ein kleines blaues Band
mit feinen weißen Wolkenfahnen.
Was soll ich hier? Was will, was kann ich hier?
Doch so war's immer schon:
Armut und Dreck und wie zum Hohn
leuchtet ein Fetzen Himmel mir.


Das Zauberlied

Wohin du gehst, du wirst mir nie entgehen,
denn meiner Sehnsucht feine Witterung
wird schneller, als du glaubst, den kühlen Sprung
in das verführerische Land verstehen,

in dessen ewig glatten Schattenseen
du dich vor mir geborgen wähntest – jung
und mittagheiß wird die Erinnerung
an deine Liebe brausend dich umwehen,

und wenn du aufwachst, siehst du mich, der dich
mit blanken Armen an das Ufer zieht
und dir mit einem Kuß, dem wehen Stich

der glühen Lanze gleich, das Zauberlied
einhaucht: uns schwanden längst schon Raum und Zeit,
was flüchtest du dich in die Ewigkeit?