Posts mit dem Label Wassily Kandinsky werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wassily Kandinsky werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 14. Dezember 2023

Wassily Kandinsky: Lied

 



Lied

Es sitzt ein Mann
Im engen Kreis,
Im engen Kreis
Der Schmäle.
Er ist vergnügt.
Er hat kein Ohr,
Und fehlen ihm die Augen.
Des roten Schalls
Des Sonnenballs
Er findet keine Spuren.
Was ist gestürzt,
Das steht doch auf.
Und was nicht sprach,
Das singt kein Lied.
Es wird der Mann,
Der hat kein Ohr,
Dem fehlen auch die Augen
Des roten Schalls
Des Sonnenballs
Empfinden keine Spuren.

Am 13. 12. 1944 starb in Neuilly-sur-Seine, Frankreich der 1866 in Moskau geborene Maler Wassily Kandinsky.

1913 erschien im Piper-Verlag (München) in einer Auflage von 345 Exemplaren sein als „musikalisches Album“ konzipiertes Buch „Klänge“. Darin sind 38 Prosagedichte, 12 farbige und 44 schwarz-weiße Holzschnitte abgedruckt. Es ist ein grenzgängerisches Werk zwischen Literatur und Malerei, die Texte waren in deutscher Sprache geschrieben.

Die Illustration ist aus diesem Werk.



Dienstag, 24. Januar 2023

Iwan Goll: Absolution

 


Absolution

Im dritten Jahrtausend kehrte Orpheus wieder.

Eine Kathedrale war ihm gebaut. Am roten Altar brannte
das Herz der Menschheit. Aus den knieenden Dielen blühten
Tulpen. Von der Erde quälten sich liebende Pfeiler los.

Feuerengel stürzten durch die gemalten Fenster. Asche schlug
mit glühenden Flügeln empor. Mensch schrie aus humpeln-
dem Elend auf.

Die Menschen hatten Jahrhunderte gewartet. Orpheus Kunst
war ihr Glaube geworden. Sie hatten sich geschlagen. Sie
hatten beten gelernt.

O nun riß sich jeder vom Alltag los. Orpheus brauchte nicht
mehr hinabzusteigen. Orpheus brauchte sich nicht mehr
umzublicken.

Alle, alle folgten seinem Gesang.

Die alte Dame, spitze Nase, das Ledertäschchen sorgsam
umfaßt in zerrissenen Handschuhn.

Der russische Sprachlehrer, noch an einem Stückchen Schoko-
lade vom Abendessen kauend.

Der Kommis, geflüchtet vom roten Plüschsofa einer Dirne:
von der Kreuzigung an die irdische Liebe.

Studenten aus den Lesesälen, wo sie die Zeit aus der Zeitung
gierig gefressen.

Kleine Mädchen fielen wie Veilchenbuketts in die Menge.

Arbeiter, in dicken Nagelschuhn, wuchsen aus den Säulen
stark.

Eine Witwe stahl sich vom Bett des kranken Knaben los und
flatterte irr im Wind der Menschen.

Der blonde Friseur hatte die schönste Krawatte an. Ein
Liftboy, in grüner Livree, stand am Tor, als öffnete er den
Schlag zur Himmelsarche.

Schuster hinkte herein. In seiner schwarzen Brille loderte der
ganze goldene Dom auf.

Die Kassiererin des Warenhauses hatte sich mit kleinem rosi-
gem Parfüm betüpfelt.

Zylinder in weißen Gamaschen monokelten herein.

Noch eine alte Dame. Die Schulknaben. Ein rothaariger
Zollbeamter.

Alle, alle. Aus den kalten Mansarden. Aus den rauchigen
Speisehallen. Aus den Werkstätten, Büros, Eßzimmern. Von
der Straße, vom Bahnhof, aus den Wartesälen.

Sie kamen alle. Sie drängten sich zu spät herein, gingen auf
den Fußspitzen.

Da ging ein Ton über die Welt.

Aus der Asche der Menschenbrust stieg ein Phönix durch
die Kathedrale.

Dieser Ton: ein tiefgoldenes Schluchzen: Ein Gewölbe tut sich
auf. Eine Geige setzt sich auf die Schultern des Bettlers. Eine
Hand lächelt dem Kranken. Eine weiße Taube zeigt sich dem
Blinden.

Der Ton fiel aus der Kuppel des Himmels: ein ferner Stern,
der zwei Hügel bekam und um die Erde flatterte wie der
königliche Saturn.

Dieser Ton war der Atem der Erde. Das ewige Geräusch in
den Menschen.

Das machte, daß alle Brüder und Schwestern waren, denn
sie stammten von demselben Ton ab.

Nie wieder konnten sie ihn vergessen. Derselbe Ton, der aus
schüchternen Klavieren im Sommer auf die Straße fällt - den
im Winter die Kinder zu Weihnacht stammeln.

Dieser Ton, Stimme der Narzissen, wenn Sonnenaufgang
über die Hügel tastet. Und abends die Klage des blutigen
Mohns über den verlassenen Äckern.

Dieser Ton - der ein Schrei war und ein Stöhnen. Die
Geburt und der Tod. Dieser Ton der Offenbarung.

Orpheus sang.

Die Menschen hatten sich alle geöffnet. Die Kathedrale
schimmerte von fließendem Blut. Durch Kleid und Hemd
zeigte ein jeder seines Herzens leuchtenden Gral.

Allen Geknechteten klirrten die Ketten. Alle Gottlosen hör-
ten den Himmel rauschen. Alle glaubten, glaubten, glaubten.

Die Schuld war von ihnen gefallen wie Schlaf am Morgen
von den Augen. Den Alltag hatte draußen Regen wegge-
schwemmt. Ewiges Fest bereitete sich vor.

Keiner war mehr allein. Nie wieder allein. Die Völker aufer-
standen in diesem kristallenen Dom. Der Himmel war nie-
dergekommen. Die Menschen küßten sich.

Fern in Nacht und Geschichte lag die tägliche Unterwelt.
Orpheus der Befreier sang. Er führte die Menschheit hinaus
zur Absolution.

Iwan Goll, aus: Der neue Orpheus - eine Dithyrambe, Verlag der Wochenschrift "Die Aktion" Berlin – Wilmersdorf 1918

Yvan Goll (auch Iwan oder Ivan Goll, eigentlich Isaac Lang; * 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; † 27. Februar 1950 bei Paris)

Das Bild ist von Wassily Kandinsky (1866 - 1944) 

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Wassily Kandinsky: Poesie / Sehen








Am 13. 12. 1944 starb in Neuilly-sur-Seine, Frankreich der 1866 in Moskau geborene Maler Wassily Kandinsky.

1913 erschien im Piper-Verlag (München) in einer Auflage von 345 Exemplaren sein als „musikalisches Album“ konzipiertes Buch „Klänge“. Darin sind 38 Prosagedichte, 12 farbige und 44 schwarz-weiße Holzschnitte abgedruckt. Es ist ein grenzgängerisches Werk zwischen Literatur und Malerei, die Texte waren in deutscher Sprache geschrieben.


Poesie

Die Blüten der Poesie sind überall verstreut.
Versuch’, sie zu einem immergrünen Kranz zu flechten.
Du bist gefesselt, trotzdem bleibst du frei.
Du bist allein, trotzdem bist du nicht einsam.


Sehen

Blaues, Blaues hob sich und fiel.
Spitzes, Dünnes pfiff und drängte sich ein, stach aber nicht durch
An allen Ecken hat’s gedröhnt
Dickbraunes blieb hängen scheinbar auf alle Ewigkeiten.
Scheinbar, Scheinbar.
Breiter sollst Du deine Arme ausbreiten.
Breiter, Breiter.
Und dein Gesicht sollst du mit rotem Tuch bedecken.
Und vielleicht ist es noch gar nicht verschoben: bloß du hast dich verschoben.
Weißer Sprung nach weißem Sprung.
Und nach diesem weißen Sprung wieder ein weißer Sprung.
Und in diesem weißen Sprung ein weißer Sprung. In jedem weißen Sprung ein weißer Sprung.
Das ist eben nicht gut, das du das Trübe nicht siehst: im Trüben sitzt es ja gerade.
Daher fängt auch alles an.......................................................................................
..................Es hat gekracht.....................................................................................


Kandinsky in „Das Geistige in der Kunst“: Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen in das Unendliche (…). Sehr tiefgehend entwickelt das Blau das Element der Ruhe. Zum Schwarzen sinkend, bekommt es den Beiklang einer nicht menschlichen Trauer.