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Mittwoch, 6. September 2023

Paul Zech: Deine Augen sind ein Korngrün weit. . .

 



Deine Augen sind ein Korngrün weit . . .

Deine Augen sind ein Korngrün weit,
Zart Gewordnes, das den Mai erfuhr.

Jeder Tag weckt eine neue Gnade,
ein Erlösen mehr im Blickgelände
mit dem weißen Lerchenlied der Hände.

Deine Augen sind ein Korngrün weit
und ein Lächeln zieht darin die Spur
süßverliebter Pfade.

Jede Bitte, die ich heiß in Deine Augen strahle,
schwillt zur Frucht,
zwängt sich reif durch eine schmale
kußbereite Bucht.

Deine Augen sind ein Korngrün weit.

Spannt die Nacht darüber sternbestickte Tücher,
wächst verschwistertes Erglühn
aus dem Dom gewordnen Grün
und singt Psalme gottverbrämter Bücher.

Aus: Die eiserne Brücke , Neue Gedichte von Paul Zech, Verlag der Weißen Bücher Leipzig 1914

Paul Zech, geboren am 19. Februar 1881 in Briesen (Westpreußen), gestorben am 7. September 1946 in Buenos Aires, bevor er aus dem Exil nach Deutschland zurück kehren konnte.

Das Bild „Mädchen mit blaugrünen Augen“ ist von Julie Wolfthorn, (auch Wolf-Thorn, geborene Wolf oder Wolff), geboren am 8. Januar 1864 in Thorn, Westpreußen; gestorben am 29. Dezember 1944 im KZ Theresienstadt) war eine deutsche Malerin, Zeichnerin und Grafikerin der Moderne. Als Jüdin wurde sie ein Opfer der Shoa. Bis auf wenige Bilder in den Depots deutscher Museen galt ihr umfangreiches Werk lange Zeit als verschollen und wurde erst Anfang 2000 wiederentdeckt.

Samstag, 4. März 2023

Paul Zech: Ein jäher Sonnenschauer. . .

 


Ein jäher Sonnenschauer gab den Winterresten
Den Todesstoß. Da schmolz der Schnee zu Schaum;
Und Südwind kam und fing sich in den braunen Ästen
Und hoch vom Wipfel bis zum Wurzelflaum,
Ging wundersüßes Zucken nach den Blütenfesten.
Aufbrausend stieg der junge Saft: Gebt Raum!
Und sieh, bevor noch eine Lerche sang,
Stand schon mein Wald im Knospenüberschwang.

Paul Zech, geboren am 19. Februar 1881 in Briesen (Westpreußen), gestorben am 7. September 1946, Dichter und Übersetzer. Durch seine Erlebnisse im ersten Weltkrieg wandelte er sich zum Pazifisten. Bekannt wurde er durch Nachdichtungen, unter anderem von François Villon.1933 ging er ins Exil nach Buenos Aires, wo er starb, bevor er nach Deutschland zurückkehren konnte.

Ein jäher Sonnenschauer . . .: aus seinem ersten veröffentlichten Gedichtband „Waldpastelle“, Lyrisches Flugblatt, Verlag A. R. Meyer, Berlin 1910

Das Bild „Early Spring - High Water“ ist von Alexei Sarvrasov (1830 - 1897)


Dienstag, 14. Februar 2023

Paul Zech: Morgenweihe

 


Morgenweihe

Das blaue Zwielicht will in Gold zergehn.
Ich höre schon die eichnen Türen schlagen
und frischen Wind vor meinem Fenster wehn.

Nun möchte ich durch das verklärte Land
Sturm laufen und Dir den Frühgruß sagen,
doch eine fromme Scheu hält mich gebannt.

Vielleicht erschreckt mein aufgeregtes Blut
Dein Herz, das von Empfindsamkeit getragen,
noch in den schönsten Purpurträumen ruht.

Will nur wie eine Glocke sein, die sich
durch die gedämpfte Morgenweihe tastet
und leise, leise klingeln: "Liebst Du mich …?"

Indes das Leben fern vorüberhastet.

Paul Zech (1881 - 1946), deutscher Schriftsteller und Übersetzer, aus: Die eiserne Brücke. Neue Gedichte von Paul Zech, 1914

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Samstag, 11. Februar 2023

Paul Zech: Die Kugel kam geflogen. . .

 


Die Kugel kam geflogen. . .
Da sprang ein Strom heraus so rot.
Die Nacht stieg aus den Wogen
und hob uns in das schwarze Boot.

Die hohlen Ufer klangen
im Wind wie eine Herbstallee.
Gottalte Himmel sprangen,
Äonen riefen: Erde, steh!

Nun stehn wir Hergereisten
erwacht aus zauberischem Traum
und heben die verwaisten
Gesichter auf in soviel Raum.

Und finden uns nicht wieder,
wir sehn nur lauter Licht.
Wir horchen tiefer nieder
und fühlen uns noch immer nicht.

O ihr noch rot in Schlachten
von Rauch und Eisen überballt,
o ihr in nachtdurchwachten
Witwengemächern kalt und alt;

o alle ihr in uns Gelebten,
Urbruder und Urfeind -:
da wir von euch entschwebten
durchstoßen und beweint

und schon verschattet fuhren,
war noch ein Hauch von Mensch und Tier. . .
Jetzt sind die bunten Spuren
gelöscht. Jetzt sind wir nicht mehr wir.

Um uns ist keine Ferne,
von uns geht keine Wiederkehr.
Wir sind nur Mond und Sterne,
wir sind nichts anderes mehr.

Paul Zech - Stimme des Sohnes (wie Gesang durch den Raum, aus: Der Flug in die Sterne, Fragment einer Szene, in Die Weißen Blätter, März 1915
Paul Zech, geboren am 19. Februar 1881 in Briesen (Westpreußen), gestorben am 7. September 1946 in Buenos Aires, bevor er aus dem Exil nach Deutschland zurück kehren konnte. Ab 1904 veröffentlichte er Gedichte in lokalen Zeitschriften, 1909 trat er in Briefkontakt mit Else Lasker-Schüler. Durch sie wurden ihm Publikationsmöglichkeiten in der von Else Lasker-Schülers Ehemann Herwarth Walden herausgegebener Zeitschrift Der Sturm eröffnet. 1912 konnte er Gedichte in der ersten lyrischen Anthologie „Der Kondor“, heraus gegeben von Kurt Hiller, unterbringen. Erfolgreich wurde er mit einem Band Nachdichtungen: „Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn Francois Villon“. 1933 emigrierte er nach Argentinien, wo er am 7. September 1946 in Buenos Aires verstarb.
Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935), aus dem Album "Krieg" (1914 - 1916)

Dienstag, 24. Januar 2023

Paul Zech: Novemberabend

 


Novemberabend

Zwielicht macht alle Ebenen blank wie Silberseen
Und überbrückt den schmalen Fluss
Der ganz ins Uferlose rückt.
Vertiefter Wolkenzug erdrückt
Den seufzenden Verdruss
In den erloschenen Alleen.

Turmuhren gehen ihren Kreisgang ohne Zeiger.
Am Kreuzweg, wo der Weiser wie ein Galgen drohte
Lärmt einer Krähe frostverschärfte Not:
Gebt Brot . . .
Der Wind ist aller Kümmernis Verschweiger.

Paul Zech (1881 - 1946), aus: Der Sturm, Nummer 77, 16 September 1911

Das Bild ist von Erich Nikutowski (1872 - 1921)

Paul Zech - Oh wundersame Zeit. . . / Der Tag / Else Lasker-Schüler: Paul Zech

 



Oh wundersame Zeit des Lichtgeschehens!
Der Wald ganz tief in Silberblau getaucht.
Und märchenseltsam, so wie hingehaucht
Im Zwielichtschein des leisen Nachtverwehens.

Wie Rätsel stehn die stumpfbeglänzten Bäume.
Der Weg fast wesenlos du ohne Ziel.
Und durch das vage Blätterschattenspiel
Flutet der Duftstrom blauer Veilchenträume.

Wie bist du keusch, o Wald, im Morgenfrieden.
Noch nie betretne Pfade geht mein Fuß.
Ich fühle mich ganz erdenabgeschieden.

Und Winde reden auf mich ein wie Geigen.
Und wie von Mädchenlippen einen Kuß,
So schlürf ich in mich Licht und Duft und Schweigen.

Paul Zech, die beiden ersten Gedichte von sechs aus seinem ersten veröffentlichten Gedichtband „Waldpastelle“, Lyrisches Flugblatt, Verlag A. R. Meyer, Berlin 1910

Der Tag

Die Nacht lang standen beide Fenster auf. . .
Es weht mich an, ich muß die Lider heben -:
schon wieder bin ich einem Tag gegeben,
an ein Erleben unbefragt verkauft.

Es greift ein Strahl, es langt ein Baum nach mir,
in meinem Ohr versammelt sich die Straße
und um den Körper spannen sich die Maße
des Anzugs; angezogen stürzt das Tier

zurück auf alle Viere. Losgelassen!
Und doch auf einen Pfeifenschrei dressiert,
ummauert von dem herrischen Geviert

der Stadt mit täglich durchmarschierten Gassen.
Die Pfeife gellt -; Fabrik wird Wolke, Bach und Wald,
und noch dein Herz zum Fluch geballt.

Paul Zech, aus: Der feurige Busch, Musarion Verlag München, 1919

Paul Zech, geboren am 19. Februar 1881 in Briesen (Westpreußen), gestorben am 7. September 1946 in Buenos Aires, bevor er aus dem Exil nach Deutschland zurück kehren konnte. Ab 1904 veröffentlichte er Gedichte in lokalen Zeitschriften, 1909 trat er in Briefkontakt mit Else Lasker-Schüler. Durch sie wurden ihm Publikationsmöglichkeiten in der von Else Lasker-Schülers Ehemann Herwarth Walden herausgegebener Zeitschrift Der Sturm eröffnet. 1912 konnte er Gedichte in der ersten lyrischen Anthologie „Der Kondor“, heraus gegeben von Kurt Hiller, unterbringen. Erfolgreich wurde er mit einem Band Nachdichtungen: „Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn Francois Villon“. 1933 emigrierte er nach Argentinien, wo er am 7. September 1946 in Buenos Aires verstarb.

Paul Zech

Sing Groatvatter woar dat verwunschene Bäuerlein
Aus Grimm sinne Märchens.

Der Enkelsonn ist ein Dichter.
Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse.
Man kann sie in die Hand nehmen,

So hart sind die.
Sein Vers wird zum Geschick
Und zum murrenden Volk.

Er läßt Qualm durch sein Herz dringen;
Ein düsterer Beter.

Aber seine Kristallaugen blicken
Unzählige Male den Morgen der Welt.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945), aus: Gesammelte Gedichte, Verlag der Weißen Bücher, Leipzig 1917

Das Bild ist von der am 17. Februar 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.

Sonntag, 8. September 2019

Paul Zech: Fabrikstraße Tags / Im Dämmer / Meine Seele

Marianne Werfekin (1860 - 1938): Industrialisiertes Dorf (1912)


Fabrikstraße Tags

Nichts als Mauern. Ohne Gras und Glas
zieht die Straße den gescheckten Gurt
der Fassaden. Keine Bahnspur surrt.
Immer glänzt das Pflaster wassernaß.

Streift ein Mensch dich, trifft sein Blick dich kalt
bis ins Mark; die harten Schritte haun
Feuer aus dem turmhoch steilen Zaun,
noch sein kurzes Atmen wolkt geballt.

Keine Zuchthauszelle klemmt
so in Eis das Denken wie dies Gehn
zwischen Mauern, die nur sich besehn.

Trägst du Purpur oder Büßerhemd –:
immer drückt mit riesigem Gewicht
Gottes Bannfluch: uhrenlose Schicht.

Aus: Verkündigung, Anthologie junger Lyrik, Roland Verlag München Pasing 1920

Im Dämmer

Im schwarzen Spiegel der Kanäle zuckt
die bunte Lichterkette der Fabriken.
Die niedren Straßen sind bis zum Ersticken
mit Rauch geschwängert, den ein Windstoß niederduckt.

Ein Menschentrupp, vom Frohndienst abgehärmt,
schwankt schweigsam in die ärmlichen Kabinen;
indes sich in den qualmigen Kantinen
die tolle Jugend fuselselig lärmt.

Nocheinmal wirft der Drahtseilzug mit Kreischen
Den Schlackenschutt hinunter in die flachen
Gelände, drin der Schwefelsumpf erlischt.

Fern aber gähnen schon, vom Dampf umzischt,
des Walzwerks zwiegespaltne Feuerrachen –
und harrn des Winks den Himmel zu zerfleischen.

Meine Seele

Meine Seele fließt zu Dir hinaus,
bis sie silbern wie ein Sternlein wird.
Mein Begehren rankt sich um Dein Haus,
bis ein wunderheimlich Fenster klirrt.
Wie ein Rosenstrauch entbrennt mein Herz,
und ein goldnes Vöglein spinnt und spinnt,
bis wir ganz verschwistert sind.


Aus: Schollenbruch Gedichte von Paul Zech
A. R. Meyer Verlag Berlin-Wilmersdorf 1912

Paul Zech, geboren am 19. Februar 1881 in Briesen (Westpreußen), gestorben am 7. September 1946 in Buenos Aires, bevor er aus dem Exil nach Deutschland zurück kehren konnte.