
Zwei Weihnachtsgedichte
Die Namenlosen
(Denn unsrer sind Legion)
Getrieben und festgelegt!
Erkannt und gerichtet!
Zu Bergen geschichtet
Und wieder hinweggefegt.
Gehetzt in das Gleiche,
In Reue zerrissen,
Schleift das Gewissen
Zum Himmelreiche!
Träumt dort die Namen
Aus Kinderspielen;
Schließt Euch mit Vielen
In lieblichen Rahmen!
Einmal wird alles wahr!!
Erde entschwindet,
Wenn neu entzündet
Sich Christus gebar!
In Euch wird er wohnen!!
(Ihr habt keine Namen).
Aus heiligem Samen
Entstehen Legionen!
Ekstase
Denn alle Wege münden nur in eine Stunde!!
Einmal muss sie sich offenbaren!
In jede gebenedeite Sekunde
Wächst sie aus blutenden Jahren
Brüder, zum letzten Bunde!
Brüder, aus Dornen erblühen dann Rosen,
(Mit Kränzen geschmückt kniet ihr an Ältären.)
Für wunde Knie werden Steine zu Moosen,
Und Leuchten entbricht aus allen Schwären
Bis zu den dunkelsten Hoffnungslosen.
Und Brüder, der am Holze geendigt,
Und sich im Geiste wieder begonnen,
In lautester Liebe gebändigt
Sieht er um heilige Bronnen
Die letzten Feinde verständigt.
Denn alle Wege münden nur in eine Stunde!
Einmal muss sie sich offenbaren!
In jede gebenedeite Sekunde
Wächst sie aus blutenden Jahren
Brüder, zum letzten Bunde!!
Charlotte Wohlmuth, aus: Die Aktion, 7. Jahrgang, 15. Dez. 1917, Illustration dazu aus der Zeitschrift: Lucas Cranach d. Ä. Heilige Familie mit Engeltanz.
Charlotte Wohlmuth, eigentlicher Name Stefanie Oesterreicher. Lebte in Berlin. Veröffentlichte 1917/18 vier Gedichte in der Aktion. (geboren 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet)
Wo schläft dein Blut?
Wo schläft dein Blut?
Starb es mit deiner Mutter,
Oder welkte es im fremden Atem eines Mädchens? . . .
Du kannst mich nicht bereiten.
Mein Blut kann nur in Erde reifen. . .
Aber deine Blicke sind nicht Schollen:
Sie kommen vom Grabe deiner Mutter,
Oder aus dem fremden Atem eines Mädchens.
Charlotte Wohlmuth, aus: Die Aktion, 7. Jahrgang, 19. Mai 1917
Charlotte Wohlmuth, eigentlicher Name Stefanie Oesterreicher. Lebte in Berlin. Veröffentlichte 1917/18 vier Gedichte in der Aktion. (geboren 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet)
Das Portrait von ihr malte 1920 der Künstler Heinrich Ehmsen (1886 - 1964)

Laßt uns um das Feuer scharen,
Das noch in den Herzen glimmt,
Eh´ die Lippen uns erfrieren.
Scheit um Scheite werfen wir, gesparte Worte,
In die matte Glut, daß sie entbrenne,
Züngelnd, lodernd sich erkenne.
Brände fahren ungebändigt
In die fahlen Widerspiele
Unseres Namens. - Ziele
Flammen auf vor unsern Blicken!
Unsere Hände schlagen Brücken,
Unsere Leiber sind die Pfeiler!
Eingeäschert liegen Meiler
Falscher Scham. Ihr in den Bezirken
Eingeengten Atems, sehet unser Wirken!
Alle Grenzen sind vernichtet
Wir allein nur, aufgerichtet
Ragen aus dem Fall der Zeiten
In die ersten Menschlichkeiten!
Charlotte Wohlmuth, eigentlicher Name Stefanie Oesterreicher. Lebte in Berlin. Veröffentlichte 1917/18 vier Gedichte in der Aktion. (geboren 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet), aus der Zeitschrift Die Aktion Jg. 8, Nr. 5/6, 9.2.1918, Sp. 55 (zusammen mit einem Gedicht von Karl Otten unter der gemeinsamen Überschrift „Wir Utopisten“ I/II); auch in: Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. IGEL Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2012,
Das Bild ist von Paul Gauguin (1848 - 1903)