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Mittwoch, 22. November 2023

Leo Sternberg: Wenn der Regen rieselt

 



Wenn der Regen rieselt


Wenn der Regen rieselt von den Blättern,
Muss ich denken, dass du ferne weinst.
Ach, warum zerfließen süße Tage,
Bleiben Träume der Erinn´rung nur?

Oh, das heimliche Geräusch des Regens
Auf den Dächern und der Dämm´rung Vorhang -
Und dein Haupt dabei an meiner Schulter!
Nichts mehr wissen würden wir von Tränen.

Wenn ich dein Gesicht in Händen hielte,
Zugeregnet ganz von meinen Küssen,
Müsste ich nicht fürchten, dass die Liebe,
Wie die süßen Tage, selbst zerränne -
Wenn der Regen von den Blättern rieselt.

Leo Sternberg, aus der Zeitschrift Das Leben, Juni 1923

Leo Sternberg, geboren am 7. Oktober 1876 in Limburg an der Lahn, er schrieb Lyrik und schuf eine Reihe von kulturhistorischen Werken. Seine Lyrik erschien unter anderem in den Zeitschriften Die Aktion, Hochland, Der Brenner, Jugend und Der Feuerreiter. 1937 reiste Sternberg mit seiner Frau nach Jugoslawien, um Recherchen zu einem Romanprojekt über den Kaiser Diokletian anzustellen. Seine Tochter war bereits zuvor nach Jugoslawien ausgewandert. Wenige Tage nach seiner Ankunft im Oktober starb er auf der Insel Hvar in Dalmatien und wurde dort beerdigt. Sein Bruder Hugo Max Sternberg, dessen Frau Lola und die gemeinsame Tochter Lili wurden 1943 in Auschwitz ermordet.

Die Illustration „Abend“ ist von Edvard Munch (1863 - 1944)

Freitag, 10. November 2023

Leo Sternberg: Nebel

 



Nebel

Nur Inseln sind die Wälder noch. . .
Der Herbst in seinem Nebelboot
Fährt durch die Welt. . .
Am Uferrande dunstet
Der Baum in seinen sieben weißen Schleiern. . .
Durch feuchte Laken fließt
Der Toten trübes Aug.
Du bist mein Ferge nun. . .
Die Welt ist still hinabgesunken. . ..
Die Träume heben sich erwacht
Aus gläsernen Särgen. . .

Leo Sternberg (1876 – 1937), aus: Sirius Nr. 5, Zeitschrift, herausgegeben von Walter Serner, Zürich 1915 / 16

Leo Sternberg, geboren am 7. Oktober 1876 in Limburg an der Lahn, er schrieb Lyrik und schuf eine Reihe von kulturhistorischen Werken. Seine Lyrik erschien unter anderem in den Zeitschriften Die Aktion, Hochland, Der Brenner, Jugend und Der Feuerreiter.

Das Bild ist von Henri Pierre-Picou (1824 - 1895)

Donnerstag, 26. Oktober 2023

Leo Sternberg: Als was bin ich gedacht im Weltenplan?

 



Als was bin ich gedacht im Weltenplan?

Ich suche mich, solang ich denken kann,
betrachte mich im Spiegel aller Wesen
und will aus Freund- und Feindesblicken lesen:
Als was bin ich gedacht im Weltenplan?

Mit Suchen hab ich meine Zeit vertan.
Was soll ein Werk, von Gott nicht zugewiesen!
Ich hielt mit Großen Rat, die mitumschließen,
was in der Schöpfung ruht von Anfang an.

Bin ich ein überflüssiger? Betrogen
beim Wurf der Lose? Aus Beruf ein Kind,
das müßig sein soll? Christus auf den Wogen?

Ein luftgeschaffnes Nichts? Ein Brückenbogen,
über den Strom gespannt, durch den die Welle rinnt,
durchflogen von der Schwalbe, kahndurchzogen?

Leo Sternberg, aus: Im Weltgesang, Berlin 1916

Leo Sternberg, geboren am 7. Oktober 1876 in Limburg an der Lahn, er schrieb Lyrik und schuf eine Reihe von kulturhistorischen Werken. Seine Lyrik erschien unter anderem in den Zeitschriften Die Aktion, Hochland, Der Brenner, Jugend und Der Feuerreiter. Als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie trat er 1906 aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus und 1933 der katholischen Kirche bei. Als „Nicht-Arier“ wurde er 1934 vom Dienst als Amtsrichter suspendiert, vorzeitig in den Ruhestand versetzt und hatte fortan Schwierigkeiten, seine Werke zu veröffentlichen. 1937 reiste Sternberg mit seiner Frau nach Jugoslawien, um Recherchen zu einem Romanprojekt über den Kaiser Diokletian anzustellen. Seine Tochter war bereits zuvor nach Jugoslawien ausgewandert. Wenige Tage nach seiner Ankunft im Oktober starb er auf der Insel Hvar in Dalmatien und wurde dort beerdigt. Sein Bruder Hugo Max Sternberg, dessen Frau Lola und die gemeinsame Tochter Lili wurden 1943 in Auschwitz ermordet.

Das Bild ist von Georges Rochegrosse (1859 - 1938)

Dienstag, 8. August 2023

Leo Sternberg: Seliges Versäumen

 



Seliges Versäumen

Mich befiel der Ekel an der Tat,
dass man etwas tun muss, um zu gelten -
Arbeit, welche für den Gang der Welten
nicht soviel ist, wie ein windverwehtes Blatt,

Dass man durch die Kraft der Träume,
durch das glühend warme Blut
nicht, indem man ist und ruht,
Leben ausstrahlt in die Räume
wie der Sonne stille Glut.

Wieviel besser sind die Bäume,
welche stumm verweilend stehen
und in seligem Verweilen
schlummernd, sich ins Weltall säen!

Warum zeigen? Warum blenden?
Mit den kunst-voll armen Dingen,
welche nur die Kraft verschwenden,
nimmermehr nach außen wenden
gleich entschlüpften Schmetterlingen
das Verborgene vollenden?

Meer, darin die Inseln liegen,
die uns Kontinente gelten,
atmest - sie vergehen;
atmest - sie entstehen;
brauchst nur dazuliegen:
Gott ist dir entstiegen
und auf deinen Armen wiegen sich die Welten.

Leo Sternberg, aus: Die Aktion Nr. 27, 1913, Lyrische Anthologie

Leo Sternberg, geboren am 7. Oktober 1876 in Limburg an der Lahn, er schrieb Lyrik und schuf eine Reihe von kulturhistorischen Werken. Seine Lyrik erschien unter anderem in den Zeitschriften Die Aktion, Hochland, Der Brenner, Jugend und Der Feuerreiter. Als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie trat er 1906 aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus und 1933 der katholischen Kirche bei. Als „Nicht-Arier“ wurde er 1934 vom Dienst als Amtsrichter suspendiert, vorzeitig in den Ruhestand versetzt und hatte fortan Schwierigkeiten, seine Werke zu veröffentlichen. 1937 reiste Sternberg mit seiner Frau nach Jugoslawien, um Recherchen zu einem Romanprojekt über den Kaiser Diokletian anzustellen. Seine Tochter war bereits zuvor nach Jugoslawien ausgewandert. Wenige Tage nach seiner Ankunft im Oktober starb er auf der Insel Hvar in Dalmatien und wurde dort beerdigt. Sein Bruder Hugo Max Sternberg, dessen Frau Lola und die gemeinsame Tochter Lili wurden 1943 in Auschwitz ermordet.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 – 1916)

Montag, 23. Januar 2023

Leo Sternberg: Der junge Künstler


 
Der junge Künstler

Ich habe den Göttern auf Erden Wohnungen bereitet,
türkisblaue Meergrotten und Birkenhaine im Mond.
Ich habe Höhen gestürmt, von Gletscherdrachen bewohnt,
mit Tempeln gekrönt und den Pilgern schwindelnd Terrassen hinaufgebreitet.

Und meine Arme stoßen, verzweifelt ausgebreitet,
an enge Wände! . . . In die steile Schlucht
der Gasse blickt mein Himmelsblau . . . Die abgenagte Schale einer Frucht
ist meine Tafel, die mich weidet!

Es steigt kein Gott herab mit einem Feuertrank. . .
Es naht kein Mensch, der mir den Kranz umschlingt!
Der Regenbogen meines Traums versank . . .
Und das Genie, das nun mit Göttern Nektar trinkt,
und dessen Bild ich trug zur fernsten Meeresbank,
beschattet meinen Stern, der nie erblinkt.

Leo Sternberg, aus: Die Aktion, 3. Januar 1914, Lyrische Anthologie

Leo Sternberg, geboren am 7. Oktober 1876 in Limburg an der Lahn, er schrieb Lyrik und schuf eine Reihe von kulturhistorischen Werken. Seine Lyrik erschien unter anderem in den Zeitschriften Die Aktion, Hochland, Der Brenner, Jugend und Der Feuerreiter. Als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie trat er 1906 aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus und 1933 der katholischen Kirche bei. Als „Nicht-Arier“ wurde er 1934 vom Dienst als Amtsrichter suspendiert, vorzeitig in den Ruhestand versetzt und hatte fortan Schwierigkeiten, seine Werke zu veröffentlichen. 1937 reiste Sternberg mit seiner Frau nach Jugoslawien, um Recherchen zu einem Romanprojekt über den Kaiser Diokletian anzustellen. Seine Tochter war bereits zuvor nach Jugoslawien ausgewandert. Wenige Tage nach seiner Ankunft im Oktober starb er auf der Insel Hvar in Dalmatien und wurde dort beerdigt. Sein Bruder Hugo Max Sternberg, dessen Frau Lola und die gemeinsame Tochter Lili wurden 1943 in Auschwitz ermordet.




Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)


Sonntag, 23. Januar 2022

Leo Sternberg: Der Ofen


 

Leo Sternberg (1876 – 1937)

 

Leo Sternberg, geboren am 7. Oktober 1876 in Limburg an der Lahner schrieb Lyrik und schuf eine Reihe von kulturhistorischen Werken. Seine Lyrik erschien unter anderem in den Zeitschriften Die Aktion, Hochland, Der Brenner, Jugend und Der Feuerreiter.