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Montag, 25. Dezember 2023

Jakob Haringer: Besuch im Stall

 



Besuch im Stall

O Josef, nimm die Stall-Latern
Und leucht den Hirten heim!
Mein kleiner Jesu schlief wohl gern
Vor seiner argen Pein.
Die Herren haben Hunger jetzt
Nach Bier und Leberwurst,
Wir haben leider nichts im Haus
Für ihren großen Durst.
Drum Josef, nimm die Stall-Latern,
Das Wirtshaus ist nicht weit,
Und trink auf unsern kleinen Herrn,
Ich wart schon noch die Zeit.
Und sing das kleine Jesulein
Zur Ruh, zur süßen Ruh,
Man kann nicht immer glücklich sein,
Mein kleiner Engel du!

Jakob Haringer, Lyriker, geboren am 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; gestorben am 3. April 1948 in Zürich. „Ein Sonntagskind, in einer Welt ohne Sonntage“, nannte Hermann Hesse den Dichter.

Das Foto zeigt die Maria mit dem Kinde von der Fredelsloher Krippe. Die Figuren sind, wie es sich für ein Töpferdorf gehört, aus Ton und im Mittelalterofen am Keramikum, dem Keramikmuseum in Fredelsloh, in den letzten Jahren getöpfert und gebrannt worden, unter der Ägide von Johannes und Janne Klett-Drechsel.

Sonntag, 5. November 2023

Jakob Haringer: Volkslied

 



Volkslied


Liebe Mutter, ich muss bald sterben.
Ach, liebe Mutter, mir tut alles weh.
Und eh der Herbst verblüht, da muss ich scheiden,
Dann lieg´ ich einsam unterm kühlen Schnee.
O, liebe Mutter, nimm dies Brieflein,
Es ist alles drin, was ich erspart,
Ich hab´s bestimmt einst für mein Kindlein
Und hat mich selber noch kein Mann geküsst.
O weine nicht in meiner Sterbekammer,
Nimm das Geld und kauf ein weißes Kleid
Und dunkle Veilchen werf in meinen Sarg hinein.
Jetzt kommt gewiss für mich die schönste Zeit.
Und weiße Mädchen sollen lustig singen dann
Von der Liebe und vom schönen Mai.
O liebste Mutter, hab ich Dir wehgetan?
Ich muss doch sterben, schau, und drum verzeih!
Und an mein Grab, ach ja, pflanz lauter Rosen,
Die pflück Dir alle und trag sie nach Haus,
In Deinem Zimmer weint dann meine Seele
Sich einmal noch von allen Schmerzen aus.

Jakob Haringer, aus: Die Einsiedelei, Ein Stundenblatt, Nummer II, um 1930

Jakob Haringer, geboren am 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; gestorben am 3. April 1948 in Zürich.

René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker Vom Schweigen befreit:

„Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Das Bild ist von Léon Spillaert (1881 - 1946)

Mittwoch, 1. November 2023

Jakob Haringer: Allerseelen

 



Allerseelen

So frisch rasiert im schönen Herbst zu wandern -
Zwar hat ein Brief mich wieder mal enttäuscht,
Ist wurscht, ich schmeiß ihn zu den alten Andern
Und morgen kommt ein junges Glück vielleicht.
Dann süße Rast bei Bier und Schweinebraten,
Die gute Wirtin kocht mir frisch Kaffee,
Und die Zigarre reizt zu neuen Taten -
Was kann mir noch im Leben viel geschehn!
Ich steh ja über euren Kinderdingen -
Ich bin zum Sterben jede Stund bereit!
Ich freu mich, dass noch heut die Vögel singen,
Und freu mich heut schon wenn es morgen schneit.
Und jeder Blick schenkt mir ein neues Leben,
Die Wolken wandern und mein Lied zieht fort.
Hast du Dich ganz der Erde hingegeben,
Wird dir der Himmel drauf zum nächsten Ort.
Und dass ihr alle auch mich einst betrogen -
Das hat mir nur den schönsten Trost gelehrt.

Und all das Schwere will ich pfeifend loben:
Dass ich mir selber nur am meisten wert!
Und ist auch bald die Pilgerschaft zu Ende -
Das Glück verschenkt bloß, was es erst uns nahm,
Falt ich noch einmal, lieber Gott! die Hände -
Das Leben war am schönsten, so wie´s kam!

Jakob Haringer, geboren am 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; gestorben am 3. April 1948 in Zürich.

René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker Vom Schweigen befreit:

„Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Das Bild „Allerseelen" (1930) ist von Marianne von Werefkin (1860 - 1938)

Samstag, 26. August 2023

Jakob Haringer: O Erde

 



O Erde

Es sinken die Menschen wie Früchte des Abends,
O Seele – o Wandeln – Du brüderlich Licht!
Einst rief bang die Heimat aus rauschenden Inseln –
Ihr Vöglein was klagt ihr den Liebenden nicht?
Ich suchte die Wiege gleich schwärmenden Bienen,
Der Bettler schlingt purpurnen Schatten um's All,
Doch du wirst die silbernen Wälder zertrümmern –
Ein Fremdling und Morgen – dem dorrenden Wall
Die schöneren Häupter arm lächeln sie Veilchen,
Ach sternender Urne träumt vorige Welt –
O Gott Deine Sünden sind wir – wir Elenden
Und himmeln Vergessen im trostlosen Zelt.
Wenn stillere Sommer ihr Schicksal uns schaudern . . .
Sieh: tanzende Schiffe rührn Tod keusch und lohn,
Was spielende Feuer dem Lorbeer des Lebens
Und süß löscht die Lampen ein irrender Sohn.
Du dachtest an goldene Mühlen und Lieder –
O Maske um's Sterben bist Reise zum Kind.
Es sinken die Menschen wie Früchte des Abends,
Herz! Alles wird dämmern – wir regnen und SIND

Jakob Haringer (1898 – 1948)

René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker "Vom Schweigen befreit":

„Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Donnerstag, 27. Juli 2023

Jakob Haringer: Gedichte aus dem Simplicissimus


 
Melodie

Wohl war schön die weiße Zeit,
Schlief der Wind in deinem Kleid,
War die Welt wie ein Gedicht,
Aber Frühling war es nicht.

Wohl war süß dein weißer Leib,
War meines Lebens liebste Zeit,
War meiner Nächte tiefstes Licht -
Aber Liebe war es nicht!

Wohl kam oft mir Glanz und Mai,
Ach - ist alles lang vorbei,
Ist verweht wie ein Gedicht -
Aber Leben war es nicht!

Wohl hat Leid mein Herz verstaubt,
Doch die Welt ist lang entlaubt,
Ob auch alles dir zerbricht -
Aber Tod ist´s doch noch nicht.

Aus Simplicissimus, Heft 15 1930


Auf dem Wasser

Die Rosen blühn und goldne Sänger wiegen
Sich lieb verträumt im Laub, süß grünt das Gras.
Am blauen Ufer weiße Reiher fliegen,
Fast wär das Leben wie ein Sommerglas.

Ein milder Hauch weht durch die klaren Sterne,
Und alle Menschen sind einander gut;
Beim Abendschein blühn Flöten, aus der Ferne
Ein Kahn zieht heim. . . und manches Unglück ruht.

Aus Simplicissimus, Heft 16 1926


August

Die kleinen bunten Bauerngärten strahlen,
ein altes Schloss grüßt hinterm dunklen Wald.
Drei Raben leuchten in der letzten Sonne -
auf Erden ist für uns kein Aufenthalt.

Ein kleiner Hund scherzt. Eine Zither tändelt;
süß duftet Heu. Die Abendglocken wehn
ein banges Kinderhoffen dir ums Antlitz:
vor einem alten Berghaus bleibst du stehn.

Ich möcht die Stirn ans Kirchengitter lehnen.
Ein Kind schreit, und du denkst: Ach wär´s doch mein´s.
Im Wirtshaus lustig junge Bauern schäkern.
O wär´ ihr lächelnd Kinderleben mein´s.

Gebirge blau´n wie dunkle Traumkulissen.
Ein Liebespaar ruht aus im hohen Gras.
Des Lebens Mittag hat mich lang verlassen - - -
und alles brach wie Lust und Glück und Glas. . .

Bei armer Kneipe blauen Zauberlichtern
denk´ ich an dich. Der erste Vogel singt.
Des Lebens Abend dämmert letztes Scheiden. . .
Vielleicht, dass dieser Tag ein Lied mir bringt.

Aus Simplicissimus, Heft 22 1927


Erinnerung

In meiner Heimat ist alles viel schöner -
der Frühling, die Mädchen und alles Leid.
In meiner Heimat blühn nun die Astern,
da rauschen die Brunnen von alter Zeit.

Da plaudern die Mägde fröhlich vorm Haustor,
da fährt man die Pferde zur Tränke, und leis
singen die Fuhrleut die uralten Lieder
von Alpenrosen und Edelweiß.

Wird Manche sich wohl auch mal meiner erinnern,
die Mutter betet für mich, oh sie meint,
dass ich dann glücklich, gescheiter und braver
und all meine Wege mit Sonne bescheint.

Die alte Frau - ach, was weiß sie vom Leben!
Der Vater spielt Billard im kleinen Café,
die Schwester strickt Strümpfe für ihren Jungen,
Verliebte zerpflücken viel Mohn und viel Klee.

Ich denk an all die verlorenen Jahre,
mein Glück, meine Jugend . . . ach alles ist Nacht.
Was hab ich mit den viel schönen Blumen -
Was hab ich mit meinem Leben gemacht!

Ihr kleinen Sterne. . . o grüßt mir die Heimat!
Ob ich noch einmal die Donau seh!
Für was hat die alten Frau denn gebetet,
und für wen blüht der rote Mohn und der weiße Klee.

Aus Simplicissimus Heft 22 1932


Merkspruch

Was sollen wir die kurze Frist
Das Leben uns verbittern,
Weiß keiner doch, was morgen ist,
Wird uns ein Unglück umgittern.

Lach die Welt und das Schicksal aus,
Bleibt dir kein Freund und kein Pfennig,
Der Blitz schlägt ein ins schönste Haus,
Kein Weib, kein Glück ist beständig.

Pfeif dir ein Lied und vergiss, o vergiss
Rosen und Schmetterlinge.
Wenn der Schwindel vorüber ist,
Kommen die himmlischen Dinge.

Aus Simplicissimus, Heft 40 1930


Trost

Ehrliche Fäuste liebt Gott oft mehr
als betende Hände, die lügen so sehr,
die lügen Demut und kindliches Tun
und sind voll Ehrgeiz und wollen Ruhm.
Gott ist kein Richter, kein Wurm und kein Hund,
wird ihm die trotzige Faust oft zum Mund,
wird ihm die Faust oft zur Träne, die fleht
mehr als der Frömmler winselnd Gebet.
Öffnet er leis oft die Faust und die Pein
legt einen goldenen Stern dann hinein.

Aus Simplicissimus, Heft 46 1932


Jakob Haringer (1889 - 1948)

René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker "Vom Schweigen befreit":

„Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Der Simplicissimus war eine satirische Wochenzeitschrift, die von 1896 bis 1944 erschien.

Das Portrait des Dichters im Alter von 22 Jahren ist ein Holzschnitt von Emil Betzler (1892 - 1974)

Sonntag, 2. April 2023

Jakob Haringer: Erinnerung und andere Gedichte

 



„und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir /
wie der Weg ins Paradies.“

Als der Dichter Jakob Haringer, geboren am 16. März 1898, am 3. April 1948 in Zürich an einem Herzinfarkt verstorben aufgefunden wurde, steckte in einer Schreibmaschine ein Stück Papier, auf dem diese beiden Zeilen standen.


Elegie

Einmal möcht ich wie ein Kind noch leben ,
Möchte rein sein, ach, und wahr und klein!
Das wär wohl ein schönstes größtes Leben,
Manchmal noch ein dummer Junge sein,
Ach, so wunschlos in die Wolken blicken,
Oder nachts zum lieben guten Mond. . .
Sich an einem Wanderlied entzücken,
Oder einem fremden duftend Blond.
Große unentdecke Inseln malen,
Oder Schlösser, die man dann sich kauft;
Ach, wie klein sind alle Erdenqualen,
Weil du froh der ganzen Welt vertraust!
O, du Jugend! Deine Morgenröte. . .
Kommst du noch mal in dies schwere Herz?
Sanft wie längst vergessne Zauberflöte -
Was zerbrach dich du mein Knabenherz?

Handschriftliches Manuskript um 1940


Märchen

Du warst mein Paradies. O bittres Leid!
Dies nun zu wissen, wo du leis gegangen.
Mit dir ist auch mein Stern dahingegangen,
Nun ist mein letztes Glück vorbei, verschneit.
Das Leben war bloß Traum. Nur du warst das
Erwachen. Und der ganze Mai bloß du!
Leb wohl, oh, du mein letztes Rendezvous,
Mein Herz brach wie ein altes Purpurglas,
Wie hat es deine Sonne einst durchschimmert. . .
Dies ist vorbei! Und nun ist Nacht um mich.
Die ganze Welt ist mir ein Sterbezimmer,
Die, als du da, dem blauen Sommer glich.
Nur deine Stimme klingt noch einmal fern. . .
Leb wohl! Mein lieber kleiner Abendstern!

Handschriftliches Manuskript um 1940


Ewige Liebe

Du warst nur immer auf Besuch -
Du warst nie ganz bei mir.
War alles bloß ein süßer Fluch,
Und alles bang und irr.
Dein Herz war nie zu Haus bei mir,
Die Liebe hielt nur Rast.
Mein Glück, mein Leben gab ich dir -
Es war dir bloß ein Gast.
So wie ein Glas, aus dem man trinkt,
Man wieder bald vergißt,
Wie eine Saite, die noch klingt,
Obwohl kein Lied mehr sprießt,
So wie ein halb gelesnes Buch -
Die Tür fiel längst schon zu.
Du kamst nur immer auf Besuch . . .
Du letztes Märchen, du!

Aus: Haringer Das Fenster
Pegasus Verlag Zürich 1946


Die Zecher

Zwei Gäste kamen spät abends,
Als schon ganz weiß mein Haar;
Der eine war wieder die Liebe,
Der andre die Trauer war.
Ich habe sie fürstlich empfangen,
Die Liebe und den Wahn,
Und kredenzt ihnen all meines Lebens
Ganze Schmerzen und Gram.
Und als wir bis morgens gezecht . . . da
Ward plötzlich die Träne zum Glück!
Was mach ich bloß mit so viel Liebe -
Was mach ich mit so viel Glück?

Aus: Haringer Das Fenster
Pegasus Verlag Zürich 1946


Erinnerung

Weiß du noch, mein totes Lieb . . . es war ein Abend im Mai,
Du schlossest den Laden, dein Prinzipal sagte dir gute Nacht,
Wir standen dann bang vor den Schauläden und
wünschten uns Geld wie Heu,
Du kauftest Wurst und Brot, und wir haben alle Welt ausgelacht,
Dann gingen wir zum Stadttor hinaus
in den blühenden Sterngarten,
Du holtest an der Schänke Bier und Zigaretten,
Du konntest nicht die junge Kellnerin erwarten,
Dein lieb's Kinderplaudern wollte mein Leid
in den schönen Abendhimmel betten.
Du träumtest von einem kleinen Bubi, der Marlitt, einem neuen Kleid
Plötzlich bemerktest du im grauen Strumpf ein winziges Loch.
Mein Herz verglühte zu silbern Bergfeuern
an deiner goldnen Mädchenzeit,
In meiner Seele armer Lampe flackerte sommerschwül
deiner Küsse Docht.
Ach, mein Lieb! nun zierst du wohl süß
das Abendrot einem andern,
Ich hatte ja keine Existenz, war so arm,
da ist's doch selbstverständlich, daß man ein Ende macht,
Aber ich werd's nie, nie vergessen,
unser süßes Abendwandern,
Deine heiße Liebe, deine gütigen Worte
in dieser einzigen himmlischen Nacht.

Aus: Die Dichtungen von Haringer
Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam 1926
(Kraus Reprint 1973)


Sonett an die Treue


Kind, ich hab schon Lieder auf deine Untreu geschrieben,
Und nun sitzen wir wieder so fröhlich beisammen,
Silbern glänzen uns wieder Gottes sternige Kammern,
Und der alte Mond will wieder sein altes schönes Knabenlied üben.
Orangne Bar, du grüner Trauerampeln blonder Sekt,
Blaues Kinderdonnern brauner Junigeigen -
O Lieb, heut nach Mitternacht wirst du dich so mutterlieb wieder neigen,
O du kleiner Vogel, der im dunkeln Gezweig meiner Seele
verjubelt und Gottes rote Veilchen neckt.
So laß uns einmal wieder Gott und die Welt vergessen,
Sieh, schon rauschen des letzten Sterbens Sommerzypressen,
Einmal laß uns noch dumme Kinder sein und glücklich weinen -
Wenn auch morgen für uns keine Sterne mehr scheinen.

Aus: Die Dichtungen von Haringer
Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam 1926
(Kraus Reprint 1973)


Lied am Abend für meine Geliebte


Was ist ein Frauenlächeln für seltsam Ding!
Und gibt es Worte für dunkle Zypressen?
Was ist die Sonne - ihr Glauben das Kind umfing,
Was ist ein Frauenweinen für seltsam Ding?
Hast Du die Lieder der Schwermut schon ganz vergessen?
Noch blühn die Flammen im Herzen und sternen das Land
Und suchendes Ringen wächst steilen Bergen vor . . .
O wilder Schein! löst Du die Runen im Sand - -
Soll ich sie klären? Der ich den Weg verlor . . .
Bald bin ich einsam schluchzend vorm goldnen Tor -
Vergessen harrend - wer läßt mich Toten ein?

Aus: Jakob Haringer Die Kammer
Regensburg Franz Ludwig Habbel 1921


René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker "Vom Schweigen befreit":

„Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Alfred Döblin über Jakob Haringers Lyrik:

„Die Gedichte sind echtes Gewächs, keine lyrische Ware. Dreierlei gehört zur Kunst: einmal, daß einer etwas ist, – einmal, daß er zu sich gefunden hat, – einmal, daß er etwas kann. Das ist dreifache Gnade. Haringer schreibt, wie ihm zu Mut ist. Dabei wäre nichts. Aber er ist von Haus aus Lyriker und Könner. Und darum ist es alles. Selbst wenn die Gedichte zu einem Teil sich formal nicht schließen, als Einzelwesen schwer bestehen. Woran denke ich bei diesen Stücken? An Tübingen, Hölderlin, die Maler Spitzweg, an Richter, Blechen. Eine sehr deutsche Pflanze. Verschollener Typ eines vagierenden Poeten. Er schreibt von Kinos, Cafés, aber fühlt Rothenburg und Nürnberg…“

Mittwoch, 1. März 2023

Jakob Haringer: Abendlied

 


Abendlied

Aus Liebe nur ward ich ein Narr.
Der Regen spielt im Dämmerlicht,
O armes Herze brich mir nicht!
Kam nicht viel Lust und Sonnenschein -
Warum mußt Du verschlossen sein?
Schon fällt das Laub, der Nebel singt -
Im Traum verweht mein Tag verklingt -
Aus Liebe nur ward ich ein Narr.
Der Regen spielt. Wär mein Herz gesund,
Sternselig blüht die Trauerstund,
Bald rinnt der Sand zum letztenmal
Durch Rosenbusch und Mondenstrahl.
Ach müde Seele bist nicht bang?
Leis fing ich Dir den süßen Sang:
Aus Liebe nur ward ich ein Narr!
All was ich suchte, was ich fand
Trug bittres Leid schien gleißend Tand -
der Regen spielt im Dämmerlicht,
Du armes Herze brich mir nicht!!
Im Traum verweht mein Tag verklingt -
Schon fällt das Laub - der Nebel singt
Aus Liebe nur - aus Liebe nur -
ward ich ein Narr!

Aus: Jakob Haringer (1889 - 1948), Die Kammer, Regensburg Franz Ludwig Habbel 1921

René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker Vom Schweigen befreit:

Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Das Bild (Abendmelancholie) ist ein Holzschnitt von Edvard Munch (1863 - 1944)


Donnerstag, 26. Januar 2023

Jakob Haringer: Rat aus meinem Leben / Das Leben

 


Rat aus meinem Leben

Wenn Du einen Menschen gefunden,
Ist er auch oft nicht schön und gescheit,
Sei kein Richter! O denk seiner Wunden
Und unserer Sterblichkeit.
Du mußt wie zu einem Kind sein,
Auch Dir tut doch alles gleich weh.
Du darfst nicht so strafend und blind sein,
Schau, so bald liegt der Sommer im Schnee!
Du pflegst doch auch Blumen und Tiere,
Hast Nachsicht mit ihnen und Dir –
Denk an verstimmte Klaviere,
Einer zerbrochenen Tür.
Denn hat Dich dies Herz dann verlassen,
Was dieser Mensch alles war,
Das weißt Du erst, wenn er verstorben
Oder ganz grau schon Dein Haar.

Das Leben

Nur die jämmerlichsten Wichte
Fabeln stets von Weltgeschichte
Und der ganzen Menschheit Jammer:
Mir genügt der Herzenskammer
Ganz alltägliche Geschichte.

Jakob Haringer (1898-1948)
Aus: Kind im grauen Haar, Frankfurt a. M. 1926
„Ein Sonntagskind, in einer Welt ohne Sonntage“, nannte Hermann Hesse den Dichter. 

Jakob Haringer: Erste Liebe

 


Erste Liebe

Nun bin ich alt. Der Jugendträume Blüten -
Der Herbst des Lebens hat sie längst verglüht;
Nur meines Liebesfrühlings Erste Rose
Noch unverwelkt im armen Herzen blüht. -
Du liebes Kind im rot und weißen Kleide,
Mit braunen Locken; hold und süß und mild
Lächeln mir deine Augen immer Hoffnung . . .
Und immer trag im Herzen ich dein Bild.
Nun bist auch du wohl alt und müd geworden -
Doch jener Mai, so hell und schön und rein,
Ist stets um mich, daß fast ich glauben möchte,
Du müßtest heut noch jenes Mädchen sein.

Jakob Haringer (* 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; † 3. April 1948 in Zürich)
Aus: Haringer Das Fenster, Pegasus Verlag Zürich 1946

Donnerstag, 8. Dezember 2022

Jakob Haringer, Arnold Schönberg: Sommermüd / Tot / Mädchenlied

 



Jakob Haringer, aus: Der Reisende oder Die Träne - Der Werke X. Band. In: Die Denkmäler 48/51, Ebenau bei Salzburg: Grigat 1932



Jakob Haringer, aus: Abschied. Gedichte. Berlin-Wien-Leipzig: Paul Zsolnay Verlag 1930



Jakob Haringer, aus: Abschied. Gedichte. Berlin-Wien-Leipzig: Paul Zsolnay Verlag 1930

Jakob Haringer  (1898-1948)

Seine Gedichte waren Würfe, er hat nicht daran gefeilt und gearbeitet. Er hatte keine Selbstkritik und gehörte zu den Autoren, bei denen Herrliches neben ganz Schwachem steht… Haringer hatte mir 1945 das Fenster-Manuskript angeboten. Wie oft er es zuvor schon anderswo versucht hatte, weiß ich nicht… Nachdem wir uns kennengelernt hatten, kam Haringer in regelmäßigen Abständen häufig nach Zürich und blieb jedesmal etwa eine Woche bei uns zu Gast. Er gehörte fast schon zur Familie, was er sichtlich auch genoß… Seine Egozentrik war gelegentlich schon sehr anstrengend und seine Ausdrucksweise ziemlich vulgär, was jedoch durch seine unglaubliche Infantilität gemildert wurde. Schwer zu verdauen war – undifferenziert ausgedrückt – sein Größenwahn. Er überspielte und kompensierte dauernd. Ein Bohemien war er nur äußerlich, er suchte Geltung, Ansehen, materielle Bestätigung… Bevor das Fenster in Satz ging, kämpften wir lange und hartnäckig um das Manuskript. Zunächst mußten fragwürdige Gedichte (zumeist überbordende balladeske Gebilde) ausgeschieden werden. Im übrigen ging es ausschließlich um Rechtschreibung und Zeichensetzung (er war darin maßlos und inkonsequent). Er hat mich danach mit Vorliebe als „Duden-Papst“ und „Genie-Killer“ beschimpft. Aber mit dem Resultat war er dann doch sehr zufrieden und einverstanden, ja sogar stolz darauf…“

Gregor Müller (Verleger von Haringers Gedichtband „Das Fenster“in einem Brief vom 9. Mai 1981 an den Aufbau-Verlag

 Die Gedichte sind echtes Gewächs, keine lyrische Ware. Dreierlei gehört zur Kunst: einmal, daß einer etwas ist, – einmal, daß er zu sich gefunden hat, – einmal, daß er etwas kann. Das ist dreifache Gnade. Haringer schreibt, wie ihm zu Mut ist. Dabei wäre nichts. Aber er ist von Haus aus Lyriker und Könner. Und darum ist es alles. Selbst wenn die Gedichte zu einem Teil sich formal nicht schließen, als Einzelwesen schwer bestehen. Woran denke ich bei diesen Stücken? An Tübingen, Hölderlin, die Maler Spitzweg, an Richter, Blechen. Eine sehr deutsche Pflanze. Verschollener Typ eines vagierenden Poeten. Er schreibt von Kinos, Cafés, aber fühlt Rothenburg und Nürnberg…“

Alfred Döblin über Jakob Haringers Lyrik

Das Portrait von Jakob Haringer ist gemalt von Erich Büttner (1889 - 1936)


      

Die drei vollendeten zwölftönigen Liedkompositionen op. 48 von Arnold Schönberg (1874  -  1951) entstanden – wie die Datierungen der handschriftlichen Quellen ausweisen – im Januar und Februar 1933, und zwar Sommermüd Wenn du schon glaubst op. 48, 1 am 14. und 15. I., Tot Ist alles eins op. 48, 2 am 17. und 18. II., schließlich Mädchenlied Es leuchtet so schön die Sonne op. 48, 3 zwischen dem 18. und 23. II. 1933. 


Das Portrait von Arnold Schönberg ist ein Selbstportrait (1910)


Dienstag, 1. Februar 2022

Jakob Haringer: Land der Zauberei

 


Jakob Haringer  (1898-1948), aus: Das Fenster, Pegasus Verlag Zürich 1946

Seine Gedichte waren Würfe, er hat nicht daran gefeilt und gearbeitet. Er hatte keine Selbstkritik und gehörte zu den Autoren, bei denen Herrliches neben ganz Schwachem steht… Haringer hatte mir 1945 das Fenster-Manuskript angeboten. Wie oft er es zuvor schon anderswo versucht hatte, weiß ich nicht… Nachdem wir uns kennengelernt hatten, kam Haringer in regelmäßigen Abständen häufig nach Zürich und blieb jedesmal etwa eine Woche bei uns zu Gast. Er gehörte fast schon zur Familie, was er sichtlich auch genoß… Seine Egozentrik war gelegentlich schon sehr anstrengend und seine Ausdrucksweise ziemlich vulgär, was jedoch durch seine unglaubliche Infantilität gemildert wurde. Schwer zu verdauen war – undifferenziert ausgedrückt – sein Größenwahn. Er überspielte und kompensierte dauernd. Ein Bohemien war er nur äußerlich, er suchte Geltung, Ansehen, materielle Bestätigung… Bevor das Fenster in Satz ging, kämpften wir lange und hartnäckig um das Manuskript. Zunächst mußten fragwürdige Gedichte (zumeist überbordende balladeske Gebilde) ausgeschieden werden. Im übrigen ging es ausschließlich um Rechtschreibung und Zeichensetzung (er war darin maßlos und inkonsequent). Er hat mich danach mit Vorliebe als „Duden-Papst“ und „Genie-Killer“ beschimpft. Aber mit dem Resultat war er dann doch sehr zufrieden und einverstanden, ja sogar stolz darauf…“

 

Gregor Müller (Verleger von Haringers Gedichtband „Das Fenster“in einem Brief vom 9. Mai 1981 an den Aufbau-Verlag

Das Bild ist von Isaac Grünewald (1889  -  1946)

Donnerstag, 27. Januar 2022

Jakob Haringer: Einst im Frühling

 


Jakob Haringer (1889 - 1948)

 „Die Gedichte sind echtes Gewächs, keine lyrische Ware. Dreierlei gehört zur Kunst: einmal, daß einer etwas ist, – einmal, daß er zu sich gefunden hat, – einmal, daß er etwas kann. Das ist dreifache Gnade. Haringer schreibt, wie ihm zu Mut ist. Dabei wäre nichts. Aber er ist von Haus aus Lyriker und Könner. Und darum ist es alles. Selbst wenn die Gedichte zu einem Teil sich formal nicht schließen, als Einzelwesen schwer bestehen. Woran denke ich bei diesen Stücken? An Tübingen, Hölderlin, die Maler Spitzweg, an Richter, Blechen. Eine sehr deutsche Pflanze. Verschollener Typ eines vagierenden Poeten. Er schreibt von Kinos, Cafés, aber fühlt Rothenburg und Nürnberg…“

Alfred Döblin über Jakob Haringers Lyrik

Das Bild ist von Ferdinand Hodler (1853 - 1918)

Mittwoch, 3. April 2019

Jakob Haringer: Tauben flattern ums Gefängnis

Erich Büttner (1889 - 1936): Portrait Jakob Haringer


. . . lasst mich allein mit der Liebsten,
wir fordern nichts ein.
Wir wollen nur ganz einfach
miteinander sein.


Tauben flattern ums Gefängnis


Die Tage können nicht mehr kleiner sein.

Zwar sitzt du noch bescheiden in der Sonne.

Du weißt bestimmt : es wird kein Glück mehr kommen,
und du bist toter als der ärmste Stein;
den wird vielleicht noch Abend überglänzen,
und Moos und Tiere ja sind gut zu ihm,
nur dich erharrt kein schimmernd Abendfenster,
befleckst Voll Grau das letzte Kindergrün.
Es ist ganz gleich, ob du auch noch mal betest,
ob du im Morgen, ob im Abend bist,
Ob dich auch leis ein kleiner Brief noch rötet,
du weißt bestimmt, daß du Verloren bist.

Für dieses Leben hilft kein Glaube mehr,
keine Marie. Du liest die Zeitung noch,
und so als seist du schon verstorben. Und doch
zieht süß ein Duft von Rosen zu dir her.

Am 3. April 1948 starb in Zürich der 1898 in Dresden geborene Dichter Jakob Haringer.

„Die Gedichte sind echtes Gewächs, keine lyrische Ware. Dreierlei gehört zur Kunst: einmal, daß einer etwas ist, – einmal, daß er zu sich gefunden hat, – einmal, daß er etwas kann. Das ist dreifache Gnade. Haringer schreibt, wie ihm zu Mut ist. Dabei wäre nichts. Aber er ist von Haus aus Lyriker und Könner. Und darum ist es alles. Selbst wenn die Gedichte zu einem Teil sich formal nicht schließen, als Einzelwesen schwer bestehen. Woran denke ich bei diesen Stücken? An Tübingen, Hölderlin, die Maler Spitzweg, an Richter, Blechen. Eine sehr deutsche Pflanze. Verschollener Typ eines vagierenden Poeten. Er schreibt von Kinos, Cafés, aber fühlt Rothenburg und Nürnberg…“

Alfred Döblin über Jakob Haringers Lyrik

René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker Vom Schweigen befreit:

„Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Samstag, 16. März 2019

Jakob Haringer: Das Hirtenlied



Das Hirtenlied

Ach, wird's im Frühling wieder schön sein wenn die Blumen blühn
Und die liebe Sonne zärtlich den alten Kurpark küßt,
Vom Café drüben klingt ein schmeichelnd Lied aus Wien,
Ach Gott, wie hab ich diesen Winter so arg verbüßt.
Dann sitz ich wieder mit einem lieben Buch auf einer verträumten Lindenbank,
Und manch schöne stolze Unbekannte Werd ich schaun.
0 Gott, was war ich diesen ewigen Winter arm und krank,
Und ich frier ja noch in Nacht und Tod und Graun.
Und doch träumt mein dummes Herz schon von Laub und Amselsang
Und Wind und goldner Fenster Märchenwehn
Vielleicht ist mir dann nimmer so weh und bang,
Und ich will auch wieder, Gott, in deine alten Kirchen gehn,
Wo die Mädchen süß ihr Glück in der Maiandacht hinjubeln.
Ach Gott, Was werden die armen Leut' froh und glücklich sein,
Dann weinen sie nimmer frierend und harrend in eiskalten Stuben.
Kein Postbot, kein Christkindl bracht' ihnen silbern Hoffnungswein.
Aber im Sommer und im Frühling, da Miefen die Stern in die Kammern,
Und aus den Gärten Wehn liebe Düfte herein,
Und die jungen Gesellen jauchzend über die schönen Berge wandern,
Vielleicht bin auch ich dann nimmer so arm und so klein.
Ach Frühling, lieber Frühling... Und manch Verlaßne, von der Welt betrogne Frau,
Wie wird ihr heißes Sehnen still wie ein Bergsee am Abend,
0 Frühling, mach du die Welt und unsre dunklen Herzen wieder blau
Und die Stunden wieder wie alte Heimatsagen.
Und ich glaub, dann ist nimmer so viel Neid und Haß und Falsch in der Stadt,
Vielleicht neigt sich ein Engel dann. Und eine stille Magd
Zündet meines Herzens letzte Ampel an und ich bin nimmer so tot und matt.
Da sie mich gütig nach meinen unsäglichen Leiden fragt.
0 Frühling! lieber Frühling, du mußt noch einmal kommen,
Laß mich nicht verdorrn, eh ich gut ward und grün,
Schau, der arge Winter hat uns alles genommen...
Ach, wird's im Frühling wieder schön sein, wenn die Veilchen blühn.


 Jakob Haringer (1898 - 1948)

Freitag, 15. März 2019

Jakob Haringer: Zum Lieben und Träumen



Zum Lieben und Träumen

Ich freu mich so, wenn’s draußen lustig regnet,
In meiner Kammer träum ich faul im Bett.
Mir ist, als hätt’ der Regen mich gesegnet,
Und sei das Schicksal auch noch einmal nett.

So ewige Nächte floß die dunkle Wunde,
Die mir die Liebe schlug und ihre Pein –
Doch eine Nacht kam diese süße Stunde,
Da schlief dies ganze, ganze Elend ein.

Der Regen ist mir Himmel ach und Klause,
Er rauscht so schön als sei noch Kinderzeit.
Beim Regen geht mein irres Herz nach Hause,
Als sei die schöne, schöne alte Zeit.

Jakob Haringer (1898 - 1948)

Donnerstag, 14. März 2019

Jakob Haringer: Gebet um Sünde



Gebet um Sünde

O Gott! aus diesen lauen grauen Tagen
Glüh mich zur Sünde hin, weil mich so friert –
Eh daß mein Herz vereist in frommen Sagen,
Mach mich ein bißchen teuflisch und vertiert.

Ihr toten Tage ausgehöhlt entgöttert,
Wie ungewürzte Speise leer und schal,
Sauer wie Schweiß um blöd vertane Arbeit –
Ihr Toten – ach erstickt mich tausendmal;

Wie Wein, in den es jahrelang geregnet.
Auf euch ruht nimmer Gottes Mutterhand...
Behängt mit meinen nie geweinten Tränen,
Mit meiner letzten Wünsche Kindertand.

Wo ist der Engel, der da gut und weise
Euch wachsen ließ wie Veilchen aus dem Schnee?
Dies stille Frommsein ist ja gut für Greise –
Die Sünder tun einander nimmer weh.

O in der Sünde festlichem Gewimmel –
Ach, bloß die Laster machen gut und rein.
Ich bin so ungeeignet für den Himmel!
Laß lieber mich ein frommer Heide sein.

O laß mich lieber Dir mit Sünden danken...
Die Sünden weinen sich die Augen aus.
Die Heiligen mit ihren Löwenpranken
Zerschlagen ganz mein armes Blumenhaus.

„Lieber Gott! Du solltest wirklich deinen allerletzten Freund nicht so behandeln!... Weißt du, bloß Kleinigkeiten sind es nun einmal, die auf Erden uns armen Würmern die Wege erleichtern ... und selbst mit denen geizest du... Das Glück ist immer gegen die armen Leute. ... Weißt du, es ist schon hundsgemein, daß du nicht helfen magst! Du, schick sofort ein Wunder!! ... Ich habe nie gespart wie deine Braven, ich habe all deine schönen Dinge gekostet und genossen und verschenkt... Wenn deine andern endlich krepieren, liest man ja immer von ihrem edlen, großzügigen ‚Vermächtnis’ – allerdings habe ich noch nie gelesen und gehört, was sie zu Lebzeiten wahrhaft Gutes getan. Wie lieb ich all deine schönen Sachen: ein Amselruf im Morgenrot, ein Mädchenknie, eine Leberwurst, eine kleine süße Melodie, Frauenhüften, Gewürze, Duft der Parfüms, Zigarren, die liebe Einsamkeit, Stille, Hunger, mit einem guten Kameraden essen und trinken. Und wie schön hast du erst die Sünde, das gute Laster gemacht!“

Jakob Haringer (1898 - 1948)

Die Größe Haringers ist sein urlyrisches Genie : zu sehen und Worte zu haben für das Gesehene. Eine Welt ging in ihn ein. Haringer, der Vagant, ein kranker, nicht mehr junger Mann, hungert in einem Asyl, einem Krankenhaus, in einer Höhle der Berge. Reißt ihn das Buch aus seiner Armut, dann werden seine Verse glätter, seine Gesichte aber blasser werden. Sein Buch ist wie ein Bergpfad, der in großer Höhe durch Kalkgestein führt : spitzes und abgebröckeltes Gestein — und dann wieder Ansiedlungen seltenster Pflanzen, wahre Fundgruben der Form. Es lohnt sich, in diesem Bande zu wühlen, um Oasen der Sprache aufzuwittern. Du findest dann am Wegrand eine Zeile wie diese :
                         In den Stunden des Glückes hast du Genossen und Frauen.
                         In den Gewittern des Narrens weinst du verzweifelt allein.“

Otto Zarek (1898 – 1958)



Samstag, 5. Januar 2019

Jakob Haringer: Portrait / Der Dichter

Erich Büttner (1889 - 1936): Portrait Jakob Haringer


Portrait

Ich kann ja nichts als meine armen Verse schreiben,
Ich habe kein Geschick zu Dramen und Roman,
Das Leben hat ja Platz auch in acht Zeilen –
Und Bände da zu schmieren dünkt mich Wahn.
Was soll man Leiden da in Akte pressen,
Das kleine Glück wird schöner wohl als kleines Lied –
Und da wir sowieso ja alles stets vergessen,
Alles, was gestern noch gejauchzt und heut verblüht,
So will ich nichts als so ein kleiner Niemand bleieben,
Und nimmer freut sich meine Seele kindergut und groß,
Ich kann ja nichts als meine armen Verse schreiben,
Sie wollen, dass ich ewig fremd und mutterlos.
Es weiß ja keiner, wie dies Bluten schmerzte,
Und es ist gut, dass keiner mich erkannt,
In tiefer Nacht brenn ich mein Herz als Kerze,
Wohl, weil ich keinen Stern auf Erden fand.
So will ich gern ein kleiner Niemand bleiben,
Vielleicht kenn ich ich das Leben trotzdem mehr als ihr!
Ich kann ja nichts als meine armen Verse schreiben –
Dies große Herz ja, auf ein kleines Blatt Papier!


Der Dichter

Alles Glück, es ward nie Seligkeit,
Und der schönste Stern wird nie zum Licht,
Aber auch das tiefste Erdenleid
Ward kein Leid: es wird bloß zum Gedicht!
Und des Lebens schönste Dinge sind
Strophen bloß und euerm Herz zum Tand:
Jeder Dichter ist ein blindes Kind.
Worte sind sein armes Vaterland!
Sucht auf alles Leben nur den Reim!
Ach der Reim ihm alles Sein verdirbt –
Fand er keine Hand und kein Daheim.
Der ist Dichter bloß, der ewig stirbt.
Dichter ist nur, wer nie ein Gebet
Und als Toter durch das Leben geht.
Ist die Welt ihm eine tote Stadt,
Weil er bloß sein Herz zum Leben hat –


 In den Stunden des Glückes hast du Genossen und Frauen.
 In den Gewittern des Narrens weinst du verzweifelt allein.

 Jakob Haringer (1898-1948) 

Freitag, 4. Januar 2019

Jakob Haringer: An die Freunde

  Erich Büttner (1889 - 1936): Portrait Jakob Haringer  


An die Freunde:
Spielt nur Theater, ihr Lauen,
Euch ist alles Herz bloß ein Spiel.
Edelste Treue, Vertrauen –

Selbst euer Gott läßt euch kühl.
Garnt ihr ein Reh, ein scheues,
Oh! es wird euch zum Spott.
Ach, ihr müßt tändeln- und sei es

Noch mit dem Tod und mit Gott.
Nie! Vor den eigenen Türen...
Aber die Splitter des Freunds!
Lästern und Spionieren,

Sehnsucht und Trug ist euch eins.
Käm auch das edelste Wunder,
Euch ist's ein komisches Stück.
Euch sind die Sterne nur Plunder

Und eine Puppe das Glück.
Wenn euer Leben verspielt ist
Und der Tod euer letzte Malheur- -
Wenn auch mein Abend dann kühl ist ,

Zieht doch ein Stern drüber her.
Trügt nur, ihr Puppen, ihr Schlauen...
Aber die Wunder sind mein!
Lügt nur Theater, ihr Lauen!

Spielt, aber laßt mich allein- -

Jakob Haringer (1898-1948)