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Sonntag, 14. Juli 2024

Egon Schiele: Eine Jugendliebe

 


Margarete Partonek war die erste große Liebe des 16-jährigen Egon Schiele. Seine Briefe an sie geben nicht nur seine Zuneigung für sie preis, sondern fördern auch die ersten lyrischen Gehversuche des Künstlers zutage. In diesem Jahr (1906) wurde der 16-Jährige in die Wiener Akademie der bildenden Künste  aufgenommen. Wie lange genau diese Jugendliebe gewährte, ist nicht bekannt. 



An mein Ideal

I.

Der Kunst, der reich ich meine Rechte
Der Malerei streck ich sie hin,
Wenn’s nur was zweites geben möchte,
In Klosterneuburg oder Wien.

II.

Das nächste oder drauf das Jahr
Werd’ ich müssen weg von hier,
Mit der Hand und lockigen Haar,
Das ist der Künstler beste Zier.

III.


Und das zweite, – – ist mein Gretchen,
Dir reiche ich meine beiden Händ’,
Du bist das allerliebste Mädchen,
Mein Lieb, dass ich nur jemals fänd.

IV.

Du ros’ge reizende Natur,
Du herzzerreißende Figur,
Dir lacht der Frühling lieb entgegen
Mit wonn’gen Tagen, still verlegen.

V.

Nur luna [!] soll es einstens seh’n,
Der kann dann ruhig vorrübergeh’n;
Doch höre jetzt und schreib an mich
In kurzer Zeil’ – ich liebe dich.

E. [Egon] Schiele

30.III.06.



Woher haben Sie denn das erfahren?
Das ist mir jetzt noch nicht im Klaren;
Wohl kenn ich manches Mägdlein hier
Doch dafür [durchgestrichen] darum, kann ich nicht’s dafür.

Das machte einst der Jugend Freude
Und dieses tat mir viel zu Leide,
Dies Fräulein ist von blondem Haar,
Es hat ein braunes Augenpaar.

Doch längst vergessen ist die Zeit
Mit vielen Neid und Streitigkeit;
Jetzt dank’ ich Gott, den edlen Hort
Für dies Erlös, mein Ehrenwort.

Viel länger könnt’ ich dahin schreiben; –
Nur bitt’ ich dieses nicht zu zeigen,
Sie werden wohl das Fräulein kennen,
Die auf der Karte schrieb

„L. B.“ [?]

SCHIELE.

31.III.1906.



Mein Lieb

Und sollt’ ich Dich jetzt noch nicht lieben,
So sieh Dir meine Augen an,
In dessen Innern steht’s geschrieben,
Daß das nicht ist, ein kurzer Wahn.

Und solltest Du mir’s noch nicht glauben,
Daß ich zu lieben Dich begann,
So sieh Dir meine Lippen an – –;
Die werden manchen Kuß Dir rauben.

Und wolltest ihn vielleicht nicht haben,
Gestohlen sollt er doch nicht sein;
Nur Liebende, die gern’ sich haben,
Die küssen sich so ganz allein.

Und kann ich dich jetzt nicht erlangen,
So schick’ ich Dir viel herzlich Grüß;
Und schick Dir auch, auf Lipp und Wangen,
Viel tausend zuckersüße Küß.

Wenn diese Schrift, mit roter Tint'
Erhalten hast, am heut’gen Tag
So denk’, daß zweie es nur sind,
Denen ich einmal was G’schriebnes gab.

S. [Schiele] Egon.




Der erste Kuß der Liebe!

Traumgebilde, Fantasien
Schweben vor des Jünglings Blicken,
Und der Lieb’ Magnete ziehn
Hin zu ihr, ihn zu entzücken.

Und er sieht sie vor sich stehen,
Und es faßt ihn mit Gewalt
Und reißt ihn gleich, Sturmeswehen
Blitzesschnell hin zu ihr bald.

Und die braunen Haare hängen
Sanft, geschmeidig, dicht herab
Über ihren roten Wangen,
Denen Lieb’ das Glühen gab.

Und nur Freundlichkeit nicht Tücke
Spielen um den schönen Mond
Und ihr geben, seine Blicke
Was die Zarte fühlet kund.

Es erfaßt ihn mit Entzücken
Und im seel’gen Hochgenuß
Drückt er auf die ros’gen Lippen,
Seiner Liebe – ersten Kuß.

Margarete Partonek an Egon Schiele



Liebstes Fräulein. . . 

Mein neues „Drüben“ verdirbt mir meine ganze Aussicht. Früher konnte ich Sie
wenigstens hinter einem grünen Versteck sehen, doch jetzt ist dieses Dach am Fenster zu kurz.

Warum schreiben Sie nichts mehr so wie vor einigen Wochen? Wenn solcherlei Sachen bis jetzt noch niemand außer den Nächsten in unserer Umgebung weiß, glaube ich wird es niemand, am wenigsten bei Ihnen in der Schule erfahren; vorausgesetzt daß Sie selbst nichts weiter Ihren Freundinnen & Kolleginnen sagen oder vorlesen. Sie haben mir erst drei Schreiben durch Ihren Bruder geschickt, die bei mir gut aufgehoben sind, während ich Ihnen deren schon mehrere
zukommen lassen haben [!].

Würden Sie vielleicht wirklich nicht schreiben können, aus Gründen die Sie mir
nicht sagen wollen, so gibt es noch ein Zweites, bei dem ich an Ihrer Stelle keine Ausrede finden würde. Sie gehen abends oft auf der Gasse mit Fräulein Hermine, könnten Sie nicht zumindest den Weg in eine andere Gasse einschlagen? Es kommt nur an Ihren Willen an den Sie leicht bezwingen können; dann möchten Sie Ihre Worte erfüllen, die Sie mir so deutlich schrieben. Wie oft gehen Sie in die Obere Stadt, wie z.B. am Montag, da könnten Sie doch diesen vorhergenannten Weg beim hin oder Retourgehen benützen.

Wenn ich auch jetzt vielleicht Unangenehmes schrieb, so bitte ich um Verzeihung, denn aus vielen werden Sie sehen, daß ich so schreibe wie ich denke. Würden Sie mir Verzeihung nicht gewähren, so bitte ich dieses zurückzusenden.
Hoffentlich aber werden Sie von meinen Ratschlüssen auswählen, so daß nicht der schönste Monat ohne Ausnützung verfließt.

Sie sind jeden Sonntag fort am 22. waren Sie in Hadersfeld, wo waren Sie am letzten Sonntag? Umsonst werden Sie nicht Ausflügemachen. Es grüßt Sie herzlichst 

Ihr ES [Egon Schiele]

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.



 Gemälde Egon Schieles von 1906



Ein Mädchenbildnis Egon Schieles aus dem Jahr 1906, wohl nicht Margarete Partonek

Dienstag, 31. Oktober 2023

Egon Schiele: Ein ewiges Kind / Abendland

 



Ein ewiges Kind

Ich folgte stets den Gang
der brünstigen Leute
und wollte nicht in ihnen sein.
Ich sagte;  -  redete und redete nicht,
ich lauschte
und wollte sie stark oder stärker
hören und hineinsehen.
Ich ewiges Kind,
ich brachte Opfer anderen,
denen, die mich erbarmten,
denen, die weitweg waren
oder mich Sehenden nicht sahen.
Ich brachte Gaben, schickte Augen
und flimmernde Zitterluft
ihnen entgegen, ich streute ihnen
überwindbare Wege vor und,
- redete nicht.
Alsbald erkannten einige die Mimik
des Hineinsehers
und sie fragten dann nicht mehr.
Ich ewiges Kind,
verdammte alsbald das Geld und lachte
während ich es beweinend nahm,
das Hergebrachte, das Massenmuß,
das Körpertauschliche, das Zweckgeld.
Ich sah Silber wie Nickel,
Nickel wie Gold und Silber wie Nickel.

Egon Schiele, aus: Sämtliche Gedichte - Die andere Seite des Genies, Verlag Christian Brandstätter


Abendland

Ich habe Schaukelfelder durch winzige Zacken
zerschneiden gesehen
von Tausenden verlierenden Punkten auf Gelb,
Spiegelteiche und weiche Wolken.
Neigend bogen sich die Berge und hüllten Lüfte
aus Schleiern ein.

Ich roch die Sonne.
Jetzt ist der blaue Abend da,
sang und zeigte mir erst die Felder.
Einen blauen Berg umfloss noch roter Schein.
Ich war von all dem Vielduftigen umträumt.

Auch in: Die Aktion, 2. September 1916

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.

Das Selbstportrait ist von ihm, 1912

Das Heft Nr. 22 der Reihe Versensporn ist ihm gewidmet (2016) 

Donnerstag, 3. August 2023

Verse aus dem Schützengraben, von Max Pulver, Ludwig Bäumer, Egon Schiele, Theodor Rudy, Paul Kraft, Rudolf Fuchs

 


Verse aus dem Schützengraben  

Die Zeitschrift Die Aktion wurde Februar 1911 von Franz Pfempfert gegründet. Bereits 1914, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wurde die Zeitschrift erstmals beschlagnahmt. Mit Ausbruch des Krieges im August 1914 verschärfte sich die Situation noch, da jetzt eine schärfere Zensur galt. Franz Pfemfert, als Linker und Pazifist, beschloss deshalb, ab sofort nur noch literarische Texte zu veröffentlichen, um so ein vollständiges Verbot des Heftes zu vermeiden. Erstaunlicherweise gelang dies, und das obwohl Pfempfert in Rubriken wie „Ich schneide die Zeit aus“ hetzerische Artikel aus anderen Zeitungen geschickt montierte, und in einer Briefkastenrubrik Künstler und Intellektuelle, die den Krieg unterstützten, scharf angriff. Auch die literarischen Veröffentlichungen setzte er geschickt im Sinne des Antimilitarismus ein, indem er zum Beispiel regelmäßig Gedichte von der Front veröffentlichte, unter der Rubrik „Verse aus dem Schützengraben“

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935), aus dem Zyklus „Krieg“ von 1917


Verse

Im zarten Grau verflochtner Ulmenzweige
Verliert mein Blick sich zwischen fernen Giebeln
Biegsamer Äste, deren sanfte Berge
Der Rundung gleicht an fremden Tempelzwiebeln.
Dort hinter Zweiggeflecht und Blattgeäder
Fühlt sich mein banger Blick mit eins geborgen;
Dann stockt der wirre Gang der Feuerräder
In meinem Herzen, es wird still und Morgen.
Und alles Drängen ist dann wie geschlichtet,
Auf einen Kern ist alles Sein gerichtet
Und aller Wille strebt durch eine Kraft.
Wie eine Leier hell und rein gestimmt
Schwebt dann mein Selbst, bis es im All verschwimmt.

Max Pulver, aus: Die Aktion 1915


Lied der Dichter

Wird ein Sommer sein, an Kreuzen aufgerichtet,
Eselinnen über Purpur schreiten.
Angst des Weltalls wird zum Schwamm verdichtet,
Unsre stillen Lippen suchtumgleiten.
Und es werden immer nur die Kinder ernten,
Uns in ihre unermeßnen Hände liefern,
Daß wir ihre wundervollen nachtbesternten,
Süchte einer ungeahnten und als Himmel tiefern
Landschaft in die aufgetanen Munde reichen.

Wird einmal ein Frühling ohnegleichen
Wie ein Mord am Winter durch die Straßen ziehn,
Über unsre matten Augenhöhlen streichen,
Und sie müssen wieder wie im Anfang glühn.

Ludwig Bäumer, aus: Die Aktion 1916


Abendland

Ich habe Schaukelfelder durch winzige Zacken
zerschneiden gesehen
von tausenden verlierenden Punkten auf Gelb,
Spiegelteiche und weiche Wolken.
Neigend bogen sich die Berge und hüllten Lüfte
aus Schleiern ein.

Ich roch die Sonne.
Jetzt war der blaue Abend da,
sang und zeigte mir erst die Felder.
Einen blauen Berg umfloss noch roter Schein.
Ich war von all dem Vielduftigen umträumt.

Egon Schiele, aus: Die Aktion 1916


Vorfrühling

Dreimal hab das Zelt ich wohl zurückgeschlagen
Und hinausgelauscht in die Dämmerung.
Öde lag das Land mit seiner Hügel Schwung.
Und der Morgen blasste müd herauf, ein mürrisch Fragen. -
Im zerschossenen Walde pfeift ein Vögelein
Und mir ist, ein Ruch der Wiesen streife
Meinen Atem - - da in laue Luft ich greife.
Und die Sonne kommt in fremdem rotem Schein.

Theodor Rudy (Lebensdaten nicht bekannt), aus: Die Aktion 1917


Vor der Fahrt in die Heimat

Der Tag liegt vor mir, wo mein altes Leben aufersteht,
Ich fühle heute nichts als Glühn auf dem Gesicht.
Nichts als Verwirrung, die nach innen geht
Und bleiern hinschlägt über Lenz und Licht.

Der Tag liegt vor dir. Nun bist du bereit
Zu bohrenderem Aug in Herz und Hirn hinein,
Zu spähn und spannen in die nun versunkene Zeit
Und des gelebten Jahres Wind und Wein?

Bist du bereit? Was sagt der Prüfungsaugenblick?
Schwangst du dein Wollen vor? Glitt es zurück?
Bist du bereit? Und sagst, was dich befällt,
Da brausend dich erschlägt die vorige Welt?

Da jeder Ort, den deine Strophen singen,
Und jeder Tag, den du unendlich lebtest,
Da alle Liebes-Blicke, die du bebtest,
Vergoldeter in dir nun wiederklingen?

Sangst du dein letztes Lied? Die Seel´ verneint.
Da sie noch nicht die letzte Liebe weinte,
War auch das Lied, das Trän´ und Liebe einte,
Das letzte goldene nicht, daraus sie scheint.

Jedoch die Götter sind mir mild. Du fühlst
Sie auch den wirrsten Stunden angegliedert,
Und was dein Lied, dein seliges Lied erwidert,
Wenn du in seinen tausend Klängen wählst.

Jedoch die Götter sind mir mild, und wer dich hört,
Den darfst du auf ein anderes Lied vertrösten,
Auf jenes Lied des ganz und gar Erlösten,
Durch dessen Überschwang Gott selber fährt,

Durch dessen Donner die Ersehnte bricht,
Die über jeden deiner Blicke fällt -
Die glänzt aus jeden goldenen Waldes Licht
Und stellt dein Lied für ewig in die Welt.

Dies Lied, ein tönendes Unendliches,
Drin jedes Wort von deren Namen tönt,
Die mich mit der Unsterblichkeit versöhnt:
Bei mir und meinem Gott: ich singe es!!!

Paul Kraft, aus Die Aktion, 8. Januar 1916


Skizze zu einem Gedicht

Sieben Uhr abend und die Jahreszeit kühl - Der Park steht weiterhin leer - Auf dem Teiche zwischen Rosenwolken zieht ein Schwan - Unter einer Ulme (Ulmus campestris) ruht ein alter Mann aus - Ich setze mich neben ihn, um mir eine Weile die Gärtner zu betrachten, die mit gezähltem Schwung den feinen und blauen Blumen durchwobenen Rasen hinmähen -

Die Kappe auf der Bank, sitzt jener alte Mann barhaupt da - Eine wollene Decke schützt ihm die Füße vor Kälte - Er bewegt über einem ganz braunen, dicken Bande die Lippen - „Die drei Männer im Holzofen“ sagt er - Ein Holzschnitt zeigt Daniel und die drei Geheiligten - Es ist dunkel, ich kann den Spruch darunter nicht unerscheiden -

„Ob sie ihn dennoch segnen?“

„Wen?“ fragt er -

„Den Versucher -“

„Wofür ihn segnen?“ ruft er - „Sie verfluchen ihn!“

Es wird sehr rasch finster - Schon zittern Sterne auf - Ein Windstoß stäubt zwei Takte Musik in die Luft - Der alte Mann packt zusammen - „Ich habe“, sagt er, „auch drei Söhne im Feuer“ -

Sein Schatten gleitet das Wasser entlang -

Der Schwan folgt ihm

Rudolf Fuchs, aus: aus Die Aktion, 8. Januar 1916


Max Pulver, geboren am 6. Dezember 1889 in Bern; gestorben am 13. Juni 1952 in Zürich, Psychologe, Graphologe, Lyriker, Dramatiker und Erzähler. Bekannt wurde er als Graphologe mit seinen grundlegenden Werken Intelligenz im Schriftausdruck und Symbolik der Handschrift. Nach frühen literarischen Erfolgen gab Pulver seine dichterische Tätigkeit in den 1930er Jahren zu Gunsten der Graphologie weitestgehend auf.


Ludwig Bäumer, geboren am 1. September 1888 in Melle; gestorben am 28. August 1928 in Berlin lebte ab 1910 in der Künstlerkolonie Worpswede. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier teil, wandelte sich dann jedoch zum Kriegsgegner und war während der Novemberrevolution in Bremen als kommunistischer Politiker aktiv. Ende 1918 war er Delegierter auf dem Gründungsparteitag der KPD in Berlin. Im Januar 1919 wurde er Mitglied des Rates der Volksbeauftragten der Bremer Räterepublik. Bäumer wohnte bis 1922 weiter in Worpswede, schließlich als freier Schriftsteller in München und Berlin. Am 28. August 1928 nahm er sich in Berlin das Leben.

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.

Paul Kraft, geboren am 28. April 1896 in Magdeburg – Sudenburg, gestorben am 17. März 1922 in Berlin, Lyriker, erste Veröffentlichungen ab 1913 in der von Franz Pfempfert herausgegeben Zeitschrift Die Aktion. Durch Vermittlung von Franz Blei erscheint 1915 im Kurt Wolff Verlag in der Reihe „Der jüngste Tag“ sein Band Gedichte. Er stirbt am 17. März 1922 an den Folgen einer falsch behandelten Lungentuberkulose im Krankenhaus Neukölln in Berlin.

Rudolf Fuchs, geboren am 5. März 1890 in Poděbrady, Mittelböhmen, Österreich-Ungarn; gestorben am 17. Februar 1942 in London war deutsch-tschechoslowakischer Dichter und Übersetzer. Sein erster Gedichtband erschien 1913 in Heidelberg, bis zu seinem Tod im Exil in London, wo er bei einem Bombenangriff starb, sollten noch zwei weitere folgen. Sein letzter war "Gedichte aus Reigate", dessen erstes Gedicht die "Variationen nach Heinrich Heine" waren. Dass er ausgerechnet am Todestag des von ihm verehrten Dichters selber starb, und auch im Exil, wenn auch nicht in Paris, sondern in London, ist vielleicht eine Ironie der Geschichte. . .

Dienstag, 24. Januar 2023

Franz Blei: Abend / Heimkehr


 

Abend

Für Paul Scheffer

Den blauen Berg des tiefen Himmels steigen
Des Lichtes brennende Pilger hinab.
Es wird die Nacht den Müden sich gütig zeigen,
Jedem gibt sie ein weiches Grab.
Beugt euch tiefer, tiefer noch müsst ihr euch neigen,
Ganz das Licht in das Dunkel der Demut beugen.

Die Trösterin umfängt mit kühlen Händen,
Es löscht ihr Kuss das Leuchtende aus.
Und steht euch auch das Herz in wehen Bränden,
Kühl umschließt euch ihr dunkles Haus.
Sieh, nun steht der Tag an des Weges Enden,
O dass wir brennende Pilger Ruhe fänden!

Heimkehr

Für Max Brod

Nun wird der Weg schon blühender und breiter,
Und was im weißen Winterschlaf befangen,
Das wacht nun auf uns ist mein Heimgeleiter
Und bald ist jeder Weg zu End gegangen.

Verschlummert ist das Wünschen und Verlangen
Und alles Trübe wird auf einmal heiter,
Mit hellen Schleiern ist das Grau verhangen,
Ich bin Streiter mehr und nur ein Schreiter.

Die Heimkehr zu mir selbst! O Kind, und Glück,
Und kleines Wort, und Streicheln einer Hand,
Sieh wie ich komme, bald bin ich zurück.

Die Heimkehr zu mir selbst...ein fremdres Land.
Ersah in meiner Fremde nie mein Blick,
Als Fremdes ich in dieser Heimat fand.

Franz Blei, geboren am 18. Januar 1871 in Wien; gestorben am 10. Juli 1942 im Exil in Westbury, New York, USA), Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Literaturkritiker.

Das Portrait des Schriftstellers ist von Egon Schiele (1890 - 1918) 

Dienstag, 31. Oktober 2017

Egon Schiele: Weißer Schwan / Ein Selbstbild / Nasser Abend

Selbstportrait 1910


Weißer Schwan

Über den moorriechenden
Schwarzumrandeten Parksee
              Gleitet im
Regenbogenfarbenschaum
Der hohe, ruhige, runde
               Schwan.


Ein Selbstbild

Ich bin für mich und die, denen
Die durstige Trunksucht nach
Freisein bei mir alles schenkt,
und auch für alle, weil alle
ich auch Liebe, – Liebe

Ich bin von vornehmsten
Der Vornehmste
Und von Rückgebern
Der Rückgebigste

Ich bin Mensch, ich liebe
Den Tod und Liebe
Das Leben.

Aus: Briefe und Prosa von Egon Schiele (Richard Lányi, Wien 1921), herausgegeben von Arthur Roessler.

Nasser Abend

Ich habe lauschen gewollt des kühl-
atmenden Abends, der schwarzen
Wetterbäume, ich sage der schwarzen
Wetterbäume, dann
Mücken, der klagenden,
               der groben Bauernschritte,
               der fernhallenden Glocken.
               Die Regattenbäume hören,
               die Wettlaufalleen sehn,
und Mücken, sangen wie Drähte im
Windwinterland, - aber der große
schwarze Mann brach ihre Saiten-
                                            klänge. 

Die Aufgestellte Stadt war kalt im
         Wasser vor mir.


Aus: Die Aktion, Jg. 4 (1914), Nr. 15 (11. April)