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Mittwoch, 2. Juli 2025

Franz Werfel: Benennung

 



Benennung

Noch einmal seh´ und nenn´ ich
Erhabenes Antlitz der Bäuerinnen,
Heiligen Kinderknix in Kirchen,
Riesigen Blick des Priesters - -
Ah, ein Vogel hüpft  -  hüpft über die Straße.
O Menschenschritt! Noch einmal - - -
(Wie unbenannt die Welt noch
Unbenannt, ihr Freunde) - - -
Noch einmal seh´ und nenn´ ich,
Eh´ ich dahin ein Wind bin,
Ich Wolkenzug,
Ich ohne Bindung, Heimat, ich Halbtraum,
Ich Flüchtling aufgebrauchter Städte,
Geborgener ich aus uralter Feuersbrunst,
Schlaf, Wollust und den Namen Gottes rettend. -
Noch einmal weiß ich mich,
Freundin, in deinem Dahingehn,
Das Schicksal weiß ich, Nächte weiß ich,
Die mich in die Schleuder tun,
Daß ich mit euch bin, der ich bin,
Ich erlöschender Fluß,
Hinstickend schon durch die Höhlen,
Daß ich mit euch noch hier bin, ich Oednis,
Daß ich mit euch noch bin, umrollt von Lauf,
Befohlen von Gestirnen,
Kreis und heiliger Zahl,
Daß du Geliebte welkst an mir hinab . . .
So faß ich mich nochmals,
Nenne mich
Ich Heimat-, Höllen., Himmelloser,
Mein Haus aufbauend auf
Zufälligen und flüchtigen Gesängen.

Franz Werfel, aus: Daimon, Eine Monatsschrift, Herausgeber Jakob Moreno Levy, Redakteur E. A. Reinhardt; 2. Heft April 1918, Verlag Brüder Suschitzky, Wien

Franz Werfel, geboren am September 1890 in Prag, Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker, ging 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich ins Exil, zuerst nach Frankreich, dann in die USA. 1941 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er starb am 26. August 1945 in Beverly Hills, Kalifornien.

Das Bild „Le réfugié" ist von Felix Nussbaum (geboren am 11. Dezember 1904 in Osnabrück; gestorben nach dem 20. September 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau)

Freitag, 25. August 2023

Franz Werfel: Wie nach dem Regen / An Alma

 



Wie nach dem Regen

Ich bin wie nach dem Regen
Der Stadtpark vor dem Haus.
Der Wind hat ausgekeucht,
Doch Bäum' und Beete sind noch feucht
Und wiegen mir und hegen
Die schönsten Tropfen Regentaus. -

Ich bin so ganz voll Feuchtigkeit,
Voll nassem Grün und Regenglück,
Weil ich dich heut' gesehn.
Darum möcht' ich auch nah und weit
Und wohl ein gutes Gartenstück
In mir spazieren gehn.


An Alma

Wir leben schön zusammen,
Weil wir noch immer flammen,
So heut wie in der fernen Nacht.
Was wir aus unsern Tagen
Geschürft, geschlürft, geschlagen,
Macht unsre Seelen schwer von goldner Fracht.

Franz Werfel, aus: Gesammelte Werke, Das lyrische Werk, Herausgegeben von Adolf D. Klarmann, S. Fischer Verlag 1967

Franz Werfel, geboren am September 1890 in Prag, Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker, ging 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich ins Exil, zuerst nach Frankreich, dann in die USA. 1941 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er starb am 26. August 1945 in Beverly Hills, Kalifornien.

Das Foto zeigt Franz und Alma Werfel in New York

Mittwoch, 25. Januar 2023

Franz Werfel: Die vielen Dinge / Hymnus

 


Die vielen Dinge

Umflatternd die belustigten Personen,
Schwirrte dein Lied den Lampenkranz entlang.
Ich sah dich an und weinte. Mich bezwang
Dein Dasein. Könnt' ich's irgend doch belohnen.

In Tränen blickend! Bühne, Lusterkronen,
Ein alter Herr, der weise sich betrank ...
Da rief ich aus in weichem Überschwang:
Wie schön ist es, daß wir in Formen wohnen!

Was in und über mir ist, sprach verschmitzt:
»Du bist es selbst, was nimmer du besitzt,
Und nennst es: Wein, Greis, Mitzi, Rosen!

Bist eins mit ihm und wirst es nie verstehn,
Du liebst, und liebst dich selbst als Irgendwen.
O du Gestalt des ewig Wesenlosen!«

Hymnus

Wo kommt meine Liebe her?
Wo denn wogt das unsichtbare Meer,
Draus sich alle Tränenquellen sammeln?
Wolken wandern. Erste Tropfen stammeln,
Hochgeheime Regen niederfahren,

Und das innre Fließen schwindet nie . . .
Kreislauf, heiliger, der Sympathie,
Sei gesegnet, der du Leben schänkst,
Die Vertrockneten mit Tränen tränkst,
Und den Durst uns stillst, den einzig unstillbaren!

Aus: Franz Werfel Gesammelte Werke, Das lyrische Werk, Herausgegeben von Adolf D. Klarmann, S. Fischer Verlag 1967

Franz Werfel, geboren am September 1890 in Prag, Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker, ging 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich ins Exil, zuerst nach Frankreich, dann in die USA. 1941 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er starb am 26. August 1945 in Beverly Hills, Kalifornien.

Montag, 26. August 2019

Franz Werfel: Schwermut



Schwermut

Es steht eine Sägemühle im Wald.
Ich bin als Kind vorübergefahren.
War das vor hundert Jahren?
Jetzt bin ich nicht jung und nicht alt.
Doch ich weiß in der Straßen Lärmgefahren:
Ein Wasser schellt und schallt
Und wirft mit raschen, mit blauen Haaren
Übers Rad seine heilige Gewalt.

Heut ist der Holunderbaum schon abgeblüht
Und knarrte erst gestern in Frost und Schnee!
Wer rechnet das aus? Ich habe Heimweh,
Während ich doch in der Heimat steh.
Ich sprang ja kaum aus dem Bett und bin schon müd.
Knaben rennen und wälzen sich wild durchs Gras.
Sie halten unter die alte Pumpe ihr brennendes Gesicht.
Das sind nicht meine Kameraden, ich kenne sie nicht,
Und doch ist mein Mund vom Trunk noch tropfnaß.

Ich bin ein Same, hierher verweht
Aus einer fremden Welt.
Dies ist nicht mein Planet.
Doch hab ich einen Halm in die Sonne gestellt,
Und manchmal faßt ihn solcher Wonne Gewalt,
Als neigten sich durch einen Spalt
Seine wahren Brüder und Eltern vom Zelt.
Tau fällt.
Aber in einem alten Wald
Heiliges Wasser schallt, schellt.

Nun steh ich vor dem Gehöft der Nacht.
Der Wächter fragt: Was hast du tagsüber gemacht?
Ich habe mit meinen Küssen versengt,
Die mir am meisten Liebe geschenkt.
Der Wächter fragt: Was bringst du in der Hand?
Einer Lerche Asche, die sich am Herdfeuer verbrannt.
Der Wächter fragt: was weißt du zu berichten,
Undeutliche Gestalt?
Dies blieb mir von allen Geschichten und Gesichten:
Eine Sägemühle steht im Wald.

Franz Werfel, geboren am September 1890 in Prag, Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker, ging 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich ins Exil, zuerst nach Frankreich, dann in die USA. 1941 erhielt er die amerikanische Staastsbürgerschaft. Er starb am 26. August 1945 in Beverly Hills, Kalifornien.

Samstag, 26. August 2017

Franz Werfel: Wie nach dem Regen

Andrea Rausch "Nach dem Regen"




Wie nach dem Regen

Ich bin wie nach dem Regen
Der Stadtpark vor dem Haus.
Der Wind hat ausgekeucht,
Doch Bäum' und Beete sind noch feucht
Und wiegen mir und hegen
Die schönsten Tropfen Regentaus. -

Ich bin so ganz voll Feuchtigkeit,
Voll nassem Grün und Regenglück,
Weil ich dich heut' gesehn.
Darum möcht' ich auch nah und weit
Und wohl ein gutes Gartenstück
In mir spazieren gehn.


Franz Werfel, geboren am September 1890 in Prag, Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker, ging 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich ins Exil, zuerst nach Frankreich, dann in die USA. 1941 erhielt er die amerikanische Staastsbürgerschaft. Er starb am 26. August 1945 in Beverly Hills, Kalifornien.