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Sonntag, 17. Dezember 2023

Wilhelm Runge: Lieder

 



Lieder

Deine Augen ruhen auf mir
kaum kann ich sie tragen
Frieden
schenke deinen Händen
sie erheben sich bei deinen Worten
demütig
ein betend Volk
Wein
bis du in allen Adern
trunken finden die Gedanken nicht
herzaus herzein
tasten alle hin an deiner Stimme
den verwirrten Weg
entlanggeführt.

* * *

Nicht mehr wandern darf ich durch dein Antlitz
plötzlich falle ich in deiner Augen
tiefe Schlucht
alle Berge schlagen über mir zusammen
mit den Wellen deines Haars
wirf des Lachens Rettungsring
ganz dünn
ist meine Stimme
und wird zerreißen
meinen Wurzeln schließt die Hand dein Felsen
und des Auges Rose liegt gebrochen
du bist blauer Himmel
ich die Wolke
die sich fest an deinen Nacken klammert
sich nicht halten kann
und tausendfingrig
regenschreckt erdhin
den Wiesengrund
und dort hinsinkt himmellosgelöst auf ihr weiches Knie

* * *

Garnicht aufstehn mögen meine Augen
denn der Weg, den sie einst gingen
steht jetzt voller Widersprüche
Haben sie sich kaum erhoben
schlägt sie schon ein neu Geschehen
wie mit Ruten nieder.
Darum weichen sie hin nach der Heimat
allen fremden Worten aus
werden tief wie je ein Brunnen
und Erinnerung zerreißt den Spiegel
Tage tauchen auf
ganz maidurchdrungen
Primeln läuten durch das Wiesengrün
und das Flattern bunter Pfauenaugen
Blumen finden nicht mehr ihren Duft
ganz versunken in dem Rausch der Farben
Zweige zwitschern
grünhin summt das Gras
eine Spinne spinnt feinwunderwas
und die Bäume
schäkern mit den Tauben.

* * *

Eis den Weg entlang
knisternde Seide
sehnsuchtsvogelflüchtig
wangenheiß
jagt das Blut pulslang bis in die Sterne
Scholl' um Scholle
treibend Eis
Tannenwälder duften hoch
die Worte fallen
leishin wie Zapfen
moosgedämpft
und tief waldinnen
Kinderlacht das Herz
im Krippenschoß
wenn durch der Adern Zweige
wieder loht die Weihnachtszeit.

Wilhelm Runge, aus: Der Sturm, Nummer 21 - 22, 1 Februar 1916

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Montag, 13. November 2023

Sophie van Leer, Wilhelm Runge: Lieder

 



Lieder

I

In meinem Blut
tanzt
Du

Säule
trägst Du mich
Wellen schlägst Du um mich her
Mantel aus Meer

Nacht singt Du
Traum träumt Du
Sinn sinnt Du
Fern
Du


II

In meine Schultern hülle ich Dich
und trage Dich zu mir

Ich wiege Dich im Kahne meines Bluts
und pflanze hoch die Wälder meiner Glieder
um Dich
ich bette Dich
in das rausche Gestrüpp meiner Locken


III

Wunde mich nicht
wende Dich nicht
weile
wölbe Dein Lauschen

Bieg Deine Glieder
beuge Dein Lächeln

Neige die Wange
in meinen Schoß

lausch meiner Sehnsucht
Rausche Rausche

Sophie van Leer, aus: Der Sturm, Nummer 2, 15. Mai 1916


Lieder

Undurchdringlich
ist mein Gedenken
wie eine Mauer
um dich her
ich bin
eine Brücke der Sehnsucht
über die Weiten
zu dir hin
darüber eilt mein banger Atem
der nur von deiner Liebe lebt
und meine Tränen fallen dir
zu Füßen


* * *

Deine Augen ruhen auf mir
kaum kann ich sie tragen
Frieden
schenke deinen Händen
sie erheben sich bei deinen Worten
demütig
ein betend Volk
Wein
bis du in allen Adern
trunken finden die Gedanken nicht
herzaus herzein
tasten alle hin an deiner Stimme
den verwirrten Weg
entlanggeführt.

Wilhelm Runge, aus: Der Sturm, Nummer 21 - 22, 1 Februar 1916

Sophie van Leer, geboren am 3. Februar 1892 in Amsterdam; gestorben am 3. Juni 1953 ebenda, Lyrikerin, 1915 ging sie dann nach Berlin, wo sie sich der Gruppe um Herwarth Walden anschloss. In deren Zeitschrift Der Sturm erschienen in den folgenden Jahren zahlreiche Lyrik- und Prosabeiträge van Leers. 1915 lernte sie bei einer Ausstellung den Maler Georg Muche kennen, in den sie sich stürmisch verliebte und mit dem sie sich verlobte. Die Beziehung zerbrach 1918. Gleichzeitig bestand allerdings eine Beziehung zu dem jungen Dichter Wilhelm Runge, der als Soldat an der Westfront kämpfte, und mit dem sie einen ausgedehnten Briefwechsel führte, der 2011 publiziert wurde. Während der Novemberrevolution wurde Sophie van Leer in München verhaftet und zum Tode verurteilt, kam aber einen Tag später bereits frei. Einem während der Inhaftierung abgelegten Gelübde folgend konvertierte sie zum Katholizismus und nahm dabei die Vornamen Francisca Maria an. (Wiki)

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Das Bild ist von Otto Mueller (1874 - 1930)

Samstag, 15. Juli 2023

Wilhelm Runge: Abendlied


 

Abendlied

Ihre goldnen Harfensaiten
zieht die Sonne
leise aus dem Vogellied
und sie hält dann
mit der Hand der Wälder
ihr verträumtes Auge zu
wenn der Tag steht grün
im Bett der Felder
in die sternbesäte Ruh

Wilhelm Runge, aus: Der Sturm, Nummer 1, 15. April 1916

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Das Bild ist von Joan Brull i Vinyoles (1863 - 1912)

Freitag, 14. April 2023

Sophie van Leer, Wilhelm Runge: Lieder

 



In meinem Blut
tanzt
Du

Säule
trägst Du mich
Wellen schlägst Du um mich her
Mantel aus Meer

Nacht singt Du
Traum träumt Du
Sinn sinnt Du
Fern
Du

Sophie van Leer, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 2, 15. Mai 1916


Nicht mehr wandern darf ich durch dein Antlitz
plötzlich falle ich in deiner Augen
tiefe Schlucht
alle Berge schlagen über mir zusammen
mit den Wellen deines Haars
wirf des Lachens Rettungsring
ganz dünn
ist meine Stimme
und wird zerreißen
meinen Wurzeln schließt die Hand dein Felsen
und des Auges Rose liegt gebrochen
du bist blauer Himmel
ich die Wolke
die sich fest an deinen Nacken klammert
sich nicht halten kann
und tausendfingrig
regenschreckt erdhin
den Wiesengrund
und dort hinsinkt himmellosgelöst auf ihr weiches Knie

Wilhelm Runge, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 21 - 22, 1 Februar 1916


In meine Schultern hülle ich Dich
und trage Dich zu mir

Ich wiege Dich im Kahne meines Bluts
und pflanze hoch die Wälder meiner Glieder
um Dich
ich bette Dich
in das rausche Gestrüpp meiner Locken

Sophie van Leer, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 2, 15. Mai 1916


Garnicht aufstehn mögen meine Augen
denn der Weg, den sie einst gingen
steht jetzt voller Widersprüche
Haben sie sich kaum erhoben
schlägt sie schon ein neu Geschehen
wie mit Ruten nieder.
Darum weichen sie hin nach der Heimat
allen fremden Worten aus
werden tief wie je ein Brunnen
und Erinnerung zerreißt den Spiegel
Tage tauchen auf
ganz maidurchdrungen
Primeln läuten durch das Wiesengrün
und das Flattern bunter Pfauenaugen
Blumen finden nicht mehr ihren Duft
ganz versunken in dem Rausch der Farben
Zweige zwitschern
grünhin summt das Gras
eine Spinne spinnt feinwunderwas
und die Bäume
schäkern mit den Tauben.

Wilhelm Runge, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 21 - 22, 1 Februar 1916


Wunde mich nicht
wende Dich nicht
weile
wölbe Dein Lauschen

Bieg Deine Glieder
beuge Dein Lächeln

Neige die Wange
in meinen Schoß

lausch meiner Sehnsucht
Rausche Rausche

Sophie van Leer, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 2, 15. Mai 1916

Sophie van Leer, geboren am 3. Februar 1892 in Amsterdam; gestorben am 3. Juni 1953 ebenda, Lyrikerin, 1915 ging sie dann nach Berlin, wo sie sich der Gruppe um Herwarth Walden anschloss. In deren Zeitschrift Der Sturm erschienen in den folgenden Jahren zahlreiche Lyrik- und Prosabeiträge van Leers. 1915 lernte sie bei einer Ausstellung den Maler Georg Muche kennen, in den sie sich stürmisch verliebte und mit dem sie sich verlobte. Die Beziehung zerbrach 1918. Gleichzeitig bestand allerdings eine Beziehung zu dem jungen Dichter Wilhelm Runge, der als Soldat an der Westfront kämpfte, und mit dem sie einen ausgedehnten Briefwechsel führte, der 2011 publiziert wurde. Während der Novemberrevolution wurde Sophie van Leer in München verhaftet und zum Tode verurteilt, kam aber einen Tag später bereits frei. Einem während der Inhaftierung abgelegten Gelübde folgend konvertierte sie zum Katholizismus und nahm dabei die Vornamen Francisca Maria an. (Wiki)

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.


Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Dienstag, 21. März 2023

Wilhelm Runge: Lieder

 



Lieder

I

Rosen nicken aus den Junistunden
trällern Sommerblau den Matten hin
mild aus tiefstem Herzen grünt die Heimat
ihre Lippen murmeln wälderschwer
überwelthin schwingt die sterne Zeit
Kinderwangenliebkinderwangengereiht
Krieg brüllt auf
Die wilden Blumen schrein
Sonne leckt Gestöhn aus allen Poren
Frieden holt den tiefen Atem ein
und der Nächte durchwühlte Locken
schmeicheln um der Seele zitternd Knie
Angst zerreißt der Sterne Himmelglanz
und der Abend drückt die Augen blind
einsam geigt
tief hinter Blut geduckt
ewger Kindheit wildumsehntes Glück
und der Sehnsucht über die Welt
hängende Herzen
schlagen

II

Das Denken träumt
Gelächter reimt die Straßen
zum Tanz des Blutes
schläfenaufundab
Die Adern blinzeln Frühling durch die Knospen
und schlürfen tief den schweren Himmel ein
Wind spielt der Augen froh geschwellte Segel
der Stirne Knoten löst vom Tode sich
weiß über Wiesen schnattern Dörfer hin
die Städte fauchen
und zankend zerrn die Pulse ihre Zügel
nur deine Seele spielt im Sternjasmin
Lieb-Brüderchen Maßloslieb-Schwesterlein

III

An der Wüste deiner Stirne welkt der frühen Winde Blüte
meiner Stimme Hand zerrt blutend deines Denkens Dorngestrüpp
Einsam scheuen Deine Augen
hängen müde ihre Zweige
und Dein Mund ist ein Boot
nachts
auf uferlosem Meer

Aus: Der Sturm 1916 / 1917

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.


Dienstag, 24. Januar 2023

Wilhelm Runge: Dein Auge ist eine samtene Wiese. . . / Übers blaue Meer der Stunden. . . / Lieder

 


Dein Auge
ist eine samtene Wiese
über alle Hügel des Abends
und deine Lippen sind zu schwer
für ein leichtes Wort
Deine Gedanken
sind vor den Fingern des Todes
der sich zersehnt
ein Tanz des Glücks
Schließ mich ein
in die wilden Rosen
deines Bluts
Dein Atem
ist die Wiege des Sommers
_____

Übers blaue Meer der Stunden
winkt der Sehnsucht Schwalbenschwinge
den Gestaden fernen Glücks
und des Herzens roter Morgen
steigt empor aus tiefen Nächten
deines Bluts
fällt ein Sturm von Vogelliedern
auf der Winde seidge Schaukeln
kitzelt mit den Sonnenfingern
kräuselnd Lachen auf dem Wellenmund
und zerreißt den Schleier von den Augen
Bienen
die honigtrunken sind

Aus: Wilhelm Runge (1894-1918) Die Sonne wintert Ausgewählte Gedichte
Mit einem Nachwort herausgegeben von Wilfried Ihrig Vergessene Autoren der Moderne XLIII herausgegeben von Marcel Beyer und Karl Riha Universität-Gesamthochschule Siegen
Siegen 1990

Lieder

Auf springt der Tod und zügelt starr die Augen
Himmel reißt Sehen blutend aus dem Tag
Gebrochen sinkt der Sonne strahle Blume
blau plündert niedrig
Schreien spritzt in Trümmer
Rauch zücken Hände
Erde bröckelt Blut
wild hebt die Liebe weißtduwo
Gedenken stolpert bruderüberfreund
hin durch den Graben splittert Tod Zerpeitschen
und Sterben raucht das kurze Pfeifchen lässig
blau wirbeln Träume kinderblume Tränen
einsam versargt
das Leid

* * *

Grauen schaufelt Löcher in den Tag
wirft Lachen rein
und schleift das Schweigen weiter
die Stirne zwängt den Graben durch den Tag
der Graben springt
die Drahtverhaue schreien
bricht durch
sinnlos jagt sinnennach
und
zwischen Küsse
betten
Tränen
Staub

* * *

Blut stöhnt die Welt
Blut läßt sie lässig fallen
wirft nach die Sterne in den trägen Staub
Hoch reckt das Herz vielsommerstarke Himmel
Gewissenlos brückt Überstern die Hand
und greift das totzerzauste Kinderlächeln
Haschend neckt Seele Sterben Spiel durch Spiel
Sinnen küsst Mütterbeten in der Ferne
Sorglos streicht Tränen aus der klaren Stirn
und lehnt das Haupt dem grauenhaften Tag gelassen in den todesschwangern Schoß

Wilhelm Runge, Der Sturm, Nummer 12, 15. März 1917

Wilhelm Runge, * 13.6.1894 Rützen/Schlesien, † 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. - Lyriker.

Die Illustration ist von Ernst Stöhr (1860 - 1917)

Wilhelm Runge: Lied

 


Lied

Finstre Efeuhecke hin zum Grab
fällt Dein Haar
Trauer schluchzt wild auf die stille Bank
immer — immergrünverrankt
und des Auges blaues Veilchen
blüht auf hartem Steine
ruhesanft.
An Dein Antlitz kann der Wind nicht rühren
blätterstill ist aller Zweige Mund
bis des Schmerzes schriller Vogel
aus dem Schlummer Deiner Lippe fährt
und die Wipfel wildes Stürmen packt
das diie Aeste
bodenhin — hoch — himmelauf
zerfetzt

Lied

Wenn Du Deine Augen schließt
ist alles dunkel
meine Hand, die zu Dir will
geht irre
dunkel stehe ich ein Baum auf einem Kirchhof
Nur durch meine Zweige läutet Abend
und die Wolken die vorüberziehn
weinen
weinen, bis Du aufschaust
hochauf flattern Falter
Frühling sonnt im Strahl den Blumen hoch
und mein Fuß der eben wie ein Bettler müd am Grabenrande liegt
springt auf
Nun die Welt den Schwarm hilfreicher Wege vor das Antlitz seiner Wünsche wirft.

Wilhelm Runge, Der Sturm, 10. Heft Januar 1919

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.