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Montag, 11. Dezember 2023

Max Herrmann-Neiße: Nun, da es Abend. . .

 



Nun, da es Abend, lasst uns wieder reden
Von unsern Träumen und von unsern Liedern
Und dem, was einst auf schillernden Gefiedern
In seinen Himmel führte einen jeden.

Und gib mir deinen Trank und lass mich spenden
In leuchtendem Krystall aus meinem Schreine
Der tiefsten, süßen Schwermut dunkle Weine,
Auf dass die Wonnen sich im Rausch vollenden.

So lass uns auf zum weiten Saale steigen,
Der schwindelnd hoch in Wolken ragt vermessen,
Wo sich die Seelen taumelnd selbst vergessen, -
Und dann verstummen und für ewig schweigen ...

Max Herrmann-Neiße, aus: Das Buch Franziskus, Verlag A. R. Meyer, Berlin-Wilmersdorf, Juni 1911

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 in London, Deutscher Dichter, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

Die Illustration ist von Giovanni Segantini (1858 - 1899)

Dienstag, 8. August 2023

Max Herrmann-Neiße: Mond, du silberner Spiegel

 



Mond, du silberner Spiegel,
Darin meine Seele sich spiegelt -
Mond, Du leuchtendes Siegel,
Damit das Schweigen der Nacht versiegelt!

Die zarten Kinder, die Sterne,
Stehen in deinem schattigen Garten,
Und blicken still in die Ferne,
Wie in seligem Schauern und Warten.

Wie wenn sie in Bangen warten
Auf die Seele eines verstorbenen Poeten,
Stehen sie zitternd in deinem Garten
Zwischen den duftenden Wolkenbeeten....

Aber mit deiner Strahlen Riegel
Hast du das Tor verriegelt:
Mond - Du silberner Spiegel,
Darin meine Seele sich spiegelt!

Max Herrmann-Neiße, aus: Das Buch Franziskus, Verlag A. R. Meyer, Berlin-Wilmersdorf, Juni 1911

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 in London, Deutscher Dichter, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

Das Bild ist von Koho Shoda (1871 - 1946)

Montag, 22. Mai 2023

Max Herrmann-Neiße: Schweigen mit Dir

 



Schweigen mit Dir

Schweigen mit Dir: das ist ein schönes Schwingen
Von Engelsfittichen und Gottes Kleid
Und süß. Unsagbar sanftes Geigenklingen
Verweht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Schweigen mit Dir: das ist verschwistert Schweifen
Auf weißen Wegen und geliebtem Pfad
Und Fühlen, wie sich Blut zu Blute reifen
Und ranken will aus segensreicher Saat.

Schweigen mit Dir: das ist der Schwalben Schwirren
Um abendliche Türme sonnensatt
Und wonnig-wissen, wenn wir uns verirren,
Uns blüht gemeinsam doch die Ruhestatt.

Schweigen mit Dir: das ist aus Schwachsein Schwellen
Zu immer größrer Fülle, Form und Frucht,
Ist Wärme von Kaminen, Hut in hellen,
Verstohlnen Stuben, Bad in blauer Bucht.

Schweigen mit Dir: so sicher singt das Sehnen
Von Seele sich zu Seele wunderbar -
Ich weiß mein Haupt in deinem Schoße lehnen
Und deine Hände streicheln hold mein Haar!

Max Herrmann-Neisse, aus: Die weißen Blätter, Juli 1915

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 in London, Deutscher Dichter, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

„Er ist der grüne Heinrich, und alle glauben es, wenn ich das sage. »O ja, er ist der grüne Heinrich.« Seine Augen sind grün, sein Haar ein geschorener grüner Wiesenfleck; seine Eidechsennase – immer schlängelt sie sich. Und sein grüner Primanermund schwellt noch an vor Erwartung. Und seine Seele ist grün und tief, ein heller Schilfteich, man kann daraus Schachtelhalme, Leuchtkäfer, Jesusblumen und gesprenkelte Blätter fürs Herbarium sammeln. In seinem Dachzimmer, ich nehme an, er wohnt mit seinem Lenlein schräg unterm Hutrand des Hauses, leben sicher viel Kreaturen in Gläsern, Kröten, Fische, Quabben – und in Spiritus die Paradiesschlange zu sehen! Und noch lauter Großknabendinge. Lenlein, die Grünheinrichfrau ist eigentlich ein Heiligenmädchen, betet den grünen Heinrich an. Der ist ganz klein, trägt einen Hügel auf dem Rücken, so daß man ihn erst, wenn man mit ihm reden will, besteigen muß und es viel schwieriger fällt, zu ihm zu gelangen wie zu Menschen, die alltäglich in die Höhe, manche nach unten, aufgeschossen sind. Grünheinrichs Mutter hat gerne Märchen gelesen, und ihr Sohn kam in ihrer Traumwelt zur Welt; ihre Augen mögen wie bei Kindern groß geglänzt haben, als auf einmal der grüne Heinrich in ihren Händen lag mit einem Stern in der Schläfe, wie ihn nur Dichtern von Gott selbst verliehen wird. Der grüne Heinrich ist ein Dichter, und seine Gedichte sind große pietätvolle Wanduhren, schlagen herrlich, wenn er sie vorträgt.“

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945) über Max Herrmann-Neiße, aus: Essays, verlegt bei Paul Cassierer, Berlin 1920

Das Foto des Dichters ist von dem Fotografen Max Glauer (1867 - 1935)

Freitag, 27. Januar 2023

Max Herrmann-Neiße: Nächtliche Begegnung


 

Nächtliche Begegnung

Wenn wir nächtlich uns begegnen,
Sind wir so fern, so nah,
Daß sich unsre Seelen segnen,
Auch wenn mich dein Blick nicht sah.

Ich saß hinter meinem Glase,
Eingesargt in meinen Gram;
Zärtlich deine Vogelnase
Vom Liköre Abschied nahm.

Zwischen uns die fremden Säufer,
Dummheit, Weiber, Lärm und Rauch,
Die Verkauften und die Käufer,
Und vielleicht ein Heilger auch.

Keiner kann sich keinem geben,
Einsamkeit geht auf dem Strich,
Und man lebt sich um sein Leben.
So entschwandest du für mich.

Sachte fing es an zu regnen,
Als ich traurig heimwärts kroch. . .
Wenn wir nächtlich uns begegnen,
Lieben wir uns schließlich doch.

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 im Exil in London. Dieses Gedicht schrieb er für seinen Freund Joachim Ringelnatz.

Das Bild ist von Umberto Boccioni (1882 - 1916)


Mittwoch, 25. Januar 2023

Max Herrmann-Neiße: Du meiner Beete stille Gärtnerin

 


Du meiner Beete stille Gärtnerin

Wo deine Füße wandeln, blüht Vergißmeinnicht,
du meiner Beete stille Gärtnerin.

Du öffnest deine Hand und wirfst die weißen Wellen
wippender Sätze über meinen Geist.

- Gedanken gehn in Waffen ... Glied an Glied ...

Im Mond sind Mühlen, winterlich verwaist,
so braun wie ausgebrannt, umzäunt von Nervenlicht.

- Schläfst du? Träumst du von mir? Entstellen
dein Atmen Ängste? Fühlst du, wie ich bei dir bin?

Stumm singt die Nacht ihr namenloses Lied.

Max Herrmann-Neiße (1868 - 1941)

Das Bild ist von Thomas Millie Dow (1848 - 1919)

Dienstag, 24. Januar 2023

Max Herrmann-Neiße: Du bist Erfüllung leuchtender Legenden / Mit dir

 


Du bist Erfüllung leuchtender Legenden

Wie du sänftigst meiner Seele Stürme,
Läßt den Abgrund meiner Nerven blühn,
Führst mein Dunkles auf die Morgen-Türme,
Wo Wälder weit zu Gott verblühn.

Wie du meine schwersten Wochen leidest,
Und dich opferst für mein Auferstehn,
Still von allem, was dich schön macht, scheidest,
Wenn es meine Augen nicht mehr sehn.

Wie du weiß in Abendwiesen schimmerst,
Daß mein Herzweh keinen Stachel hat,
Wie du all dein Glück für mich zertrümmerst,

Solche Liebe wird in den Legenden
Einer zukunftshohen Sternenstadt
Ihres Gottes Testament vollenden.

Mit dir

Nur daß ich meiner Liebe Glück schon ahnte,
Verlockte mich in dieses Lebens Wahn,
Was mich im Meeresschoß zu bleiben mahnte,
Verwarf ich, deiner Schönheit untertan.

Sonst dämmerte ich in den Dunkelheiten
Des ewigen Vergessens, strömte still
Im Nebelozean der Nachtgezeiten
Vollkommen, wie mein Gott, ihm gleich, mich will.

Doch irdisch unvollkommen in den engen
Vergeblichkeiten dieser Welt zu stehn
Gelüstete mich mehr, weil du es teilst.

Weil mich der Flug zu himmlischen Gesängen
Nur glücklich macht, wenn deiner Schwingen, wenn
Du mich führst, und du an meinem Herzen weilst.

Max Hermann-Neiße, aus: Sechs Gedichte, Gebr. Hofer Verlagsanstalt, Saarbrücken 1919,
aus: Feuer - Monatsschrift für Kunst und künstlerische Kultur; 1. 1919/1920


Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 in London, Deutscher Dichter, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

Das Portrait des Dichters malte 1921 Erich Büttner (1889 - 1926) 

Max Herrmann-Neiße: Vorstadtmorgen / Das Wunder

 


Vorstadtmorgen

Ich bin ein Morgen, den die Vorstadt schenkt:
Wo Linden duften auf den leeren, stillen,
Verschlafnen Straßen um sehr weiße Villen,
Und sich ein Fremder laß zum Bahnhof lenkt.

Wo sich zerzauste Mädchen scherzend scharen
Um eines Milchmanns Wagen und ein Kind
Vom Bäcker kommt und Hunde sich geschwind
Und ganz gehässig in die Beine fahren.

Und Burschen gähnend ihre Pferde striegeln,
Und grüne Jalousien die Welt versiegeln,
Und kleine Gärten vor den Läden blühn -

Wo Arbeiter sich zu Fabriken schieben,
Und eine ferne Uhr schlägt säumig sieben,
Und nichts als grelles Rot und Weiß und Grün!


Das Wunder

Der rote Schein von einer Pufflaterne
Fließt wie ein Teppichstreifen übers Pflaster,
Aus einer Bibelstunde tapst ein Paster
Und spuckt ins Rinnsteinwasser Pfirsichkerne.

Ein Trunkner steht ganz hell und zählt den Zaster,
Gestalten drücken sich um die Kaserne,
Ein Auto schwirrt verpuffend in die Ferne,
Und in der Luft liegt lockend Rausch und Laster.

Umschlungne lehnen dunkel in den Toren,
Ein Droschkenkutscher fährt zum letzten Zug,
Und in die Pfützen fallen Fahrradlichter -

Und irgendwo wird jetzt ein Kind geboren,
Das eine Jungfrau sieben Monat trug,
Das wird ein Held, Mönch, Narr, Lump, Krämer oder Dichter.

Max Herrmann-Neiße, aus: Sie und die Stadt, Stimmungen der Stadt, zweiter Teil des Gedichtbandes, S. Fischer Verlag, Berlin 1914

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 in London, Deutscher Dichter, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935) 

Mittwoch, 9. Februar 2022

Max Herrmann-Neiße: Dein Haar hat Lieder, die ich liebe

 


Max Herrmann-Neiße (1886 – 1941), aus: Im Stern des Schmerzes Gedichte 1, Zweitausendundeins 1986

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 in London,  Deutscher Dichter, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

Das Bild ist von Harald Slott-Møller (1864 – 1937)

Samstag, 29. Januar 2022

Max Herrmann-Neiße: Lied

 


Max Herrmann-Neiße (1866  - 1941), aus: Sie und die Stadt, Lieder für Leni, S. Fischer Verlag, Berlin 1914

Das Bild ist von Moritz von Schwind (1804  -  1871)

 

Montag, 17. Januar 2022

Max Herrmann-Neiße: Dolce far niente

 

Max Herrmann-Neiße (1886  -  1941), aus: Die Aktion Nr. 27, 1913, Lyrische Anthologie. Das Bild ist von Henri Bellery-Desfontaines (1867  -  1909)

Montag, 8. April 2019

Max Herrmann-Neiße: Die Rose für den Dichter




Die Rose für den Dichter

Sie wagte durch den ganzen Saal zu schreiten,
sie dachte: Alle blicken auf mich hin
und sehn, wie töricht ich errötet bin -
was ahnen sie von meinen Seligkeiten!

Sie legte linkisch eine Rose nieder
neben die Kerze auf den leeren Tisch
und fand auf ihren Platz nachtwandlerisch
und saß, als wäre nichts geschehn, schon wieder.

Und alles schwieg. Nun stand der Dichter oben
und fing zu sprechen an, daß die Musik
klingender Verse wie ein Springbrunn stieg,
im Silberstrahl zum Himmel aufgehoben.

Er stand in ihrem Glanze, sie verschönten
sein aufgetanes Alltags-Angesicht.
Er sah den Saal und seine Menschen nicht
im Rausch der Strophen, die ihn groß umtönten.

Sie tönten noch, als er von seinem Blatte
aufblickte und der Beifall ihn umfing.
Er wußte nicht, als er vom Podium ging,
daß er in seiner Hand die Rose hatte.

Erst nachts in seinem heimatlosen Zimmer
hat er das göttliche Geschenk erkannt.
Und immer auf dem Tisch die Rose stand
in unverwelklichem, weltfremdem Schimmer.

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 in London, Deutscher Dichter, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

Samstag, 10. Januar 2015

Max Herrmann-Neiße - Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen




Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In fremder Ferne mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

Max Herrmann-Neiße, (* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London), Deutscher Dichter, von den Nazis ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb. Seine Gedichte aus dem Exil berühren mich immer wieder tief und stark.