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Mittwoch, 25. Januar 2023

Ernst Blass: Tagesgesang III

 


Tagesgesang III

Im Land war so der Apfelbäume Frieden,
Als hättens zarte Augen ausgedacht,
Die Felder lagen von der Hatz vermieden,
Klar bog der Pfad sich, der mich hergebracht,

Und sprang hinab im Abend durch das Tal,
Ein bißchen hat es, nicht zu naß, geregnet,
Ich sagte: Weggegangen ist die Qual,
Ich kann erwarten, was mir nun begegnet.

Niemals war so des Drucks ich mir bewußt,
Wie jetzt, da er mich ließ, wohl um zu proben,
Ob ich der lichten, starken, fremden Lust
Verstehen würde, voll mich zu verloben ...

Die Bäume standen in dem Abendlicht
Ganz kindhaft mit der Reife runden Kronen.
Hoch um der Berge laubiges Belohnen
Glitten schon Schleier einer Nebelschicht.

Ernst Blass (1890 - 1939)

Das Bild ist von Maximilian Liebenwein (1869 - 1926)

Sonntag, 23. Januar 2022

Ernst Blass: Abendstimmung; Jakob van Hoddis: He!

 



Hierzu sei bemerkt, dass sich Ernst Blass und Kurt Hiller auf der einen Seite und Jakob van Hoddis auf der anderen furchtbar zerstritten hatten, was dazu führte, das letzterer nicht mit im „Kondor“ vertreten war, der ersten Anthologie expressionistischer Lyrik, die Kurt Hiller 1912 herausgab, aus der das Gedicht Abendstimmung stammt. Unübersehbar ist es, dass in der Parodie aus seiner stillen Klause ein blasser (sic!) Oberlehrer steigt.

Doch nicht nur Jakob van Hoddis sondern auch ein anderer Dichterkollege macht sich kritisch über diese und andere Verse her:

 „Was er (Ferdinand Hardekopf) im „Kondor“ und im „Ballhaus“ als Lyrik absondert, ist durchaus Journalismus, und leider zumeist gepflegter Snobismus, zumal die drei Kondor-Beiträge. Wie heftig hingegen seine Art auf die „Rigorosen“ gewirkt hat, dafür ein paar Beispiele:

 „Ein Prunksalon, wie eine Schiffskajüte. / Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks. / Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte / und lächeln sanft wie Mädchen Maeterlincks“. (Ferdinand Hardekopf im „Ballhaus“)

 O komm! o komm, Geliebte! In der Bar / Verrät der Mixer den geheimsten Tip. / Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar / Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.“(Ernst Blass)

 „Deine Fliederweste, / du fahler Maler, küsst mich sehr, Bohème-Girl, / dein Shawl glänzt ganz zitronen, du, System-Earl, / trägst statt des Schlips zerwalkte Himbeerreste“ (Kurt Hiller)

 

„Glühgrün lampjongt  es in den Baumbeständen / zierratsbehuf und ölgemut herum“ usw. (Arthur Kronfeld)

 

. . .  So sind sie, die Rigorosen.   . . .  „Was alle diese treiben ist nicht Kitsch, sondern immerhin schlechte Kunst“, erklärt Kurt Hiller (einleitend) und meint damit Stefan George, die Naturalisten und die Heimatkünstler. Was die Kondoristen treiben ist hingegen nicht nur „immerhin schlechte Kunst“, sondern auch Kitsch, weil ihre Augen keine guten Bilder, sondern schlechte Oeldrucke schauen, und weil sie sich einbilden, Kunst sei die plumpe, unverarbeitete Beschreibung roher Sinneseindrücke mit angehängter Pointe und einem dicken Knalleffekt.

 . . . 

Wenn es wahr wäre, was Hiller (einleitend) behauptet, dass im Kondor eine „Dichter-Sezession“ sich manifestiere, und das soll wohl heißen, eine Auswahl der auffindbar Besten, dann ständen wir dem blanken Bankrott deutscher Lyrik gegenüber. Wir wollen nicht aufhören, auf besseren Nachwuchs zu hoffen, der ohne die Protektion einer westlichen Berliner Cafehaus-Clique seinen Weg und seine Höhe findet."

Erich Mühsam in seiner Zeitschrift „Kain“, Jahrgang II, Nr. 5, August 1912; ein Auszug aus dem Artikel „Die Rigorosen“.

 „Mühsam schaut auf die Mitteilung dieser Verse und nimmt das Atmosphärische  an ihnen nicht wahr. Die Lebenswildheit, die sich als modischer Chic irgendwo zwischen Aufbruchspathos und Selbstzerstörungsdrang austobt, ist zwar auch sein Element, aber sie ja nur Ausdruck der trotzigen Opposition gegen das Philistertum, niemals unbekümmerter Selbstzweck.“, schreibt Chris Hirte in seiner Erich-Mühsam-Biographie dazu (Ahriman-Verlag 2009)

Der am 17. Oktober 1890 in Berlin geborene Ernst Blass erlangte mit seinem Gedichtband „Die Straßen komme ich entlang geweht“ von 1912 eine ähnlich große Berühmtheit unter den Expressionisten wie Jakob van Hoddis mit seinem Gedicht „Weltende“. Beide konnten das nach dem ersten Weltkrieg nicht aufrecht erhalten und gerieten in Vergessenheit.

Tragisch das Ende aller drei oben genannten Protagonisten: Ernst Blass  -  1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er 1939 verarmt in einem jüdischen Krankenhaus an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose.

Jakob van Hoddis  -  Am 29. September 1933 wurde van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. In dieser Anstalt wurden ab 1940 der größte Teil von jüdischen psychiatrischen Patienten im deutschen Reich konzentriert. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Erich Mühsam  -  In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 wurde er von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet. 

Das Bild ist von Giovanni Boldini (1842  -  1931)


Freitag, 21. Januar 2022

Ernst Blass: Gen Haus

 


Ernst Blass (1890  – 1939), aus: Die Straßen komme ich entlang geweht, Heidelberg 1912

Das Bild ist von Marianne von Werefkin (1860  - 1938)

Ernst Blass: Nachts

 


Ernst Blass (1890 – 1939) Zeitungsausriss nicht datiert und nicht zuzuordnen

Am 23. Januar 1939 starb in Berlin nach schwerer Krankheit und vereinsamt der Dichter Ernst Blass, der 25 Jahre vorher zu den bekanntesten Lyrikern des Expressionismus gehörte. Sein erster Gedichtband  -  „Die Straßen komme ich entlang geweht“ erschien 1912. Von einem Lyriker wünschte er sich: „. . . daß er manchmal recht ins Alltägliche hineingeklebt ist; der noch in der Erhebung weiß, daß man nicht immer erhoben ist.“

Das Bild „Brooklyn Bridge“ ist von Joseph Stella (1877 – 1946)

Dienstag, 23. Januar 2018

Ernst Blass: An Gladys / Strand / In sanften Wehen ist der Herr




An Gladys (Die Straßen komme ich entlang geweht)

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht,
Den schwarzen Hut auf meinem Dichterhaupt.
Die Straßen komme ich entlang geweht.
Mit weichem Glücke bin ich ganz belaubt.

Es ist halb eins, das ist ja noch nicht spät. . .
Laternen schimmern süß und schneebestaubt.
Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich gerät
Mit Worten, schnöde, roh und unerlaubt!

Die Straßen komme ich entlang geweht,
Die Lichter scheinen sanft an mir zu saugen,
Was mich noch vorhin von den Menschen trennte;

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht. . .
Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen könnte,
Ich bin so sanft, mit meinen blauen Augen!


Am 23. Januar 1939 starb in Berlin nach schwerer Krankheit und vereinsamt der Dichter Ernst Blass, der 25 Jahre vorher zu den bekanntesten Lyrikern des Expressionismus gehörte. Sein erster Gedichtband  -  „Die Straßen komme ich entlang geweht“ erschien 1912. Von einem Lyriker wünschte er sich: „. . . daß er manchmal recht ins Alltägliche hineingeklebt ist; der noch in der Erhebung weiß, daß man nicht immer erhoben ist.“

Später wandte er sich mit seiner Arbeit mehr der Naturlyrik zu, von Stephan George beeinflusst. Das fand nicht immer den Gefallen seiner Freunde. Genutzt hat ihm es nichts, die Nazis verbrannten seine Bücher trotzdem. Heute ist Ernst Blass ein Vergessener. Zu Unrecht. Schrieb er doch so wunderbare Zeilen wie die folgenden aus seinem Gedicht „Nachts“:

Auf des Daseins geschwungener Brücke
Höre ich dann und wann so ein Lied
Kann nicht recht vorwärts und kann
Nicht zurücke
Doch fühle, daß alles geschieht.

„Der neue Dichter (der den Alltag kennt, der den Schwindel durchschaut) wird gegen künstlerisches Schaffen überhaupt, soweit es unkritisch ist, etwas skeptisch sein, – dennoch wird er eine Melodie haben ...

Weil er wahrheitsliebend ist, werden seine Dichtungen um viel Melodieloses im Erdenleben wissen, – dennoch Dichtungen sein; Dichtungen voll der Schönheit und Intensität eines großen Willens zur Ehrlichkeit. Er wird etwas geben, was, wie Kurt Hiller sagt, funkelt »zwischen Stahl und der Blume Viola«.

Zusammengefaßt: Der kommende Lyriker wird kritisch sein. Er wird träumerische Regungen in sich nicht niederdrücken. Noch im Traume wird er den ehrlichen Willen zur Klärung diesseitiger Dinge haben und den Alltag nicht leugnen. Und diese Ehrlichkeit wird die tiefste Schönheit sein.“

Aus dem Vorwort zu „Die Straßen komme ich entlang geweht“ 1912


Strand

Wir fühlen Sand und Sommer und die Wellen,
Die nachmittags an unsre Träume spülen,
Und sehen in dem Duft von frischen Kühlen
Sehr sichre Segler hell vorüberschnellen.

Und während wir die leichtbeladnen Stunden
Halb spielend und halb fliehend übergleiten,
Steht still in unsern Blicken, ohne Wunden,
Altkluge Trauer und der Glanz der Weiten. 



In sanften Wehen ist der Herr

So war der Lenz, ewigen Glaubens Spender,
Selber so ewig nicht, wie er gelind:
Der heitren Jugend kam der rauhe Wender,
Und unsrer Wiesen Herrscher ward der Wind!

Doch glauben wir, getreu dem ersten Bunde,
Die Kraft von stillen und erhabnem Lied
Und preisen in der nun erhaltnen Wunde
Die Einfachheit des Opfers, das geschieht.

Denn nicht im Feuer und im Wolkenbruche,
Nicht in der Schlachten blutigem Gezerr:
Es lebet Gott in einem schlichten Spruche,
In sanften Wehen ist der Herr.