Posts mit dem Label Die Aktion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Die Aktion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 15. Januar 2025

Georg Heym: Die Ruhigen; Ernst Balcke: Sommertage noch im Herbst

 



Die Ruhigen


Ernst Balcke gewidmet


Ein altes Boot, das in dem stillen Hafen
Am Nachmittag an seiner Kette wiegt.
Die Liebenden die nach den Küssen schlafen.
Ein Stein, der tief im grünen Brunnen liegt.

Der Pythia Ruhen, das dem Schlummer gleicht
Der hohen Götter nach dem langen Mahl.
Die weiße Kerze, die den Toten bleicht.
Der Wolken Löwenhäupter um ein Tal.

Dass Stein gewordene Lächeln eines Blöden.
Verstaubte Krüge, drin wohnt noch der Duft.
Zerbrochne Geigen in dem Kram der Böden.
Vor dem Gewittersturm die träge Luft.

Ein Segel, das vom Horizonte glänzt.
Der Duft der Heiden, der die Bienen führt.
Des Herbstes Gold, das Laub und Stamm bekränzt.
Der Dichter, der des Toren Bosheit spürt.

Georg Heym, aus: Dichtungen, Kurt Wolff Verlag, München 1922


Sommertage noch im Herbst

Das ist das Wunderbare dieser Tage,
Dass sie uns rühren wie geliebter Kranker
Genesungen und Wiederblühendwerden.

Wie wenn ein Vogel, der de Sommer lang
Die süßen Lieder seines Lebens sang,
Noch einmal sich aus dem Gebüsche höbe,
Wir aber meinten, dass der feuchte Wind
Des ersten Herbstes ihn schön längst getragen
zu wärmerer Länder lächelnden Gestaden.

Und doch ist dieser letzten Tage Gold
So müde uns, als ob ein letztes Echo,
Das tot wir glaubten, plötzlich sich noch einmal
In einem tiefen, fernen Grund entschleiert
Um unsere fast vergessene Rufe rollt.

Das ist wie Sonnenlicht auf ganz verfallenen
Gemäuern düsterer Burgen, das den Ruhm
Der großen Zeit aus seinen Winkeln weckt,
Den Gang der Frauen an hellen Märztagen,
Die ganz verlorenen Klängen alter Harfen,
Und eine Bangigkeit vor Leben.

Ernst Balcke, aus: Die Aktion 03, Jahrgang 1913

„Er (Ernst Balcke) ist der einzige Mensch, der hinter der äußeren Schale meines kindischen Wesens, das Höhere herausfühlt. Auch ist er gut und ist auch ein Ringender zur Schönheit.“ Georg Heym in seinem Tagebuch vom 15. Mai 1905

Als am 16. Januar 1912 Ernst Balcke und Georg Heym auf der Havel Schlittschuhlaufen waren, verließen sie den markierten Sicherheitsbereich. Balcke geriet in ein Loch, das für Eisvögel in das Eis geschlagen worden war, schlug mit dem Hinterkopf auf und verlor das Bewusstsein. Der ihm zu Hilfe eilende Heym brach ebenfalls ins Eis ein und kämpfte noch eine halbe Stunde lang ums Überleben, bevor er selber im Eis versank.

Montag, 30. September 2024

Marie Holzer: Lied eines kleinen Mädchens

 



Lied eines kleinen Mädchens

Nun bist du fort.
Still ist es in den Fluren.
Kalt lacht der Himmel.
Das Bächlein scheint zu spotten.
Der Wolken leuchtend Hermelin
birgt kein Geheimnis mehr.
Nun bist du fort
und nie mehr kehrst du wieder.
Was du mir gabst
war nur ein warmer Blick,
den ich erwidert, scheu und ängstlich fast.
Doch fehlt er mir und leer ist´s in den Bergen.
Was soll mein Lächeln,
wenn ich´s dir nicht schenken darf?

Marie Holzer. aus: Die Aktion, 2. Jahrgang 1912, Nr. 24

Marie Holzer (geb. Rosenzweig; geboren am 11. Januar 1874 in Czernowitz; gestorben am 5. Juni 1924 in Innsbruck), österreichische Schriftstellerin und Journalistin.

Während eines längeren Aufenthalts in Prag, wo ihr Mann an der Kadettenschule unterrichtete, begann Marie Holzer um 1907, sich für die österreichische Frauenbewegung zu engagieren und publizierte einige Beiträge in der Wiener Zeitschrift Neues Frauenleben. Ab 1907 veröffentlichte sie zahlreiche essayistische und erzählerische Prosatexte im renommierten Prager Tagblatt. 1911 schloss sie sich dem Kreis um Franz Pfemferts expressionistischer Zeitschrift Die Aktion an und veröffentlichte dort in den folgenden Jahren, wie in vielen weiteren Zeitungen und Zeitschriften ihre literarischen Arbeiten, politisch-sozialkritische wie poetische Texte, Prosaskizzen, Lyrik, dramatische Szenen, Essays, Rezensionen und Glossen. Ihre Bedeutung als expressionistische Autorin dokumentiert sich sinnfällig dadurch, dass eine ihrer kleinen Erzählungen, Die rote Perücke (1914), einer 1996 erschienenen Anthologie mit Prosatexten expressionistischer Dichterinnen den Titel gab. Marie Holzers einziges Buch, der Erzählband Im Schattenreich der Seele. Dreizehn Momentbilder. Erschien 1911 bei Bruno Volger. Juni 1924 erschoss ihr eifersüchtiger und tyrannischer Mann zuerst sie und dann sich selbst. (Wiki)

Das Bild ist von Christian Bérard (1902 - 1949)

Mittwoch, 4. September 2024

Mia Morgenroth: Nacht im Gebirge, Der See

 



Nacht im Gebirge

Mondlicht mit scheuem Glänzen!
   Nacht ist Gesang.
   Welt ohne Grenzen!
Bin nur ein Laut, ein Klang. . .

Tönend in Mondeshelle
   Auf in das Sein,
   Wie eine Quelle
Sprudelt aus dem Gestein.


Der See

Wie zur Urzeit noch die Wellen sind,
Und das Rohr, der Sand, die Nacht, der Wind,
Und die Sterne nehmen ihren Lauf.

Mädchen singen schön im dunklen Boot.
Hinterm Wald erlischt dass Abendrot,
Und der Mond steigt durch Tannen auf.


Mia Morgenroth (Lebensdaten unbekannt), aus: Die Aktion, Zeitschrift herausgegeben von Franz Pfemfert, 1915

Das Bild ist von Ernest Biéler (1863 - 1948)

Samstag, 17. August 2024

Charlotte Wohlmuth: Laßt uns um das Feuer scharen. . . (Wir Utopisten)

 



Laßt uns um das Feuer scharen,
Das noch in den Herzen glimmt,
Eh´ die Lippen uns erfrieren.

Scheit um Scheite werfen wir, gesparte Worte,
In die matte Glut, daß sie entbrenne,
Züngelnd, lodernd sich erkenne.

Brände fahren ungebändigt
In die fahlen Widerspiele
Unseres Namens. - Ziele
Flammen auf vor unsern Blicken!

Unsere Hände schlagen Brücken,
Unsere Leiber sind die Pfeiler!

Eingeäschert liegen Meiler
Falscher Scham. Ihr in den Bezirken
Eingeengten Atems, sehet unser Wirken!

Alle Grenzen sind vernichtet
Wir allein nur, aufgerichtet
Ragen aus dem Fall der Zeiten
In die ersten Menschlichkeiten!

Charlotte Wohlmuth, eigentlicher Name Stefanie Oesterreicher. Lebte in Berlin. Veröffentlichte 1917/18 vier Gedichte in der Aktion. (geboren 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet), aus der Zeitschrift Die Aktion Jg. 8, Nr. 5/6, 9.2.1918, Sp. 55 (zusammen mit einem Gedicht von Karl Otten unter der gemeinsamen Überschrift „Wir Utopisten“ I/II); auch in: Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. IGEL Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2012,

Das Bild ist von Paul Gauguin (1848 - 1903)

Samstag, 11. November 2023

Anselm Ruest: Inseltraum

 



Inseltraum

Hoch über dem schweigsamen Wandrer
Zerflossen Jahr und Zeit;
Es ist kein Lüftchen gedrungen
In seine Einsamkeit.

Noch stand er: erstaunt der Wunder
Vom ersten Lebenstraum; -
Und sacht strich droben im Bogen
Die Sonne durch den Raum.

Er sah auf verschollenen Meeren
Ein schimmerndes Inselland;
Uralte gewaltige Wurzeln
Umkrallten düster den Sand.

Urweite gewölbete Kronen
Verbargen der Stunden Zahl;
Vier Jahre glitt nieder von Wipfel
Zu Sande der Sonnenstrahl.

Da hat der Wanderer geschwiegen.
Die Woge ward Eis, ward Schaum. . .
Und sacht strich droben im Bogen
Die Sonne durch den Raum. -

Anselm Ruest (1878 - 1943), aus: Die Aktion, Nr. 27, 21. August 1911

Anselms Ruests erstes größeres Werk war eine Monographie über Max Stirner (1906), ergänzt durch ein von ihm zusammengestelltes Stirner–Brevier. Anselm Ruest hat einige klassische Werke herausgegeben. Clemens Brentanos Godwi (1906) zählt hier ebenso dazu wie Eckermanns Gespräche mit Goethe (1907) oder eine Jean-Paul-Anthologie (1912). Ruest war 1911 Mitbegründer von Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion. Von 1919 bis 1925 war er Herausgeber der informellen Zeitschrift des Stirnerbundes, Der Einzige, im ersten Jahrgang zusammen mit „Mynona“. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus emigrierte er 1933 nach Frankreich, wo er ab 1939 mehrmals interniert wurde. Im Jahr 1941 freigelassen, starb er 1943 nach schwerer Krankheit im südfranzösischen Exil. (Wiki)

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Dienstag, 7. November 2023

Erich Oesterheld: Impression

 



Impression

In grauen Schleiern, wie von Regen feucht,
Schleicht Tag um Tag verekelt durch die Straßen,
Und meine Seele (diese edle, wie mir deucht)
Verkriecht sich scheu und zittrig vor den nassen
Gespenstern auf den grauverhängten Gassen.

Sieh, ich, ein Punkt im grauen Meer des Tags,
Trag meinen Ekel pflichtgehorsam durch die Stunden,
Trag ihn durch feuchte Menschenmassen stracks
Zur Tram, ein Seelchen im Gewühl, der Zeit entbunden,
Und flüchtig auf der Sohle der Sekunden.

Ich bin wie ein Irrlicht, das durch Nebel blinkt,
Und schweigender Akkord, der hastig im brutalen
Konzert der Straßen in sich selbst versinkt. -
Ich bin wie eingesperrt in dem fatalen
Verkehrswirrwarr fortschrittlicher Vandalen.

Und schemenhaft treibts mich von Welt zu Welt,
Denn eine große Stadt hat vieler Welten Wesen;
Ich bin ein Wächter, am Perron bestellt,
Um aus den Wüsten Menschen zu erlesen,
Damit es hell in mir, wie es gewesen.

Und sieh! wie eine blonde Sonne, leicht und schlank,
Steht da ein Mädchen vor mir, hell umglitten
Von meinem Blick. Das Toben wird Gesang,
Und wie ein Tag, der aus der Nacht geschritten,
Steht sie im hellen Licht und ich inmitten.

Erich Oesterheld, aus: Die Aktion - Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst; Sondernummer „Lyrische Anthologie“, 1913

Erich Oesterheld, geboren am 6- Januar 1883 in Berlin, gestorben am 8. November 1920 ebendort, war Schriftsteller, Übersetzer und Verleger. Unter anderem übersetzte er Charles Baudelaire.

Das Bild ist von Alexandra Exter (1882 - 1949)

Dienstag, 31. Oktober 2023

Egon Schiele: Ein ewiges Kind / Abendland

 



Ein ewiges Kind

Ich folgte stets den Gang
der brünstigen Leute
und wollte nicht in ihnen sein.
Ich sagte;  -  redete und redete nicht,
ich lauschte
und wollte sie stark oder stärker
hören und hineinsehen.
Ich ewiges Kind,
ich brachte Opfer anderen,
denen, die mich erbarmten,
denen, die weitweg waren
oder mich Sehenden nicht sahen.
Ich brachte Gaben, schickte Augen
und flimmernde Zitterluft
ihnen entgegen, ich streute ihnen
überwindbare Wege vor und,
- redete nicht.
Alsbald erkannten einige die Mimik
des Hineinsehers
und sie fragten dann nicht mehr.
Ich ewiges Kind,
verdammte alsbald das Geld und lachte
während ich es beweinend nahm,
das Hergebrachte, das Massenmuß,
das Körpertauschliche, das Zweckgeld.
Ich sah Silber wie Nickel,
Nickel wie Gold und Silber wie Nickel.

Egon Schiele, aus: Sämtliche Gedichte - Die andere Seite des Genies, Verlag Christian Brandstätter


Abendland

Ich habe Schaukelfelder durch winzige Zacken
zerschneiden gesehen
von Tausenden verlierenden Punkten auf Gelb,
Spiegelteiche und weiche Wolken.
Neigend bogen sich die Berge und hüllten Lüfte
aus Schleiern ein.

Ich roch die Sonne.
Jetzt ist der blaue Abend da,
sang und zeigte mir erst die Felder.
Einen blauen Berg umfloss noch roter Schein.
Ich war von all dem Vielduftigen umträumt.

Auch in: Die Aktion, 2. September 1916

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.

Das Selbstportrait ist von ihm, 1912

Das Heft Nr. 22 der Reihe Versensporn ist ihm gewidmet (2016) 

Dienstag, 17. Oktober 2023

Arthur Kronfeld: Five 0´clock / Der Verlorene / Bekannte / Frühling

 



Five o´clock

Im braunen Lederzimmer Kirchenstühle,
Lastend, hager, violett gebeizte. . .
Fraisefarbnen Sammet strahlt der matt geheizte
Kamin, Reflexe zittern auf der Diele -

Wie deutsch ich mich in diesen Wänden fühle!
Ein Sentiment, das sonst zum Lächeln reizte,
Umhüllt mich: Der noch nie mit Pointen geizte,
Wird wohlig-bourgeois, streckt sich auf dem Pfühle

Des mütterlichen Sofas, ahnt den Segen
Von Häuslichkeit, Beruf und Kapital.
Die Paradoxe zaudern; halb verlegen

Nimmt er den Tee und fühlt durchaus sozial
Und spricht von Botticelli und vom Regen -
Und spürt die ewigen Werte der Moral.

Arthur Kronfeld, aus: Die Aktion, Nr. 9, 17. April 1911


Der Verlorene

Er taucht in Nacht. Die rotgeschwellten Lider
Schließen sich halb; fahl ist sein Blick und fern.
Fremdrot, verblutet, hohl erloschner Stern.
Ein Zucken kriecht ihn durch die müden Glieder.

„Lass mich. . . Und ruf Gestorbnes mir nicht wieder.“
Doch ich: „So treibt aus dem verdorrten Kern
Kein Same mehr? Opferst denn du dich gern
Zufriednem Hohn der Knirpse? - Er sieht nieder:

„Nein. . . Aber flutwärts treibt mein welkes Boot
Vor sattem Wind des Spottes, der nicht denkt.“
- „Doch di bist´s, dem im Watt die Leuchte loht!

Sei du es, der mit eignem Nerv es lenkt,
Lachend der Schäume, die umsonst gedroht!“
- Da weint er, zag und tot und grabversenkt. . .

Aus: Die Aktion, Nr. 13, 15. Mai 1911


Bekannte

Der fettig Lächelnde aus Oesterreich
Reicht zu jovialem Gruße mir die Hand.
Franziska lehnt zerrissen an der Wand ;
Hassblitzend mustert sie und geil und bleich
Mich und den fettigen Herrn aus Oesterreich.
Er stellt uns beide vor, und formgewandt
Verzieht er sich. Ich bin korrekt-galant,
Sie fassungslos. Ich werde plötzlich weich
Und sage leise: Zartes junges Tier,
Hast Du denn Angst? und Ekel?
Zieht Dich nicht 
Unter der Schwelle rassig fahle Gier
Dennoch hinüber in das heiße Licht?
Du schriebst mir . . . und doch Ekel? und vor mir ? —-
Sie senkt die Lider. Und ich schweige schlicht.

Aus: Der Sturm, Nummer 61, 29. April 1911


Frühling

Dick und sprachlos stehn zwei gelbe Rinder
Auf der grünen Wiese, wie zwei Flecke.
Hinter rosaweiß punktierter Hecke
Orgelt stramm, in schmutzigem Zylinder,
Ein Soldat gewesener Binder.
Und sein Rhesusfreund in greller Decke
Denkt zerfurcht dem ärgerlichen Zwecke
Dieses Orgelns nach und lockt die Kinder.
Alle stehn sie, rot und ungewaschen,
Glotzend, aufgeplustert, wie die Kröten;
Eins wagt nach dem Tierchen zag zu haschen.
Fette Töne purzeln, kollern, flöten?
Und ein milder Herr greift in die Taschen,
Interesselos, doch mit Erröten.

Aus: Der Sturm, Nummer 65, 10. Juni 1911

Arthur Kronfeld, geboren am 9. Januar 1886 in Berlin; gestorben am 16. Oktober 1941 in Moskau) war ein deutsch-russischer Psychotherapeut, Psychologe, Sexualwissenschaftler und Wissenschaftstheoretiker, sowie darüber hinaus auch politisch engagiert. Er war philosophisch geschult und hatte künstlerische Neigungen, war doppelt promoviert und wirkte zuletzt als Professor an der Charité der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin sowie im Moskauer Exil am „Neuropsychiatrischen Forschungsinstitut der UdSSR Pjotr B. Gannuschkin“, dem heutigen „Forschungsinstitut für Psychiatrie“. Dort nahm er sich, als der Einmarsch der deutschen Truppen drohte, unter ungeklärten Umständen zusammen mit seiner Frau Lydia das Leben.

Das Foto zeigt Arthur Kronfeld 1919

Dienstag, 3. Oktober 2023

Victor Hadwiger: Nächte

 



Nächte


Es ist wie Atem dunkelblauer Nächte,
Wie Raunen toter Büßerlitaneien,
Als wie durch Gottes rächende Rechte
Untergegangen sein.

Ein großes Friedensfest, wo Tote wohnen,
Ein weites Sich-die-Hände-reichen,
Und um die Stirnen stiller Schläfer schleichen
Die Träume, Pagen unbekannter Kronen.

Das sind die Nächte, die mich laben werden,
Ich will mit ihrer Maske, die ich trage,
Unter der Schwelle großer Tage
Begraben werden.

Victor Hadwiger (1878 - 1911), aus: Die Aktion, 10. Januar 1914. Das Bild ist von William Degouve de Nuncques (1857 - 1935)

Montag, 2. Oktober 2023

Anselm Ruest: Herbstmorgen

 



Herbstmorgen

Aus fröstelnder Umklammrung Nebelnacht
Rollt sich die Flur zum kühlen Morgenlichte;
Grün schimmert unter´m Reif nur noch die Fichte,
Indes der Laubwald wie verhext erwacht.

Und wie aus Dämpfen aufsteigt Pracht um Pracht,
Erstaunt sich starrend in ihr Fremdgesichte -
Schmiegt sich´s getrost zu neuem Farbgedichte,
Das schon versöhnt dem grellen Tage lacht.
Ob tollster Mut gebar so wirre Träume?
Sind´s kranke Wünsche, deren Farben blassten?
Ein trunkner Aether - raschelnd welk in Kränze

Doch sicher ist´s ein Tod, als ging´s zu Tänzen!:
So soll auch meine Seele dumpf nicht rasten
Webt einst die Nacht ihr Flughemd durch die Räume. . .

Anselm Ruest (1878 - 1943)

Aus: Die Aktion - Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst; Sondernummer „Lyrische Anthologie“, 1913

Das Bild „Herbst“ ist von Leon Spilliaert (1881 – 1946)

Samstag, 9. September 2023

Salomo Friedlaender: Klage des Hirten

 



Klage des Hirten

Nichts klagt so endlos in die himmelblauen
Schlaftrunknen Abendtäler wie die selten
Erhörten Hirtenlieder, die von Welten
Hallen fern aller Heimat und Vertrauen.

Sie flößen bunten Wahnsinn, irres Grauen
Schwermütig in das Herz; die halb erhellten
Gründe blühn purpurn, da sie wund vergellten
Färbend mit Blut und Einsamkeit die Auen.

Ihr Abend Rufendes im Ton der stirbt
Rieselnd von Stern zu Sternen ins Vergeßne
Abklingend wie das Licht fieberhaft rot

Haucht Ahnungen verschollnen Glücks, das wirbt
Verwunschen singt und winkt ins Unermeßne -
Wir folgen traumwandelnd, sonderbar tot.

S(alomo). Friedlaender, aus: Die Aktion, Nr. 24, 31. Juli 1911

Salomo Friedlaender, geboren am 4. Mai 1871 in Gollantsch bei Posen; gestorben am 9. September 1946 in Paris.

Unter dem Pseudonym Mynona (Anonym rückwärts gelesen) debütierte Friedlaender in expressionistischen Zeitschriften, wie Der Sturm, Die Aktion, der Jugend oder den Weißen Blättern. 1919 gründete er zusammen mit dem jüngeren Bruder seines Essener Schwagers Salomon Samuel, Ernst Samuel, der sich als Autor und Publizist Anselm Ruest nannte, ebenfalls in Berlin den Stirner-Bund und die nach Stirners Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum benannte Zeitschrift Der Einzige.


Die Texte Friedlaenders kombinieren expressionistische und dadaistische Elemente mit den Formen der Groteske und Parodie, wodurch er der literarischen Avantgarde neue Impulse verlieh. Viele seiner Texte beinhalten überdies scharfzüngige Gesellschaftskritik. Er selbst sah sich als eine Synthese von Immanuel Kant und Charlie Chaplin.

Wenige Wochen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte Friedlaender nach Paris. Dort starb er verarmt im Alter von 75 Jahren am 9. September 1946.

Das Bild ist von Adolphe Valette (1876 - 1942)

Donnerstag, 7. September 2023

Ha Hu Baley: Der Blaue Abend

 



Der blaue Abend


Es wettert Lichtkomplex vom Himmel auf die Straßen,
Aus Fensterfronten wandeln hoch die blauen Huren.
Oh holde Stunde sanfter Mädchennasen,
Oh Unisono und Zusammenklang der Turm- und Taschenuhren!

Der Mond steigt in die Rundung metaphysisch höher,
Ein Pferd macht müde sich´s bequem in einem Vogelneste.
Verzückt entschwebt dem Volk ein violetter Seher,
Und schwarzer Violinklang tönt aus dem Asbeste.

Glasbläserei und Kuppel weißer Bögen,
Wölbt hoch euch aus dem Lichtkreis dieser Stadt!
Es ist, als ob aus Finsternis viel Tränen zögen
Und kranken Gottes Haupt erglänzet matt.

Es lehnen sich die Häuser blond zurücke.
Sind Türme weiße Engel, die entschweben.
Vom Himmel stürzt zur Hölle eine Brücke,
Auf der die Toten händeringend kleben.

HaHuBaley, das sind Hans Leybold und Hugo Ball, die vor dem ersten Weltkrieg zusammen unter diesem Pseudonym zusammen Gedichte erfassten, welche die Moderne und den Dada, dessen Mitbegründer Hugo Ball später sein sollte, vorwegnahmen. Aus: Die Aktion, 20. Juni 1914

Leybold und Ball gaben auch zusammen 1913 in München eine Literaturzeitschrift mit dem einprägsamen Titel Revolution heraus. Nach fünf Ausgaben und zwei Prozessen wegen anstößiger Inhalte kam jedoch schon das Ende. Die Zeitschrift war trotz ihres Titels nicht wirklich politisch, obwohl Literatur, die auf Veränderung drängt, immer auch politisch ist. Das Programm der Zeitschrift formulierte Hans Leybold so:

„Kampf gegen Seiendes, für Keimendes. Gegen Kunstportiere, Kulturportiere … Stagnaten, Kastraten. Gegen literaturbehaftete Oberlehrer, kunstsinnige Kritiker, allgemeine Rundschauer. In summa: Gegen Zuständliches.“

Hans Leybold wurde am 2. April 1892 in Frankfurt am Main geboren. Er wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 eingezogen und schon bald vor Namur (Belgien) schwer verwundet. Drei Tage nach seiner Rückkehr zum Regiment erschoss er sich in der Nacht vom 7. zum 8. September.

Hugo Ball, geboren am 22. Februar 1886 in Pirmasens; gestorben am 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino (Schweiz)

Das Bild „Beflaggte Stadt“ ist von Paul Klee (1879 - 1940)

Sonntag, 27. August 2023

Victor Hadwiger: Mein Tag

 



Mein Tag

Und tausend Nächte hatten mich genarrt
Da leuchtend lachend kam der Tag! -
Ich starb.
Den Tag der Liebe starb ich
Es war kein Puppenspiel, war kein Hetärenmärchen,
Ein starkes, warmes Glück, ein purpurner Triumph. -
Weltrauschen hört ich, Mutter. Immergrüne Träume
Band ich zum Kranze meiner Feldherrnstirne.
Das ich in Wüsten fand, das Herz,
Auf Marmorstufen führte mich mein Herz,
Wo der Gedanke weint, der mich betrog,
In aller Schönheit Fiebergluten
Warf ich mein Herz und taumle, taumle, taumle!
In tausend Nächte tauch ich meinen Fluch!
Das war ein Tag, in seine Adern biß ich mich
Und sog ihn mit der Seele ein.
Ich starb zu Babel! - Leuchtend sprang
Das Glas, die Scherben klirrten!
Ein König! Ein Triumph! - Ich starb.
Die Garden salutierten.

Victor Hadwiger (1878  -  1911), aus: Die Aktion Nr. 17. 12. Juni 1911

1899 begann er ein Studium der Literaturgeschichte und Philosophie in Prag. Daneben verkehrte er im neoromantischen Literaturzirkel „Jung-Prag“, wo er u. a. mit Paul Leppin und Hugo Wiener, aber auch mit dem zehn Jahre älteren Bürgerschreck Gustav Meyrink nähere Bekanntschaft schloss und bald zu einer der markantesten Figuren der künstlerischen Bohème avancierte. „Leppin und Hadwiger erschienen meist zwillingsbrüderhaft gemeinsam. Sie waren beide sehr groß und trugen enorme Hüte, fielen auch auf der Straße auf. Beide sehr blaß, bunte Künstlerkrawatten flatterten um ihren Hals“, erinnerte sich rückblickend Max Brod in seinen Aufzeichnungen über den „Prager Kreis“. Im Frühjahr 1903 zog er nach Berlin, um sich dort durch die Mitarbeit an der „Vossischen Zeitung“ und eigene literarische Arbeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sein im gleichen Jahr erscheinender Lyrikband Ich bin verhalf ihm hier zu einem viel beachteten Einstand. 1911 erschienen Victor Hadwigers Novelle „Der Empfangstag“ sowie die beiden Liebesgeschichten „Blanche“ und „Des Affen Jogo Liebe und Hochzeit“. Eine sich nun langsam abzeichnende erfolgreiche Schriftstellerkarriere beendete jedoch sein plötzlicher Tod am 4. Oktober 1911.


Donnerstag, 17. August 2023

Johannes Theodor Baargeld: Es war einmal ein rares Kind. . . / O dieser Stunde

 



Es war einmal ein rares Kind,
Das war, wie solche Vöglein sind:
Sie wachsen und gedeihen
Und füttern ihre Eigenart
Vom alten Jahr zum neuen.

Es irrt der Mensch, solang er lebt,
Und Manches seltsam an ihm klebt,
Zumal wenn er nach Geistigem strebt;
Doch peinlich ist es immer,
Besteht sein ganzer Geistesschwanz
Aus allerfaulstem Flimmer.

Gib Mensch, solang Du geben kannst,
Bedenk zuletzt den eignen Wanst!
Wie schön wär's unter Christen,
Lenkt nicht solch Vöglein eigner Art
Ins saubre Christennest die Fahrt:
Die Frucht aus seinem Nisten
darf dann der Christe misten.

Drum Mensch, siehst Du solch Vöglein ziehn
Dank Gott, wenn Winde er verliehn,
Die in die Täler streichen:
Denn zieht das Tierchen bei Dir ein,
So ist's zum Herzerweichen.

Johannes Theodor Baargeld, zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlicht. Zuerst publiziert 1985 in: Walter Vitt (Hrsg.), Bagage de Baargeld, Starnberg. Es gehört zu den vier sogenannten ›Engadiner Gedichten‹, die sich im Hüttenbuch der ›Carl von Salis-Hütte‹ im Oberengadin finden ließen. Baargeld, der sich als Bergsteiger Jesaias nannte, unternahm in den zwanziger Jahren von hier aus zahlreiche Bergtouren und trug sich insgesamt viermal mit einem Gedicht ins Hüttenbuch ein. ›Es war einmal ein rares Kind‹ entstand während eines Aufenthaltes dort vom 24.8. bis 9.9.1922 und ist mit ›Jesaias‹ unterzeichnet.


O dieser Stunde

Jetzt sind durch Stadt
Lange Wege von Suchenden.
Häuser rauschen heran
Unbestimmter Erregtheit.
Pferd wartet um sich dunkle Höfe
Und ein Lied aus Kanal oder Lichtschacht.
Über asphaltenen Zeilen
Kreuzen sich Suchaugen
Ungenau.
Aufschwelen Brauen
In denen Tag nachzittert
Und etwas wie
Erwartung steht auf –

O dieser Stunde –
Wo ist
Der sich wühlt unter die kündende Liebe
Eures Tagverhaltenseins,
Brüder Gelegenheitsmenschen?
Ich balle meine Tausendbedürftigkeit vor euch
Fragend bittend Euch Tiefhändigen bald.
Ich tanze den durstigen Narr in den Trug unserer
Schläfe aus zweiter Hand,
Ich bettle mich durch
Zu uns.

Aus: Die Aktion, Berlin. 1.6.1918, 8. Jahrgang, Heft 21/22. Autorenangabe: Alfred Gruenwald.

Johannes Theodor Baargeld 1920, der Künstlername von Alfred Ferdinand Gruenwald, Grafiker, Maler, Dadaist, Dichter und leidenschaftlicher Bergsteiger, geboren am 9. 10. 1892 in Stettin; verunglückte tödlich am 18. 8. 1927 am Mont Blanc.

Donnerstag, 3. August 2023

Verse aus dem Schützengraben, von Max Pulver, Ludwig Bäumer, Egon Schiele, Theodor Rudy, Paul Kraft, Rudolf Fuchs

 


Verse aus dem Schützengraben  

Die Zeitschrift Die Aktion wurde Februar 1911 von Franz Pfempfert gegründet. Bereits 1914, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wurde die Zeitschrift erstmals beschlagnahmt. Mit Ausbruch des Krieges im August 1914 verschärfte sich die Situation noch, da jetzt eine schärfere Zensur galt. Franz Pfemfert, als Linker und Pazifist, beschloss deshalb, ab sofort nur noch literarische Texte zu veröffentlichen, um so ein vollständiges Verbot des Heftes zu vermeiden. Erstaunlicherweise gelang dies, und das obwohl Pfempfert in Rubriken wie „Ich schneide die Zeit aus“ hetzerische Artikel aus anderen Zeitungen geschickt montierte, und in einer Briefkastenrubrik Künstler und Intellektuelle, die den Krieg unterstützten, scharf angriff. Auch die literarischen Veröffentlichungen setzte er geschickt im Sinne des Antimilitarismus ein, indem er zum Beispiel regelmäßig Gedichte von der Front veröffentlichte, unter der Rubrik „Verse aus dem Schützengraben“

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935), aus dem Zyklus „Krieg“ von 1917


Verse

Im zarten Grau verflochtner Ulmenzweige
Verliert mein Blick sich zwischen fernen Giebeln
Biegsamer Äste, deren sanfte Berge
Der Rundung gleicht an fremden Tempelzwiebeln.
Dort hinter Zweiggeflecht und Blattgeäder
Fühlt sich mein banger Blick mit eins geborgen;
Dann stockt der wirre Gang der Feuerräder
In meinem Herzen, es wird still und Morgen.
Und alles Drängen ist dann wie geschlichtet,
Auf einen Kern ist alles Sein gerichtet
Und aller Wille strebt durch eine Kraft.
Wie eine Leier hell und rein gestimmt
Schwebt dann mein Selbst, bis es im All verschwimmt.

Max Pulver, aus: Die Aktion 1915


Lied der Dichter

Wird ein Sommer sein, an Kreuzen aufgerichtet,
Eselinnen über Purpur schreiten.
Angst des Weltalls wird zum Schwamm verdichtet,
Unsre stillen Lippen suchtumgleiten.
Und es werden immer nur die Kinder ernten,
Uns in ihre unermeßnen Hände liefern,
Daß wir ihre wundervollen nachtbesternten,
Süchte einer ungeahnten und als Himmel tiefern
Landschaft in die aufgetanen Munde reichen.

Wird einmal ein Frühling ohnegleichen
Wie ein Mord am Winter durch die Straßen ziehn,
Über unsre matten Augenhöhlen streichen,
Und sie müssen wieder wie im Anfang glühn.

Ludwig Bäumer, aus: Die Aktion 1916


Abendland

Ich habe Schaukelfelder durch winzige Zacken
zerschneiden gesehen
von tausenden verlierenden Punkten auf Gelb,
Spiegelteiche und weiche Wolken.
Neigend bogen sich die Berge und hüllten Lüfte
aus Schleiern ein.

Ich roch die Sonne.
Jetzt war der blaue Abend da,
sang und zeigte mir erst die Felder.
Einen blauen Berg umfloss noch roter Schein.
Ich war von all dem Vielduftigen umträumt.

Egon Schiele, aus: Die Aktion 1916


Vorfrühling

Dreimal hab das Zelt ich wohl zurückgeschlagen
Und hinausgelauscht in die Dämmerung.
Öde lag das Land mit seiner Hügel Schwung.
Und der Morgen blasste müd herauf, ein mürrisch Fragen. -
Im zerschossenen Walde pfeift ein Vögelein
Und mir ist, ein Ruch der Wiesen streife
Meinen Atem - - da in laue Luft ich greife.
Und die Sonne kommt in fremdem rotem Schein.

Theodor Rudy (Lebensdaten nicht bekannt), aus: Die Aktion 1917


Vor der Fahrt in die Heimat

Der Tag liegt vor mir, wo mein altes Leben aufersteht,
Ich fühle heute nichts als Glühn auf dem Gesicht.
Nichts als Verwirrung, die nach innen geht
Und bleiern hinschlägt über Lenz und Licht.

Der Tag liegt vor dir. Nun bist du bereit
Zu bohrenderem Aug in Herz und Hirn hinein,
Zu spähn und spannen in die nun versunkene Zeit
Und des gelebten Jahres Wind und Wein?

Bist du bereit? Was sagt der Prüfungsaugenblick?
Schwangst du dein Wollen vor? Glitt es zurück?
Bist du bereit? Und sagst, was dich befällt,
Da brausend dich erschlägt die vorige Welt?

Da jeder Ort, den deine Strophen singen,
Und jeder Tag, den du unendlich lebtest,
Da alle Liebes-Blicke, die du bebtest,
Vergoldeter in dir nun wiederklingen?

Sangst du dein letztes Lied? Die Seel´ verneint.
Da sie noch nicht die letzte Liebe weinte,
War auch das Lied, das Trän´ und Liebe einte,
Das letzte goldene nicht, daraus sie scheint.

Jedoch die Götter sind mir mild. Du fühlst
Sie auch den wirrsten Stunden angegliedert,
Und was dein Lied, dein seliges Lied erwidert,
Wenn du in seinen tausend Klängen wählst.

Jedoch die Götter sind mir mild, und wer dich hört,
Den darfst du auf ein anderes Lied vertrösten,
Auf jenes Lied des ganz und gar Erlösten,
Durch dessen Überschwang Gott selber fährt,

Durch dessen Donner die Ersehnte bricht,
Die über jeden deiner Blicke fällt -
Die glänzt aus jeden goldenen Waldes Licht
Und stellt dein Lied für ewig in die Welt.

Dies Lied, ein tönendes Unendliches,
Drin jedes Wort von deren Namen tönt,
Die mich mit der Unsterblichkeit versöhnt:
Bei mir und meinem Gott: ich singe es!!!

Paul Kraft, aus Die Aktion, 8. Januar 1916


Skizze zu einem Gedicht

Sieben Uhr abend und die Jahreszeit kühl - Der Park steht weiterhin leer - Auf dem Teiche zwischen Rosenwolken zieht ein Schwan - Unter einer Ulme (Ulmus campestris) ruht ein alter Mann aus - Ich setze mich neben ihn, um mir eine Weile die Gärtner zu betrachten, die mit gezähltem Schwung den feinen und blauen Blumen durchwobenen Rasen hinmähen -

Die Kappe auf der Bank, sitzt jener alte Mann barhaupt da - Eine wollene Decke schützt ihm die Füße vor Kälte - Er bewegt über einem ganz braunen, dicken Bande die Lippen - „Die drei Männer im Holzofen“ sagt er - Ein Holzschnitt zeigt Daniel und die drei Geheiligten - Es ist dunkel, ich kann den Spruch darunter nicht unerscheiden -

„Ob sie ihn dennoch segnen?“

„Wen?“ fragt er -

„Den Versucher -“

„Wofür ihn segnen?“ ruft er - „Sie verfluchen ihn!“

Es wird sehr rasch finster - Schon zittern Sterne auf - Ein Windstoß stäubt zwei Takte Musik in die Luft - Der alte Mann packt zusammen - „Ich habe“, sagt er, „auch drei Söhne im Feuer“ -

Sein Schatten gleitet das Wasser entlang -

Der Schwan folgt ihm

Rudolf Fuchs, aus: aus Die Aktion, 8. Januar 1916


Max Pulver, geboren am 6. Dezember 1889 in Bern; gestorben am 13. Juni 1952 in Zürich, Psychologe, Graphologe, Lyriker, Dramatiker und Erzähler. Bekannt wurde er als Graphologe mit seinen grundlegenden Werken Intelligenz im Schriftausdruck und Symbolik der Handschrift. Nach frühen literarischen Erfolgen gab Pulver seine dichterische Tätigkeit in den 1930er Jahren zu Gunsten der Graphologie weitestgehend auf.


Ludwig Bäumer, geboren am 1. September 1888 in Melle; gestorben am 28. August 1928 in Berlin lebte ab 1910 in der Künstlerkolonie Worpswede. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier teil, wandelte sich dann jedoch zum Kriegsgegner und war während der Novemberrevolution in Bremen als kommunistischer Politiker aktiv. Ende 1918 war er Delegierter auf dem Gründungsparteitag der KPD in Berlin. Im Januar 1919 wurde er Mitglied des Rates der Volksbeauftragten der Bremer Räterepublik. Bäumer wohnte bis 1922 weiter in Worpswede, schließlich als freier Schriftsteller in München und Berlin. Am 28. August 1928 nahm er sich in Berlin das Leben.

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.

Paul Kraft, geboren am 28. April 1896 in Magdeburg – Sudenburg, gestorben am 17. März 1922 in Berlin, Lyriker, erste Veröffentlichungen ab 1913 in der von Franz Pfempfert herausgegeben Zeitschrift Die Aktion. Durch Vermittlung von Franz Blei erscheint 1915 im Kurt Wolff Verlag in der Reihe „Der jüngste Tag“ sein Band Gedichte. Er stirbt am 17. März 1922 an den Folgen einer falsch behandelten Lungentuberkulose im Krankenhaus Neukölln in Berlin.

Rudolf Fuchs, geboren am 5. März 1890 in Poděbrady, Mittelböhmen, Österreich-Ungarn; gestorben am 17. Februar 1942 in London war deutsch-tschechoslowakischer Dichter und Übersetzer. Sein erster Gedichtband erschien 1913 in Heidelberg, bis zu seinem Tod im Exil in London, wo er bei einem Bombenangriff starb, sollten noch zwei weitere folgen. Sein letzter war "Gedichte aus Reigate", dessen erstes Gedicht die "Variationen nach Heinrich Heine" waren. Dass er ausgerechnet am Todestag des von ihm verehrten Dichters selber starb, und auch im Exil, wenn auch nicht in Paris, sondern in London, ist vielleicht eine Ironie der Geschichte. . .

Dienstag, 11. Juli 2023

Fritz Mangold: Nocturne

 



Nocturne

Wenn sie lächelt,
verfangen sich die Sternbilder in ihren Lippen.
Von meinen Augen pflückt sie das Fest
und gibt es ihren Lippen noch dazu:
Die flammen auf,
werfen der Nacht Diademe ins Haar.
Dann wird sie müde (ihr Lächeln muß ja so weh tun);
Und dankbar gibt sie die Nacht wieder frei.

Fritz Mangold, aus: Die Aktion Nr. 27, 1913, Lyrische Anthologie; das Bild „Nacht“ ist von Edward Robert Hughes (1851 - 1914)

Freitag, 23. Juni 2023

Albert Michel: Wir Jungen

 



Wir Jungen


Wir wanken angestrengt,
gepeitscht, gehetzt, entzwei gerissen;
und möchten doch nicht Freude missen
und Licht und Tag. . .
Doch unser Herze trauert,
Wir wissen nicht, was uns bedrängt
und fürchten immer einen Schlag,
der irgendwo im Ungewissen lauert.

Albert Michel

Notiz in Die Aktion, 1915: „Albert Michel, zwanzigjährig, wurde Ende Juni, als dienstpflichtiger Soldat, im Westen getötet."

Das Bild „Schicksal“ (1918) ist von Fritz Baumann (1886 - 1942)

Mittwoch, 21. Juni 2023

Friedrich Wilhelm Wagner: Erlösung / Abend

 


Erlösung

Ein Mensch zerbrach und zerfloss in die Welt.
Da heulten die Wölfe.
Aber ein Weib hob seine Hände.
Segnend.
Da glätteten sich alle Wellen.
Und die Nacht leuchtete mild.
Und alle Fernen wurden nah und klar.
Und ein Kind sang.

Friedrich W. Wagner, aus: Die Aktion 1914


Abend

Der Tag verklingt
In einem rosenen Ton.
Das Wasser singt
Sich müde. Es dämmert schon.

Im dunklen Park
Regt sich ein leises Graun.
Vor dem Hauche der Nacht
Frösteln steinerne Fraun.

Friedrich W. Wagner, aus: Die Aktion 1915

Friedrich Wilhelm Wagner, geboren am 16. August 1892 in Hennweiler, Hunsrück; gestorben am 22. Juni 1931 in Schönberg, Schwarzwald

1911 entstand ein erster Gedichtband Aus der Enge, den er im Lehrer-Verlag von Th. Scheffer veröffentlichte. In diesem Jahr begann er zwei Semester an der Philosophischen Fakultät der Universität München zu studieren. 1912 folgte ein weiterer Gedichtband, Der Weg des Einsamen, 1913 lebte er eine Zeitlang in Paris, 1914 wieder in München. Nach einem Zwischenaufenthalt in der Schweiz war er von 1914 bis 1918 als Kriegsverpflichteter in der Gemeindeverwaltung von Bretzenheim tätig. Wagner war zu dieser Zeit morphiumsüchtig und wurde zeitweise in eine Irrenanstalt eingewiesen. Er suchte vergeblich, seine Gedichte im Kurt Wolff Verlag zu veröffentlichen, und gab sie schließlich 1918 im Selbstverlag heraus. Nach einem Aufenthalt in einer Heilanstalt in Eglfing zog er 1919 nach Hannover, wo er mit Christof Spengemann die literarische Zeitschrift Der Zweemann herausgab. Bereits 1920 verließ er Hannover wieder und gab in der Folge das Schreiben auf. Den Rest seines Lebens verbrachte er als Bankangestellter in Bad Kreuznach.

Das Bild ist von Mario Segantini (1885 - 1916)

Sonntag, 11. Juni 2023

Walter Rheiner: Die Straße

 



Die Straße

In meinem Hirn ist sie ein heller Pfad,
der unvermutet in die Wälder führt.
Oft bin ich stumm: ihr süßer Aufstieg rührt
mich fast zu Tränen, wenn in ihrem Bad

ich still verfließe. Wesen nahen sich,
die spülen leicht und einfach in mich ein.
Der Hunde, Pferde sanfter Widerschein
verklärt mir Mensch und Ding, verklärt auch mich.

Die Häuser neigen sich, mein Ohr zu küssen,
und hoch wallt eine Frau durch mildes Feld;
ich werde ihr noch oft begegnen müssen.

Dann kommen Fremde sprudelnd mir entgegen
und gehn vorbei. Doch bin ich ganz erhellt
und groß und klar, und wag mich nicht zu regen.

Walter Rheiner, aus: Die Aktion 1915

Walter Rheiner, eigentlich Walter Heinrich Schnorrenberg, geboren am 18. März 1895 in Köln; gestorben am 12. Juni 1925 in Berlin-Charlottenburg), Schriftsteller des Expressionismus.

Als er 1914 zum Kriegsdienst berufen wurde, nahm Walther Rheiner erstmals Rauschmittel – er gab damit vor, drogensüchtig zu sein, um der Wehrpflicht zu entgehen. Trotz dieses Umstands wurde er eingezogen und mit Beginn des Ersten Weltkrieges an die russische Front beordert. Eine Entziehungskur scheiterte, sein Täuschungsversuch kam 1917 ans Licht, worauf er vom Dienst suspendiert wurde und nach Berlin übersiedelte. Aus seinem anfänglich gemäßigten Drogenkonsum entwickelte sich jedoch mehr und mehr eine Sucht nach Kokain und Morphinen, die ihm letztendlich zum Verhängnis wurde. In einer armseligen Unterkunft in der Charlottenburger Kantstraße setzte er seinem Leben am 12. Juni 1925 im Alter von 30 Jahren mit einer Überdosis Morphin selbst ein Ende.

Das Bild ist von Artur Markowicz (1872 - 1934)

Samstag, 10. Juni 2023

Hermann Plagge: Heimgang im Regen

 


Heimgang im Regen

Die Dunkelheit hockt, eine graue Wachtel,
Auf den Gerüsten eines Riesenbaus.
Die Bahn stößt mich unter den Bäumen aus
Und surrt - und wird fern klein wie eine Schachtel.
Der Asphalt schimmert regenschwarz, wie Eis,
Darin man Wassertümpel eingeschlagen.
Gestalten stelzen fort in hohen Kragen.
Ein Auto spritzt brutal durch das Geschmeiß.
Ich bin so plötzlich aus der Stadt entrückt.
Der böse Regen pladdert auf den Park.
Kieswege werden weich und weiß wie Quark.
Bänke stehen leer und schroff zurechtgerückt.
Ferne schrein Autos hilflos und verirrt.
Ein Teich im Park glänzt tintig und verdickt.
Die goldenen Fische sind im Schlamm erstickt. . .
Ein Denkmal steht am Ufer weiß und friert.

Hermann Plagge, aus: Die Aktion 1915


Hermann Plagge, geboren am 11. Juni 1888 in Weener, gestorben am 16. September 1918 in Mainz, wo er beim Baden ertrank. Seine Tätigkeit als Schriftsteller begann mit eher lokalen Beiträgen für die Zeitungen Hannoverland, Das Land und Weser-Zeitung. Durch Oskar Kanehl, dem Herausgeber des Wiecker Boten, bekam er Kontakt zu Franz Pfempferts Zeitschrift Die Aktion.

„Plagge freute sich, im Gegensatz zum Großteil seiner Dichterkollegen, nicht über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Er notierte die Erlebnisse als Soldat sofort äußerst distanziert und hielt seine Beobachtungen nüchtern fest. Das für diese Zeit typische Pathos blieb ihm fremd. Er vermied abstruse Überhöhungen, hielt nicht an Traditionen fest und schrieb ohne Reime und ausgesprochen frei. Er entwickelte eine eigene Form und bewegte sich im frühen Übergang vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit.“ (Wiki)

Von ihm sind Gedichte Heft Nr. 53 der Lyrik-Reihe „Versensporn“ neu aufgelegt und editiert worden.

Das Bild ist Hans Baluschek (1870 - 1935)