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Samstag, 25. Januar 2025

Lessie Sachs: Unzureichend

 


Unzureichend

Lass mich in Ruhe, Du bist kein junger Gott.
Ich muß mit Dir mich auseinandersetzen.
Du bist, das glaube mir, für mich zu flott.
Du wirst bald kühl; dann wirst Du mich verletzen.

Du bist sehr schön; sehr schillernd, glatt, gewandt,
Doch, leider Gottes, hast Du Deine Grenzen.
Für einen Abend warst Du interessant. -
Sei mir nicht bös´! Ich zieh´ die Konsequenzen. . .

Und folglich wirst Du mich nicht wiedersehn;
Ich mochte sonst Dich wirklich recht gut leiden;
Jedoch wer möchte über Glatteis gehn?
Solange man nicht muß - soll man´s vermeiden.

Aus: Lessie Sachs Collection 1, Leo Baeck Institute New York

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin.

Am 5. 9. 1897 wird die Dichterin Lessie Sachs in Breslau geboren. Sie besuchte zunächst die Kunstgewerbeschule in ihrer Heimatstadt Breslau, dann in München. Dort wird sie wegen pazifistischer Aktionen in der Zeit der Räterepublik vorübergehend inhaftier. Sie kehrt nach Breslau zurück und leitet dort ein Atelier für Seidenmalerei.

Ihre Gedichte und Prosatexte erscheinen in Zeitschriften wie dem Simplizissimus, Uhu und der Vossischen Zeitung, als auch in Anthologien. 1933 heiratet sie den 12 Jahre jüngeren Breslauer Pianisten Josef Wagner.

Im Dezember 1932 präsentiert Josef Wagner in Breslau seine Kompositionen zu Gedichten von Lessie Sachs.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kann Josef Wagner seinen Beruf nicht mehr ausüben; Gedichte von Lessie Sachs dürfen nicht mehr erscheinen. 1937 verlassen beide Deutschland und emigrieren nach Amerika.

Über die wenigen Jahre bis zu ihrem frühen Tod 1942 gibt es kaum biographische Hinweise. In den USA schreibt Lessie Sachs für die deutschsprachige jüdische Wochenzeitung Aufbau.
Lessie Sachs stirbt Anfang 1942 nach langjähriger Krankheit.

Zwei Jahre später veröffentlicht das von Friederike Zweig geleitete "Writers Service Center" posthum die Tag- und Nachtgedichte, eine kleine Auswahl aus ihrem lyrischen Werk.

Das Leo Baeck Institut (LBI) ist eine unabhängige Forschungs- und Dokumentationseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums mit drei Teilinstituten in Jerusalem, London und New York City mit Zweigstelle in Berlin. Es wurde 1955 von Hannah Arendt, Martin Buber, Siegfried Moses, Gershom Sholem, Ernst Simon und Robert Weltsch gegründet und setzt sich zum Ziel, deutsch-jüdische Geschichte und Kultur wissenschaftlich zu erforschen und ihr Erbe zu bewahren.

Das Bild „Der Mann“ ist von 1920 ist von Hugo Scheiber (1873 - 1950)

Montag, 18. September 2023

Lessie Sachs: Man sollte schlafen gehen



Man sollte schlafen gehen

Man sollte etwas früher schlafen gehen…
Und anstatt dessen wird es immer später.
Sehr viele gibt es, die das nicht verstehen,
Doch mancher sagt mir auch: ja, das versteht er.

Man möcht nicht mehr; man trödelt nur so rum.
Man sollte endlich seine Briefe schreiben.
Doch plötzlich ist die Zeit dann wieder um;
Man hat nicht Lust; man läßt es wieder bleiben.

Die tiefe Nacht sieht sich vertraulich an;
Man raucht schon wieder eine Zigarette.
Man hat ja schließlich seine Pflicht getan,
Was tut man jetzt? – Nichts mehr, man geht zu Bette.

Man tut es nicht; man fühlt sich so privat…
Und eigentlich wird man jetzt richtig munter.
Die Tage sind doch manchmal desperat.
Man ist auch mit den Nerven runter.

Man hört die Leute oben geh’n zur Ruh.
(Die Frau mit ihrem Tritt bringt mich zum Rasen!)
Was noch? Ja, richtig, ist der Gashahn zu?
Und in die Küche mit den Blumen – Vasen!

Ist’s Licht aus? Und die Türe zugemacht? –
Man muss weiß Gott, nach allem selber sehen…
Worüber habe ich heute so gelacht?
Ich weiß nicht mehr; – man sollte schlafen gehen.

Lessie Sachs (1897 - 1942) Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann
New York City 1944
Printed in U.S.A. Zeidler Press (Josef Wagner)

Das Bild ist von Felix Vallotton (1865 - 1925)

Montag, 4. September 2023

Lessie Sachs: Doch erzähle davon nicht

 



Doch erzähle davon nicht

Über Liebe, über Ehe,
Denke wie Du willst und magst;
Doch erzähle davon nicht.
Denn wie ich das übersehe,
Ist doch Irrtum, was Du sagst,
Ist doch Irrtum, was man spricht.
Was man sieht aus großer Nähe,
Was Du tust, und was Du wagst,
Zeigt ein wechselndes Gesicht.

Alles strömt, nichts ist zu halten,
Wo Gefühl und Leidenschaft,
Auf und nieder schwankend gehn.
Sich erhitzen, und erkalten,
Sind wir frei bald, bald in Haft.
In dem fließenden Geschehn,
Wird doch das, was wir gestalten,
Was wir tun, was wir geschafft,
Untergehen und verwehn.

Alles treibt und wird getrieben,
Gleitet, strömt, man merkt es kaum,
Füge schweigend Dich hinein.
Was wir sind, was uns geblieben,
Und was echt war, oder Schaum,
Sehen wir sehr spät erst ein.
Wenn wir wissen, dass wir lieben,
Zarte Tönung, schöner Traum,
Soll man still und glücklich sein.

Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs
Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann
New York City 1944

Am 5. 9. 1897 wird die Dichterin Lessie Sachs in Breslau geboren. Sie besuchte zunächst die Kunstgewerbeschule in ihrer Heimatstadt Breslau, dann in München. Dort wird sie wegen pazifistischer Aktionen in der Zeit der Räterepublik vorübergehend inhaftier. Sie kehrt nach Breslau zurück und leitet dort ein Atelier für Seidenmalerei.

Ihre Gedichte und Prosatexte erscheinen in Zeitschriften wie dem Simplizissimus, Uhu und der Vossischen Zeitung, als auch in Anthologien. 1933 heiratet sie den 12 Jahre jüngeren Breslauer Pianisten Josef Wagner.

Im Dezember 1932 präsentiert Josef Wagner in Breslau seine Kompositionen zu Gedichten von Lessie Sachs.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kann Josef Wagner seinen Beruf nicht mehr ausüben; Gedichte von Lessie Sachs dürfen nicht mehr erscheinen. 1937 verlassen beide Deutschland und emigrieren nach Amerika.

Über die wenigen Jahre bis zu ihrem frühen Tod 1942 gibt es kaum biographische Hinweise. In den USA schreibt Lessie Sachs für die deutschsprachige jüdische Wochenzeitung Aufbau.
Lessie Sachs stirbt Anfang 1942 nach langjähriger Krankheit.

Zwei Jahre später veröffentlicht das von Friederike Zweig geleitete "Writers Service Center" posthum die Tag- und Nachtgedichte, eine kleine Auswahl aus ihrem lyrischen Werk.

Samstag, 15. April 2023

Lessie Sachs: Lyrisches Gedicht

 



Lyrisches Gedicht

"Sie mit Ihren wunderbaren Händen, ..."
Sagt der Mann, der heut bei mir zu Gast.
Was er will, das hab ich scheu erfasst;
Heimlich denke ich: wie wird das enden?
Weil mir leider dieser Herr nicht passt.

Und er sagt, er liebt nur kluge Frauen,
Hierauf bleibe ich vielsagend stumm;
Besser ist es oft, man stellt sich dumm.
Er fährt fort, mich glühend anzuschauen,
Dies Erlebnis wirfst ihn um und um.

Und dann sagt er, ganz wie im Romane:
Meine Hände seien so graziös,
Und pervers und geistvoll und nervös, -
Er ist offenbar im Liebeswahne.
Er meint's ernst! - (Der Kaufmann sagt: seriös.)

Ich markiere Tragik und Erstaunen,
Wer Geduld hat, hört sich sowas an.
Niemals widerspreche man dem Mann,
Denn der Man spricht dann von unsern Launen.
Man sei ganz nach Wunsch, soweit man kann.

Selten kommt der Rechte, meine Damen,
Wer uns liebt, den liebt man meistens nicht. -
(Ich verwende, was mir nicht entspricht,
Gern gelegentlich zu einem zahmen,
So wie oben, lyrischem Gedicht. -)

Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs
Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann
New York City 1944
Printed in U.S.A. Zeidler Press (Josef Wagner)

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin.

Das Bild ist von Hugo Scheiber (1873 - 1950)

Donnerstag, 26. Januar 2023

Lessie Sachs: Du sollst nicht starten

 


Du sollst nicht starten

Und wenn man auch beinah vor Sehnsucht stirbt,
Es ist doch besser, wenn man garnicht liebt.
Drum, wenn Dich wieder mal ein Mann umwirbt,
Bedenke, was es dann für Aerger gibt.

Bedenke dies zum Beispiel: Eifersucht;
Doch eine Hölle, ziemlich Tag und Nacht.
Ich anempfehle tunlichst schnelle Flucht,
Eh das bewusste Feuer angefacht.

Bedenke dringend: Du bist nicht mehr frei;
Denn, als er neulich abend garnicht kam, ...
Nicht wahr? - Man wird doch recht nervös dabei.
Ich mache auf dergleichen aufmerksam.

Man kommt mit keiner Arbeit mehr voran.
Wann hast Du Zeit? nun, morgen? - Aber gern.
Du hast nicht Zeit. - O doch für diesen Mann ...
Ach, man hat Zeit für den verliebten Herrn.

Was hast Du sonst getan? - Du bist vernarrt;
Du lebst so himmelblau, - Du bist ein Tor.
In Sachen Liebe warn ich vor dem Start.
Du startest doch? - Ja, das kommt eben vor.

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin.
Aus: Lessie Sachs Collection 2 Leo Baeck Institute New York

Das Bild ist von Émile Friant (1863 . 1932)

Lessie Sachs: Frühling

 


Frühling

Die Sonne scheint, und man ist bass erstaunt,
Die Bäume schmücken sich mit Perlen-Schnüren,
Und haben, weiß Gott, junge-Braut Allüren,
Und alle Welt ist plötzlich gut gelaunt.

Der Frühling kommt wahrhaftig jetzt in Gang,
Der Herr von nebenan pfeift "Winterstürme", -
Der Häftling denkt, wie er am besten türme, -
Du denkst: wie werd' ich wieder jung und schlank? -

Man sollte jetzt sofort die Großtadt fliehn,
Die Kinder spielen draußen Ringelreihe, ...
Vielleicht kann man am Sonntag doch in's Freie, ...
Doch hat man leider garnichts anzuziehn. -

Man wärs eigentlich jetzt gern zu zwei'n,
Man ist bereit zu jeder Art von Märchen, -
Zur Hälfte sind die Menschen Liebespärchen,
Die and're Hälfte möcht es gerne sein.

Lessie Sachs (1897 - 1942)

Aus: Lessie Sachs Collection 1, Leo Baeck Institute, New York, auch in: "Das launische Gehirn - Lyrik und Kurzprosa", herausgegeben von Jürgen Krämer und Christiana Puschak, Berlin 2019

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935)

Lessie Sachs: Für Dich

 


Für Dich

Als sich mein Weg im Anfang zu Dir bahnte,
Da war es so, als ob das vorgeahnte,
Und vorbestimmte Schicksal zu mir hin,
Ein Wissen trug um aller Liebe Sinn.

Denn das, was vorher war, war Vorbereiten,
War Zögern, Rausch; war Strömung; war Entgleiten.
War Sehnsucht, Trieb, Erfahrung, Irrtum, Spiel,
War Weg und Wandrung, ferne von dem Ziel.

Denn es war so, ob das Blut noch säume,
Und wo es ganz sich hingab, halb noch träume ...
So blieb der Seele Glanz und Feuer rein,
Und Glut und Süsse sind für Dich allein.

Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs (1897 - 1942)
Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann
New York City 1944
Printed in U.S.A. Zeidler Press (Josef Wagner)

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935)

Lessie Sachs: Geh fort. . . bleib da

 


Geh fort ... bleib da

Sie sind noch völlig neu in meinem Leben;
Ich weiss auch garnicht recht, was daraus wird.
Ich möchte Ihnen meine Hände geben,
Doch ich hab Angst, dass man sich wieder irrt.

Sie waren neulich, als Sie zu mir kamen,
Nichts anders, als ein fremder Herr für mich.
Doch Ihre dunklen Augen unternahmen,
Mehr, als Sie selber wussten, glaube ich.

Sie kamen wieder; und in Atemnähe,
Erschien mir Antlitz, Geste, Blick und Wort,
Garnicht mehr unbekannt; o weh, ich sehe,
Du wirst mir lieb sein ... gehe wieder fort.

Geh fort ... bleib da. - Wer lang allein geblieben,
Glaubt gegen jede Neigung sich immun.
Man wollte ganz gewiss nie wieder lieben,
Und wird es ganz gewiss stets wieder tun.

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin.
Aus: Lessie Sachs Collection 2 Leo Baeck Institute New York

Auch in: “Das launische Gehirn, Lyrik und Kurzprosa von Lessie Sachs“, Aviva Verlag, Berlin 2019 

Lessie Sachs: Ich habe Sehnsucht

 


Ich habe Sehnsucht

Ich wäre gerne möglichst unbekannt,
In einer neuen Stadt, in neuer Atmosphäre;
Vielleicht sogar in einem fremden Land,
Wo alles anders als zu Haue wäre.

Ich lebte gern in einem neuen Kreis;
Ich würde mir recht viel davon erhoffen.
Man hat bei neuen Freunden, wie man weiss,
So viele neue Möglichkeiten offen.

Ich möchte fremd auf fremden Strassen gehn;
Und, wo ich bin, das sollte keiner wissen.
Und, wo ich hingeh, sollte keiner sehn.
Ich lebte gern ganz im Ungewissen.

Ich möchte einen Dunstkreis um mich ziehn.
Ich möchte fortgehn; fort. - Ich möchte wandern.
Die neue Stadt singt neue Melodien.
Ich ginge still für mich im Strom der andern.

Ich möchte wittern; ahnen; zögern; schaun.
Ich möchte wieder die Gefahren spüren,
Wenn wir bezaubert halb, und halb mit Graun,
Uns mit dem Dasein allzu nah berühren.

Mir scheint, so kommt die schöpferische Kraft
Aus den gefühlsbetonten Augenblicken;
Aus Traumgeist, Sehnsucht, und aus Leidenschaft ...
- Ich will die Sachlichkeit gern strafverschicken.

Aus: Lessie Sachs Collection 2

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin.

Nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Breslau geht die Tochter des Neurologen Heinrich Sachs nach München. Hier wird sie während der Räterepublik nach Ende des Ersten Weltkrieges aufgrund ihres pazifistischen Engagements vorübergehend als “jugendlicher Hochverräter“ inhaftiert.

Sie kehrt nach Breslau zurück und leitet dort ein Atelier für Seidenmalerei.
Ihre Gedichte und Prosatexte erscheinen in Zeitschriften wie dem Simplizissimus, Uhu und der Vossischen Zeitung, als auch in Anthologien. 1933 heiratet sie den 12 Jahre jüngeren Breslauer Pianisten Josef Wagner. Im Dezember 1932 präsentiert Josef Wagner in Breslau seine Kompositionen zu Gedichten von Lessie Sachs.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kann Josef Wagner seinen Beruf nicht mehr ausüben; Gedichte von Lessie Sachs dürfen nicht mehr erscheinen. 1937 verlassen beide Deutschland und emigrieren nach Amerika.

Über die wenigen Jahre bis zu ihrem frühen Tod 1942 gibt es kaum biographische Hinweise. In den USA schreibt Lessie Sachs für die deutschsprachige jüdische Wochenzeitung Aufbau.
Lessie Sachs stirbt Anfang 1942 nach langjähriger Krankheit.

Zwei Jahre später veröffentlicht das von Friederike Zweig geleitete "Writers Service Center" posthum die Tag- und Nachtgedichte, eine kleine Auswahl aus ihrem lyrischen Werk.

2019 kam eine Zusammenstellung von Texten von ihr heraus: Jürgen Krämer/Christiana Puschak (Hrsg.), Lessie Sachs, Das launische Gehirn. Lyrik und Kurzprosa, Nachwort, Berlin 2019

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935)

Mittwoch, 25. Januar 2023

Lessie Sachs: Verschwendung / Lassen wir es nun dabei bewenden

 


Verschwendung

Ich sah die hingeneigte, ganz hingeneigte Wendung
Einer alten, sehr alten Frau zu einem jungen Kind.
In dem betagten Gesicht sah ich jene Verschwendung,
Zu der nur sehr erfahrene Menschen imstande sind.

Antlitz, Blick und Gefühl fragt nicht, was ihm selbst verbliebe,
Das ist die Würde des Herzens, welches an sich nicht denkt.
Verschwendung bedeutet die grösste Noblesse der Liebe,
Zuneigung, welche nicht fordert, die grandios sich verschwendet.

Aus: Lessie Sachs Collection 1

Lassen wir es nun dabei bewenden

Ach, Gefährte meiner frühen Jahre,
Und auch vieler Träume, vieler Träume Ziel.
Unsre Bindung hat das Sonderbare,
Daß sie schwebend ist; halb Ernst, halb Spiel,
Teils zu wenig, und zum Teil zu viel,
Und, dass ich nicht weiss, und nie erfahre,
Ob ich Dir gefiel, ob nicht gefiel.

Sind wir nicht verloren, gleich den Sternen, ...
Ach, man lebt in unbekanntem Raum.
Während wir uns nähern und entfernen,
Rühren wir nur an der Dinge Saum.
Denn wir wissen nichts; wir wissen kaum,
Und mir scheint, daß wir es niemals lernen,
Ob wir wahrhaft leben, ob im Traum.

Lassen wir es nun dabei bewenden,
Daß man uns die Lösung vorenthält.
Wir erkennen: was man auch in Händen,
Glaubt zu halten: dass man es nicht hält.
Und, indes man wechselnd steigt und fällt,
Sind wir den gefährlichsten Geländen
Ohne Sicherung anheimgestellt.

Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs
Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann
New York City 1944
Printed in U.S.A. Zeidler Press (Josef Wagner)

Am 5. 9. 1897 wird die Dichterin Lessie Sachs in Breslau geboren. Sie besuchte zunächst die Kunstgewerbeschule in ihrer Heimatstadt Breslau, dann in München. Dort wird sie wegen pazifistischer Aktionen in der Zeit der Räterepublik vorübergehend inhaftier. Sie kehrt nach Breslau zurück und leitet dort ein Atelier für Seidenmalerei.

Ihre Gedichte und Prosatexte erscheinen in Zeitschriften wie dem Simplizissimus, Uhu und der Vossischen Zeitung, als auch in Anthologien. 1933 heiratet sie den 12 Jahre jüngeren Breslauer Pianisten Josef Wagner.

Im Dezember 1932 präsentiert Josef Wagner in Breslau seine Kompositionen zu Gedichten von Lessie Sachs.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kann Josef Wagner seinen Beruf nicht mehr ausüben; Gedichte von Lessie Sachs dürfen nicht mehr erscheinen. 1937 verlassen beide Deutschland und emigrieren nach Amerika.

Über die wenigen Jahre bis zu ihrem frühen Tod 1942 gibt es kaum biographische Hinweise. In den USA schreibt Lessie Sachs für die deutschsprachige jüdische Wochenzeitung Aufbau.
Lessie Sachs stirbt Anfang 1942 nach langjähriger Krankheit.

Zwei Jahre später veröffentlicht das von Friederike Zweig geleitete "Writers Service Center" posthum die Tag- und Nachtgedichte, eine kleine Auswahl aus ihrem lyrischen Werk.

Dienstag, 24. Januar 2023

Lessie Sachs: Dilettanten

 


Dilettanten

Es traf einmal der Dilettant
Durch Zufall seine Dilettante.
Und höflich grüßt der Obgenannt,
Wie sich´s gehört, die Obgenannte.

Die Tante (wie nun Tanten sind)
War ihrem Neffen nicht gewogen.
Sie sprach, - zwar sprach´s sie in den Wind -
Sie fände ihn sehr unerzogen.

Auch sei er nichts als Dilettant. . .
- Seitdem sind feindlich Verwandte,
(Kein seltner Fall, wie ja bekannt)
Der Dilettant, die Dilettante.

Was wohl der Mann von Tante meint? -
Er hat mir das nie eingestanden. . .
Der Dilettonkel, wie es scheint,
Ist nämlich garnicht recht vorhanden.

Lessie Sachs, aus: Collection 1, Leo Baeck Institute New York

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin. 


Dienstag, 1. Februar 2022

Lessie Sachs: Kleine Elegie

 


Lessie Sachs (1897  -  1942) Aus: Lessie Sachs Collection 1, auch in: "Das launische Gehirn - Lyrik und Kurzprosa", herausgegeben von Jürgen Krämer und Christiana Puschak, Berlin 2019

Das Bild ist von Anton Josef Trčka (1893  -  1940)

Samstag, 22. Januar 2022

Lessie Sachs: Wir haben uns verfehlt

 


Aus: Lessie Sachs Collection 1, Leo Baeck Institute New York

 

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau,  gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin.

Das Bild ist von ihr, eine Zeichnung veröffentlicht in Der Orchideengarten, 1919

Montag, 17. Januar 2022

Lessie Sachs: Das Herz nimmt Urlaub


 

Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs (1896  -  1942), ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann, New York City 1944 Printed in U.S.A. Zeidler Press (Josef Wagner) 

Samstag, 29. Juli 2017

Lessie Sachs: Ich möchte leise sein

Foto: Frederike Herrlich


Ich möchte leise sein

Ich richte meine Sehnsucht an ein unbekanntes Ziel.
Und manchmal ist der Klang von einem Lied,
Das sanft vorüberstreicht, und dann entflieht,
Mir schon zuviel.

Ich möchte leise sein; da war ein Ziel, das mir entfiel.
Man sehnt sich ... Doch die süsse Stille sieht
Mich zärtlich an, die nun mich einbezieht,
In Traum und Spiel.

Aus: Lessie Sachs Collection 2, Leo Baeck Institute New York

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin.

Donnerstag, 27. Juli 2017

Lessie Sachs: Déja – vu

Andrea Rausch: Durch den Schrank der geheime Durchgang


Déja – vu

Man ist vielleicht in gänzlich fremden Kreisen,
Vielleicht ist man zur tiefen Nacht allein;
Vielleicht geht man in den gewohnten Gleisen,
Das ist ganz gleich; es ist nicht zu beweisen. . .
Doch es ist da; sehr sonderbar:
Hier wiederholt sich, was schon einmal war.

Wann es geschah, ist niemals zu ergründen. . .
Doch diese Gegenwart ist tief vertraut.
Was will uns die Erinnerung verkünden?
Will sich ein Traum der Wirklichkeit verbünden?
Das längst Vergang´ne hat uns angeschaut.
Gefühl und Geist sind wach; man weiß, man weiß:
Dies war bereits. - Vielleicht gehn wir im Kreis? -

Wir sehen wie durch viele Nebelstreifen,
Und dennoch zaubrisch klar und sehr prägnant.
Wir sind ganz tastend, ohne zu begreifen. . .
Indessen die Gedanken suchend schweifen:
Dies war schon mal? Doch wann? - bleibt unbekannt.
Doch wann. . . doch wo? Ach, ganz verlorne Müh. . .
Man hat das Phänomen des déja-vu.

Aus: Lessie Sachs Collection 1, Leo Baeck Institute New York

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin.