
Im Zimmer wird es langsam dunkel
Komm, bleib’ auf dem Sofa liegen!
Woll’n uns aneinanderschmiegen,
Du bist groß und ich bin klein,
Laß’ uns bißchen kitschig sein.
Draußen — weißt du — ist das „Leben“:
Alltagssorgen,
Heute — Morgen — Uebermorgen
Schulden zahlen — Schulden machen,
Industrien und Banken krachen.
Laß den Unsinn draußen sein,
Wir sind hier — wir sind allein.
Weißt du, wir sind kleine Kinder,
Haben uns im Wald verirrt.
Schmiegen wir uns aneinander,
Weil es kalt und dunkel wird.
Und die böse, böse Hexe,
Schrecklich drohend, furchtbar, schaurig
Ernst, mein Freund, ich bin so traurig —
Ich bin klein und schrecklich dumm
Ernst, nicht wahr, du bringst sie um?
Du hast einen großen Teppich
Und wir setzen uns darauf,
Fliegen rasch zur Sonne auf,
Haben dort ein Rendezvous
Und sind auch gleich auf Du und Du …
Komm, bleib auf dem Sofa liegen,
Glaube mir, wir haben Zeit.
Du bist groß und ich bin klein.
Wenn wir weggeh’n aus dem Zimmer,
Müssen wir erwachsen sein.
Lili Grün, aus: Prager Monatsblatt, 57. Jahrgang, Nr. 37, 10. September 1934
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Sommer
Ich bin weithin gegangen,
durchs sonnverbrannte Land.
Der Wind hat sich verfangen,
in Haar mir und Gewand.
Die Bauern sind beim Heuen,
Duft weht zu mir heran,
mein Herz ist ganz der neuen
Wegfreude aufgetan.
Den Hang hinabgestiegen,
komm ich in guter Ruh.
Ein Büblein mit zwei Ziegen
ruft seinen Gruß mir zu.
Das Zicklein liebt die Blüten,
hoch an die Brust gedrückt
kann ich den Strauß kaum hüten,
den ich für dich gepflückt ...
Alma Johanna Koenig, aus: Liebesgedichte
F. G. Speidel'sche Verlagsbuchhandlung Wien und Leipzig 1930
Alma Johanna Koenig, geboren am 18. August 1887 in Prag; ermordet am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez (bei Minsk), Lyrikerin und Erzählerin.

Geliebter Freund
Du hast mir nun geschrieben
Und hast gefragt wie es mir geht
Und was mit Arbeit ist und Geldverdienen
Und wie’s im Allgemeinen um mich steht.
Du schreibst, ganz ohne Groll und Hader,
Was du mir angetan, es soll vergeben sein
Und all mein Schmerz und meine bittren Tränen
In Gottes Namen willst du dir verzeihen.
Du wohnst bei deinem Schwiegervater,
Er nahm dich gerne auf in Kost und in Quartier …
Ich find’ die Sache ja ein bißchen schäbig,
Nicht einen Pfennig Mitgift gab er ihr.
Zum Schluß meinst du, ich soll dir Antwort schreiben,
Natürlich nur in dein Geschäft,
Denn deine junge Frau, sie könnte drunter leiden
Und wenn sie meinen Brief erwischt,
Dann ging’s dir schlecht.
Geliebter Freund, ich hab’ dir nichts zu sagen:
Denn du bist fremd und fern und alles ist vorbei.
Ich hab’ dich sehr geliebt … es ist vorüber,
Ich sprech’ nicht gern davon … kurz: Schwamm darüber!
Lili Grün, aus: Tempo, 1. November 1929
Angst vor dem Herbst
Manchmal kommt es vor, dass ich erschrecke,
Und ich eil zu meinem Spiegel hin.
Staunend blick ich mir daraus entgegen.
Ist es wahr, dass ich erwachsen bin?
Bin ich nicht noch gestern Kind gewesen,
Durft´ in meinen Märchenbüchern lesen,
Bin auf meiner Mutter Schoß gesessen,
Hab von einem bunten Tellerchen gegessen,
Hab von allen Engelchen geträumt,
Wiesenblumen haben meinen Weg umsäumt,
War ein ungezognes, liebes Kind,
Bin am Sonntag schreiend Karussell gefahren -
War das wirklich vor so langen Jahren?
Ach, ich hab gelernt zu resignieren,
Glauben, Treu und Hoffnung zu verlieren,
Hab gelernt mich anzupassen,
Zu beneiden und zu hassen.
Grau und trostlos ist das Heute. . .
. . . Ja, aus Kindern werden Leute. . .
Lili Grün, aus: Prager Montagsblatt, 17. September 1934
An meinen Mann. . .
Immer bist Du schlechter Laune,
Selten bist Du nett zu mir,
Höflich bist Du nur zu andern Frauen,
Zu mir kommst Du mit gefurchten Augenbrauen
Und den Sorgenfalten auf der Stirn.
Alles tu ich, um Dir zu gefallen,
Seh die Welt mit Deinen Augen an,
Ich bin Wachs in Deinen Händen,
Du bleibst fremd und fern,
Du bist ein Mann.
Manchmal legst Du Deine Hand auf meinen Scheitel
Und ich sehe Deine Augen über mir
Und mein Herz droht fast zu brechen
Und ich denke mir, jetzt wirst Du sprechen,
Doch die Worte ungesprochen
Bleiben in Dir.
Wie Du lachst, und wie Du lärmst,
Wie Du tobst und wie Du schwärmst,
Wissen alle andern.
Doch Dein Antlitz gramerfüllt,
Wie es Gott erschuf nach seinem Ebenbild,
Deine Seele, hilflos, zart und kinderrein,
Kenn nur ich allein. . .
Lili Grün, aus: Prager Montagsblatt. 23. Juli 1934, unter dem Titel Lied einer Ehefrau. In: Der Wiener Tag. 5. August 1937
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Das Foto der Künstlerin aus: Der Tag vom 6. 12. 1936

Der Schuft
Jede Frau, die im Leben gefällt
Und die was auf ihre Vergangenheit hält,
Hat irgendwann mal einen Schuft gehabt.
Ich spreche hier nicht so überhaupt und allgemein,
Daß jeder einzelne von ihnen ein Schwein ist — nein,
Ich meine den, der ausgerechnet damals kam,
Als man sich zum erstenmal das Leben nahm,
Als man eben aufhören wollte zu existieren,
Und gerade dabei war zu konstatieren,
Daß auf dieser Welt alles dumm und verkehrt ist
Und kein einziger Mensch etwas wert ist.
Da kam er und war einfach unwiderstehlich
Und wir mußten langsam und allmählich
Und trotz enormem Widerstreben
Wieder gerne leben!
Das dauerte so ein Jahr oder zwei
Und dann war eines Tages alles vorbei.
Eines Morgens hatte er einfach genug,
Ganz ohne Grund. Wir wurden niemals daraus klug.
Bedenken Sie doch, Frauen wie wir es sind,
Halb rührendes Weib, halb dämonisches Kind,
Mit männlichem Geist und Ehrgefühl
Und dazu noch wandelndes sex appeal,
Konnte, durfte einer verlassen! —
So einen Kerl kann man nur hassen!
Aber selbst wenn wir mit Geist und Psychologie
Dies alles verstehn,
Eins verstehn wir ja nie:
Warum in wenigen Tagen, Wochen und Stunden
Alles, was nett und lieb war, verschwunden
Und was übrig blieb, war einzig und allein
Ein ganz brutales, gemeines Schwein. —
Das haben wir uns furchtbar zu Herzen genommen
Und sind dann darüber hinweggekommen.
Sehen Sie, meine Herrschaften, das ist ein Schuft.
Und eine Frau, die bereits dreißig vorbei,
Wer, wo oder was sie auch sei,
Und die sagt, sie habe niemals nie den leisesten Anflug von einem Schuft gehabt,
Von dieser Frau behaupte ich glatt,
Egal, wie sie aussieht, lacht oder spricht:
Mit dieser Frau stimmt etwas nicht!
Lily (Lili) Grün, aus: Jugend, Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 35. Jg., H. 25 (1930)
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Das Foto von ihr ist aus Der Wiener Tag, 5. 4. 1933

Weihnachtsvorbereitung einer Junggesellin
Am 24. Dezember
Will ich zeitig schlafen geh n.
Ich bin allein und arm und klein,
Es schenkt mir keiner was,
Es lädt mich niemand ein.
Soll ich verlassen
Im leeren Kaffeehaus sitzen
Bei schalem Kaffee
Und längst gelesenen Witzen?
Ich pumpe mir ´nen Kriminalroman
Und pünktlich sieben Uhr kriech ich ins Bett
Und fang zu lesen an.
Soll ich mir selbst ein Bäumchen kaufen
Mit allem drum und dran?
Was nützt es denn:
Ich denk an Dich und das vergang´ne Jahr,
Und wie es damals war,
Und fang zu weinen an. . .
Ach was, lass nur dies 34 nur zu Ende geh n:
Silvester, das ist klar,
Silvester will ich tanzen geh n,
Silvester soll die Welt mich seh n,
Silvester geh ich richtig aus
Und suche mir für 35
Von allen Männern
Den Allernettesten aus!
Lili Grün, aus: Prager Montagsblatt 1934
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Das Foto der Künstlerin aus: Der Tag vom 6. 12. 1936

Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung
Sie schmeckt mir nicht, die so geliebte Morgenzigarette -
Ach, wenn ich bloß ´ne andre Sorte hätte;
Natürlich. Ausgerechnet so ein starkes Kraut,
Und überhaupt - ich will nach Haus
In mein Bett!
Und mich ausstrecken
Unter gewohnten, geliebten, vertrauten Decken
Und ich will meine Zahnbürste
Und meine Badewanne
Und meine eigene praktische Kaffeekanne,
Nicht dieses fremde, scheußliche Ding
Mit diesem ausgefallenen Muster.
Ausgerechnet ´ne Blume und ein Schmetterling.
Einfach verrückt!
Was hat denn der Junge da nur für Manieren?
Du lieber Himmel, so kann man sich irren?
Gestern abend war er doch wirklich scharmant.
Und heut ist er öd, scheußlich und unbekannt.
Ob denn das alles wirklich nötig ist - ?!
Ach, das kommt nur daher,
Dass man immer wieder in Romanen liest,
Dass es sowas wie Abenteuer gibt.
Und jetzt in die Lackschuh hinein.
Die tun doch weh, sind eng und brennen
Und überhaupt - ich mag nach Haus
In mein Bett und flennen!
Ich bin so verknautscht.
Ach ja, mein Liebling,
Am besten ist´s, du rufst mal an
Und kommst dann auf ganz gemütlich zu mir
Oliva 3304
Wo hab ich denn bloß die Telephonnummer her?
Ist das nicht die von Hedi Stehr?
Ach, was, der Junge macht sowieso keinen Gebrauch davon,
Wenn er anruft, lass ich mich hängen
Und überhaupt - wir wollen diese Nacht lieber verdrängen!
Lili Grün, aus: Berliner Tageblatt, 1931
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Das Bild ist von Georg Schrimpf (1889 - 1938)

Lied der Stenotypistin
Wir müssen den ganzen Tag tippen.
Mit brennenden Augen und schmerzenden Rücken
Bestätigen wir Ihr Wertes vom so und sovielten,
Das wir mit bestem Dank erhielten.
Wir haben nur eine Sehnsucht: auszurasten
Von des Tages ewigen Lärmen und Hasten,
Denn unser armes Hirn ist müd und leer
Wir haben keine bessere Sehnsucht mehr.
Unsere großen, mutigen Gedanken
Sind gestorben in des Alltags Schranken,
Unserer Herzen große Zärtlichkeit
Ist gestorben in des Alltags Leid.
Auch wir würden verstehn
Kostbare Kleider zu tragen.
Auch wir würden verstehn
Zärtliche Worte zu sagen.
Doch wir erlauben uns Ihnen mitzuteilen,
Dass wir uns hiermit beeilen,
Das gewünschte Offert vorzulegen
Um mit Ihrem Vertreter nochmalige Rücksprache zu pflegen. . .
Manchmal packt uns eine Sehnsucht
Nach der großen Leidenschaft,
Doch das kommt ja nicht in Frage,
Denn wir sind: eine perfekte Kraft.
Manchmal packt uns eine Sehnsucht
Nach kindischen Freuden, dumm und toll,
Doch wir erwarten Ihr Geschätztes
Und zeichnen ergebens hochachtungsvoll. . .
Lili Grün, aus der Zeitschrift Das Leben, März 1931
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Das Foto zeigt Steotypistinnen im Jahre 1939, gefunden auf dem Blog Damals von Hanne Voltmer-Döbrich

Man kann so tun. . .
Man kann mit unerhörter Energie sich in die Arbeit stürzen,
Denn Arbeit ist, wie jeder weiß,
Die beste Medizin.
Man kann mit ungeheuer klugen Mienen sprechen:
Es gibt wahrhaftig wichtigeres als ihn.
Man kann stundenlang Gespräche führen
Mit Leuten, die uns fremd sind und egal,
Man kann mit einem halben Dutzend Männern kokettieren,
Zuguterletzt ist alles peinlich und fatal.
Man kann den Mund an fremde Lippen pressen,
Man kann versuchen in den Armen eines andren zu vergessen.
Das Resultat ist leider bloß, dass man sich doch an ihn erinnern muss,
Denn nichts ist schlimmer für gebrochene Herzen,
als ein fremder Kuss.
Man kann sich selber auf die Schulter klopfen
Und zu sich sagen: „Na siehst du, Kind, es geht ganz gut,
Was kann uns schließlich viel passieren
Wenn wir nur etwas nicht verlieren
Und das ist der Verstand und noch ein bisschen Mut.“
Man kann so tun, als ob schon alles ganz in Ordnung wäre,
Nur eines stört, und das ist, dass man Nachts nicht schlafen kann,
Und dass man weinen muss, so schrecklich weinen,
Als gäb es auf der ganzen weiten Welt nur einen,
Nur den Einen!
Lili Grün, aus: Der Tag, Wien 16. Juni 1937
Einzelhaftpsychose
Ich weiß nicht mehr, wie meine Stimme klingt,
Ich glaub, ich habe seit Tagen nicht gesprochen.
Ob man sich etwas aus der Zeitung liest?
„In Neukölln hat einer seine Frau erstochen - -“
Ach nein, es ist schon besser, wenn man etwas singt.
Ich lege fest meine beiden Arme um mich
Und sage ins dunkle Zimmer: Ich liebe dich -
Weißt du, es war an einem Sonntagnachmittag wie heut,
Da war ich ganz allein - und ich tat mir so leid -
Doch jetzt ist alles gut, denn jetzt bist du da -
Und du bist so gut und du bist so nah. . .
Ich warte, ob drauf niemand was sagen will,
Aber im Zimmer ist´s immer noch still,
Und ich höre keinen.
Da leg ich meine beiden Hände vors Gesicht
Und kann endlich weinen. . .
Lili Grün, aus der Zeitschrift Das Leben, Oktober 1930, das Foto wurde dem Gedicht vorangestellt.
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

Notschrei einer allzu Braven
Ach, ich geh mir selber auf die Nerven,
Weil ich gar so artig bin,
Und voll unentwegter Pflichterfüllung
Steck ich stets in meiner Arbeit drin.
Niemals tu ich einen Schritt vom Wege,
Nicht einmal in meinen Träumen hintergeh
Meinen Mann ich, und die Leute sagen,
Dass man sowas nur begeisternd finden kann.
Doch dies ew´ge Schulterklopfen
Find´ ich unerträglich und gemein,
Und ich fleh zum blauen Sommerhimmel:
Herrgott, lass mich einmal anders sein!
Lass mich tolle Kapriolen schlagen,
Lass mich lasterhafte Dinge sagen,
Lass mit angeklebten Wimpern
Meine Äuglein herzlos klimpern,
Lass mich faul auf meinem Diwan liegen,
- Und in diesem Zeichen - Herrgott! -
Lass mich siegen!
Niemand kann sich selbst entrinnen,
Brav bleibt brav und schlimm bleibt schlimm -
Und die andern sind die Schlimmen -
- Wenn ich noch so neidisch bin!
Lili Grün, aus: Prager Montagsblatt 1935
Mädchenhimmel
Wenn ich auch nichts von den Dingen versteh´,
Eins weiß ich ganz genau:
Es gibt ein eigenes Paradies für die Frau.
Für uns, die wir den ganzen Tag dienen
In dunklen Büros bei den Schreibmaschinen.
Dort sind wir denn ganzen Tag ausgeschlafen,
Und schon zum Frühstück gibt’s Sahne und Kuchen,
Und da soll einer versuchen, uns was zu schaffen!
Na, ich danke, der hat nichts zu lachen!
Und in der ewigen Seligkeit
Bekommen wir täglich ein neues Kleid.
Und jeden Abend wird ausgegangen
In einem Kleid mit richtigem Dekolleté
In ein Theater oder Konzertcafé
Und statt der verfluchten Schreibmaschine
Bekommt jede von uns eine Limousine!
Dort ziehen wir mit einer Jazzbandkapelle mal ein,
Und die Frau vom Chef darf nicht hinein!
Au fein!
Lili Grün, aus der Zeitschrift Das Leben, Oktober 1930, auch in: Lili Grün - Mädchenhimmel! Gedichte und Geschichten, gesammelt, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Anke Heimberg, AvivA Verlag, Berlin, 2014
Trennung
Jeden stillen Abend bet ich für dich,
sonst fänd ich nicht Schlaf noch Rast.
Mit gefalteten Händen nehm ich auf mich,
was vielleicht du gesündigt hast.
Jeden stillen Abend küss ich dein Bild,
- ich hab mich bescheiden gelernt -
dein Antlitz, das als mein Himmel mir gilt,
ist ganz von Küssen besternt.
Du schreibst mir: "- ich lieb dich, so wahr und so tief,
wie's jeden nur einmal trifft ..."
Es malt sich dein lieber, zerknitterter Brief
mir am Herzen in Spiegelschrift.
Aus: Alma Johanna Koenig Liebesgedichte, F. G. Speidel'sche Verlagsbuchhandlung Wien und Leipzig 1930
Bahnfahrt am Abend
Ich sehe die Schattenrisse
der Häuschen auf stiller Flur,
der Pappeln ungewisse,
windschwankende Kontur,
Rauchwolken aus nahen Schloten
bezeugen spätfeiernden Brand,
Gewitter, die lang schon drohten,
hängen tief überm Land.
Kirchtürme sind vor die Bläue
schwarzrandiger Wolken gestellt,
der Abend wird langsam durch scheue
aufglimmende Lichter erhellt.
Die Funkenbänder flattern
zischend an mir vorbei.
Ich höre der Räder Rattern,
ich höre des Dampfes Schrei,
Sturm in den wehenden Haaren,
das Antlitz von Tropfen kühl
ist dies nur mein Gefühl:
dies Dir-Entgegenfahren!
Aus: Alma Johanna Koenig Liebesgedichte, F. G. Speidel'sche Verlagsbuchhandlung Wien und Leipzig 1930
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Das Portrait von ihr ist aus Der Wiener Tag, 5. 4. 1933
Alma Johanna Koenig, geboren am 18. August 1887 in Prag; ermordet am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez (bei Minsk), Lyrikerin und Erzählerin.
Das Foto zeigt die Dichterin um 1927
Schüchterner Flirt mit dem vermummten Herrn
Ach, glaube nicht, ich dächte, man könnte dich bestechen!
Was hätt‘ es für einen Sinn, gerad‘ mit dir über das Leben
zu sprechen.
Du ahnst ja nicht, wie schön es ist, von dieser Welt zu sein!
Es ist so schön, ins Kino zu gehn,
Um einen kitschigen Tonfilm zu sehen.
Schön ist es, im Gras zu liegen
Und zuzusehen, wie die Maikäfer fliegen,
Und es ist so lieb, wenn uns ein Mann in den Armen hält,
Und sein Mund, der uns küsst, ist die ganze Welt…
Ich weiß ja doch, daß es dich einmal gibt.
Drum, wenn du kommst, komm nicht als Feind!
Fall‘ mich nicht tückisch von rückwärts an,
Komm nicht als Unfall in der Eisenbahn,
Komm nicht als Räuber aus dem Hinterhalt,
Und vor allen Dingen: komm nicht zu bald.
Und wenn du kommst, leg deine kühle Hand
Zuerst auf den Verstand.
Denn ich will von dir nichts wissen.
Und mit dem Herzen geh‘ ein wenig freundlich um,
Mach es nicht bös!
Es war, solang es lebte, schon nervös!
Und es war immerzu verliebt.
Es fürchtet dich und deinen kalten Kuß,
Und es wird nie verstehn,
Daß es dich geben muß.
Aus: Lili Grün - Mädchenhimmel! Gedichte und Geschichten, gesammelt, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Anke Heimberg, AvivA Verlag, Berlin, 2014
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

Elegie bei einer Tasse Mocca
Mein letzter Freund war ein Jurist.
Ich bin seit dieser Zeit gegen Juristen.
Juristen sind alle falsch, herzlos und bös,
Ich kann dieses Wort gar nicht hören, es macht mich
nervös.
Darum wünsch‘ ich mir zum nächsten Verehrer
Beispielsweise einen Volksschullehrer.
Ein Mann, der den ganzen Tag kleine Kinder unter-
richtet,
Muß doch, nebst Verstand und anderen Gaben,
So etwas wie eine Seele haben.
Und ich bin so scharf auf Seele!
Jedoch für Stimmung und Poesie
Wäre die einfachste Lösung ja die:
Man könnte einen Landpastor bekommen.
Aber die Leute sagen, es wird so schwer gehen,
Und ich muß ja selbst gestehen:
Durch meinen vergangenen Juristen
Habe ich so wenig Umgang mit Christen.
Und wenn man bedenkt, wie selten sich so ein Landpastor
Ins Romanische Café verirrt,
Muß man zugeben, daß es einigermaßen schwer sein
wird!
Aus: Lili Grün - Mädchenhimmel! Gedichte und Geschichten, gesammelt, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Anke Heimberg, AvivA Verlag, Berlin, 2014
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.