
Klage des Hirten
Nichts klagt so endlos in die himmelblauen
Schlaftrunknen Abendtäler wie die selten
Erhörten Hirtenlieder, die von Welten
Hallen fern aller Heimat und Vertrauen.
Sie flößen bunten Wahnsinn, irres Grauen
Schwermütig in das Herz; die halb erhellten
Gründe blühn purpurn, da sie wund vergellten
Färbend mit Blut und Einsamkeit die Auen.
Ihr Abend Rufendes im Ton der stirbt
Rieselnd von Stern zu Sternen ins Vergeßne
Abklingend wie das Licht fieberhaft rot
Haucht Ahnungen verschollnen Glücks, das wirbt
Verwunschen singt und winkt ins Unermeßne -
Wir folgen traumwandelnd, sonderbar tot.
S(alomo). Friedlaender, aus: Die Aktion, Nr. 24, 31. Juli 1911
Salomo Friedlaender, geboren am 4. Mai 1871 in Gollantsch bei Posen; gestorben am 9. September 1946 in Paris.
Unter dem Pseudonym Mynona (Anonym rückwärts gelesen) debütierte Friedlaender in expressionistischen Zeitschriften, wie Der Sturm, Die Aktion, der Jugend oder den Weißen Blättern. 1919 gründete er zusammen mit dem jüngeren Bruder seines Essener Schwagers Salomon Samuel, Ernst Samuel, der sich als Autor und Publizist Anselm Ruest nannte, ebenfalls in Berlin den Stirner-Bund und die nach Stirners Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum benannte Zeitschrift Der Einzige.
Die Texte Friedlaenders kombinieren expressionistische und dadaistische Elemente mit den Formen der Groteske und Parodie, wodurch er der literarischen Avantgarde neue Impulse verlieh. Viele seiner Texte beinhalten überdies scharfzüngige Gesellschaftskritik. Er selbst sah sich als eine Synthese von Immanuel Kant und Charlie Chaplin.
Wenige Wochen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte Friedlaender nach Paris. Dort starb er verarmt im Alter von 75 Jahren am 9. September 1946.
Das Bild ist von Adolphe Valette (1876 - 1942)
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In alte Schläuche taugt kein neuer Wein,
Der Dichter dichte, wie zum Beispiel Whitman;
Die Seele immer neu schafft ihre Rhythmen,
wer heut´ Sonette macht, ist nur ein Schwein.
Daher hüt` ich mich davor, allein
Ich bin darob beruhigt, denn ich glitt, wenn
Ich´s auch wollte, nicht diesen Ritt, denn
Grad zur Sonettform sag´ ich immer: nein!
Ich hoppse, wie die Muskeln mir´s diktieren,
will nicht in fremde Form gezwungen sein
und fühle mich ganz frei in meiner - meiner!
Pfui Teufel, sollt´ ich je Sonette schmieren:
Ich will ich selbst in meinen Lungen sein
Und niemals atmen in Petrarkas seiner.
Dieses Sonett von Mynona (Salomon Friedländer) dürfte wohl die Blaupause zu der etwas deftiger formulierten Sonettkritik von Robert Gernhardt sein:
Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs
Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut
hat, heute noch so'n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut
darüber, daß so'n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.
Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.
Robert Gernhardt (1937 - 2006)
Nur ließ Mynona seinem Missgefallen am Sonett noch 99 weitere Sonette folgen, wie zum Beispiel dieses hier:
Susanne wandert nach dem Badezeltchen,
Die Glieder eingehüllt in seidnen Rips,
Ein Herr (Zylinder, Lack, Monokel, Schlips)
Folgt ihr verstohlen in das Tannenwäldchen.
„Zu mager“, urteilt er. Doch durch ein Spältchen
Schielt lüstern er, ein ganz infamer Fips,
Erblickt (statt des vermeintlichen Geripps)
In Wahrheit das graziöseste Gestältchen.
Anmutig hebt sie eine Wasserkanne,
Besprudelt ihren fabelhaften Wuchs.
Er, selbstvergessen, ungeheuer hastig
(So geht es dem überreizten Manne)
Tritt fehl, versinkt fast ohne jeden Murr
In einem Sumpf (die Gegend war morastig).
Aus: Hundert Bonbons, Sonette von Mynona, München bei Georg Müller, 1918; angemerkt sei noch, dass ich persönlich Sonette sehr schätze.
Salomon Friedländer, geboren am 4.5.1871 in Gollantsch/Posen; gestorben am 9.9.1946 in Paris. Der Sohn einer jüdischen Arztfamilie verbrachte seine Jugend in Posen und Berlin. In München studierte er ab 1894 Medizin, in Berlin Zahnmedizin und ab 1896 Philosophie (Promotion 1902 in Jena). 1906 siedelte er nach Berlin über und schrieb nun unter dem Namen Mynona (Anagramm von »anonym«) auch Gedichte und Grotesken; seine philosophischen Schriften erschienen unter dem Namen Friedlaender. 1933 emigrierte er nach Paris.
Das Foto ist aus dem Nachlass, Salomo Friedlaender Collection, Leo Baeck Institute, New York