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Montag, 23. Juni 2025

René Schickele: Gedichte im Garten

 



Gedichte im Garten


Die Arche

Ich wandere
Am schwarzen Wald entlang
Nachhaus.
Aus einem einzigen Stern am Himmel
Bläst der Wind
Immer den gleichen Funken,
Als fürchte er die Nacht im Wald
Und hüte für das Tal, das sie bedroht,
Dies Lichtlein in der Not.

Plötzlich gießt der Mond
Sein Füllhorn aus!
Der Hügel blüht als Weißdornhecke
An einem See,
Darinnen Dorf und Tal versunken.
Mein weißes Haus, die Arche,
Schwimmt darauf
In atemvoller Stille.
Nicht einmal die Hunde rühren sich,
Da ich den Hof betrete,
Im Traum nur hören sie mich kommen.
Süß beklommen
Öffne ich die Tür und trete
In ein Geheimnis ein . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Im dunklen Zimmer,
Im dunklen Bett,
Die Augen geschlossen,
Im dreifachen Sarg,
Sehe ich den Weißdornhügel,
Von seinem Licht umflossen,
Und, wie es sich von ihm löst,
Mein Haus, meine Arche,
Auf dem breiten Tale schwimmend,
Das wiederum ein See ist
Wie vor tausenden von Jahren.


Weiße Herbstastern

Kleine Nebel, nachtentbunden,
Schwebtet ihr frühmorgens aus dem Tal?
Von der Erde überwunden,
Blühn sie wie ein Stern, doch tausendmal!

Von der Erde angezogen,
Spiegeln Himmel sie am lichten Tag,
Sind dem Tage schon entflogen,
Wo an Nacht kein Herz noch denken mag.

Bebend, wenn der Abendstern aufreitet,
Steigen, schwärmen sie zuhauf,
Und, indes die Nacht sich vorbereitet,
Nehmen sie der Erde Lauf:

Blenden fast, bevor sie blassen,
Weil der Sterne Donnerlicht erscheint,
Weil des Todes Schauer sie umfassen,
Der sie doch dem höhern Bild vereint.


Schicksal

Ich liebe dich -
Das ist wie die Blume,
Die jedes Jahr wiederkommt,
In Treue beflissen,
Sobald der Specht, klopfend,
Sie an ihr Versprechen gemahnt.

Ich liebe dich -
Das ist wie die Blume,
Die vergeht, wenn der Wind,
Ein Bote der Sterne,
Die Vögel, ihre Spielgefährten,
Auf einmal entführt.

René Schickele, aus: Klingsor, Siebenbürgische Zeitschrift, Erstes Jahr April bis Dezember 1924, Klingsor Verlag Kronstadt

René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht am 31. 1. 1940 an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.

Das Bild ist von Else Berg, einer niederländischen Malerin, geboren am 19. Februar 1877, die am 19. November 1942 im KZ Auschwitz Birkenau ermordet wurde.

Dienstag, 17. Juni 2025

René Schickele: Primavera

 



Primavera

Die Politik des Herzens, sagt, wie nenn ich sie?
Den Geist. Verwirklichung des Herzens? Utopie.

*
Ihr meint, da sei ich weit entfernt von diesen Zeiten?
Seht, wie die Herrn von gestern Arme breiten
Und möchten in die bessre Welt eingehn,
Ein Wind aus Rosenhagen ihrer Narben,
Um reich an Demut wehrlos zu bestehn,
Die elend sie in ihrer Rüstung starben.

René Schickele, aus: Die weißen Blätter, der Novemberausgabe 1918 vorangestellt.

Die weißen Blätter waren eine Monatsschrift, die in ihrem Erscheinungszeitraum von 1913 bis 1920 zu einer der wichtigsten Zeitschriften des literarischen Expressionismus wurde.

1915 übernahm René Schickele die Herausgabe. Von 1916 bis 1917 gab der Verlag Rascher in Zürich die Zeitschrift heraus, 1918 der Verlag der weißen Blätter in Bern, von 1919 bis 1920 publizierte Paul Cassirer die Zeitschrift in Berlin.

René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht am 31. 1. 1940 an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.

Das Foto zeigt den Autor auf der Rheinbrücke in Neuenburg /Literaturmuseum Badenweiler 

Mittwoch, 31. Januar 2024

René Schickele: Ich wandere. . .

 


Ich wandere
Am schwarzen Wald entlang
Nach Haus.
Aus einem einzigen Stern am Himmel
Bläst der Wind
Immer den gleichen Funken,
Als fürchte er die Nacht im Wald
Und hüte für das Tal, das sie bedroht,
Dies Lichtlein in der Not.

Plötzlich gießt der Mond
Sein Füllhorn aus!
Der Hügel blüht als Weißdornhecke
An einem See,
Darinnen Dorf und Tal versunken.
Mein weißes Haus, die Arche,
Schwimmt darauf
In atemvoller Stille.
Nicht einmal die Hunde rühren sich,
Da ich den Hof betrete,
Im Traum nur hören sie mich kommen.
Süß beklommen,
Öffne ich die Tür und trete
In ein Geheimnis ein.

Im dunkeln Zimmer,
Im dunkeln Bett,
Die Augen geschlossen,
Im dreifachen Sarg,
Sehe ich den Weißdornhügel,
Von seinem Licht umflossen,
Und, wie es sich von ihm löst,
Mein Haus, die Arche,
Auf dem breiten Tale schwimmend,
Das wiederum ein See ist
Wie vor Tausenden von Jahren.

René Schickele, aus: Himmlische Landschaft, Fischer Berlin, 1933

René Schickele, geboren am 4. August 1883 in Oberehnheim im Elsass; gestorben am 31. Januar 1940 in Vence, Alpes-Maritimes, deutsch-französischer Schriftsteller, Essayist, Übersetzer und Pazifist. Gegen den preußisch-deutschen Militarismus warb Schickele für Völkerverständigung und Sozialismus als Herausgeber der Weißen Blätter. Das nötigte ihn 1915 zur Flucht ins Schweizer Exil.

Montag, 23. Oktober 2023

René Schickele: Losspruch

 



Losspruch

Dein Gang nimmt Zorn und Weh von mir,
und wie sich deine Hüften wiegen,
fühl ich die Erde mit uns fliegen
durch Himmelsbläue für und für.

O schöne Fahrt, so leicht, wie Wind,
vor dem die Fernen sich entfalten!
Wir wollen uns für Götter halten,
die auf der Hochzeitsreise sind.

René Schickele, aus: Die weißen Blätter, 2 1913 2

Die weißen Blätter waren eine Monatsschrift, die in ihrem Erscheinungszeitraum von 1913 bis 1920 zu einer der wichtigsten Zeitschriften des literarischen Expressionismus wurde.

1915 übernahm René Schickele die Herausgabe. Von 1916 bis 1917 gab der Verlag Rascher in Zürich die Zeitschrift heraus, 1918 der Verlag der weißen Blätter in Bern, von 1919 bis 1920 publizierte Paul Cassirer die Zeitschrift in Berlin.

René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht am 31. 1. 1940 an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.

Das Bild ist von Otto Mueller (1874 - 1930)

Samstag, 12. August 2023

René Schickele: Auf der Landstraße

 



Auf der Landstraße

„Es winkt ein großer grüner Stern,
neigend huldigen die andern:
Mein Herz, du hast das Schicksal gern,
mein stolzes Herz, sollst wandern.“

Die Teiche nahmen alle Himmelsbrände
in ihre blauen Schalenhände,
ein Vogel schlug in einem Baum -
Da - hatte ich am Herzen der Erde einen Abgrundtraum!
Ich sah der Sehnsucht taumelndes Gesicht - - -
Ich stand - in mich sank feierliches Licht
und überwuchs sich, atmend, Schicht um Schicht. . .
Ich stand und blühte:
                                  Nacht:
                                             Nacht und Gedicht. . .

René Schickele, aus: Mon Repos, Verlag von Hermann Seemann Nachfolger GmbH, Berlin und Leipzig, 1905

René Schickele (* 4. August 1883 in Oberehnheim im Elsass; † 31. Januar 1940 in Vence, Alpes-Maritimes) war ein deutsch-französischer Schriftsteller, Essayist, Übersetzer und Pazifist. Gegen den preußisch-deutschen Militarismus warb Schickele für Völkerverständigung und Sozialismus als Herausgeber der Weißen Blätter. Das nötigte ihn 1915 zur Flucht ins Schweizer Exil.

Die Illustration ist von Ernst Rudolf Weiß (1875 - 1942), Maler, Grafiker und Typograph.

Montag, 6. Februar 2023

René Schickele: Abschwur

 


Abschwur

Ich schwöre ab:
jegliche Gewalt,
jedweden Zwang,
und selbst den Zwang,
zu andern gut zu sein.
ich weiß:
ich zwänge nur den Zwang.
Ich weiß:
das Schwert ist stärker
als das Herz,
der Schlag dringt tiefer
als die Hand,
Gewalt regiert,
was gut begann,
zum Bösen.
Wie ich die Welt will
muß ich selber erst
und ganz und ohne Schwere werden.
Ich muß ein Lichtstrahl werden,
ein klares Wasser
und die reinste Hand
zu Gruß und Hilfe dargeboten.
Stern am Abend prüft den Tag,
Nacht wiegt mütterlich den Tag.
Stern am Morgen dankt der Nacht.
Tag strahlt.
Tag um Tag
sucht Strahl um Strahl.
Strahl an Strahl
wird Licht,
ein helles Wasser strebt zum andern,
weithin verzweigte Hände
schaffen still den Bund.

Rene Schickele, aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Rowohlt, Berlin 1920

René Schickele (* 4. August 1883 in Oberehnheim im Elsass; † 31. Januar 1940 in Vence, Alpes-Maritimes) war ein deutsch-französischer Schriftsteller, Essayist, Übersetzer und Pazifist. Gegen den preußisch-deutschen Militarismus warb Schickele für Völkerverständigung und Sozialismus als Herausgeber der Weißen Blätter. Das nötigte ihn 1915 zur Flucht ins Schweizer Exil. Sein bekanntestes Gedicht ist das oben.

Das Bild ist Hans Baluschek (1870 - 1935), aus seiner Mappe "Der Krieg" von 1914 - 1916

Mittwoch, 26. Januar 2022

René Schickele: Phoenix

 


René Schickele, aus: Die Aktion  -  Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst; Sondernummer „Lyrische Anthologie“, 1913

Das Bild „Phoenix coniugalis“ ist von Paul Klee (1879  -  1940)


Samstag, 22. Januar 2022

René Schickele: Erinnerung

 


René Schickele (1883  -  1940), aus: Die Aktion Nr. 42, 4. Dezember 1911

René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht am 31. 1. 1940 an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.

Das Bild ist von Charles Amable (1860  -  1926)

 

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Ernst Stadler: An die Schönheit / Hier ist Einkehr, René Schickele über den Dichter



An die Schönheit

So sind wir deinen Wundern nachgegangen
wie Kinder· die vom Sonnenleuchten trunken·
ein Lächeln um den Mund· voll süßem Bangen

und ganz im Strudel goldnen Lichts versunken·
aus dämmergrauen Abendtoren liefen.
Fern ist im Rauch die große Stadt ertrunken·

kühl schauernd steigt die Nacht aus braunen Tiefen.
Nun legen zitternd sie die heißen Wangen
an feuchte Blätter· die von Dunkel triefen·

und ihre Hände tasten voll Verlangen
auf zu dem letzten Sommertagsgefunkel·
das hinter roten Wäldern hingegangen – –

ihr leises Weinen schwimmt und stirbt im Dunkel.

1904

Aufbruch: Hier ist Einkehr

Hier ist Einkehr. Hier ist Stille, den Tagen und Nächten
zu lauschen, die aufstehen und versinken.
Hier beginnen die Hügel. Hier hebt sich,
tiefer landwärts, Gebirge, Kiefernwälder
und durchrauschte Täler.
Hier gießt sich Wiesengrund ins Freie.
Bäche spiegeln gesänftigt reine Wolken.
Hier ist Ebene, breitschultrig, heftig blühend,
Äcker, streifenweis geordnet,
Braunschollig, grün, goldgelb von Korn,
das in der Julisonne reift.
Tag kommt mit aufgefrischtem Himmel,
blitzend in den Halmen;
Morgen mit den harten, kühlen Farben,
Die betäubt in einen brennendgelben Mittag sinken –
grenzenlose Julisonne über allen Feldern,
In alle Krumen sickernd, schwer ins Mark versenkt,
bewegungslos,
In langen Stunden weilend, nur von Schatten überwölbt,
die langsam weiter laufen,
Sich strecken und entzündet in das violette Farbenspiel
des Abends wachsen,
Das nicht mehr enden will.
Schon ist es Nacht, doch trägt die Luft
Mit Dämmerung vollgesogen
noch den lichten Schein,
Der tiefer blühend auf der Schwingung
der gewellten Hügelränder läuft –
Schon reicht unmerklich Frühe an die Nacht
der weißen Sterne.
Bald weht aus Büschen wieder
aufgewirbelt junges Licht.

Und viele Tag und Nächte werden in der Bläue
auf- und niedersteigen,
Eintönig, tief gesättigt,
wunschlos in der großen Sommerseligkeit –
Sie tragen auf den schweren
sonngebräunten Schultern Sänftigung und Glück.

Der Lyriker Ernst Stadler, geboren am 11. August 1883 in Colmar, Elsass; starb am  30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien („Flandernschlacht“). Leider wurde er, bevor er eine Gastprofessur in Toronto annehmen konnte zum Militärdienst eingezogen.

"Ist Ernst Stadler Deutscher oder ist er ein Franzose, der das Deutsch als Kultursprache schreibt, etwa wie die Belgier französisch schreiben? Seine "Präludien" sind Ausklänge, zufällig. Ein schöner und zarter Traum, den ein ursprünglicher Charakter nachträumt, um das Nachher besorgt und von neuen Geistern längst besessen. Es ist weder Verlaine, noch Régnier. Herr Stadler hat sich in ihre Landschaften verirrt und baut ihre Gärten nach eigenem Empfinden um. Es ist ein Kunststück, er beweist, daß er zu dichten versteht, auch in dieser Gegend, die ihm übrigens sehr sympathisch erscheint; in diesen flüchtigen Gebilden, vor Sonnenaufgang, schwankt ein dunkler Kern, ein ganz eigener, überlegen. Stadlers Gedichte bezeugen eine wirkliche Originalität durch scheinbares, liebevolles Eingehen auf fremde Techniken, auf Empfindungsarten anderer. Ein ahnungsweises Eingehen. Dabei finden sich keine zehn Zeilen, die rein anempfunden wären, wiewohl sie die Originalität verschleiern und manchmal auszulöschen drohen. Der dunkle Kern in der Orgie matter Farben, zärtlicher Musik, das Eigene läßt sich schwer bestimmen, nur daß es lebt, läßt sich fühlen. Kinderaugen blicken in perverse Pracht und gefahrvolle Landschaften und zucken nicht. Fromme Hände flackern unzüchtig. Nicht, als ob die Originalität lediglich ideeller Art wäre, auch die Form verwahrt ein Heiliges, Eigenes. Eine Form, die nur scheinbar den Marmor sucht; sie verflüchtigt sich vielmehr wie Wind und Welle. Wenn es vorüber ist, bleibt ein schmiegender Duft, fallen immer wieder zwei, drei Töne in Moll. In Moll, ewig in Moll: das scheint Stadlers Naturell. Kontraste und Dissonanzen fehlen. Ich glaube nicht daran, meine vielmehr, daß dies eine Wirkung der Dichtart ist, in der er sich ergeht. Wie er sie empfand, weich, verträumt, giebt er sich wieder. Unfreiheit, Schüchternheit bannten ihn in die Farben und Klänge der Dämmerungen; mir scheint, es gilt allein, das Klima zu wechseln. Man muß eben weit gehen, um seine Heimat zu finden, um den Ort, wo man zutiefst wurzelt, zu begreifen, denn man hat sich zu früh verirrt"

René Schickele aus: Das litterarische Echo. Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde.
Jg. 7, 1904/05, Heft 16, 15. Mai 1905,

Das Bild "Kleine Hütten im Wald" ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.

Montag, 6. Februar 2017

René Schickele: Wenn es Abend wird



Wenn es Abend wird

Die Engel der Liebkosung steigen nieder,
von weitem kommen deine Hände wieder,
und deine Augen sind so mild, so weit,
daß alle Dinge drin verklärt gen Himmel fahren.

Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine Worte sangen,
im Kleinsten, das einmal deinen Atem gespürt, lebt brünstiges Verlangen,
wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll Dunkel waren.

Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten,
daß ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel warten.
Die Bäume werden atemlos und stehn beklommen,
die Bäche horchen auf, ein tiefer Traum belauscht dein Kommen,
am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht,
Wunderbare Trunkenheit!

René Schickele

René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht am 31. 1. 1940 an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.

 

Dienstag, 31. Januar 2017

René Schickele: Mondaufgang / Kinderglaube



                      Mondaufgang

Verschüttet Herz, du Mond noch nicht im Klaren,
brich durch, das letzte Licht erlosch im Abendwind ...
Bald werden alle meine Gedanken, die Verdammte waren,
strahlen, weil sie schwebend und einsam sind.

Nie mehr vor fremden Seelen betteln gehn!
Nie mehr um die Erfüllung werben!
Nicht mehr mit jeder Sehnsucht sterben
und falschen Herzens auferstehn.

Gefäß der Zuversicht, du Mond im Klaren ...
Die Welt verlor den Glanz im Abendwind.
Es kam die Nacht. Nun strahlen, die erblasste Sklaven waren,
die Gedanken, weil sie über Meer und Erde mächtig sind.

Kinderglaube

Ein Engel, hieß es, als wir Kinder waren,
ist unterwegs, der sammelt jeden Schmerz,
den bösen, ungerechten, unduldbaren,
und fliegt hinauf und rührt an Gottes Herz.

Und zu Musik wird einer Schande Name,
es trägt als Duft ihn jeder Wind,
und Traumgespiele, helle, wundersame,
gesellen sich dem Schmerzenskind.

Das plötzlich strahlt. Es sieht: die Himmel rüsten,
dem Qualverstummten Gottes Arm zu leihn…
Ach, wär es wahr, sagt, wieviel Engel müßten
da heute wohl auf allen Wegen sein!

René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht am 31. 1. 1940 an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.


Donnerstag, 18. Dezember 2014

René Schickele - Ode an die Engel



     Ode an die Engel

Ihr wart das erste, was ich sah
von der großen Welt!
Kunde von den breiten Strömen,
von den tiefen Wäldern
und der Ebene dazwischen,
die mit ihrer Seelenglut,
was war und ist, erhellt.
Dort brannte lichterloh die Liebe
aller Menschen,
die je geliebt,
heller als die Sonne,
länger als Erde und Sterne,
in Ewigkeit.
Dort wart ihr zu Hause, von dort
kamt ihr zu uns.
Eure Hand kannte jede Stelle,
wo ein Herz schlug.
Eure Flügel deckten jedes Leiden.
Eure Stirn leuchtete
von den vielen Geheimnissen der Lebenden,
die ihr geduldig wusstet,
und von der Seligkeit der Toten.
Eine leise Trauer in Euern Augen
machte Euch besonders schön:
das Wissen um die Verdammten.
Ich hab Euch gesehn,
leibhaftig gesehn!
Ihr knietet neben mir im Gebet,
Ihr standet im Zimmer,
wenn ich nachts erwachte.
Ich schickte Euch meine Freunde beschützen.
Ihr setztet Euch mit übergeschlagenen Beinen,
unendlich ernst, wie eine ältere Schwester,
auf mein Bett und teiltet
meine ersten Liebesnöte.
Wie eine ältere Schwester, ja, aber
Ihr wart zugleich nicht älter als ich
und meine kleinen Freundinnen,
Ihr trugt offenes Haar
und einen kurzen Rock
und gabt mir Eure weichen Hände
zum Kosten: «Soviel du willst!»
Ich legte sie unter mich, an mein Herz,
wie schlief ich ein!
Später wart Ihr überall,
wo Taten vollbracht wurden.
Gewalttaten aller Art,
Taten, die zum Himmel brannten.
Ihr zeigtet Euch einem, prächtig gekleidet
in seinen Entsagungen, die andre nicht kannten.
Ihr wart furchtbar und wart zart.
Ihr wart, wo Menschen die wilden Funken
aus der Erde zogen,
wo Samen über die Furchen flogen,
wo die Schalen von Früchten platzten,
bei schwellenden Traubenstöcken,
an reifen Feldern, die rot und schwer
unter einem nassen Himmel
wie Sauerteig aufgingen —
und in allen Frauenröcken.
Von stählernem Glanz umwittert
taucht Ihr aus den Staubwolken
hinter den Automobilen auf,
man hört Euern Gesang,
der wie hohe Harfentöne
im Luftzug zittert.
Ihr lächelt den Fliegern zu,
die sich neben Euch erheben,
Ihr seid da, wenn sie wiederkommen,
und Euer Mund ist irdisch rot
vor ihnen, die sich das Licht und den Schrecken
der Himmel mit beiden Händen
aus dem Antlitz streichen,
irdisch rot Euer Mund und halbgeöffnet,
und Eure Hüften sind gebogen,
damit sie, noch an ihrem Sitze festgebunden,
gleich aufatmend froh
die Früchte der Erde erkennen.
Ihr seid der Schwung hinauf und hinüber,
seid alles, was stärker ist als der Tod.


René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Hanns Holzschuher - Nachtlied



                                                   Nachtlied

Ach du, die nun ein Kindlein wiegt,
Singe dein heimliches Lied, das kleine,
Das dir so tief im Herzen liegt. –
Wiege dein Kindlein, singe und weine.

Ach du, so singe doch, weint auch dein Kind,
Deine Träume gehen ja doch in die Ferne, –
Leise rauscht um das Haus der Wind,
Du aber suchst nur die sieben Sterne.
Die haben einmal eine Nacht gesehn,
Zwei Menschen, und hörten das heimliche Lied,
Singe, dann wird dir dein Schmerz vergehn,
Singe, nur singe, daß Gott behüt –
Dein Kindlein, ach, und ist es nicht,
Ei, singe das Lied, so wird es wohl dein.
Schau in die Ferne, das Morgenrot bricht
Wieder in jungen Tag hinein.

Singe dein Lied, das kleine Lied,
Deinem Kindlein sing es so heimlch und leis –
Das Lied, das in seligster Nacht erblüht,
Und nur noch von deinen Thränen weiß! 
 
René Schickele 1905 über Hanns Holzschuher (1874  - 1912):.

Hanns Holzschuher in München hat einen Band Verse herausgebracht, der sich den jüngsten Versbüchern nicht recht angliedern läßt. Er hat keine Fühlung mit der jungen lyrischen Garde, weil seine Gemächlichkeit, sein Gemüt ihn abseits drängen. Holzschuher ist ein bürgerlicher Outsider. So etwas wie ein Ringen um die Form kennt er kaum. Es fließt ihm aus dem Herzen, man muß in biedern, herzlichen Worten von seiner Lyrik sprechen. Welch ein kluger und schlichter Biedermeier! oder auch nicht. Das Biedermeiertum ist für den Modernen eine wehmütige Reminiscenz. Die Biedermeierzeit bietet uns wohl ähnliche Sensationen, wie sie die galante Zeit dem Gallier schenkt. Die graziöseste Zeit germanischer Vergangenheit scheint ein ewig deutscher Traum geworden zu sein. Diese steife Grazie und ein wenig holprige Eleganz ist so deutsch, und die Haltung erlaubt etwas Selbstironie; sie muß dem modernen Germanen ein Kulturtraum bleiben, weil sie nördliches Temperament offenbart, in einem ursprünglich welschen Milieu die sinvollen Gartenbeete schuf und die zierlichen Sträuße, und weil der verliebte Studente da zum lieben Typus auswuchs, wie er seitdem nimmer gesehen ward. Die Atmosphäre ist wohltemperiert, sie schützt, schmeichelt dem Kraftgenie Zierlichkeit an, die Gesichter sind voll und rund – ein sehr sympathisches Deutschtum, wirklich. Hanns Holzschuher ist im verträumten Genre Biedermeiertums (wie Eichler, der Jugendzeichner) und in der heutigen Lyrik ein [1Klassiker. Fernab vom Spiel der Masken lebt ein tiefer Mensch mit einer leicht und schwebend klingenden Herzensweise. Er giebt den Abglanz der Zeit, wie er auf den Beeten seines Gärtchens ruht, versöhnliche Menschlichkeit und blühende Melancholie. Wenn ich nun glaube, daß diese Gedichte doch nur auf dem Boden einer lyrischen Kultur erstehen konnten, so wird ein Gedicht das erklären. Es heißt "Nachtlied" und ist nicht das beste. 

Diese Lyrik giebt mehr als ein Genre. Der Ton, der bleibt, klingt höher als das Lied; eine Schönheit wird lebendig und wirkt nach.



Freitag, 5. Dezember 2014

René Schickele - Hymne





                         Hymne

In ihren Umarmungen blühte die Erde,
ihr Herzschlag in diesen Nächten rührte die Welt.
Der Morgen hob mit sorgsamer Gebärde
den Vorhang von dem Himmelszelt,
worin unsre Herzen schliefen.

Ihre Augen im Tau der Frühe waren diamantne Schächte.

Wir horchten, wie in unserm Blut die Stunden liefen,
Hand in Hand, und durch den Abend dann, von Gluten triefend
in die grenzenlosen Ebenen der Nächte.

Sie stürzten umschlungen, als auf einmal Nachtigallen riefen.

Auf der Sanftmut ihrer Haare senkten Dämmerungen sich hernieder,
schimmernde, bestirnte Himmel waren ihre Glieder,
zwanzig Nachtigallen litten Lust in ihrer Kehle.

Unter der Berührung ihrer Hände bebte die verschlungne Seele.

Aus ihren Haaren stieg der große Mond.

René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.